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Ich bitte um Gnade für Todgeweihte

Von Peter Haisenko 

Die Statistik liefert mal wieder Zahlen, die nachdenklich machen sollten. Für den durchschnittlichen Deutschen entfallen 90 Prozent seiner Krankheitskosten auf das letzte Lebensjahr. Das heißt aber auch, dass diese Patienten diese teuren Behandlungen nicht länger als ein Jahr überleben. Welche Konsequenzen müssen aus dieser Erkenntnis gezogen werden?

Die Kosten für unser Gesundheitssystem gehen gerade durch die Decke. Reihenweise erhöhen die Krankenversicherungen ihre Tarife. Angesichts allgemein steigender Kosten für Krankenhäuser und Medikamente kann man da schwer Einspruch erheben. Aber muss das so sein? Teure Apparate-Medizin kann Leben retten und erhalten. Für diese Fortschritte sind wir dankbar. Dennoch muss die Frage gestattet sein, ob die Anwendung all dieser wunderbaren Behandlungsmöglichkeiten in jedem Falle sinnvoll ist und in Grenzfällen noch humanistischen Prinzipien gerecht wird. So beginne ich mit der Kardinalfrage: Ist es sinnvoll, einen todkranken, bereits todgeweihten Körper an Apparate anzuschließen, die ihn ohne Bewusstsein warm halten, wenn der Patient mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals wieder in der Lage sein wird, das Krankenhaus aus eigener Kraft zu verlassen?

Das Wissen um Krankheits- und Sterbeverläufe ist mittlerweile weit fortgeschritten. Die verantwortlichen Ärzte können gut abschätzen, ob sie einem Patient eine Behandlung geben können, die es ihm ermöglichen wird, nach der Therapie wieder ein eigenständiges Leben zu führen. Ich spreche hier nicht von Unfallopfern, sondern von Menschen, die aufgrund ihres Alters und der allgemeinen körperlichen Verfassung schon todgeweiht sind. Von Patienten, deren Tod mit enormem Aufwand um weniger als ein Jahr verzögert wird. Und das zu oft in einem Zustand, der mit Würde und Selbstbestimmung nichts mehr zu tun hat. Wo der Patient nicht in der Lage ist, seinen Willen überhaupt noch kenntlich zu machen. Und nein, das ist keine theoretische Betrachtung.

Der Patient selbst sollte bei seiner Einlieferung eine Erklärung abgeben

Ich selbst kenne einige Fälle, wo Menschen krampfhaft am „Leben“ erhalten worden sind, obwohl sie in einer Patientenverfügung eine solche Behandlung abgelehnt hatten. Das Problem war, dass die Person, die verantwortlich für die Verfügung war, sich nicht getraut hatte, dem Willen des Siechen zu entsprechen und die Maschinen abschalten zu lassen. Ja, ich gebe zu, dass das eine schwere Entscheidung ist. Diese schwierige Aufgabe könnte aber erleichtert werden, wenn man im System etwas Grundlegendes verändert. Es müsste so sein, dass ein Patient vorab eine Erklärung abgeben sollte – wenn er eingeliefert wird und ansprechbar ist – in welchem Ausmaß er intensivmedizinische Behandlung wünscht. Natürlich muss ihm das Recht bleiben, seinen Willen während der gesamten Behandlung jederzeit zu ändern. Ich denke, ein solches Verfahren würde auch das Gewissen der Ärzte entlasten.

Jede Geburt zieht einen Tod unweigerlich nach sich. Aber in unseren Zeiten ist der Tod aus unserem Leben verbannt worden. Zum überwiegenden Teil findet er einsam in Krankenhäusern und Pflegeheimen statt. Das aber nimmt den Menschen die Gelegenheit, den Vorgang des Sterbens wahrzunehmen, zu beobachten, zu sehen, wie sich die Züge im Moment des Todes geradezu glücklich entspannen können und dass der natürliche Tod eben etwas ganz Normales ist, das nun mal zum Leben gehört. Weil es aber nur noch die Ausnahme ist, einen natürlichen Tod zu begleiten, zu erleben, ist unser Verhältnis zum Tod degeneriert. Er wird zumeist als etwas Schreckliches verkannt, das mit allen Mitteln verzögert werden muss. Und wenn es sich nur um wenige Wochen handelt. Ich selbst betrachte den Tod als den spannendsten Moment des Lebens, denn nur dann kann man erfahren, ob es ein Leben, irgendeine Form von Bewusstsein nach dem Tod gibt. Wenn dem nicht so ist, ist es sowieso gleichgültig, denn dann würde jegliches Bewusstsein einfach erlöschen.

Mindestens die Hälfte der Kosten für das Gesundheitssystem könnten eingespart werden

Doch wenden wir uns jetzt der finanziellen Seite zu. Nochmals: 90 Prozent der Krankheitskosten verursacht der durchschnittliche Deutsche während seines letzten Lebensjahres. Die einzig zulässige Folgerung lautet: Diese Patienten überleben diese teuren Behandlungen nicht länger als ein Jahr. Das heißt aber auch, dass man – brutal gesagt – 90 Prozent der gesamten Kosten für das Gesundheitssystem einsparen könnte, wenn man diese teure und oftmals gar nicht gewünschte „Lebensverlängerung“ um wenige Monate oder nur Wochen schlicht einstellte und durch eine wenig aufwändige Palliativ-Behandlung ersetzte. Wenn man also sowieso Todgeweihten einfach die letzten Wochen ihres Lebens durch Gabe von Schmerzmitteln wie Morphium einigermaßen erträglich macht. Und ja, auch da kann ich aus Erfahrung sprechen, denn das Ableben meiner Mutter wurde so gestaltet und so weiß ich, dass zumindest sie in Würde und schmerzfrei ihr Leben beenden durfte.

Natürlich stimmt die oben angemerkte Rechnung so nicht. Auf keinen Fall wird man alle diese teuren Behandlungen ganz einstellen können oder wollen. Zum Beispiel, wenn sie gewünscht werden, weil die Angst vor dem Tod derart groß ist. Allerdings wage ich hier anzumerken, dass sich niemand vor dem Tod fürchten muss, der versucht hat, sein Leben so anständig zu führen, wie es ihm eben möglich war. Aber so oder so, mit einem vernünftigen, einem humanistischen Umgang mit Sterbenskranken wären mindestens 50 Prozent der gesamten Krankenkosten schlicht überflüssig und es würde vielen Betroffenen, dem Patient selbst und Angehörigen, viel Leid ersparen, zumindest verkürzen.

Auf der anderen Seite übersehe ich nicht, dass wir viele Erkenntnisse über intensivmedizinische Verfahren den Erfahrungen verdanken, die mit diesen Todgeweihten gemacht worden sind. Wiederum brutal gesagt ist es doch so, dass an Menschen experimentiert werden kann, die so oder so in Kürze versterben werden. Da läuft man wenig Gefahr, wegen eines „Kunstfehlers“ zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Frage für mich ist aber, ob es ethisch vertretbar ist, mit diesem Ziel derart viele Menschen während ihres letzten Lebensjahres zu quälen und für das gesamte System dadurch 90 Prozent der Kosten zu produzieren. Und damit nochmals zurück zur finanziellen Betrachtung.

Die Welt ist an einem Scheidepunkt angekommen

Angenommen, man reduzierte die Behandlungen der Todgeweihten um mehr als die Hälfte, könnten sämtliche Beiträge zu den Krankenkassen halbiert werden. Das würde bedeuten, dass auf einmal jeder Arbeitnehmer etwa fünf Prozent mehr seines Lohns für sich behalten könnte. Ebenso würden die Lohnnebenkosten der Arbeitgeber um denselben Beitrag entlastet. Natürlich würden so auch die Einnahmen auf der Intensivseite nur noch zur Hälfte realisierbar sein. Das aber darf kein Kriterium sein für die Beurteilung, wie mit Todkranken zu verfahren ist. Die Realität dürfte aber sein, dass sich genau diese zugehörigen Lobbygruppen einem humanen Umgang mit Todgeweihten entgegenstemmen werden. Aber nochmals: Das darf kein Kriterium sein. Ein Kriterium sollte aber sein, dass die Intensivstationen maximal entlastet würden und der Mangel an Pflegekräften mit einem Schlag drastisch zurückgehen könnte.

Die Entwicklung unserer Gesellschaft ist in vieler Hinsicht gedankenlos vorangeschritten. Die Faszination des Machbaren dominiert die Entwicklung, ohne sich damit auseinander zu setzen, was unter ethischen Gesichtspunkten wirklich wünschenswert ist. Wir haben uns eine Welt aufdrängen lassen, sie geschehen lassen, die schon lange nicht mehr an humanistischen Prinzipien orientiert ist. Hauptsache, irgendwelche Akteure können ihre Taschen füllen, dann ist alles gut. Aber die Welt ist an einem Scheidepunkt angekommen. Wir müssen erleben, wie eigentlich gar nichts mehr so funktioniert, wie es für eine gute Zukunft tauglich wäre. Es ist also an der Zeit, sich endlich wieder grundsätzliche Gedanken darüber zu machen, wie wir uns überhaupt die Zukunft wünschen. Alles muss auf den Prüfstand. Da ist der Fakt der 90 Prozent Krankheitskosten im letzten Lebensjahr nur eine Baustelle. Zu dieser aber sage ich: Stoppt den Wahnsinn, lasst Menschen ihre Würde, auch in ihren letzten Tagen. Ich bitte um Gnade für Todgeweihte!

Und wenn Sie jetzt zweifeln an den „90 Prozent“, dann empfehle ich diesen Beitrag der ARD, der natürlich wieder erst um Mitternacht gesendet worden ist. In diesem Beitrag wird auch darauf eingegangen, welches Leid entsteht, durch die zwanghafte „Lebensverlängerung“:
https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/dem-sterben-zum-trotz/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuL2EwNTA2NTIyLThiMDktNDhkMS1iOGM3LWQ5YTFjZmEzMGE5MQ/

Mit dem Thema, ob wir vielleicht alles falsch machen, habe ich mich schon in diesem Beitrag beschäftigt:
https://www.anderweltonline.com/wirtschaft/wirtschaft-2019/wirtschaft-und-gesellschaft-machen-wir-vielleicht-alles-falsch/

Hier habe ich mich damit beschäftigt, wie wenig sinnvoll die Ausgabenverteilung geworden ist:
https://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-20212/was-wir-uns-leisten-koennen-und-was-nicht/

Wenn schon unübersehbar ist, dass an unseren Systemen Grundrenovierungen überfällig sind, dann sollte das Finanzsystem ganz vorne stehen. Deswegen haben wir „Die Humane Marktwirtschaft“ entwickelt, die nicht nur die Macht des Kapitals bricht, sondern auch eine positive Zukunft wieder planbar macht. Und das ganze ohne Lohnsteuer. Geht nicht ? Überzeugen Sie sich selbst, dass auch das keine Utopie bleiben muss und bestellen Sie Ihr persönliches Exemplar „Die Humane Marktwirtschaft“ direkt beim Verlag hier oder erwerben Sie es in Ihrem Buchhandel.

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