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Wo „Gutmenschen“ regieren, ist die Meinungsfreiheit am Ende

Von Hubert von Brunn 

"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." (Art. 5, Abs. 1 GG) – Ach ja? Schön wär’s. Allenthalben findet in den deutschen Leitmedien Zensur statt, vor allem durch das Weglassen unbequemer Wahrheiten. Dabei brauchen wir nicht einmal eine staatliche Zensurbehörde, die – wie noch in der alten DDR – darüber wacht, welche Nachrichten dem Bürger zuzumuten sind. Diese hehre Aufgabe erledigen in Zweifelsfalle die Entscheider in den ach so freien bundesrepublikanischen Medien höchst selbst.

Als die Redakteure der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ plante, den Fahndungsaufruf nach einem mutmaßlichen Vergewaltiger in Dortmund mit in die Sendung zu nehmen, intervenierte Chefredakteurin Ina-Maria Reize-Wildemann und wollte die Ausstrahlung dieses Beitrags stoppen. Grund: Der Gesuchte, auf Videoaufnahmen in der Bahn sehr gut erkennbar und von Zeugen eindeutig identifiziert, ist schwarz. Angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik wolle sie, so Frau Reize-Wildemann, „kein Öl ins Feuer gießen und keine schlechte Stimmung befördern“. Ja was soll das denn? Gilt denn für einen mutmaßlichen Vergewaltiger nicht der Gleichheitsgrundsatz, nur weil er ein Farbiger ist? Gern bemühe ich an der Stelle noch einmal unser Grundgesetz (Art. 3, Abs. 1 und 3): (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Zweifacher Rechtsbruch

Mit ihrem Versuch, diesen Beitrag zurückzuhalten, hat die Frau Chefredakteurin also in zweifacher Hinsicht gegen das Grundgesetz verstoßen. Dieses doppelten Rechtsbruchs wollten sich die Redakteure von „Aktenzeichen XY ungelöst“ und offensichtlich auch die Letztverantwortlichen des ZDF nicht schuldig machen und haben den Einspieler zu Fahndung nach dem mutmaßlichen schwarzen Täter doch wie geplant am 2. September gesendet. Durchaus mit einigem Erfolg, denn inzwischen berichtet die Polizei von einer „heißen Spur“ zu dem Gesuchten, die nach Frankreich führt. Die Chance, dass er geschnappt wird, hat sich durch die „XY“-Sendung deutlich vergrößert – und das ist gut so.

Vertuschungs-Journalismus macht die Rechten stark

Was, fragt man sich, mag in dem Kopf von Frau Reize-Wildemann vorgegangen sein, um einen journalistischen Offenbarungseid dieses Kalibers hinzulegen? Ungezügeltes Gutmenschentum? Vorauseilende Selbstzensur? Oder einfach nur bodenlose Dummheit? Ich vermute, von allem etwas und frage mich, wie kann es sein, dass eine so unqualifizierte Person einen so verantwortungsvollen (und hoch dotierten) Job beim ZDF bekommen konnte. Sie wollte „kein Öl ins Feuer gießen“, hat sie gesagt, aber genau das hat sie mit ihrer Vertuschungsaktion getan. Und zwar genau dort, wo sie es verhindern wollte, bei den Rechtsaußen, den Neonazis, den kahlgeschorenen Dumpfbacken, die gesellschaftliche Zusammenhänge nicht reflektieren, sondern einer verquasen und fehlgeleitenden Emotion folgend gegen alles sind, was nicht „deutsch“ ist.

Auf solche Steilvorlagen warten die doch nur, um ihre nationalistische Propaganda zu befeuern und damit peu à peu auch ganz normale Bürger auf ihre Seite zu ziehen, Menschen, die grundsätzlich mit den Rechten nichts am Hut haben, die sich aber andererseits von der medialen Verlogenheit im Stile einer Frau Ina-Maria Reize-Wildemann mehr als veräppelt fühlen. Bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, den mit seinen Gebühren zu sponsern jeder Bürger verpflichtet ist, egal ob er ihn einschaltet oder nicht, hat diese Dame jedenfalls nichts verloren. Ganz zu schweigen von ihrer nicht vorhandenen Empathie für das Opfer: Schließlich geht es hier um Vergewaltigung und das Opfer war eine junge Frau.

Plasberg erregt den Zorn der Feministinnen

Aber nicht nur das ZDF tut sich schwer mit unvoreingenommenem Journalismus, auch bei der ARD gibt es Ärger und bösartige Shitstorms im Netz, beispielsweise wenn Talkshow-Teilnehmer sich erdreisten, eine andere Meinung zu vertreten, als die VordenkerInnen und HüterInnen von political correctness meinen, dass sie haben müssten. Namentlich Frank Plasberg sah sich nach seiner „Hart aber fair“-Sendung mit dem Titel „Nieder mit den Ampelmännchen“ im März 2015 dem Furor feministischer Amazonen ausgesetzt. Nachdem Frauenverbände und Gleichstellungsbeauftragte die Sendung als „unseriös“ abqualifiziert hatten und die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats noch eins draufsetzte, indem sie konstatierte: „Die Auswahl der Gäste und die Gesprächsleitung waren für die Ernsthaftigkeit des Themas nicht ausreichend“, wurde der Mitschnitt dieser Sendung aus der ARD-Mediathek entfernt.

Aus männlicher Sicht erschient es geradezu grotesk, wenn schmallippige Klaferzen die Schauspielerin Sophia Thomalla, jung, gutaussehend, erfolgreich der Frauenfeindlichkeit bezichtigen, nur weil sie sagte: „Wer als Frau ständig für Gleichstellung und gegen Sexismus wettert, hat offenbar noch nie ein Kompliment bekommen.“ Diese Feststellung ist mir aus der Seele gesprochen, wenngleich ich bekennen muss, dass ich als Mann es heutzutage nicht mehr wagte, einen solchen Satz in der Öffentlichkeit zu formulieren.

Die Rolle rückwärts, damit alle „Innen“ zufrieden sind

So weit sind wir gekommen, so viel zur Meinungs- und Pressefreiheit. Und jetzt wird es wirklich komisch. Am 1. September vermelden Zeitungen die Rolle rückwärts: Die Plasberg-Sendung vom 2. März kann ab sofort wieder in der ARD-Mediathek angesehen werden. Wenn das mal gut geht, Herr Schöneborn (WDR-Fernsehdirektor, der das angeordnet hat) – wenn Sie Pech haben, wird bald Frau Ina-Maria Reize-Wildemann ihren Posten einnehmen. Handwerkliches Unvermögen setzt sich mehr und mehr durch, das könnte auch sie treffen. Und nicht zu vergessen: Sie sind ein Mann – sie ist eine Frau! Die wirkliche Pointe dieser Plasberg-Posse kommt aber noch. In der kommenden Woche soll es, Medienberichten zufolge, mit denselben Gästen eine Neuauflage der umstrittenen Sendung bei „Hart aber fair“ geben. Na wenn das mal nicht ein journalistisches Highlight wird. Wahrscheinlich wird dann den TeinehmerInnen ein Manuskript in die Hand gedrückt, das klar vorgibt, auf welche Frage sie wie zu antworten haben. Die öffentlich-rechtliche Farce treibt ungeahnte Blüten.

Der „wunderbare Neger“ sieht es sehr gelassen

Und dann ist da ja auch noch die Sache mit dem „Neger“. Sorry, Herr Plasberg, aber es trifft schon wieder Sie. Sie haben nicht verhindert – und das ist ein schwerer Vorwurf an einen Moderator, der gerade bei den Feministinnen in Ungnade gefallen ist – dass der bayerische Innenminister Joachim Herrmann das Wort „Neger“ in den Mund genommen hat. Objektiv trifft Sie hier keine Schuld, denn Herrmann hat ja nur auf einen Einspieler reagiert, in dem ein Mensch in bayerischem Idiom erklärt hat: „Neger will ich überhaupt nicht haben“. Daraufhin hat der Innenminister, wie ich meine, sehr cool und mit wunderbarer Ironie reagiert, indem er sagte: „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat.“ Weil Herrmann die Äußerung seines Landsmanns „völlig inakzeptabel“ fand, hat er das Beispiel Roberto Blanco als eindeutige Gegenposition gewählt.

Im Zusammenhang betrachtet, wird diese Haltung auch klar erkennbar – das aber wurde in den wenigsten Medien so gesagt. Es wurde immer nur auf dem Wort „Neger“ herumgeritten, mit dem der Betitulierte, Roberto Blanco, überhaupt kein Problem hatte. „Das Wort ‚wunderbar’ gefällt mir“, sagte der Sänger. „Ich finde es gut, wenn man so über mich redet.“ Ein Beispiel mehr, wie mit Weglassen Stimmung gemacht wird. Man muss durchaus kein Fan von Herrn Herrmann sein, was auf mich definitiv zutrifft, aber ihn deswegen als verkappten Rassisten zu verunglimpfen, ist vollkommen jenseitig und gänzlich unangebracht.

Und wie ist das mit den Indianern?

Jene, die mit dem Verunglimpfen so schnell bei der Hand sind, haben von Sprache keine Ahnung. Das Wort „Neger“ kommt aus dem Lateinischen „niger“ = schwarz. Wie bei vielen anderen Begriffen hat sich die Lautung über Jahrhunderte verändert: Aus „niger“ wurde „neger“ als kurze Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Die Amerikaner waren es später, die aus dem an sich wertfreien Begriff „Neger“, den bewusst diskriminierenden Begriff „Nigger“ abgeleitet haben – der Ku-Klux-Klan lässt grüßen.

Wenn jetzt hierzulande der Aufschrei durch die gutmenschelnde Community geht, weil ein bayerischer Innenminister – nachweislich in ironisierendem Zusammenhang – das Wort „Neger“ ausspricht, dann müsste man sich auch einmal Gedanken machen über die Kategorisierung „Indianer“. Diese Bezeichnung ist, wie wir seit Jahrhunderten wissen, einem Missverständnis geschuldet. Kolumbus wollte den westlichen Seeweg nach Indien finden und ist in Amerika gelandet. Weil er es aber nicht besser wusste, nannte er die Eingeborenen „Indianer“. Eine glatte Diskriminierung der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents – ganz abgesehen davon, dass die „Indianer“ bis heute in unerträglicher Weise von der weißen Majorität diskriminiert werden. Wenn wir „Neger“ aus dem Sprachgebrauch verbannen, müssen wir das mit „Indianer“ (und vielen anderen Begriffen) auch tun.

Das Gehirn einschalten, schadet nicht

Im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte immer auch sprachliche Unebenheiten, wenn nicht Diskrepanzen ergeben. Dafür gibt es Tausende von Beispielen. Aber wenn es gerade ins selbstgebastelte ideologische Weltbild passt, dann stürzt man sich auf eine Sache und überhöht sie in einem Maße, die ihr überhaupt nicht zusteht. Der schwarze Vergewaltiger ist – sofern er gefasst und der Tat überführt wird – ein Verbrecher und muss dafür bestraft werden wie jeder andere auch. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Begriff „Neger“ für Menschen mit schwarzer Hautfarbe ist nur dann diskriminierend, wenn man will, das er das ist, und aus dieser „Verunglimpfung“ bewusst Kapital schlagen will für die Verunglimpfung anderer. Medien, die diesem üblen Spiel Vorschub leisten, müssen sich die Kritik der unangebrachten Parteilichkeit gefallen lassen; MenschInnen, die sich darüber ereifern, gratuliere ich: „Wenn Sie keine anderen Probleme haben, geht es Ihnen wirklich gut. Dennoch: Ab und zu das Gehirn einschalten, schadet nicht.

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