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Deutschland seit 100 Jahren Aggressor gegen Russland?

Fahrlässige Geschichtsklitterung von Oleg Nasarow

Von Wolfgang Effenberger

Sputnik-News brachte am 6. April 2015 den aktualisierten Artikel des Mitglieds des Sinowjew-Klubs Oleg Nasarow "Unheil kommt aus dem Westen. Wer bereitete den Ersten Weltkrieg vor?"(1). Gerade am Vorabend eines möglichen Dritten Weltkrieges enttäuscht ein so unzulässig vereinfachender Artikel.

Nach Nasarow zeigt die Geschichte der zwei Weltkriege, dass sie von den Staaten der westlichen Welt initiiert und begonnen wurden, wobei jeweils der Hauptaggressor Deutschland gewesen sein soll. Nun, nach 100 Jahren, sei der Westen – mit den USA an der Spitze – bereit, ein drittes Mal gegen Russland zu kämpfen. Nasarow irrt sich, besonders was die Rolle Deutschlands betrifft. Kanzlerin Merkel sowie ihre Vorgänger Kohl, Schmidt und Schröder hatten bzw. haben jeweils viel Verständnis für die russische Situation und sprechen sich eindeutig gegen einen Krieg aus.

Weshalb sollte Deutschland gegen Russland kämpfen?

Am 25. September 2001 hielt der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, vor dem Deutschen Bundestag eine denkwürdige Rede. Er erinnerte zunächst an die schmerzhaften Konflikte im 20. Jahrhundert, um dann auf frühere Zeiten zu verweisen, in denen Deutsche und Russen oft Verbündete waren und die Beziehungen zwischen den beiden Völkern immer durch enge gegenseitige Abstimmung und durch dynastische Bande gepflegt wurden.

„Aber abgesehen von den objektiven Problemen und trotz mancher - ganz aufrichtig und ehrlich gesagt – Ungeschicktheit“ so Putin abschließend, „ schlägt unter allem das starke und lebendige Herz Russlands, welches für eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet ist.“(2) Die Abgeordneten erhoben sich und zollten Putin anhaltenden Beifall. 

Bei seinem Verweis auf die Bündnisse wird Putin u.a. an die Konvention von Tauroggen gedacht haben. Nachdem die napoleonischen Truppen Europa nachhaltig verheert hatten, mussten sie im Oktober 1812 den Rückzug aus dem niedergebrannten Moskau antreten.

Der preußische Generalleutnant von Yorck hatte Befehl, Ost- und Westpreußen vor den Russen zu schützen und den Franzosen den Rückzug zu decken. Am 30. Dezember 1812 unterzeichnete Yorck gegen den Willen des preußischen Königs eigenmächtig mit dem russischen General von Diebitsch einen preußisch-russischen Waffenstillstand - die Konvention von Tauroggen. Damit wurde ein Stein ins Rollen gebracht, der zwei Jahre später Napoleon vom Thron stürzen sollte.

Nachdem 1894 Nikolaus II. seine Jugendliebe Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt geheiratet hatte, entwickelte Kaiser Wilhelm II. zu seinem nun angeheirateten Vetter enge und freundschaftliche Beziehungen, hatten doch Wilhelm und Alix beide die Queen Victoria von England zur Großmutter.(3)

Trotz dieser verwandtschaftlichen Beziehungen bot England 1901 Deutschland ein gegen Rußland gerichtetes Abkommen an. Das wurde in Berlin aus Sorge um die englisch-russischen Konflikte in Asien abgelehnt.(4) An Deutschlands Stelle rückte Japan, das am 30.1.1902 mit England einen Bündnisvertrag unterzeichnete.(5) Zwei Jahre später vernichtete Japan die pazifische und baltische Flotte Rußlands. Kaiser Wilhelm II. hatte zuvor der russischen Flotte das Recht eingeräumt, sich an deutschen Bunkerstationen mit Kohle zu versorgen. Das hatte zu erheblichen Verstimmungen mit London geführt. Dafür schloss nun England ein Bündnis mit Frankreich – die Entente vom 8.4.1904. Nach vernichtenden Niederlagen musste Russland 1905 den asiatischen Hafen Port Arthur aufgeben, die südliche Hälfte von Sachalin an die Japaner abtreten und die Mandschurei verlassen. Russland schlitterte in eine innenpolitische Krise, die von Deutschland bzw. Österreich nicht ausgenutzt wurde(!). Russland und sein höherer Adel waren in Frankreich und England hochverschuldet. Die russischen Fürsten und Grafen orientierten sich politisch und gesellschaftlich an London oder Paris. Der deutsche Einfluss am Zarenhof ging immer mehr zurück.

London und Washington arbeiten seit mehr als 100 Jahren daran, einen Keil zwischen Russland und Deutschland zu treiben.

Am 4. Februar 2015 bestätigte George Friedman, Gründer und Vorsitzender des führenden privaten US-amerikanischen Think Tanks "STRATFOR" (Abkürzung für "Strategic Forecasting Inc.") vor dem "Chicago Council on Global Affairs", dass die USA in einer Zusammenarbeit Deutschlands und Russlands eine große Bedrohung ihrer Weltmachtpläne sehen und daher seit mehr als 100 Jahren diese Zusammenarbeit mit allen Mitteln verhindern wollen. England sah ab 1871 das vereinte und wirtschaftlich aufstrebende Deutschland als Hauptgefahr. Und seit 1871 ist einer Elite der angelsächsischen Länder jedes Mittel recht, um eine starke Mittelmacht in Europa zu verhindern: Wirtschafts- und Handelskriege, Intrigen, gezielte Destabilisierungsmaßnahmen.

„Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland... Seit einem Jahrhundert ist es für die Vereinigten Staaten das Hauptziel, die einzigartige Kombination zwischen deutschem Kapital, deutscher Technologie und russischen Rohstoff-Ressourcen, russischer Arbeitskraft zu verhindern.“(6)

Das Video von Friedmans Vortrag ist entlarvend und bestätigt die Aussagen des im vergangenen Herbst erschienenen Buches "Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber und stille Profiteure", in dem die geschichtlichen Zusammenhänge der Wege in den Ersten Weltkrieg und die parallelen gegenwärtigen Entwicklungen detailliert aufgezeigt werden.(7)

In einer für die Europäer erschütternden Offenheit legte Friedmann in Chicago die strategischen Ziele der USA in Europa auf den Tisch und machte gleich am Anfang deutlich, dass die USA keine "Beziehungen" mit "Europa" haben. Es gäbe nur bilaterale Beziehungen mit einzelnen europäischen Staaten.

Schon 1919 gab es die Idee, einen Gürtel von Pufferstaaten zwischen Deutschland und Russland zu schaffen – den Begriff "Cordon sanitaire" hatte der damalige französische Außenminister S. Pichon aus der Seuchenthematik in die politische Diskussion eingeführt. Der polnische Marschall Jósef Pilsudski nannte es "Intermarium". Bald erstreckte sich tatsächlich von Finnland über die baltischen Staaten und Polen bis Rumänien ein Staatengürtel, der die Sowjetunion vom übrigen Europa trennen sollte – angeblich zum Schutz vor der "bolschewistischen Weltrevolution".(8)

Am 16. April 1922 erlangte die ligurische Stadt Rapallo durch den zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sowjetrepublik geschlossenen Vertrag Berühmtheit. Die Außenminister Deutschlands und Russland, Rathenau und Tschitscherin nahmen die diplomatischen Beziehungen wieder auf und verzichteten auf Reparationszahlungen, was die Westmächte mit starkem Argwohn betrachteten. Während Großbritannien sofort die Annullierung des Vertrages verlangte, nahm ihn Frankreich zum Vorwand, das Ruhrgebiet zu besetzen und die Eintreibung der Reparationszahlungen zu verschärfen.

Am 1. September 1939 eröffnete das Deutsche Reich seine Kriegshandlungen gegen den östlichen Nachbarn Polen. Das war nur möglich gewesen, nachdem sich nur wenige Tage zuvor Hitler und Stalin über die Aufteilung Polens geeinigt hatten. Diese nicht unwichtige Tatsache blendet Oleg Nasarow in seinem Artikel gänzlich aus.

Nach der vollkommenen Niederlage des Dritten Reiches wurde Deutschland von den vier Siegermächten besetzt. Schon am 1. Juli 1945 hatte Churchill von seinem Generalstabschef Ismay den Operationsplan „Unthinkable“ aus der Taufe heben lassen.(9) Über 100 Divisionen – darunter mehrere deutsche, die von den Engländern nicht in Kriegsgefangenschaft genommen waren - sollten von Deutschland aus den Angriff auf die Sowjetunion führen.(10) Das kam den USA etwas zu früh. Noch kämpfte man in Japan. Im Herbst 1945 zogen die USA nach und entwickelten den Operationsplan „Totality“ – einen atomaren Angriff auf die 20 größten Sowjetstädte.(11)

Auch dieser Kriegsplan wurde schließlich verworfen. Vorerst sollte die NATO gegründet werden.

Das geschah dann im Frühjahr 1949. Erster Generalsekretär wurde der inzwischen zum Lord geadelte Ismay. Er formulierte klar das eigentliche Ziel der NATO: „to keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down“.(12)

In diesem Zusammenhang sei an den deutschen Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann erinnert, der 1953 in einem Aufruf an die Europäer schrieb, dass er im amerikanischen Exil auch die Neigung der USA erkennen konnte, „Europa als ökonomische Kolonie, militärische Basis, Glacis im zukünftigen Atom-Kreuzzug gegen Russland zu behandeln, als ein zwar antiquarisch interessantes und bereisenswertes Stück Erde, um dessen vollständigen Ruin man sich aber den Teufel scheren wird, wenn es den Kampf um die Weltherrschaft gilt“(13).

Thomas Mann kehrte nie wieder in die USA zurück.

Das waren jetzt nur einige Schlaglichter, die aber deutlich aufzeigen, dass die These von Nasarow, Deutschland sei der Hauptaggressor gegen Russland, nicht haltbar ist. Aus der heutigen hochgefährlichen Situation können wir nur dann unbeschadet herauskommen, wenn sowohl Deutsche als auch Russen angesichts der seit über 100 Jahren erfolgreichen angelsächsischen Manipulationen ihr gemeinsames Interesse am Frieden entdecken und sich nicht mehr für fremde Zwecke einspannen lassen.

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Wir empfehlen das Werk von Wolfgang Effenberger und Willi Wimmer "Wiederkehr der Hasardeure", in dem ausführlich auf Parallelen zwischen 1914 und 2014 eingegangen wird ebenso, wie die Abläufe vor dem Ersten Weltkrieg in einem neuen Licht dargestellt werden. Im Buchhandel oder direkt beim Verlag hier.

Wie die USA der direkte Nachfolger der pefiden Strategien des British Empire im Streben nach "Weltbeherrschung" geworden sind, belegt Peter Haisenko in seinem Werk "England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert", im Buchhandel oder direkt beim Verlag hier.

Anmerkungen

1) Nasarow, Oleg: Unheil kommt aus dem Westen. Wer bereitete den Ersten Weltkrieg vor?vom 6.4.2014 unter de.sputniknews.com/politik/20150406/301783074.html

2) Wladimir Putin: Wortprotokoll der Rede Wladimir Putins im Deutschen Bundestag am 25.09.200, Wortprotokoll der Rede am 25. September 2001 vor dem Deutschen Bundestag (Simultanübersetzung) unter www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/putin/putin_wort/244966

3) Clark, Christopher, Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München 2000, S. 25

4) Kaiser Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1818, Leipzig, Berlin 1922, S. 88

5) von Jagow, Gottlieb, Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges, Berlin 1919, S. 35

6) George Friedman am 4 Februar 2015 in Chicago unter https://www.youtube.com/watch?v=oaL5wCY99l8&feature=youtu.be; hier die gesamte Rede über 70 Minuten https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc

7) Wolfgang Effenberger/Willy Wimmer: "Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber und stille Profiteure 1914 und heute", Höhr-Grenzhausen 2014

8) Wolfgang Effenberger: Klartext aus Amerika: US-Think-Tank benennt offen imperiale Ziele, 16. März, 2015 unter www.anderweltonline.com/klartext/klartext-2015/klartext-aus-amerika-us-think-tank-benennt-offen-imperiale-ziele/

9) Bob Fenton: The secret strategy to launch attack on Red Army. Daily Telegraph, Issue 1124, 1. Oktober 1998

10) Es kam nicht dazu, da Stalin davon erfuhr und durchsetzte, dass die deutschen Truppen in Kriegsgefangenschaft überführt und die deutsche Regierung Dönitz am 23. Mai 1945 in Flensburg verhaftet wurde.

11) Wolfgang Effenberger: Das amerikanische Jahrhundert Teil1: Die verborgenen Seiten des Kalten Krieges, Norderstedt, 2011, S. 36

12) Daniel Schorr: With No Clear Mission, NATO Has Little Power, TIME, 1. April 2009

13) Mann, Thomas: Deutsche Hörer! Europäische Hörer! Darmstadt 1986, S. 166; siehe auch unter www.amazon.de/gp/aw/cr/rR1V2AE238SGAMR

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