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Alles wird gut, Nikolaus!

Von Hubert von Brunn

Friedrich war frustriert. Es gibt Tage, da ist es gescheiter, im Bett zu bleiben und keinen Schritt vor die Tür zu tun. Dieses war ein solcher Tag, und als der Wecker ihn um 7 Uhr aus dem Schlaf riss, und sein erster Blick aus dem Fenster sich im diffusen Grau eines verregneten Morgens verlor, da wusste er schon, dass es nicht sein Tag sein würde. Doch er musste aufstehen. Er hatte einen Vertrag unterschrieben und er war in der Pflicht, ihn einzuhalten. Außerdem brauchte er das Geld. Wenn du in der Not bist, dann läufst du eben auch mit einem roten Nikolauskostüm und einem weißen Rauschebart aus Plastikfäden durch die Gegend. Egal, ob es im Gesicht juckt, ob du unter der Kutte schwitzt, ob du dir blöd vorkommst, wenn du zufällig dein Spiegelbild in einem Schaufenster siehst – wenn dir das Wasser am Halse steht, machst du so gut wie alles, Hauptsache es kommt etwas dabei heraus.

Das Casting für den Nikolaus-Job beim Studentenwerk hatte Friedrich mühelos überstanden. Die suchten nach unerschrockenen jungen Männern, die bereit waren, sich vorbehaltlos auf die Rolle des Nikolaus’, respektive die des Weihnachtsmanns einzulassen, und er musste irgendwie zu Geld kommen, um wenigstens seine Miete bezahlen zu können. Da war man sich schnell einig.

Die Bäckerei, für die er zuletzt als Fahrer gejobbt hatte, war Pleite gegangen. Immer, wenn er nach seinem Geld gefragt hatte, wurde er vertröstet. Er zeigte Geduld in der Hoffnung, alles würde sich richten. Es kam anders, und jetzt war es zu spät. Der Lohn für drei Monate war dahin, und als Student der Betriebswirtschaft im 8. Semester war ihm klar, dass er in der Reihe der Gläubiger ganz, ganz weit hinten stehen würde und letztlich nichts zu erwarten hatte. Dann eben Nikolaus. Wenn es eng wird, darf man nicht wählerisch sein.

Es war Rushhour und entsprechend viele Menschen drängelten in die S-Bahn. Nach zwei Stationen im Stehen erwischte Friedrich einen Sitzplatz. Wenigstens etwas, dacht er und zog seinen weißen Rauschebart am Gummizug unter das Kinn. An Tagen wie diesen freut man sich schon über Kleinigkeiten: Wenn es im Gesicht nicht mehr juckt, wenn man sitzen und die Beine ausstrecken kann. An der nächsten Station stieg der dicke Mann neben ihm aus und eine schlanke, junge Frau nahm seinen Platz ein. Großartig, es wurde immer besser. Jetzt hatte er sogar etwas Bewegungsfreiheit zur Seite und fühlte sich nicht mehr wie eine Ölsardine in der Dose.

Aus den Augenwinkeln musterte er seine neue Nachbarin. Sieht ziemlich gut aus, stellte er fest, und wäre er nicht in diesem lächerlichen Kostüm gefangen, hätte er sie bestimmt angesprochen. Aber so? Da kannst du dir nur eine Abfuhr einhandeln, und darauf hatte er keine Lust. Es war jetzt schon alles schlimm genug.

„Und wie fühlt man sich so als Weihnachtsmann?“ fragte unvermittelt die junge Frau neben ihm und hielt ihm eine Tüte mit Gummibärchen hin. „Greif zu, da ist Zucker drin. Das bringt dich wieder hoch.“

Mechanisch führte Friedrich Daumen, Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand zur angebotenen Tüte und fischte sich ein paar Gummibärchen heraus. „Danke“, sagte er müde und steckte sich den ganzen Fang in den Mund.

„Oje, auch noch hungrig“, sagte die junge Frau. „Seit meiner Kindheit habe ich ein klares Bild von einem Weihnachtsmann: groß, wohlgenährt, eher feist, und immer gut gelaunt. Du scheinst eher ein Gegenentwurf dieses Bildes zu sein.“

„O Mann, was wollen Sie“, blaffte Friedrich die Frau an.

„Gar nichts“, sagte sie ruhig, „höchstens ein wenig reden. Aber wenn Sie nicht wollen, bleibe ich stumm. Von den Gummibärchen können Sie sich trotzdem noch welche nehmen.“

„Es tut mir leid“, lenkte Friedrich zerknirscht ein. „Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich hatte nur einfach einen miserablen Tag, und es geht mir nicht gut.“

„Das ist nicht zu übersehen“, sagte die Frau knapp und hielt ihm erneut die Tüte mit den Gummibärchen vor die Brust. Friedrich griff zu und steckte sich eine weitere Ladung dieser süßen Schelme in den Mund.

„So viel Pech auf einmal – das geht eigentlich gar nicht. Aber mir ist es passiert, und ich habe keine Ahnung, wie ich aus dem Schlamassel herauskommen soll.“

„Erzählen Sie.“ Die Frau ließ nicht locker und ihre frische, unvoreingenommene Art machte Friedrich Mut, sich seinen ganzen Frust von der Seele zu reden.

„Friedrich“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.

„Andrea“, entgegnete sie und nahm seine Hand.

Friedrich musste lächeln. Es war die erste wirklich angenehme Begegnung an diesem Tag. Ein Tag, der nicht der seine war, und an dem alles, aber auch wirklich alles daneben ging.

„Nun ja“, begann er seine Leidensgeschichte, „das Elend nahm seinen Anfang, indem mein Auto nicht anspringen wollte. Gestern lief es noch, aber heute morgen ging gar nichts. Keine Chance. Es war zu befürchten, dass die Batterie diesen Winter nicht mehr überstehen würde – aber musste sie ausgerechnet heute schlapp machen? Heute, wo ich die alte Karre nun wirklich mal gebraucht hätte? Und weit und breit niemand da, der mir mit so einem Kabel, weißt du, so von Batterie zu Batterie, hätte helfen können. Morgens um acht liegen die Menschen entweder noch im Bett, oder sie sind in Eile. Beides ist wenig hilfreich, wenn du in Not bist.“

„Da magst du wohl Recht haben“, bekräftigte Andrea Friedrichs Ausführungen, „und außerdem sind die Leute um diese Zeit meist schlecht gelaunt.“

„Das kannst du laut sagen“, stieß Friedrich hervor und grabschte nach den Gummibärchen. „Ich gehöre dazu. – Die nutzlosen Startversuche haben mich natürlich viel Zeit gekostet. Ich war schon spät dran, aber jetzt wurde es richtig eng für mich. Also haste ich mit meinem Jutesack mit Geschenken darin zur nächsten Bushaltestelle, frage mich durch. Welcher Bus fährt wohin? Wo muss ich aussteigen? Sollte ich vielleicht besser die U-Bahn nehmen? Du musst wissen: Ich bin nicht sehr geübt im Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Sommer bin ich meist mit dem Fahrrad unterwegs und im Winter fühle ich mich in meiner kleinen, verrosteten Reisschüssel ganz wohl – wenn sie denn fährt.

Endlich weiß ich Bescheid: Drei Stationen mit dem Bus, dann weiter mit der U-Bahn. Ich fummle unter der Nikolauskutte in meiner Hosentasche und stelle fest: Kein Geld dabei. Habe ich in der morgendlichen Hektik vergessen einzustecken. Busfahren ist also nicht. Der Fahrer will ein Ticket sehen – auch vom Weihnachtsmann.

Dann also zu Fuß zur nächsten U-Bahnstation. Ich eile mit langen Schritten, remple trödelnde Passanten an, entschuldige mich, haste weiter, und unter meiner Kutte trieft mir der Schweiß.

Die nächste U-Bahn erwische ich gerade noch, quetsche mich zwischen die stehenden Fahrgäste – an einen Sitzplatz war nicht zu denken –, voller Sorge, bloß nicht in eine Fahrkartenkontrolle zu geraten. Das hätte mir gerade noch gefehlt, aber ich habe Glück. Hier hole ich etwas Zeit auf und komme auf die Minute rechtzeitig zu meinem ersten Auftritt in einem großen Kaufhaus.

Das war so weit OK, wenn diese furchtbar unerzogenen Gören nicht gewesen wären. Grässlich, unerträglich! Aber als Weihnachtsmann darfst du ja nichts sagen. Da musst du alles über dich ergehen lassen und dabei auch noch lächeln. Ich weiß wirklich nicht, was mache Eltern unter Erziehung verstehen.“

„Das kann ich sehr gut nachvollziehen“, unterbrach Andrea. „Als normal empfindender Außenstehender möchtest du diese kleinen Monster am liebsten erwürgen, doch die Eltern finden das rücksichtslose Verhalten ihres Nachwuchses auch noch süß und putzig. Da hast du keine Chance, auch wenn du nicht als Weihnachtsmann daher kommst. Erziehung ist nicht angesagt. Das musst du erdulden.“

Friedrich nahm seine rote Zipfelmütze ab und zog den weißen Plastikbart über den Kopf. Die Frau neben ihn zeigte Verständnis und sie hatte etwas zu sagen. Er wollte ihr möglichst ohne Behinderung begegnen.

„Hast du Kinder“, fragte er unvermittelt.

„Nein, das nicht, aber ich habe mit Kindern zu tun.“

„Aha, Erzieherin“, gab sich Friedrich wissend.

„Nicht so, wie du denkst“, entgegnete Andrea, „aber das ist jetzt nicht unser Thema. Erzähl weiter von deinem Tag.“

„Die drei Stunden im Kaufhaus haben mich wirklich geschafft, das kannst du mir glauben. Die paar Kröten, die du dafür bekommst, sind wirklich sauer verdient. Aber egal. Ich habe meinen Job gemacht, und dieses Geld werde ich bekommen.“

„Na das klingt doch gar nicht so schlecht“, versuchte Andrea ihn aufzumuntern.

„Ja, ja, bis dahin“, sagte Friedrich sauertöpfisch, „aber es geht ja noch weiter. „Es ist Mittag, ich habe Hunger – Frühstück war ja nicht –, aber keinen Cent in der Tasche. Das Geld für den Auftritt im Kaufhaus bekomme ich nicht in die Hand, sondern von der Agentur. Was soll ich machen? Mich als Weihnachtsmann bettelnd vor einen Supermarkt stellen?“

„Das wäre nicht schicklich für einen Nikolaus“, kommentierte Andrea kopfschüttelnd. „Einer, dessen Bestimmung es ist, Geschenke zu verteilen, kann sich nicht hinstellen und die Hand aufhalten. Passt nicht. Geht gar nicht.“

Friedrich musterte die neben ihm sitzende Frau aus den Augenwinkeln, die, den Blick nach unten gerichtet, immer noch den Kopf schüttelte. ‘Merkwürdiges Geschöpf‘, dachte er und hielt die Konversation damit für beendet. Was sollte er noch sagen? Außerdem war sie anstrengend, auch wenn sie ihre Gummibärchen mit ihm teilte.

„Und weiter?“ fragte sie unvermittelt und fixierte ihn mit großen, blauen Augen.

Erschrocken zupfte Friedrich an dem unter seinem Kinn hängenden falschen Bart und murmelte resignierend: „Ach lass nur, ich hab’ dich schon genug genervt mit meiner blöden Geschichte. Ich will dich nicht weiter langweilen.“

„So ein Blödsinn!“ wetterte Andrea und machte ein strenges Gesicht. „Du hast mich nicht genervt und es interessiert mich sehr wohl, wie deine Geschichte endet. – Hier nimm noch ein paar Gummibärchen“, und hielt ihm die Tüte hin.

Nach kurzem Zögern setzte Friedrich seine Erzählung fort.

„Also, ich komme da an einer großen Shopping-Mall vorbei, an deren Eingang sich ein Straßenmusiker postiert hat. Die langen, graumelierten Haare zu ‘nem Schwänzchen gebunden, Dreitagebart, Gitarre vor der Brust, und schmettert die schönsten Oldies. San Francisco, Cocain und all so was. Singen kann er und mit der Gitarre kann er auch gut umgehen. Vor sich hat er den aufgeklappten Gitarrenkoffer auf dem Boden zu liegen, darin etliche Münzen, sogar Zwei-Euro-Stücke. Dabei kommt mir eine Idee.

„Hey Kumpel“, spreche ich ihn an, „kannst du auch Weihnachtslieder?“

Er lacht mich an, bringt noch schnell „Proud Mary“ zu Ende und meint dann ganz cool:

„O Mann, ich kann keine einzige Strophe mehr, aber die Musik habe ich seit meiner Kindheit im Ohr. Warum fragst du, alter Mann?“

„Ich bin kein alter Mann“ stelle ich klar, „ich bin der Nikolaus, das siehst du ja wohl. Und ich habe eine Idee.“

„Ach ja?“ meint der Musikant von oben herab, „hat deine Idee etwa mit mir zu tun?“

Hätte ich auf mein Bauchgefühl gehört, hätte ich den Kerl stehen lassen und wäre meines Weges gegangen. Aber ich hatte Hunger.

„Ganz genau“, versuche ich ebenso cool zu sein. „Die paar Kröten in deinem Koffer bringen es doch nicht. Du machst die falsche Musik. Jetzt wollen die Leute in Stimmung gebracht werden, und dazu gehören Weihnachtslieder.“

„Hab’ ich nicht drauf“, wehrt der Typ ab“, „hab’ ich dir doch gerade gesagt.“

„Aber ich, ich kenne sie alle“, versuche ich ihn zu animieren. Wir machen ein Geschäft: Du spielst, ich singe, und du wirst sehen, wie die Kasse klimpert. Das, was wir gemeinsam einspielen, teilen wir durch zwei.“

„Du meinst, das funktioniert?“ fragt er zögerlich. – Er hatte angebissen, jetzt musste ich ihn packen.

„Aber ja, da gibt es keine Zweifel. Wenn ich als Nikolaus losschmettere – und ich habe eine gute Stimme –, und du ordentlich die Klampfe bedienst, dann werden die Leute stehen bleiben, entzückt zuhören und voller Begeisterung ihren Obolus in den Gitarrenkasten werfen.“

„Na schön, wenn du meinst“, sagt er und hängt sich die Gitarre wieder um. „Womit fangen wir an, welche Tonart?“

Unvermittelt unterbrach Friedrich seine Erzählung und griff gedankenverloren in Andreas Tüte mit den Gummibärchen, die inzwischen so gut wie leer war. Sein düsterer Gesichtsausdruck gab zu erkennen, dass es ihm äußerst schwerfiel weiter zu sprechen.

„Na und was“, fragte Andrea ungeduldig, „habt ihr nun gesungen oder nicht?“

„Ja, haben wir“, sagte Friedrich traurig. Alles, was mir an Weihnachtsliedern einfiel, haben wir gesungen. Von Tonart und sowas habe ich ja keine Ahnung, aber singen kann ich. Also haben wir am Anfang kurz probiert, ob es für meine Stimme passt, nicht zu hoch und nicht zu tief, und dann ging es los. ‚Ihr Kinderlein kommet’, ‚Jingle Bells’, ‚Leise rieselt der Schnee’, einfach alles, was mir einfiel.“

„Und der Kerl mit der Klampfe konnte das alles spielen?“ unterbrach Andrea.

„Ja, du wirst es nicht glauben. Der hatte das alles voll drauf. Unglaublich.“

„Dann habt ihr doch sicherlich ganz gut etwas eingenommen“, stellte Andrea nun wieder mit der ihr eigenen Sachlichkeit fest.

„Das kann ich dir sagen“, die Leute blieben stehen, manche sangen mit, und in dem Gitarrenkasten klimperten die Talerchen.“

Andrea schwieg erwartungsvoll, während Friedrich bemüht war, seine Fassung nicht zu verlieren. Er räusperte sich mehrmals und fuhr dann mit heiserer Stimme fort.

„ Da liegt ordentlich Geld im Koffer“, sagte ich zu meine Kumpel nachdem wir die Sache mit Rudolph dem Rentier hinter uns hatten. „Ich nehme mir jetzt die Hälfte heraus und besorge mir etwas zu essen. Ist das OK für dich“, frage ich ihn.

„Na klar, alter Mann, haben wir doch so ausgemacht. Nimm deinen Anteil und gehe was futtern“, sagte er lachend und haute mir seine Pranke auf die Schulter. „Siehst für einen Nikolaus schon ziemlich abgemagert aus. So kannst du nicht weitermachen.“

Er schüttelte sich vor Lachen, während ich mich vor den Gitarrenkasten kniete und das Geld zählte. Meine Hälfte waren 10 Euro 70. Die habe ich mir genommen und war happy, mir damit endlich etwas zu essen kaufen zu können. Dafür konnte ich mir in dem Fastfood-Laden um die Ecke den Bauch vollstopfen und hatte sogar noch etwas übrig.

„Ich nehme mir meinen Anteil und geh’ dann mal rüber und hol mir ’n BigMac. Passt du auf meinen Sack auf?“

Er stellte seine Gitarre auf die Seiter, winkte ab und gab zu erkennen, dass wir über diese Selbstverständlichkeit nicht reden müssen. „Na klar doch, hau rein“, sagte er immer noch lachend. „Ich pass schon auf.“

„Damit war die Sache für mich klar. Ich steckte meinen Anteil in die Hosentasche unter der Kutte und rannte los. Die Fastfood-Bude war überfüllt und ich musste anstehen. Endlich war ich dran, habe nach Herzenslust bestellt und dann mit großem Genuss an einem kleinen Tischchen an der Ecke die Junkfood in mich hineingestopft.“

„Das hat dir bestimmt gut getan“, bemerkte Andrea nüchtern, knüllte die nunmehr leere Gummibärchentüte zusammen und steckte sie in die Tasche. „Ich weiß, wie es ist, wenn man Hunger hat. Kein schönes Gefühl, weiß Gott nicht. Aber dann warst du satt, und alles war gut.“

„Erst einmal ja“, gab Friedrich zu, „bis ich an den Platz zurückkam, wo wir Musik gemacht haben. Da war kein André mehr, kein ausgeklappter Gitarrenkoffer, und auch mein Jutesack mit den Geschenken war weg. Das war das Schlimmste. Der alte Hurensohn mit dem Schwänzchen am Hinterkopf hätte sich meinetwegen ruhig davon machen können, aber den Sack mit den Geschenken, mein wichtigstes Arbeitsgerät, mitgehen zu lassen, das ist das Allerletzte. Das ist so, als hätte ich mir seine Gitarre geklemmt und wäre damit verschwunden. – Nein, so etwas tut man nicht. Das ist nicht fair.“

Andrea musterte ihn mit durchdringendem Blick: „Hast du jemals das Empfinden gehabt, dass die Welt fair mit dir umgeht?“

Nachdenklich zupfte Friedrich an dem am Gummizug unter seinem Kinn hängenden Plastikbart. „Ganz so absolut möchte ich es nicht sehen. Natürlich wurde ich oft genug belogen und betrogen, das liegt offenbar in der Natur der Menschen. Aber insgesamt gesehen, muss ich schon sagen, dass in meinem Leben nicht alles nur schlecht war. Doch, ich bin auch guten Menschen begegnet und ich habe auch erfahren, was Fairness ist.“

Mehr hatte er im Moment dazu nicht zu sagen, und Andrea gönnte ihm diese Denkpause.

„Schön, dass du das so siehst“, unterbrach sie dann das vereinte Schweigen mit sanfter Stimme. „Ich hatte schon befürchtet, diese kleine Enttäuschung könnte womöglich nachhaltigen Schaden in dir anrichten…“

„Kleine Enttäuschung?“ fuhr Friedrich aufgebracht dazwischen. Nach dem kurzen Ausflug in eine kontemplative Gedankenwelt war er wieder angekommen in der alles andere als wohlmeinenden Realität. „Das ist keine kleine Enttäuschung, das ist eine mittlere Katastrophe! Das kostet mich eine Menge Geld, und dieses ganze Nikolausnummer, die mich sowieso abnervt, war völlig umsonst.“

Beinahe wäre es Andrea gelungen, den angeschlagenen Weihnachtsmann mit ihrer geschickten Frage wieder zurückzubringen in eine versöhnliche Spur. Seine heftige Reaktion auf ihren Versuch, den Vorfall mit dem Straßenmusiker etwas weniger monströs erscheinen zu lassen, machte ihr klar, dass weitere psychologische Interventionen wenig Sinn haben, und entschloss sich, das Gespräch auf eine rein sachliche Ebene zurückzuführen.

„Wie viele Geschenke waren in dem verschwundenen Sack?“ fragte sie beinahe geschäftsmäßig. „Wie viele zu beglückende Kinder stehen denn noch auf deiner Besucherliste?“

„Zwei.“

„Was zwei?“

„Zwei Pakete für zwei Kinder.“

Die Einsilbigkeit, die Friedrich jetzt an den Tag legte, machte Andrea leicht ungehalten. Aber sie wollte keinen weiteren Gefühlsausbruch provozieren und führte das Frage-und-Antwort-Spiel in möglichst gleichmütigem Ton fort.

„Zwei Kinder in zwei Familien?“

„Nein, in einer Familie. – Aber keine einfache Familie, weißt du.“

Andrea spürte, wie sie nahe dran war, ihren rot gewandeten Sitznachbarn in der S-Bahn wieder zum Sprechen zu bringen.

„Ah, du kennst die Leute von früher?“

„Ja, ich war da schon zwei Mal. Ging eigentlich immer ganz gut. Die Kinder, Sven und Claire, sind einigermaßen wohl erzogen, und ich hatte keine Probleme mit ihnen. Er, Professor Dr. Dr. Schlagmichtot, ein hohes Tier an der Uniklinik, aber durchaus umgänglich und mit einem trockenen Humor ausgestattet.“

„Na, das klingt doch richtig gut. Mit dem Professor kannst du sicherlich reden, und er wird die missliche Situation, in die du geraten bist, verstehen.“

„Er vielleicht schon“, räumte Friedrich ein, „mit ihm könnte ich mich bestimmt arrangieren. Aber da ist noch Madam, Orthopädin mit eigener Praxis für Privatpatienten. Sie führt zu Hause das Regiment, und mit der ist wahrlich nicht gut Kirschen essen. Die wird kreischen und keifen und sofort ihren Anwalt anrufen, auf dass er mich verklagt auf Schadenersatz, entgangener Nikolausfreuden, arglistige Täuschung, Betrug und was weiß ich.“

Andrea tat alles, um nicht zu zeigen, wie amüsiert sie über Friedrichs Schilderung war. Es gelang ihr nicht gänzlich.

„Du findest das natürlich komisch“, grummelte er, musste dann aber selbst auch ein wenig schmunzeln.

„Scheint ja eine besondere Familie zu sein.“

„Das kannst du laut sagen“, bekräftigte Friedrich und konnte nun auch nicht mehr verhindern, in Andreas Lachen einzustimmen.

„Und was waren das für Geschenke?“ fragte sie unvermittelt wieder in sachlichem Ton.

„Ein Lego-Kasten, mit dem man einen großen Kran bauen kann, für Sven und ein Barbie-und-Ken-Arrangement für Claire. Hab’ ich alles in mein Gedicht eingebaut. Aber was soll das Gedicht, wenn die Geschenke nicht da sind? Die Kinder werden weinen, und Madam wird keifen. – Herr im Himmel, warum strafst Du mich mit einem solchen Elend?“

In einer Geste der Verzweiflung schlug Friedrich seine Hände vors Gesicht. Der Anflug von Humor auf seiner Seite war äußerst kurzlebig.

„Und was gedenkst du, jetzt zu tun?“

„Keine Ahnung“, seufzte Friedrich resigniert und nahm die Hände von seinem Gesicht. – „Gehe ich hin, wird das Strafgericht von Madam über mich hereinbrechen, ich werde mich in Grunds Erdboden schämen, und man wird mir ein gerichtliches Nachspiel in Aussicht stellen. Du weißt schon, der Anwalt. Gehe ich nicht hin, wird die Agentur alle Honorare einbehalten, um den Schaden zu ersetzen. Dann gehe ich bestenfalls mit Null heraus.“ Friedrich lehnte sich zurück und sein Gesicht hellt sich auf. „Na klar, das ist es. Mit Null herauszukommen ist immer noch besser als die andere Variante. Ich erspare mir den erniedrigenden Auftritt, fahre nach Hause und beende diesen schrecklichen Tag mit einer schönen Flasche Rotwein, die da noch in meiner Küche steht.“

„Das wirst du nicht tun!“

„Wie bitte?“ Friedrich war regelrecht zusammengezuckt. Eine solche Ansage hatte er nicht erwartet, weder in diesem Ton, noch mit dem begleitenden strengen Blick, der keine Widerrede duldete.

„Nein, mein lieber Friedrich“, Andrea hatte zu ihrer gewohnt sanften Tonart zurückgefunden, „das wirst du nicht tun. Du bist kein Feigling, jedenfalls nicht in meinen Augen. Du wirst dich dieser Situation stellen wie ein Mann und die Sache in Ordnung bringen. Danach darfst du erhobenen Hauptes nach Hause fahren und deinen Rotwein genießen.“

Friedrich stöhnte gequält auf. Für einen Moment hatte er die Hoffnung, sich halbwegs elegant aus diesem Desaster herausziehen zu können. Die Halbherzigkeit, mit der er selbst diesem Gedanken gefolgt ist, hat diese Frau mit wenigen Worten entlarvt. Wäre er ihr doch bloß nie begegnet.

„Wo residiert denn deine prachtvolle Professoren-Familie?“

„Im südlichen Zehlendorf, genauer gesagt in einer jener prächtigen Villenkolonien im feinen Schlachtensee.“

„Und wann soll Dein Auftritt stattfinden?“

„Um 18 Uhr.“

„Großartig. Dann musst du ja nur weiter geradeaus fahren und am Mexikoplatz aussteigen. Und was machst du während der zwei Stunden, die dir bis dahin noch bleiben?“

„Ach, im Bahnhof Mexikoplatz ist eine nette Kneipe, die kenne ich schon aus den Vorjahren. Da werde ich mich hinsetzen, die Zeit totschlagen und meine letzten 4 Euro 80 verjubeln.“

„Das klingt nach einem guten Plan“, sagte Andrea versöhnlich und streichelte dabei Friedrichs Hand. Es war der erste Körperkontakt zwischen den beiden.

„Aber du versprichst mir, es auch wirklich zu tun. Schwöre es bei der Ehre aller Weihnachtsmänner.“

Friedrich fing Andreas Blick auf und war wie hypnotisiert. Was für eine Frau! Wäre er ihn doch nur an anderer Stelle und in einem anderen Aufzug begegnet. Gänsehaut lief über seinen unter der Nikolauskutte aufgeheizten Körper.

„Ich verspreche es“, sagte er ernsthaft, während er nun ihre beiden Hände in die seine nahm und fest drückte. „Wie könnte ich eine Frau wie dich belügen?“

„Danke für dieses wunderschöne Kompliment. Danke, dass ich dich kennenlernen durfte. Aber hier muss ich raus.“

Quietschend fuhr die im Bahnhof Rathaus Steglitz ein. Andrea hatte ihre Hände aus den seinen befreit, ihren Rucksack geschnappt, und eilte der geöffneten Tür zu. Ehe sie das Abteil verließ, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und rief:

„Enttäusche mich nicht! Hab’ Vertrauen. Alles wird gut, Nikolaus!“

Dann war sie seinen Blicken in der Menschenmenge entschwunden, und er blieb alleine zurück, fassungslos. Die Türen klappten zu, der Zug fuhr an, und er wusste nichts von ihr: Keine Telefonnummer, keine E-Mail-Adresse, kein Nachname. Nichts! Und sie wusste ebenso wenig von ihm. Wie sollten er sie in dieser großen Stadt jemals wiederfinden? Nun haderte Friedrich nicht nur mit seinem Schicksal, sondern auch mit seinem eigenen Unvermögen. Wie kann man nur so blöd sein?

Am Bahnhof Mexikoplatz hob er unversehens seinen auf den schmutzigen Abteilboden gesenkten Blick und schaffte es im letzten Moment, den Zug zu verlassen. Zu weit zu fahren, das hätte gerade noch gefehlt. In der Bahnhofskneipe war nicht viel los. Es war noch früh am Tag und außerdem war Nikolaus. Die Schluckspechte, die sich sonst hier regelmäßig zur „Happy Hour“ auf das eine oder andere Bierchen trafen, mussten heute mal zu Hause sein um diese Zeit. Zu späterer Stunde, wenn der Nikolaus gegangen war und die Kinder im Bett lagen, würde sich bestimmt noch die eine oder andere Clique einfinden, um den 6. Dezember gebührend zu feiern. Friedrich bestellt sich ein kleines Bier, an dem er sehr sorgsam nippte, während er weiter seinen grüblerischen Gedanken nachhing. Wie sollte er nur aus diesem Schlamassel herauskommen? Was hatte er verbrochen, dass ihm eine solche Gemeinheit widerfuhr. Seine Fragen waren endlos, Antworten hatte er keine.

Plötzlich saß die Bedienung, eine ziemlich kesse Blondine, neben ihm und zupfte an seinem nach wie vor unter dem Kinn hängenden Plastikbart.

„Na, du Weihnachtsmann von der traurigen Gestalt. Magst du noch ein kleines Bier?“

Friedrich schreckte hoch du nahm schützend die Hand vor seinen Bart. „Was kostet das kleine Bier?“

„2 Euro 50.“

„Hmm, ist teurer geworden seit letztem Mal. Kann ich auch ein dreiviertel kleines Bier haben?

„Ein dreiviertel kleines Bier? Was ist das denn“, fragte die Blonde irritiert.

„Na ja, ich habe nur noch 4 Euro 80 in der Tasche. Da reicht es nicht mehr für zwei ganze kleine Biere.“

Die Bedienung lachte herzlich auf. „Ach Niko, darüber mach dir mal keine Sorgen. Das nächste Bier geht auf Kosten des Hauses, weil heute Nikolaus ist. Einverstanden!“ Damit klopfte sie ihm mit ihrer Rechten jovial auf die Schulter, enteilte hinter den Tresen und zapfte ein Bier an. Wenig später servierte sie ihm ein prächtiges Bier mit einer wunderbaren Schaumkrone.

„So Niko, wohl bekomm’s. Und mach ein anderes Gesicht. Du hast heute doch sicherlich noch einiges zu tun, da kannst du nicht als Trauerklos in Erscheinung treten.“

Friedrich sah in das fröhlich lachende Gesicht der Bedienung und griff nach seinem Glas. Das war kein kleines Bier, wie er mit geübtem Griff sofort feststellte.

„Aber das ist ja ein großes Bier.“

„Na und, du wirst es schon vertragen.“ Damit schwebte die Blonde mit wippenden Hüften von dannen und kümmerte sich um die übrigen Gäste am Tresen.

Die blonden Frauen meinen es heute gut mit mir, schoss es Friedrich durch den Kopf, während er sich den Bierschaum vom Mund wischte. Aber Madam, die verhinderte Zarin von Schlachtensee war dunkelhaarig, und vor der Begegnung mit ihr hatte er ein zutiefst ungutes Gefühl.

Der Weg von der Bahnhofskneipe zu der Professorenvilla war ihm vertraut – eine knappe Viertelstunde bei gemächlicher Gangart. Er blickte auf die Uhr. Es wurde Zeit.

„Zahlen bitte“, rief er der Blonden hinter dem Tresen zu, doch diese winkte lachend ab.

„Lass mal gut sein, Niko. Ich habe heute richtig gute Laune, und es ist mir ein Bedürfnis, am Nikolausabend ein gutes Werk zu tun. Mach ein anderes Gesicht und finde dein Lachen wieder. Du wirst sehen, alles wird gut.“

Friedrich bedankte sich artig und verließ das Lokal. Draußen schneite es große Flocken. Es war merklich kälter geworden, und ein dünner weißer Teppich hatte sich inzwischen über die Dächer der Häuser, die Gehsteige, Bäume und Grünanlagen gelegt.

„Na, wie passend“, presste Friedrich mürrisch durch die Zähne. „Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich kann euch sagen… Froh bin ich, wenn dieser Tag vorbei ist.“

Dann stand er vor der Professorenvilla: Prächtig, großartig, stilvoll. Ja, so konnte man auch leben. Mit seiner 45-Quadratmeter-Zweizimmerwohnung war er davon allerdings noch Lichtjahre entfernt. Dabei war er schon glücklich, wenigstens so viel Raum für sich zu haben. Viele seiner Kommilitonen mussten mit viel weniger auskommen.

Im Untergeschoss der Villa waren alle Räume hell erleuchtet. Man wartete auf ihn. Ein paar Minuten blieben ihm noch, um sich zu sammeln und sich die Worte zurecht zu legen, die er zu seiner Rechtfertigung wird sagen müssen.

„Hallo Weihnachtsmann!“

Friedrich fuhr herum. Diese Stimme kam ihm bekannt vor.

„Scht, bleib ganz ruhig und komm hier rüber.“

Er ging in die Richtung, wo die Stimme herkam. Da stand Andrea vor ihm unter einer Tanne, schwach angeleuchtet von Schein der Straßenlaterne.

„Andrea?!“ Du? Wie kommst du hierher?“ Friedrich war wie vom Donner gerührt und spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Gott sei Dank war es dunkel.

„Ich arbeite hier als Kindermädchen“, antwortete sie kichernd.

Friedrich lehnte sich an den Stamm der Tanne und warf seinen Kopf in den Nacken: „Das glaube ich nicht! Wir begegnen uns in der S-Bahn, reden über mein Missgeschick, und du machst mir klar, dass ich nicht den leichten Weg zu gehen habe. Ich halte mein Versprechen, quäle mich aller inneren Widerstände zum Trotz hierher, und wem begegne ich da? – Meiner Gummibärchenfee aus der S-Bahn. Nein, so viele Zufälle kann es nicht geben.“

„Wer redet von Zufall? Es gibt keine Zufälle. Es hat alles seinen Sinn. Wäre schön, wenn du das verstehst. – Und jetzt geh’ hoch und klingle. Der Sack mit den Geschenken steht neben der Tür.“

In Friedrichs Kopf begann es zu brausen, und ohne es beeinflussen zu können, rutsche er mit dem Rücken den Stamm der Tanne entlang nach unten und saß im Schnee.

„Hey, jetzt nicht schlapp machen auf den letzten Metern. Wir haben es bis dahin geschafft, und jetzt liegt es an dir, ein ordentliches Finale hinzulegen.“

„Der Sack, die Geschenke…? Wie kommt das denn hierher?“

„O Mann, Nikolaus. Manchmal bist du schon ein wenig schwer von Begriff. Nach deinen Beschreibungen wusste ich natürlich sofort, dass es sich um ‚meine’ Familie handelt, bei der du deinen letzten, wenig erfreulichen Auftritt an diesem Tag zu bestehen hast. Eigentlich sollte ich ja früher hier sein, aber ich musste doch erst noch die Geschenke und einen Sack besorgen. Also bin ich ausgestiegen und habe das erledigt. Für mein Zuspätkommen hat mich Madam zwar gescholten, aber das war nicht so wild. Jetzt bist du dran, und denke immer daran: Alles wird gut!“

Friedrich rappelte sich hoch, nahm Andrea in den Arm und wollte ihr einen zarten Dankeschönkuss geben. Aber damit wollte sie sich nicht begnügen. Mit beiden Händen drehte sie seinen Kopf und küsste ihn leidenschaftlich.

„So, nun weißt du hoffentlich, was los ist. Und jetzt geh’!“

Wie ein Betrunkener wankte Friedrich den Weg von der Tanne neben der Gartentür hoch zum Eingang der Villa. Unter dem Säulenportikus stand, geschützt vom Schnee, neben dem prachtvollen Portal der Sack mit den Geschenken. Friedrich konnte das alle immer noch nicht glauben. Ein unbeschreibliches Gefühl von Euphorie hatte sich seiner bemächtigt, das er in diesem Augenblick nicht einzuordnen vermochte. Von den eineinhalb Bierchen in der Bahnhofskneipe konnte es nicht sein, so viel wusste er. Mechanisch rückte er seinen Plastikbart an die rechte Stelle, prüfte den Sitz seiner Zipfelmütze und zupfte seine Kutte zurecht. Entschlossen legte er den Zeigefinger seiner behandschuhten Hand auf die Klingel, und augenblicklich öffnete sich die Pforte. Madam, angetan in dem „Kleinen Schwarzen“, das sie auch in den Vorjahren bei der Gelegenheit zu tragen pflegte, stand vor ihm.

„Da sind sie ja endlich“, stellte sie herrisch fest. „Ich dachte schon, Sie kommen gar nicht mehr. Und wie sie aussehen!“

„Tut mir Leid, Gnädigste, auf meiner Uhr ist es 18 Uhr 03, also hält sich meine Verspätung durchaus innerhalb einer tolerablen Zeitspanne. Was mein Aussehen anlangt, bin ich ganz und gar unschuldig. Es hat ganz einfach damit zu tun, dass diese weißen Flocken vom Himmel fallen. Dafür kann ich nichts. Aber ist es nicht schön, dass es am Nikolausabend schneit?“

Sein Versuch, ihr Wohlwollen zu gewinnen lief ins Leere.

„Ja, ja, ist ja schon gut“, sagte sie ungeduldig. „Kommen Sie herein und machen Sie Ihren Job. Dafür werden Sie schließlich bezahlt.“

Mit seinem auf wundersame Weise aufgetauchten neuen Sack mit Geschenken in der Rechten schob er sich an Madam vorbei in die großzügige Lobby des Hauses, wo alljährlich das Nikolaus-Ritual stattfand. Papa und die Kinder hatten sich vor dem riesigen, üppig geschmückten Weihnachtbaum aufgebaut, Madam gesellte sich, ihre schmalen Lippen zu einem krampfhaften Lächeln verzogen, dazu, und alle harrten erwartungsvoll der Dinge, die nun kommen würden. Leisen Schrittes und für die prachtvolle Familie nicht wahrnehmbar, hatte sich Andrea aus dem Schatten der Freitreppe gelöst und blieb in gehörigem Abstand neben dem funkelnden Weihnachtsbaum stehen.

Friedrich fühlte sich vollkommen losgelöst vom Hier und Jetzt, und als er seine Gummibärchenfee lächelnde hinter den Kindern stehen sah, wusste er, dass ihm nichts mehr passieren konnte. Routiniert zog er sein vorbereitetes Manuskript aus der Manteltasche und trug mit Verve und Empathie das mühsam gereimte Gedicht vor. Dann waren die Kinder an der Reihe, ein Gedichtchen aufzusagen. Nikolaus Friedrich war zufrieden mit dem Vortrag, lobte die Kinder und verkündete, dass er von drauß’ vom Walde auch etwas mitgebracht habe.

Nichts anderes hatten die Kinder erwartet, und kaum hatte Friedrich die Päckchen an die Kinder ausgehändigt, machten sie sich darüber her und rissen voller Ungeduld das Geschenkpapier auf. Glückliche Ahs und Ohs waren zu hören, und es war offenkundig, dass Sven und Claire über das, was der Nikolaus von drauß’ vom Walde mitgebracht hatte, hoch erfreut waren. Nicht so Madam! Ihrem strengen Blick war nicht entgangen, dass diese Geschenke nicht hundertprozentig dem entsprachen, was sie geordert und im Voraus bezahlt hatte.

„Der Lego-Turm sollte gelb sein und nicht rot, und ich habe Barbie und Ken in Afrika und nicht auf einer Kreuzfahrt bestellt.“

„Mama“, fuhr nun der Professor ärgerlich dazwischen. „Die Geschenke hast nicht du bestellt, sondern der Weihnachtsmann hat sie gebracht. Und das hat er wohl getan, denn die Kinder haben sich das gewünscht, und wie du siehst, freuen sie sich darüber. Also was willst du?“

In dem Moment hat Madam begriffen, dass sie den Glauben ihrer Kinder an den Weihnachtsmann, der wohl ohnehin schon etwas brüchig geworden war, nun endgültig zerstört hat.

„Es tut mir leid“, stammelte sie, ich habe das nicht gewollt… Aber es muss doch alles korrekt zugehen, oder? Und wenn ich…“

„Ach, hör auf“, raunzte ihr Mann zurück. Du, du! Alles dreht sich nur um dich, alles musst du unter Kontrolle haben. Heute ist Nikolausabend, und der gehört den Kindern. Aber das interessiert dich nicht. Wenn es darum geht, Unfrieden zu stiften, bist du immer in der ersten Reihe.“

„Das sehe ich auch so“, sagte Andrea und trat einige Schritte nach vorne.“

„Ach, schön, dass Sie auch hier sind“, stammelte der Professor verlegen in der Hoffnung, Andreas Anwesenheit könnte die Situation retten. Seine Hoffnung wurde nicht erfüllt.

„Seit drei Monaten arbeite ich als Kindermädchen in diesem Haus“, fuhr Andrea unbeirrt mit fester Stimme fort, „und ich muss sagen: es waren drei schreckliche Monate. An den Kindern lag es nicht, und auch nicht an Ihnen, Professor. Aber Madam hat – um es vorsichtig auszudrücken – schon eine sehr eigenwillige Art mit Menschen umzugehen.“

„Pah, muss ich mir das gefallen lassen?“ empörte sich die Dame des Hauses und warf ihren Kopf in den Nacken. „Erwin, sag’ doch was!“

Erwin sagte nichts. Er konnte nichts dazu sagen, weil er wusste, dass Andrea Recht hatte. Diese war inzwischen noch einige Schritte nach vorne gegangen und stand nun unmittelbar vor der „Zarin von Schlachtensee“, wie Friedrich sie genannt hatte.

„Sie, Madam“, brach es nun präzise und beinahe kalt aus Andrea hervor, „denken, mit ihrem vielen Geld alles und jeden kaufen zu können. Ich darf sie versichern: dem ist nicht so. Ihr unsäglicher Auftritt heute hat mir endgültig klar gemacht, dass von Ihnen nichts Gutes ausgeht, und ich in diesem Hause nicht länger sein möchte. Ich kündige.“

Sven und Claire, die Andrea offensichtlich sehr mochten, begannen zu weinen. Madam interessierte das nicht besonders. Entschlossenen Schrittes stakste sie mit ihren hohen Hacken geräuschvoll über die Marmorfliesen in der Lobby und verschwand Türe werfend im Salon. Der Professor versuchte in der ihm eigenen gütlichen Art, diesen verkorksten Nikolausabend doch noch zu einem guten Ende zu bringen.

„Andrea, das können sie mir nicht antun, Sie dürfen nicht kündigen“, flehte er. „Die Kinder schwärmen von Ihnen, ja, sie lieben Sie geradezu. Sie dürfen uns nicht verlassen.“

„Oh doch, ich kann, und ich werde. Ich mag die Kinder auch sehr gern, und um sie tut es mir auch ein bisschen leid. Darauf kann ich aber keine Rücksicht nehmen. Jeder Mensch hat seine Würde, und die ist auch mit noch so viel Geld nicht zu kaufen. Wäre schön, wenn sie diesen Gedanken Ihrer Frau bei Gelegenheit vermitteln könnten. – Kommt Kinder, ich bringe euch noch zu Bett. Dann packe ich meine Sachen.“

Damit nahm sie die beiden an der Hand und ging mit ihnen die Treppe hoch. Der Professor, irgendwie froh, jetzt mit Friedrich allein zu sein, ließ sich in den Sessel plumpsen: „Was halten Sie von der ganzen Geschichte?“

„Ach wissen Sie“, meinte Friedrich gelassen, „meine Sicht der Dinge ist eine sehr besondere. Aber darüber müssen wir nicht sprechen. Selbst wenn Sie sie verstehen könnten, würde es an der Situation nichts ändern. Bitte geben Sie mir mein Honorar, dann werde ich mich verabschieden. Ich bin sehr müde.“

Der Professor sprang aus seinem Sessel hoch, griff in die Hosentasche, zog einige Banknoten hervor und streckte sie Friedrich hin.

„Hier, nehmen Sie. Es war wieder ganz toll, wie Sie es gemacht haben.“

„Das ist viel zu viel.“

„Ach was! Hauptsache, Sie kommen nächstes Jahr wieder.“

„Das glaube ich kaum“, musste Friedrich den Professor erneut enttäuschen. „Wie hat Andrea vorhin so schön gesagt: Jeder Mensch hat seine Würde. – Recht hat sie.“

In dem Moment kam Andrea in die Lobby zurück, ihren Rucksack über den Schultern und eine Reisetasche in der Hand.

„Die Kinder sind im Bett, und ich habe sie getröstet. Sie sind beide eingeschlafen, Sie müssen sich keine Sorgen machen.“

„Andrea“, unternahm der Professor flehentlich einen letzten Versuch. „Meine Frau ist mitunter etwas schwierig, ich weiß. Aber um der Kinder willen …: Ich bitte Sie!“

„Tut mir leid“, entgegnete Andrea kühl, „ich habe mich entschieden, in mehrfacher Hinsicht.“ Dabei schenkte sie Friedrich einen zärtlichen Blick. „Man muss wissen, was man will und wohin man gehört. Dann wird alles gut.“

„Und Sie sind sich auch sicher“, wandte sich der Professor an Friedrich, während er Andreas Reisetasche schnappte und langsam in Richtung Ausgang ging.

„Nie in meinem Leben war ich mir sicherer“, erwiderte Friedrich mit betont kräftiger Stimme und nahm Andrea in den Arm.

„Was ist das für eine Flasche Wein, die du da in deiner Küche zu stehen hast?“ fragte Andrea mit schelmischem Lächeln.

„Ein Cabernet Sauvignon aus Südafrika“, entgegnete Friedrich.

„Das lass ich mir gefallen.“

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