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Maße, Gewichte, Punzen: Orakel-Größen für den Investor und Sammler

Von Hans-Jörg Müllenmeister 

Das Verwirrspiel mit den Einheiten begleitet den Investor bei seinen Engagements mit Commodities, also den homogenen Handelswaren. Er stellt sich die Frage, was steckt für eine metrische Einheit oder Umrechnung hinter der Feinunze beim Edelmetall, dem Kubikfuß beim Naturgas, dem Bushel bei einem Agrarstoff oder dem Barrel beim Rohöl? Offen gesagt, was ein Hasenfuß ist, weiß man ja, aber wer kann sich etwas unter einem Kubikfuß vorstellen? Und wie steht es mit der Schmelzeinheit, dem Euro? 

Was hat ein Barrel mit einem Heringsfass zu tun?

Beginnen wir unsere „maßgeschneiderte“ Reise mit dem amerikanischen Raummaß, dem Barrel (engl. Fass). Im Grund ist an der Namensgebung dieser Maßeinheit Barrel mit der Einheitsbezeichnung bl oder bbl „Old Europe“ selber schuld: Aus der historisch ersten Erdpechquelle von 1498 in Pechelbronn im Elsaß wurde anfangs das Erdöl nur medizinisch verwendet und in Apotheken in Fläschchen feilgeboten. Um 1735 begann die kommerzielle Nutzung. Zum Abfüllen des Erdöls nahm man ausgediente Heringsfässer; sie wurden am Faßboden durch einen Blauanstrich gekennzeichnet. Als dann 1866 der Run auf das schwarze Gold in Pennsylvania einsetzte, ließen sich die Erdöltechniker von den ölgenutzen Heringsfässern aus Pechelbronn inspirieren. Sie beauftragten ihre örtlichen Küfer, 158,98-Liter-Fässer mit den gleichen alten Abmaßen aus Eichenholz zu fertigen. Bleibt anzumerken, dass ein Barrel 42 Gallonen enthält. 

Städte mit Pfundsideen

Weizenkörner bildeten schon im alten Byzanz, Ägypten und später in Rom die Basis für Handelsgewichte. Die Unze (lat. uncia, ein Zwölftel) entsprach dem Zwölftel eines römischen Pfundes (heute wären das etwa 25,29 Gramm). Dieses Pfund wiederum wurde durch das Gewicht von 6.912 Weizenkörnern repräsentiert. Im Laufe der Handelsgeschichte gab es von Stadt zu Stadt unterschiedliche Pfund-Einheiten. Ein Bürger im pseudo-schlanken Berlin wog rund 10% weniger als ein gleich schwerer Zeitgenosse in Nürnberg. Erst 1854 legte der Deutsche Zollverein das sogenannte Zollpfund auf exakt 500 Gramm fest. 

Ucle Sams Unze, Pfund und Bushel

Im angloamerikanischen Raum werden Gold- und Silbermünzen auf Unzenbasis geprägt. Die Troy-Unze (benannt nach der franz. Stadt Troyes), besser als Feinunze bekannt, bildet eine internationale Gewichtseinheit für Edelmetalle. Diese wiegt 1/12 eines Troy-Pfundes, also 373,242 g /12 = 31,10 g. Anders ausgedrückt: ein Troy-Pfund (Ib ap) hat 12 Feinunzen (oz tr). Staunt der Anleger z.B. über die jährliche Förderquote eines Goldunternehmens von 100.000 Unzen, so staunt er eben über das Gewichtsäquivalent von 3,1 Tonnen Gold.

Das Pfund (lat. pondus = Gewicht) ist indessen keine imperialistische Erfindung, vielmehr geht es bereits auf die altrömische Lira zurück, daher auch sein Einheitenkürzel lb oder Lb. Kaiser Karl der Große legte in seiner Münzordnung fest, dass seine Münzmeister aus einem „Karlspfund“ Silber 240 Pfennige (Denare) prägten. Dieses System hat sich im Prinzip in England im Pfund Sterling bis 1971 erhalten. Ein britisches bzw. amerikanisches Pfund wiegt 453,569 Gramm. Es entspricht 16 Unzen. Ein troy pound umfaßt 12 oz. Tr. Das sind 373,24 Gramm. Bei den Soft Communities, also den Agrarrohstoffen, ist es in den USA üblich, landwirtschaftliche Produkte in Bushel (Scheffel) zu messen. Aber auch da lauert ein „doppelzüngiger“ Waagebalken: Das bushel für Mais und Reis hat 56 pound oder 25,4 kg. Beim Weizen und bei der Sojabohne umfaßt das bushel 60 pound oder 27,2 kg.

Urkilogramm unter Glashauben und die 1-kg-Si-Kugel

Gönnen wir uns einen kurzen, bescheidenen Blick auf unser internationales Einheitensystem. Selbst das Urkilogramm als Masse-Einheit für 1 kg ist heute noch per definitiona gefragt. Alle anderen Grundeinheiten wie Meter und Sekunde sind über unverrückbare Naturkonstanten definiert. Noch dient der Dinosaurier unter den Einheiten, das Prototyp-Urkilogramm, als internationales Standardmaß. Dieser 39-mm-Zylinder aus einer Platin-Iridium-Legierung lagert seit 1889 unter drei Glasglocken in einem Tresor in Sèvres bei Paris. Bisher gibt es weltweit 40 Kopien des Urzylinders auf nationaler Ebene. Beim jährlichen Vergleich mit dem Urkilogramm wichen die Kopien immer mehr vom Original ab. Ursache ist vermutlich ein Gewichtsverlust des Prototyps. Experten mutmaßen, dass aus dem Urkilogramm eingeschlossene Gase diffundieren. Es geht dabei, oh Schreck, um einen Gewichtsverlust von 0,000.0005 Gramm pro Jahr.

Die Wissenschaftler an der PTB in Braunschweig versuchen es mit einer verblüffenden, neuen Referenz, nämlich mit einer hochreinen Kugel aus einem Silizium-Einkristall. Es geht dabei um die Anzahl der Atome, die zusammen präzise 1 kg wiegen sollen. Die Crux dieser aus 21 Quadrillionen Si-Atomen (eine Zahl mit 26 Stellen) bestehenden Kugel: Sie läßt sich trotz Laservermessung nicht genügend präzise herstellen. Übertragen auf den Erdball, würde die Unebenheit ihrer Oberfläche nur 1,5 m betragen. Das Wettrennen um die absolute Definition des Kilogramms geht weiter bis zur nächsten Generalkonferenz für Maße und Gewichte. 

All zu Menschliches: Zoll, Kubikfuß und Gallone

Kommen wir zurück auf das imperiale Maßsystem der Amerikaner und Briten von anno 1824. Basis ist das Zoll (inch). Es geht auf die Daumenbreite zurück, entsprechend 2,54 cm. 12 inch entsprechen ein Fuß (foot), abgeleitet von der Länge eines menschlichen Fußes. Der Rauminhalt des Kubikfuß beträgt 28,3 Liter. 0,0353 Kubikfuß entspricht unserem Liter. Den Kubikfuß-Angaben begegnet der Spekulant z.B. bei Erdgas-Futures. Dagegen werden z.B. Benzinvolumina und Heizölkontrakte in Gallonen gemessen. 1 Gallone ist 3,79 Liter. 

Das Karat als Gewichts- und Legierungseinheit

Verweilen wir bei handlicheren Gewichtseinheiten aus dem Gebiet der Diamanten und Edelsteine. Seit altersher ist hier das Carat in Gebrauch, dessen Gewicht sich aus dem Samenkorn des Johannisbrotbaums ableitet. Dieser Samen ist relativ stabil im Gewicht, selbst bei wechselnder Luftfeuchtigkeit. 1875 wurde für das metrische Carat 0,2 Gramm festgelegt; 5 ct entsprechen also 1 Gramm. Übrigens ist 1 Unze gleich 142 ct. Ein einkarätiger Diamant-Brillant ‒ er darf zwischen 0,95 und 1,03 ct wiegen ‒ hat etwa einen Rondist-Durchmesser von 6,4 mm. Wenn eine Diamantenmine jährlich eine Million Karat Rohdiamanten fördert, so sind das schlicht 200 kg.

Etwas verwirrend für den Laien ist die Tatsache, dass auch Goldlegierungen in Karat angegeben werden. Hier ist der Bezug ein anderer. Man geht vom Feingehalt des Goldes, den Gewichtsanteilen von 999,9 (= 1000) oder 99,9% aus und setzt diese gleich 24 Karat. Eine Goldlegierung, die 775/1000 Gold oder 75% Gold enthält, ist 18-karätig. 585 Teile Gold von insgesamt 1.000 Teilen in der Legierung sind dann 58,5% oder 14 Karat. Ein Schmuckstück, das z. B. mit 775 gepunzt (gestempelt) ist, muß aus 75% reinem Gold bestehen. 

Verwirrungen um den Silbergehalt: die Lötigkeit

Ist Feinsilber etwa Münzsilber oder welchen Silbergehalt hat ein 12lötiges Objekt der Begierde? Nun, 925er Silber ist Sterlingsilber und hat einen Anteil von 925 Teilen Feinsilber und 75 Teilen Kupfer. Dann gibt es das sogenannte Gebrauchssilber mit 800 oder 835 Anteilen Feinsilber. Neusilber heißt auch Alpaka und ist nur eine silberähnliche Kupfer-Zink-Nickel-Legierung. Gar nicht so selten begegnet dem Sammler das sogenannte 13lötige Silber. Wieviel Prozent Silber steckt da drin? In diesem Fall sind es 81,2%. 16lötiges Silber enthält 99% Ag. Merke: Allgemein als Formel ausgedrückt: 6,5 mal „Lötigkeit“ gleich Silberanteil in Prozent.

Bei Essbestecken gibt die eingeschlagene Kennzahl 60 g, 90 g oder 120 g über den Versilberungsgrad für ein Dutzend genormter Besteckteile Aufschluss. Das ist die Niederschlagsmenge von Silber in Gramm. Dabei wird zu Grunde gelegt, dass sich 60; 90 oder 120 Gramm Silber auf einer Fläche von 24 Quadratdezimeter niederschlagen. Das entspricht etwa der Oberfläche von 12 Gabeln und 12 Löffel. Wenig bekannt ist, dass auch aus „vollem“ Silber gefertigte Qualitätswaren zusätzlich noch einen galvanischen Überzug aus Feinsilber erhalten können, um Lötfugen zu kaschieren und Farbunterschiede auszugleichen. 

Ikonen mit Silber-Oklat und Opas Silberschätzchen

Gelegentlich können Sie bei Ihrer Suche auf Schmuck- und Ziergegenstände stoßen, die aus dem südostasiatischen Raum stammen. Doch Vorsicht, nicht selten sind das giftige Silber-Cadmium-Legierungen. Erst eine Röntgenfluoreszenzanalyse entlarvt sie. Meist liegt der Silbergehalt unter dem Mindestfeingehalt von 800/1000 Teilen Silber. Schließlich hat es Ihnen eine russische Ikone angetan mit einem sogenannten Silber-Oklat. Das ist ein Überzug aus Metallblech auf der Ikone, die nur Gesicht und Hände einer sakralen Figur preisgibt. Für was auch immer Ihr Sammlerherz schlägt, Silber ist in jeder Form eine lohnende Anlage, z.B. Hohlkörper wie Vasen oder Kannen aus antikem Sterling-Silber, preiswert erstanden auf Auktionen. Dazu können dem Staat keine begehrlichen Langfinger wachsen. Kleiner Pflegetipp: natürlicher Silberputz mit Bio-Stein.

Wohl dem, der sich in Geduld übt und seinen Silberschatz nicht verscherbelt. Das hastige Verflüssigen zu schnödem Geld wäre fatal. Eher übergibt „Opa“ post hum seinen Erben ein wirklich kostbares Geschenk, denn bereits in der nächsten Generation sind sämtliche Silberminen dieser Welt erschöpft. Welch eine Motivation!

Schließlich sorgte mancher Nachlass aus Silber dafür, dass bei den Hinterbliebenen der Schmerz deutlich nachlässt. Und bedenken Sie: Auf Dauer schmilzt der Eurowert wie Butter in der Sonne. Eine „Ritterrüstung“ aus Gold und Silber macht dagegen Ihr Vermögen wetterfest, also robust gegen Sturm und Braus dumm-strotzender, deutscher Energiepolitik.

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