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Phagen: Kampfzwerge gegen „böse“ Bakterien

Von Hans-Jörg Müllenmeister

Schon heute sterben weltweit jedes Jahr rund 700.000 Menschen an einer Infektion mit Antibiotika-resistenten Keimen. In Deutschland infizieren sich jährlich 35.000 Patienten mit einem derartigen Bakterium, dem Staphylococcus-areus-Keim (MRSA); davon sterben 23.000 infizierte Patienten. Neuerdings rücken naturgegebene Kampfroboter, sogenannte Bakteriophagen, in den Fokus der Humanmedizin.

Längst sindwegen Fehldosierungdie herkömmlichen Antibiotika-Waffen zu zahnlosen Tigern verkommen. Dagegen versprechen Phagen, die Wurzel allen Übels – nämlich multiresistente Keime – gezielt anzugreifen und zu vernichtet. Sie wirken effektiv und zugleich tödlich eben auf diese „bösartigen“ Bakterienstämme und dies ohne Nebenwirkungen. Fest steht, dass es daneben auch Phagen-resistente Keime gibt.

Kurz zu den Antagonisten: Phage (Virus) vs. Bakterium

Während ein Bakterium zwischen 1 bis 10 Mikrometer groß ist, misst ein Virus etwa 0,02 Mikrometer, dies bei einer Masse von nur 0,3 bis 5 Billardstel Gramm (10 hoch -15 Gramm). Der Bakterienfresser, der Phage, ist rund 100mal kleiner als das Bakterium selbst; Phagus bedeutet auf altgriechisch „fressen“. Diese Viren-Winzlinge gibt es überall in der Natur mit einer geschätzten Anzahl von 10 hoch 30 Individuen allein in unseren Weltmeeren. Rechnen Sie mal nach: Das sind in der Summe rund 5 Milliarden Tonnen, die unsere Winzlinge zusammen auf die Waage bringen. Überall in brackigen Gewässern, in Teichen und auch in Kläranlagen tummeln sie sich in Massen. Auch wir Menschen als wandelnde zweibeinige Zoos führen allzeit ein gerüttelt Maß an Phagen auf und in unserem Körper mit uns.

Bakterien unterhalten ja einen eigenen Stoffwechsel. Dieser fehlt den unbelebten Viren. Indes stellt sich die Frage: Wer tauchte zuerst in der Evolutionsgeschichte auf (Huhn oder Ei), Phagen oder Bakterien? Es waren die Bakterien. Erst danach gesellten sich im Ökosystem Phagen dazu, da sie als Parasit zur Reproduktion den Stoffwechsel der Bakterien nutzen.

Wie wirkt der Phage auf das Bakterium?

Ein Phage besteht grundsätzlich aus Kopf und Schwanz und Schwanztentakeln. Er ist so etwas wie der Kuckuck unter den Nanowesen, Statt eines Eis schleust er seine DNA in das Wirtsbakterium ein. Dieses nanogroße Kampfgebilde (Durchmesser etwa 25 nm) sieht übrigens makrokosmisch aus wie eine Weltraumsonde, das – stachelbewehrt – an die Erkennungsmoleküle des Wirtsbakteriums andockt. Der Phage injiziert sein Erbgut durch sein Schwanzrohr und dominiert die bakterielle Zellmaschinerie. Diese produziert in der Folge Phagen-Kopien bis sie platzt und dadurch scharenweise Phagen-Nachwuchs freisetzt: Die Phagen-Armada schwärmt aus. Die Kettenreaktion läuft so lange, bis alle Bakterien „tot-geplatzt“ sind. Ihre Zellhüllen baut wiederum der menschliche Körper ab, samt der angehefteten leeren Phagen-Hülle an der Oberfläche des Bakteriums.

Historie der Phagen-Therapie

Im Grunde ist die Entdeckung und Anwendung von Phagen um 1921 zur Therapie bakterieller Infektionen eher eine „neu-antike“ Geschichte – lange vor Entdeckung des Konkurrenz-Therapeutikums Penicillin. Es war der umtriebige Biologe Felix d’Hérelle, der erstmals Pest-kranke Menschen mit geeigneten Bakteriophagen erfolgreich behandelte. Auf Einladung Stalins kam d´Hérelle 1933 nach Tiflis, Georgien. Hier gründete er 1936 mit seinem Freund Georgi Eliavanem das Eliava-Institut für Phagen-Forschung, das heute noch existiert.

Anzumerken ist, dass man d’Hérelle für seine epochalen Phagen-Entdeckung zwar mehrfach zum Nobelpreis vorgeschlagen hat, er ihn aber nie bekam. Ein Schelm, wer dahinter die Pharmaindustrie vermutet. So geriet die Phagen-Therapie durch das Verabreichen des „Demenz“-Virus der Pharmakraken in Vergessenheit. Warum? Die Pharmariesen versprachen sich von den Penicillinen – da biosynthetisch im großen Stil zu gewinnen – die weitaus größeren Gewinnmargen. Und sie hatten Recht, bis neulich. Wie gesagt, den Penicillinen gehört wohl nicht die Zukunft, da multiresistente Bakterien immer einen Schritt voraus sind.

Übrigens gibt es genügend andere Beispiele für Naturprodukte, die dem Zwangsvergessen anheim fielen, z.B. Strophanthin (Samen einer afrikanischen Schlingpflanze): Ein natürliches Herzglykosid ohne Nebenwirkung. Das Therapeutikum verschwand in den 1960-er Jahren aus den Regalen der Apotheken und aus den Köpfen der Weißkittel. Seitdem dominieren die allbekannten chemischen Keulen-Cocktails wie z.B. die chemischen Betablocker.

Der steinige Weg der Phagen-Forschung

Es bedarf viel Kapitaleinsatz, um neue schlagkräftige Antibiotika gegen multiresistente Keime zu entwickeln. Dazu ist Big-Pharma nicht bereit. Zudem dürfen nach den Ethik-Regeln des Welt-Ärztebundes Ärzte Bakteriophagen nur verwenden, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Dabei gelten Phagen als sicher. So wurde bereits 2013 ein Phagen-Spray von der FDA für Lebensmittel zur Bekämpfung von Krankheitskeimen und Verderbniserregern zugelassen. In den NL ist sogar die Konservierung von Bioprodukten erlaubt.
Ich habe meine Zweifel, ob in Bälde Phagen-Präparate als Therapie beim Patienten in Deutschland genehmigt werden, allein die Zulassungsbehörden haben einen Hindernisparcours vom Feinsten aufgestellt.
Der Clou besteht darin, den Phagen-Cocktail herauszufinden, der für den vorhandenen Keim oder den jeweiligen Patienten individuell zugeschnitten ist. Darin liegt eine große Chance, gleichzeitig aber auch die Schwierigkeit, die Hürden der Zulassung zu überwinden.

Phagen-Applikationen

In naher Zukunft könnte man Phagen in ganz Europa zulassen und sie in Medizinprodukten einsetzen, z.B. bei Hüft- und Knie-Operationen. Bei Implantaten (künstliche Hüft- und Kniegelenke, Herzschrittmacher und Katheter) besteht die Gefahr, dass resistente Keime auf der Oberfläche einen Biofilm bilden, der diese Keime zusätzlich vor Angriffen schützt. Fakt ist, dass fünf Prozent der Knie- und Hüftoperierten innerhalb von zehn Jahren eine schwerwiegende Infektion erleiden. Phagen könnten diese aber verhindern. In Kombination mit einem Antibiotikum vernichten Phagen etwa 97 Prozent der Bakterien. Ein Antibiotikum allein schafft wegen des schützenden Biofilms nicht einmal drei Prozent.

Unternehmen, die Phagen-Forschung betreiben, sind rar

Es kann sogar zu einem notwendigen Quantensprung in der Arzneimittelforschung kommen, wenn durch eine Corona-Virus-Pandemie die hergestellten Antibiotika-Wirkstoffe aus der chinesische Stadt Wuhan für lange Zeit blockiert sind. Kein Export mehr! Dann sind alternative Heilmethoden dringender denn je gefragt.
Meines Wissens gibt es nur ganz wenige kleine Unternehmen weltweit, die sich mit dem spannenden Thema der wiederentdeckten Phagen-Forschung beschäftigen. Wer hier rechtzeitig Anteile eines solchen Unternehmens erwirbt, wirkt mit an einer heilsamen Zukunft und sorgt für rasche Korpulenz seines Portemonnaies.

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