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Lebensstil und Pankreas-Erkrankungen: Eine toxische Verbindung?

Von Hans-Jörg Müllenmeister 

Unser Bauchraum beherbergt Verdauungshelden wie Leber, Galle, Magen und Darm. Ein oft unterschätzter Akteur ist dabei die Bauchspeicheldrüse. Medizinisch heißt dieses Multitalent Pankreas (griechisch pan „alles“ und kreas „Fleisch“). Wird das Pankreas durch schlechte Lebensgewohnheiten dauerhaft gereizt, kann das fatal enden – denn ein Pankreas-Karzinom zählt zu den gefährlichsten Krebsformen.

Es lohnt sich, die Funktionen, mögliche Erkrankungen und ernährungs­bezogene Risikofaktoren des Pankreas frühzeitig zu verstehen. Gleichzeitig gewinnen Fortschritte in der Pankreas­-Forschung, insbesondere im Kampf gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, mehr und mehr an Bedeutung. 

Statistische Einordnung

Im Jahr 2020 erkrankten in Deutschland etwa 20 200 Menschen an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Fast ebenso viele verstarben daran, da Symptome in frühen Stadien meist fehlen oder unspezifisch sind. 

Seit Ende der 1990er Jahre sind altersstandardisierte Erkrankungs- und Sterberaten leicht gestiegen, vor allem jenseits des 65. Lebensjahres. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei lediglich 1% – die geringste aller Krebsleiden. 

Prominente Opfer

Diese Erkrankung macht vor niemandem Halt:

Steve Jobs (Apple-Mitbegründer), verstarb 2011 mit 56 Jahren 
Piers Sellers (NASA-Astronaut und Klimaforscher), verstarb 2016 mit 61 Jahren 
Luciano Pavarotti (Star-Tenor), verstarb 2007 mit 72 Jahren 
Wolfgang Petersen (Regisseur von „Das Boot“), verstarb 2022 mit 81 Jahren 

Diese Namen zeigen, dass Pankreaskrebs keine Grenzen kennt – weder geografisch noch beruflich. Die Krankheit trifft Menschen aus allen Lebensbereichen und bleibt oft lange unerkannt. 

Auch in meinem Umfeld gab es mehrere Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs, darunter ein Kardiologe, der in Würde und rechtzeitig seinen eigenen Weg des Abschieds wählte. 

Pankreas-Symptome im Überblick

Frühe Warnsignale sind oft diffus und leicht fehlzuinterpretieren:

Oberbauchschmerzen, die in den Rücken ausstrahlen, 
Appetitlosigkeit und unerklärlicher Gewichtsverlust, 
Übelkeit und gelegentlich Erbrechen.

In fortgeschrittenen Stadien sind Heilungschancen deutlich geringer. Nur etwa jeder dritte Patient kommt dank Operation in den Genuss einer potenziell kurativen Behandlung. 

Anatomie und Lage

Die keilförmige Bauchspeicheldrüse wiegt etwa 100 Gramm und liegt gut verborgen im Körperinneren – direkt direkt hinter dem Magen und vor der Lendenwirbelsäule. Sie befindet sich  in unmittelbarer Nähe zur Aorta sowie deren  Abzweigungen, die Leber, Magen und oberen Darmabschnitt. Aufgrund diese versteckten Lage bleiben Tumoren in der Bauchspeicheldrüse oft lange unentdeckt  – ein wesentlicher Grund, warum Pankreaskrebs so tückisch ist. 

Ein interessanter historischer Aspekt: Leonardo da Vincis anatomische Zeichnungen aus dem Jahre 1510 gelten als die ersten korrekten Darstellungen des menschlichen Körpers. Dennoch blieb ihm das versteckte Pankreas bei seinen anatomische Präparationen verborgen – vermutlich, weil sein Fokus stärker auf dem Muskelapparat lag oder weil es sich nach dem Tod durch Autolyse bereits aufgelöst hatte.   

Die Bauchspeicheldrüse: Ein doppelgesichtiges Multitalent 
Eine historische Irrfahrt ins Unbekannte

Lange geisterte die Bauchspeicheldrüse im Schatten medizinischer Mythen: Jean François Fernel sah sie einst als Quelle der Melancholie und kurioser Fieberschübe. Erst 1869 lüftete Paul Langerhans das Geheimnis ihrer Hormoninseln – ein winziger „Vorhangheber“, der uns zeigte, dass dieses Drüsen-Organ weit mehr kann als bloß Geheimnisse hüten. 

Exokrine Funktion: Der unsichtbare Verdauungsarchitekt

Jeden Tag entlässt das Pankreas bis zu drei Liter eines unscheinbaren, doch hochwirksamen Sekrets – ein Ballet aus mehr als 20 Verdauungsenzymen. Diese Vorstufen schlummern zunächst in unschuldiger Untätigkeit, werden durchs verzweigte Kanalsystem geleitet und schließlich kurz vor dem Sprung in den Zwölffingerdarm mit Gallensaft vereint. Erst hier erwachen Amylase, Trypsin und Lipase zu ihrer vollen Kraft. Sie „zerschneiden“ Stärke, Eiweiß und Fett in allerkleinste Brocken und ebnen so den Weg ins Blut. Fehlen diese winzigen Schneider, bleibt unser Darm auf verlorenem Posten: Kohlenhydrate, Proteine und Fette bleiben unzerkleinert, produziert werden Blähungen, Bauchkrämpfe und chronischer Nährstoffmangel – ein stiller Engpass mit weitreichenden Folgen. 

Endokrine Funktion: Der Wächter des Blutzuckers

Im verborgenen Inselreich des Pankreas ruhen knapp 1,5 Millionen Langerhans’sche Inseln – zusammen nur rund 2,5 Gramm, doch von höchster Bedeutung. Hier schmieden Beta-Zellen Insulin, den Schlüssel, der Glukose in jede Zelle unseres Körpers lässt. Ohne diesen Schlüssel verharrt die Glukose im Blut, Zellen verhungern trotz Überfluss, und der Blutzucker steigt zu gefährlichen Höhen. Doch nicht allein Insulin wirkt hier­ – Alpha-Zellen schaffen mit Glukagon Gegengewicht, indem sie bei Hungerattacken oder Unterzucker aus den Leberdepots Traubenzucker freisetzen. Fehlt diese feine Abstimmung, bricht das Gleichgewicht zusammen und Diabetes erwacht.

In diesem zweigleisigen Zusammenspiel wird klar: Die Bauchspeicheldrüse ist weit mehr als ein blinder Verdauungshelfer oder eine bloße Insulin-Fabrik. Sie ist ein hochsensibles Steuerzentrum, dessen Störung uns unbemerkt in größte Not stürzen kann. 

Die Bauchspeicheldrüse im „Verdauungsorchester“

Im Zwölffingerdarm eröffnet sich die große Bühne: Hier trifft der hoch saure Magensaft auf den alkalischen Pankreassaft und harmonisiert im gleichen Augenblick, in dem mehr als 20 Enzyme ihre Arbeit aufnehmen.

Jeder Liter dieses Gemischs wirkt wie ein unsichtbares Skalpell, das Stärke, Eiweiß und Fette in winzigste Nährbausteine zerschneidet.

Amylase wuselt durch die Kohlenhydrate, Trypsin zerlegt Proteine mit chirurgischer Präzision, und Lipase löst selbst hartnäckige Fettklumpen auf – erst so können die Darmschleimhäute die Brocken ins Blut einschleusen.

Ohne diesen Pankreassaft bleibt unsere Verdauung ein zäher Hindernisparcours: Blähungen, Bauchkrämpfe und chronischer Nährstoffmangel sind die stillen Mahner eines fehlenden Dirigenten. 

Zentrale Rolle im Stoffwechsel

Darüber hinaus ist das Pankreas nicht nur Verdauungsexperte, sondern auch Blutzucker-Regisseur.

Sein hormonelles Ensemble aus Insulin und Glukagon hält unseren Zuckerspiegel in perfektem Gleichgewicht – ohne diesen Balanceakt stürzen Zellen in den Hunger oder der Blutzucker explodiert ins Gefährliche.

Jede Störung – sei es durch Entzündung, Tumor oder Insulinresistenz – wirft dieses fein abgestimmte System aus der Bahn und kann fatale Folgen nach sich ziehen. 

Ursachen und Risikofaktoren – Wenn der Lebensstil zur Gefahr wird

Unsere Alltagsentscheidungen können das Pankreas in einen ständigen Kampf verwickeln.

Alkohol und Zigaretten: Diese beiden Genussgifte entfachen ein Feuer der Entzündung in den Pankreas-Gängen. Es ist naiv, Pfeifenrauchen als harmlos zu betrachten – das Risiko für Pankreas-Erkrankungen dürfte erhöht sein, wenn auch weniger gut dokumentiert als bei Zigarettenrauchern. Pfeifenraucher haben zudem ein deutlich erhöhtes Risiko für Kehlkopf-, Speiseröhren-, Lungen- und Mundhöhlenkrebs.

Ungesunde Ernährung: Rotes Fleisch, Zucker, Weißmehl und gesättigte Fette nähren nicht nur uns, sondern auch chronische Schädigungen.

Bewegungsmangel und Stress: Ein sitzender Lebensstil fördert Übergewicht und Insulinresistenz, während Dauerstress hormonelle Ungleichgewichte provoziert.

Genetik und chronische Entzündungen: Vorbelastung und wiederkehrende Pankreatitis legen den Grundstein für spätere Karzinome.

Gegenpole einer schlechten Ernährung sind  ballaststoffreiche Haferprodukte. Sie sind entzündungshemmend, fördern die Darmflora und stabilisieren den Blutzucker – kleine Schutzheiler im Alltag. Hafer enthält nämlich lösliche Ballaststoffe, insbesondere Beta-Glucan. 

Dieses Zusammenspiel aus Verdauungsleistung und Lebensstil bestimmt, ob das Pankreas als stiller Held fungiert oder im Dauerfeuer versagt. 

Aktueller Stand der medizinischen Forschung zur Bauchspeicheldrüse

Die jüngsten Studien zeigen, dass Pankreas-Krebs nicht nur ein rein zelluläres Problem ist, sondern in engem Dialog mit dem Nervensystem steht. Forschende am Deutschen Krebsforschungszentrum konnten erstmals nachweisen, dass Tumorzellen im Pankreas die Gen-Aktivität von umgebenden Nervenfasern umprogrammieren und dieses dichte Nervennetz das Tumorwachstum massiv fördert. Wird diese Nervenfunktion blockiert, schrumpfen die Tumoren signifikant und sprechen sogar auf sonst ineffektive Immuntherapien an.

Parallel dazu gelang am Bosch Gesundheitscampus in Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Mayo Clinic und der Universitätsmedizin Göttingen eine pharmakologisch gelungene Aktion: Mit bereits klinisch eingesetzten Glukokortikoiden, eine Gruppe der Steroidhormonen, lässt sich die molekulare Identität von Pankreas-Tumorzellen so verändern, dass sie vom aggressiven „basalen“ in den besser therapierbaren „klassischen“ Subtyp schwenken. Diese Form der Subtyp-Reprogrammierung könnte künftig die Chemotherapie-Ansprüche deutlich erhöhen und individuelle Behandlungsstrategien verfeinern. 

Gesellschaftskritische Einordnung

Während hochspezialisierte Labore an Nervenschnittstellen und Zellsubtypen laborieren, übersieht unsere Konsumgesellschaft vielfach die Wurzel vieler Pankreas-Erkrankungen: unseren Lebensstil! Steigende Alkohol- und Tabakkonsumraten, ein Überangebot an stark verarbeiteten Lebensmitteln mit weißem Mehl, Zucker und gesättigten Fetten sowie Bewegungsarmut treiben das Risiko für Pankreatitis, Diabetes und Pankreas-Karzinome in die Höhe. Allein in Deutschland entwickeln jährlich rund 20 000 Menschen einen Pankreas-Tumor, Tendenz stark steigend – und das große Publikum wundert sich, warum Betroffene „selbst schuld“ seien.

Diese verkürzte Debatte verschleiert jedoch die Verantwortung von Industrie, Politik und Gesundheitswesen. Wer Produkte mit Suchtpotenzial auf Knopfdruck bewirbt, aber Präventionsprogramme chronisch unterfinanziert, schafft epidemische Gesundheitskrisen. Die soziale Ungleichheit spielt hier eine zentrale Rolle: Geringverdienende stecken oft in „Lebensmittelwüsten“, haben weniger Zugang zu Präventionsangeboten und sind stärkerem Stress ausgesetzt. So wird aus einem organischen Krankheitsbild schnell ein politisches Versagen verschleiert.

Letztlich muss es heißen: Es liegt nicht am Individuum allein, die Bauchspeicheldrüse zu schützen, sondern auch an der Gesellschaft, die gesunde Lebensrealitäten ermöglichen sollte, statt sie rhetorisch als private „Versäumnisse“ abzutun.

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