

MRT (Magnetresonanztomographie): LWK 3/4 mit einer Stenose (Wirbelkanalverengung)
Bandscheibenschäden: Keine trockenen Küchenschwämme im Rücken
Eine Glosse von Hans-Jörg Müllenmeister
Rund 70.000 Menschen mit schmerzhaftem Bandscheibenschaden im unteren Rücken machen jährlich unfreiwillig Bekanntschaft mit dem OP-Tisch. Angesichts der Tatsache, dass deutsche Krankenhäuser inzwischen oft genau das tun, was ihr Name wörtlich aussagt – nämlich krank machen –, suchen Betroffene lieber nach einer charmanteren Lösung aus der allgegenwärtigen Gesundheitswerbung. Es müssen ja nicht immer wundersame Pillen sein, warum nicht mal ein technisches Multitalent seine Heilkraft verströmen lassen?
Besonders die verzweifelte Generation Ü60 greift auf der Suche nach Schmerzlinderung nach jedem heilversprechenden Strohhalm. Wenn die Wellness-Poesie der Werbetexter jedoch behauptet, ein Gerät könne die Bandscheiben mal eben „wieder mit Flüssigkeit aufpolstern“, ist das physiologisch so fundiert wie die Wettervorhersage beim Kaffeesatzlesen.
Der kleine, aber feine Unterschied: Vorfall vs. Enge
Bevor wir den Scharlatanen das Handwerk legen, ein kurzer medizinischer Boxenstopp. Beim klassischen Bandscheibenvorfall reißt der knorpelige Ring und der weiche Gallertkern – der zu 80 Prozent aus Wasser besteht – quillt ruckartig heraus. Das passiert oft durch plötzliche Fehlbelastung und trifft jedes Alter.
Die Spinalkanalstenose dagegen ist ein schleichender Alterungsprozess. Aus purer Verzweiflung über den Verschleiß lässt der Körper hier Knochen im Wirbelkanal wuchern, um Stabilität zu gewinnen. Blöd nur, dass dieser Kanal dadurch schrumpft und die Nerven gnadenlos eingequetscht werden. Die Quittung: höllische Schmerzen und Taubheitsgefühle in den Beinen.
Von Würmern und Wellness-Poesie
Werbetexter müssen keine Anatomievorlesung inhaliert haben. Ihre Phantasie fliegt auch so - Hauptsache, die Metapher sitzt. Wie perfide das funktioniert, zeigt eine dreiste Facebook-Masche: Da wird behauptet, die wahre Ursache für Diabetes sei ein geheimnisvoller Parasit, der in der Bauchspeicheldrüse haust. Die Logik der Scharlatane: Man müsse den Untermieter nur mit einer Portion japanischem Hafer vertreiben – und schwups, sei man geheilt.
Nach demselben Prinzip funktioniert die Masche mit der „feuchten Hoffnung“ für das geplagte Kreuz. Ein ominöses Multigerät wie das Curo Sleep kommt da wie gerufen. Es verspricht, die Bandscheiben durch Wärme und Vibration wieder „vollzusaugen“. Ein herrlich infantiles Bild: Der Kunde legt sich schmerzerfüllt auf die Matte, drückt auf „Start“ und stellt sich vor, wie das Gerät den inneren Löschschlauch aktiviert, um die vertrocknete Anatomie wieder flottzumachen. Wellness-Poesie für Faule, die geflissentlich verschweigt, dass die menschliche Wirbelsäule leider nicht an das städtische Wassernetz angeschlossen ist.
Warum der Rücken kein Spülbecken ist
Wissenschaftlich betrachtet ist die Aussage „Flüssigkeit fließt durch Massage nach“ Humbug. Die Bandscheibe hat keine eigene Blutversorgung. Sie ist ein Minimalist und lebt ausschließlich von Diffusion und Osmose. Sie ernährt sich wie ein Schwamm, den man rhythmisch drücken und wieder loslassen muss – sprich: durch Bewegung und Druckwechsel.
Ein Multigerät bietet zwar wohlige Wärme und knetet die Muskeln durch. Das ist angenehm, füllt aber keine Bandscheiben auf. Wärme sorgt für Entspannung, reizvolle Metaphern ersetzen jedoch keine Anatomie. Wer glaubt, sein Rücken sei ein Reservoir für Haushaltsschwämme, den man nur unter den richtigen Wellness-Hahn halten muss, irrt gewaltig. Komfortgeräte lindern Symptome, aber sie heilen keine strukturellen Probleme. Sie vergrößern den Wirbelkanal um keinen einzigen Millimeter.
Der Einkaufswagen als bester Freund
Was die Bandscheibe wirklich braucht, ist der rhythmische Druckwechsel beim Gehen – die natürlichste Bandscheibenpflege der Welt. Für Stenose-Patienten gibt es zudem einen ganz einfachen mechanischen Trick: die Flexion (das Vorbeugen).
Wenn der Wirbelkanal zu eng ist, sorgt das leichte Vorbeugen dafür, dass sich der Kanal mechanisch öffnet. Die Zwischenwirbelräume werden größer, die eingezwängte Nervenwurzel bekommt wieder Luft zum Atmen, und der Schmerz lässt nach. Das ist übrigens auch das ganze Geheimnis, warum ältere Herrschaften so behände mit dem Rollator oder dem Einkaufswagen durch den Supermarkt flitzen: Der leicht nach vorne geneigte Oberkörper befreit die eingeklemmten Nerven. Das schafft kein Massagegerät der Welt.
Eine Übung aus dem Nähkästchen
Aus eigener Erfahrung kann ich eine sanfte, anatomisch wertvolle Übung im Liegen empfehlen: Ziehen Sie ein Knie an und legen Sie das andere Bein darauf ab. Diese sanfte Biegung und leichte Drehung bewirkt zweierlei: Der Wirbelkanal öffnet sich spürbar und nimmt den Druck vom Nerven, während sich die geplagte Rückenmuskulatur entspannt. weniger Zug bedeutet schlicht weniger Schmerz.
Zwei „Fliegen“ mit einer „Venen-Klappe“
Ergänzend dazu gibt es eine weitere Übung, die angestautes Gewebewasser aus der geschwollenen Bein‑Fuß‑Region abtransportiert.
Im Liegen die körpereigenen Sitzpolster anspannen, mit gestreckten Beinen Druck auf die Unterlage ausüben und die Füße langsam aus dem Fußgelenk heraus auf und ab bewegen. Durch das Anspannen der Wadenmuskulatur unterstützen Sie die Arbeit der Venenklappen, die das Blut Richtung Herz pumpen. Das entwässert das geschwollene Gewebe.
Leider besitzt der Körper keinen Bypass, der dieses überschüssige Gewebewasser direkt zur Wiederbelebung in die trockenen Bandscheiben leitet.
Fazit: Wenn es nach den Krankenkassen ginge, müssten Versehrte im Trockendock mit Ihren Bandscheibenschmerzen erst monatelang mit einer ordentlichen Portion Schmerzmitteln betäuben, ehe sie am OP-Tisch Platz nehmen dürfen.
Ich weiß nicht, was Ihnen Ihr Weißkittel oder Pillendreher rät. Ich weiß auch nicht, wie empfänglich Sie für Wellness-Poesie sind. Doch der beste Ratgeber in Sachen Gesundheit bleibt Ihr eigener, wacher Körper.
Kurzum: Unser Rücken ist eben kein Refugium für trockene Küchenschwämme. Die wahre Flüssigkeitszufuhr besorgt kein sündhaft teures Multigerät. Das schaffen einzig und allein die Bewegung, die gezielte Beugung und das eigene Körpergefühl.




