
Stab und Schlange, persönliches Attribute des griechischen Heilgottes Asklepios.
Trägt die Medizin diese Attribute noch auf ihre Händen?
Am deutschen Gesundheitswesen soll die Welt genesen? Schön wär’s!
Eine Glosse von Hans‑Jörg Müllenmeister
Das einst stolze – und hier bewusst verballhornte – Diktum „Am deutschen Gesundheits‑Wesen mag die Welt genesen“ ist reine Fantasie. Die Realität belehrt uns längst eines Besseren.
Gewiss, auch wir sind Mitglieder dieses schwerfälligen, in die Jahre gekommenen Apparats aus Pharmaunternehmen, Krankenkassen, Apotheken, Medizinern und – unserer Wenigkeit, um die es hier eigentlich gehen sollte. Das Paradoxon: Wir besuchen heute häufiger Praxen und Kliniken als alle anderen Europäer, erkranken im Durchschnitt aber früher. Zugleich verschlingt das System in diesem Jahr rund 600 Milliarden Euro. Der liebe Mammon lässt sich eben an Dauerkranken verdienen, nicht an Gesunden – und mit Fug und Recht heißen die Einrichtungen ja auch Kranken‑ und nicht Gesundheitshäuser.
In meiner Jugend gab es eine Medizin, die den Menschen noch als Ganzes behandelte. Ein Hausarzt legte die Hand auf den Bauch, hörte zu und stellte Fragen, die mehr über den Patienten verrieten als jedes technische Gerät. Ich erinnere mich an „uns Opa“ mit seinen Herzschmerzen. Der bekam aus dem Ärzteköfferchen „ein Spritzchen Strophie“, wie unser Doc es liebevoll nannte – das Herznaturpräparat g‑Strophanthin, das ihm wirklich half. Längst hat Big Pharma dieses Mittel zugunsten eigener, teurer chemischer Präparate totgeschwiegen. Man will schließlich Geld verdienen und nicht wunderheilen.
Heute gleicht der menschliche Körper einem medizinischen Verwaltungsbezirk, dessen Abteilungen streng voneinander getrennt sind – als hätten sie sich im Laufe der Evolution unversöhnlich zerstritten. Für den rechten Arm ist selbstverständlich jemand anderes zuständig als für den linken. Der Rücken gehört der Orthopädie, die Nerven der Neurologie, die Seele der Psychosomatik. Und der Hausarzt – degradiert zum Überweisungsausschreiber – steht daneben wie ein Dirigent, dem man das Orchester in seine Einzelteile zerlegt hat: Er hebt zwar den Taktstock, aber die Instrumente spielen nicht mehr zusammen.
Die Diagnosekunst, einst eine stille Meisterschaft aus Erfahrung, Intuition und einem feinen Ohr für Zwischentöne, scheint heute umgekehrt proportional zum technischen Equipment zu sein. Je größer der Gerätepark, desto kleiner der Blick fürs Ganze. Manchmal hat man den Eindruck, das MRT sei der eigentliche Arzt – und der weiße Kittel daneben nur der Bediener, der höflich darum bittet, das Gerät möge ihm doch gleich die fertige Diagnose ausspucken.
Während der Euphemismus schlampigen Ärztepfusch edel als tragischen „Kunstfehler“ tarnt, mutiert sträflich vergessenes OP‑Besteck im Bauchraum zum neuesten Trendsetter – und macht als chirurgisches Scherflein und avantgardistisches Innen‑Piercing Furore.
Dabei lohnt sich ein Blick in die amtliche Chronik des medizinischen Sündenregisters, wo die Fakten zwar leise, aber mit erschreckender Hartnäckigkeit sprechen. Allein im Jahr 2025 wurden in Deutschland 11.735 amtliche Verdachtsfälle auf Behandlungsfehler begutachtet. In 2.700 Fällen hielten die Gutachter schwarz auf weiß fest: Jawohl, der Fehler war nachweislich die Ursache des gesundheitlichen Schadens. Besonders makaber wird es in der Statistik der sogenannten „Never Events“ – also jener Vorfälle, die laut Lehrbuch niemals passieren dürften. Satte 150‑mal wurde im selben Jahr die große Kunst der Verwechslung zelebriert: Da wurde am falschen Körperteil operiert, der falsche Patient in den Saal geschoben oder die Medikation kreativ gewürfelt. Für 97 Patienten endete dieses medizinische Roulette sogar tödlich. Und das Schönste daran: Diese Zahlen bilden lediglich die aktenkundige Spitze des Eisbergs, während die gigantische Dunkelziffer friedlich unter der Oberfläche schlummert.
Wer nun glaubt, das unfreiwillige chirurgische Metall im Bauchraum ließe sich im Nachgang unbürokratisch entfernen, unterschätzt die deutsche Verwaltungskunst. Für die Extraktion des Schmucks bedarf es schließlich erst eines dreifach ausgedruckten Überweisungsscheins und der Genehmigung durch den Medizinischen Dienst.
Da sind sie wieder, die unzähligen unnötigen Operationen, die jedes Jahr durchgeführt werden – Eingriffe, die man mit etwas mehr Zeit, etwas mehr Zuhören und etwas weniger Gerätevertrauen vielleicht hätte vermeiden können. Da sind die vermeidbaren Kosten, die sich wie kleine Gebirgsketten durch die Abrechnungen ziehen: Positionen, die man nur versteht, wenn man ein Wörterbuch für medizinische Bürokratie besitzt. Und da ist diese absurde Bürokratie selbst, die sich wie ein zweiter, chronisch kranker Patient zwischen Arzt und Mensch schiebt. Formulare müssen ausgefüllt werden, noch bevor überhaupt jemand weiß, was dem Patienten eigentlich fehlt. Manchmal fragt man sich, ob Mediziner heute eher Verwalter oder Buchhalter unserer Gesundheit sind – Menschen, die mit ernster Miene Zahlen hinter dem PC hockend prüfen, während der Patient gegenüber sitzt und hofft, dass irgendwo noch ein Rest ärztlicher Kunst herüberwächst.
Doch während die Medizin den Menschen in Abteilungen zerlegt, zerlegt sich der Mensch inzwischen auch selbst – freiwillig und aus rein ästhetischem Übereifer. Schönheits‑OPs sind zur modernen Pilgerfahrt geworden: ein Weg, der nicht zur Gesundheit führt, sondern zu einer Idealvorstellung, die sich täglich neu erfindet.
Es müssen ja nicht gleich aufgedunsene Schlauchbootlippen sein. Manchmal genügt schon ein „sanfter Lift“, ein „dezentes Glätten“ oder ein „minimalinvasives Auffrischen“ – Worte, die klingen wie die Pflegeanleitung für einen Frühlingsgarten, nicht wie ein blutiger Eingriff mit dem Skalpell. Die Patientin kommt nicht, weil etwas schmerzt, sondern weil etwas fehlt: ein Millimeter Jugend, ein Hauch Symmetrie, ein Schatten weniger unter dem Auge. Die Medizin, die früher Krankheiten kurierte, behandelt heute eben Stimmungen.
Und dann erst die individuellen Zusatzleistungen: kleine medizinische Feinkostartikel, die „leider nicht von der gesetzlichen Kasse übernommen werden“. Früher ging man zum Arzt, um gesund zu werden. Heute geht man hin, um herauszufinden, welche Leistung man sich finanziell nicht leisten kann – oder welche man sich aufdrängen lässt, obwohl man sie gar nicht braucht.
Die moderne Medizin bietet mittlerweile fast alles – nur noch selten das Gefühl, als Mensch wirklich gesehen zu werden. Vielleicht ist der Mensch doch mehr als die Summe seiner Puzzelstücke. Und vielleicht ist Schönheit mehr als die Summe ihrer operativen Korrekturen. Aber das muss man heute offenbar wieder ganz neu lernen. Und zwar völlig ohne Zusatzkosten.
Hand aufs Herz: Auch wir Patienten müssen uns an die eigene Nase fassen – und nicht für jede verquere Flatulenz die Wartezimmer parfümieren. Viele Unpässlichkeiten bekommt unser Körper selbst in den Griff. Denn jeder Organismus trägt die stille, fast mystische Fähigkeit der Selbstheilung in sich.
Mit etwas mehr eigenem Zutun durch richtige Lebensführung – Geduld, Bewegung, Gewichtsabbau – und das alles ohne Nebenwirkungen. Sprechen Sie mit Ihrem Körper und fragen Sie dazu nicht Ihre Ärztin, Ihren Arzt … ja, dieses Geschnatter kennen Sie zur Genüge aus der penetranten Werbung.
Vielleicht liegt die Zukunft der Medizin ja gar nicht im Fortschritt, sondern in der Rückbesinnung: ein Arzt, der wieder zuhört, ein Patient, der wieder fühlt – und ein Gesundheitssystem, das wenigstens so tut, als ginge es ihm um Gesundheit. Bis dahin bleibt uns die tröstliche Gewissheit, dass man für jede Kleinigkeit irgendwann einen Termin bekommt. Nur nicht für Menschlichkeit. Die ist leider ausgebucht.




