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Rätselhafte Eisklötze durchschlagen Hausdächer

Von Peter Haisenko 23.06.2012

In letzter Zeit wird wieder vermehrt darüber berichtet, dass „rätselhafte“ Eisklötze aus heiterem Himmel fallen. Diese können groß wie ein Fussball sein und erheblichen Schaden anrichten. Nun, diese Eisklötze sind alles Andere als rätselhaft.

Es war wohl im Jahr 1978 als eine Boeing 727 der Lufthansa auf dem Weg von Frankfurt nach Ankara war. Als nach etwa zwei Stunden Flugzeit Istanbul überflogen wurde, in 10 Kilometer Höhe, tat es einen gewaltigen Rumms und das Triebwerk Nummer drei hatte sich verabschiedet. Die folgende Ausweichlandung in Istanbul verlief unspektakulär, wie es von echten Profis nicht anders zu erwarten war.

Der Motor wurde gewechselt und der Flug am nächsten Tag nach Ankara fortgesetzt. Der folgende Rückflug führte wieder über Istanbul und mancher dachte schon an ein schlimmes Karma, als sich wiederum in etwa 10 Kilometer Höhe ebendort der Dreier-Motor mit einem lauten Rumms verabschiedete. Die Ausweichlandung in Istanbul drohte zur Routine zu werden. Motor gewechselt, Flug nach Hause ohne Zwischenfälle.

Diese doch ungewöhnliche Häufung eines eigentlich äußerst seltenen Schadens wurde natürlich noch sorgfältiger untersucht, als das sowieso nach jeglicher Abweichung von der Normalität in der Fliegerei üblich ist. Die Ortsgleichheit des Vorfalls war eine Sache für sich.

Die Untersuchung der zerstörten Motoren brachte Ungewöhnliches zu Tage: Man fand in beiden Motoren Fäkalien und die gehören dort definitiv nicht hin. Die Frage lautete also: Wo kommt die Scheiße her? Die Lösung des Rätsels wurde befördert durch die Tatsache, das zusätzlich zu den Fäkalien auch Reste der blauen Toilettenflüssigkeit nachgewiesen werden konnten. Letztendlich war alles ganz einfach.

Irgendjemand hatte Sektkorken in die vordere Toilette geworfen. Beim Abpumpen der gebrauchten Spülflüssigkeit hatte sich durch eine Unachtsamkeit des Fäkalienwagenfahrers ein Sektkorken im Verschluss verklemmt und dadurch war der Fäkalientank nicht mehr dicht. Im Reiseflug in 10 Kilometer Höhe hat der Innendruck dann langsam mehr und mehr der unangenehmen Flüssigkeit durch das undichte Ventil gedrückt. Weil dort oben etwa minus 56 Grad Celsius herrschen, gefror die Flüssigkeit zu einem immer größer werdenden Eisklotz.

Nach etwa zwei Flugstunden, eben über Istanbul, war der Eisklotz so groß geworden, dass er dem Druck der anströmenden Luft nicht mehr widerstehen konnte und sich ablöste. Weil die 727 den Toiletten-service-outlet vorne rechts am Rumpf hat und das Triebwerk Nummer Drei rechts hinten ist, hat die Luftströmung den Klotz genau in den Motor geschleudert. Das Mysterium war gelöst. Ob trotzdem Karma im Spiel war, lasse ich dahingestellt.

Lufthansa hat daraufhin eine komplette Kontrolle aller Toiletten-service-outlets durchgeführt, an allen Flugzeugtypen, und etliche gefunden, die nicht wirklich dicht waren. Lufthansa hat seine Wartungszyklen angepasst und so ist dieses Problem bei Lufthansa niemals wieder aufgetreten. Allerdings verursacht das Kosten.

In der heutigen Zeit der Billigairlines wird an allen Ecken gespart. Ich will niemandem zu nahe treten, aber für mich ist eindeutig, dass mangelhafte Wartung und schlampige Überwachung der Bodenservicedienste für das neuerdings gehäufte Erscheinen „rätselhafter“ Eisklötze verantwortlich ist. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt und kann nur an älteren Flugzeugtypen auftreten. Ein moderner Airbus zum Beispiel hat ein komplett geschlossenes Fäkaliensystem, das noch dazu unter Unterdruck steht. Da kann während des Flugs definitiv nichts austreten.

Die Eisklötze können also nur von Airlines stammen, die noch mit älteren Typen MD 80-83 oder B 737 unterwegs sind. Das sind sie, die Billigflieger. Wenn also ein „rätselhafter“ Eisklotz vom Himmel fällt, dann ist ungenügende Wartung oder mangelnde Sorgfalt die Ursache. Und diese Eisklötze, wenn sie sich denn gebildet haben, werden immer runterfallen. Spätestens dann, wenn das Flugzeug wieder tiefer fliegt, also in wärmeren Luftschichten. Normalerweise werden sie nicht von Triebwerken absorbiert.

Mich irritieren zwei Dinge: Wieso wird nicht ehrlich berichtet, wenn wieder einmal ein Eisklotz vom Himmel fällt und warum wird die verantwortliche Fluggesellschaft nicht identifiziert und zur Verantwortung gezogen? Die lückenlosen Radaraufzeichnungen können das gewährleisten.

Wird hier in der Berichterstattung Rücksicht genommen, zu Lasten derjenigen Fluggesellschaften, die ihre Wartung tadellos halten und dafür natürlich höhere Kosten haben? Wenn wir nicht mit der Angst leben wollen, jederzeit von einem Eisklotz aus heiterem Himmel erschlagen zu werden, dann sollten die Wartungsverfahren der verantwortlichen Fluggesellschaften peinlichst überprüft werden und gegebenenfalls eine Korrektur angeordnet werden. Auch wenn die Herrschaften mit ihren alten 737 ihre Flüge dann nicht mehr ganz so billig verkaufen können.

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