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Wie gefährlich war die Situation im Kanzler-Jet?

Von Peter Haisenko

Der A 340-300 „Konrad Adenauer“ der Luftwaffe gehörte einst der Lufthansa und damals habe ich diese Maschine oftmals selbst als Kapitän geflogen. Ich kann mich an keine technische Störung bei diesem Flugzeug erinnern, die eine Verspätung oder gar den Ausfall eines Fluges verursacht hätte. Wie kommt es dazu, dass sich die Ausfälle der „Konrad Adenauer“ in der letzten Zeit häufen?

Wird ein Flugzeug aus der Zivilluftfahrt in den Dienst der Regierung überstellt, werden erhebliche Umbauten vorgenommen. Diese betreffen nicht nur die Ausstattung der Kabine, sondern vor allem die technische Ausrüstung im Bereich der Kommunikationsmittel. Es müssen abhörsichere Kanäle installiert werden, sowie FAX und Satellitenverbindungen. Das sollte aber nichts ändern an den auch in Zivilflugzeugen üblichen und mehrfach redundanten Kommunikationsmitteln, die für die normale Flugabwicklung unabdingbar sind. So erscheint es sehr bedenklich, wenn alle normalen Funkverbindungen gleichzeitig ausfallen, wie berichtet worden ist. Dass gleichzeitig auch noch das Schnellablasssystem für Treibstoff nicht zur Verfügung stand, deutet auf einen massiven Fehler in der Stromversorgung hin.

Alle wichtigen technischen Systeme sind mehrfach redundant konzipiert

Der A 340 ist ein Langstreckenflugzeug und deswegen mit besonderer Redundanz konzipiert. Immerhin muss Vorsorge getroffen werden, dass das Flugzeug nicht in ernste Bedrängnis kommt, wenn über Wasser Systeme ausfallen und der nächste Flughafen vier oder mehr Stunden entfernt liegt. So verfügt der A 340 über fünf Generatoren – vier Triebwerke und ein Hilfstriebwerk – von denen jeder allein die gesamte Stromversorgung für wichtige Komponenten übernehmen kann. Dann gibt es noch eine Batterie mit Wechselrichter, die für eine halbe Stunde den Funk und andere lebenswichtige elektrische Funktionen sicherstellen kann. Zusätzlich kann im äußersten Notfall noch eine Turbine aus dem Flügel geklappt werden, die mit dem Fahrtwind sowohl Hydraulik liefert, als auch eine letzte Notstromversorgung. Alle diese Vorkehrungen sind selbstverständlich auch im Kanzler-Jet vorhanden, ganz gleich, wie sehr er modifiziert wurde.

Die primären Funkanlagen für die Kommunikation mit den Bodenkontrollstellen hängen an zwei unterschiedlichen Stromversorgungen. Zusätzlich gibt es zwei Kurzwellen-Sender/Empfänger, die auch an verschiedenen Stromschienen hängen. Der A 340 hat noch oben drauf eine Satellitenkommunikationsanlage, über die nicht nur der Anschluss ans Internet läuft, sondern auch eine Art SMS-Funktion, mit der Freigaben über Flugroute und Höhe mit den Bodenstationen abgestimmt werden, ohne mit der Bodenstation direkt sprechen zu müssen. So kann ich nur berichten, dass es während meiner 30-jährigen Dienstzeit auf Verkehrsflugzeugen niemals einen Totalausfall der primären Kommunikation mit den Bodenkontrollstellen gegeben hat. Was jetzt mit der „Konrad Adenauer“ geschehen ist, ist nicht nur extrem unwahrscheinlich (10 hoch minus 11), sondern eigentlich eher unmöglich. Was ist also geschehen?

Die Landung in Köln war keineswegs professionell

So, wie die Modifizierungen am Kanzler-Jet der Geheimhaltung unterliegen, ist dementsprechend die Information über das jüngste Geschehen bescheiden. Auffallen sollte, dass ein Sabotageakt ausgeschlossen wurde, bevor geklärt war, was wirklich geschehen ist. Dem Fachmann ist aber klar, dass hier außergewöhnlich Gravierendes vorgefallen ist, denn es müssen mehrere eigentlich voneinander unabhängige Systeme gleichzeitig ihren Dienst verweigert haben. Die Erklärung, ein einziges Bauteil sei die Ursache gewesen, widerspricht der grundsätzlichen Philosophie der Zivilluftfahrt, nämlich der mehrfachen Redundanz aller wichtigen Systeme. Erschwerend kommt hinzu, dass auch das Schnellablasssystem für Kraftstoff ausgefallen ist, das an einer anderen Stromschiene liegt als die Funkgeräte. Da liegt es nicht fern die Frage zu stellen, ob die Besatzung im Cockpit diesen Ausnahmefall wirklich mit aller Professionalität abgehandelt hat, oder doch Sabotage verübt worden ist, und zwar in höchst professioneller Weise.

Kanzlerin Merkel hat die Arbeit der Crew überschwänglich gelobt. Dazu sage ich, dass das eine unqualifizierte und offensichtlich politische Aussage ist. Sie kann das gar nicht beurteilen, genauso wenig wie ein normaler Passagier die Qualität einer Landung beurteilen kann. Ich für meinen Teil setze bereits an der Entscheidung mit Übergewicht in Köln zu landen massive Kritik an. Die längste Landebahn in Köln ist 3815 Meter lang. In Frankfurt oder München stehen 4000 Meter zur Verfügung. Diese zusätzlichen 185 Meter mögen gering erscheinen, aber jeder weiß, welche Geschwindigkeit innerhalb von 185 Metern auf Null gebremst werden kann. Jetzt kommt es allerdings ganz dick. Die Landung wurde nicht auf der langen Bahn durchgeführt, sondern auf der mit nur 2459 Metern wesentlich kürzeren Querbahn.

Die falsche Entscheidung bringt Leben in Gefahr

Zur Entscheidung, auf dieser kurzen Bahn zu landen, gibt es zwei Versionen und beide sind nicht rühmlich für den Kapitän. Die erste lautet: Der nächtliche Flugbetrieb auf der langen Bahn durch die private UPS sollte nicht gestört werden. Die zweite ist noch unverständlicher: Die lange Bahn war wegen Bauarbeiten gesperrt. Das würde bedeuten, dass mit dem Anflug auf Köln von Anfang an eine Landung mit hohem Übergewicht auf eine dafür untaugliche Bahn geplant wurde. Das angesichts dessen, dass mit wenigen Minuten mehr Flugzeit eine Landung auf der 4000-Meter-Bahn in Frankfurt oder München problemlos möglich gewesen wäre. So kam es aber dazu, dass die Insassen der Konrad Adenauer nach der prekären Landung auf der (zu) kurzen Piste eine Stunde an Bord ausharren mussten, bevor sie das Flugzeug wegen überhitzter Bremsen verlassen durften. Das deswegen, weil bei überhitzten Bremsen die Gefahr besteht, dass die Reifen explodieren und die herumfliegenden Trümmer Menschen erschlagen können.

So hat der Kapitän die Kanzlerin und ihre Entourage ohne Not in ernsthafte Gefahr gebracht, denn wie ich wiederum aus persönlicher Erfahrung weiß, gibt es keinen Grund für überhitzte Bremsen, wenn eine Landung auch mit hohem Übergewicht auf einer Bahn mit etwa 4000 Metern stattfindet. Da reicht schon fast der Umkehrschub aus, das Flugzeug zum Stehen zu bringen. Genauso wenig gibt es einen Grund, das Flugzeug mit einer „sehr harten Landung“ auf eine lange Bahn zu schmeißen. Tatsache ist nämlich, dass es einfacher ist, eine weiche Landung mit einem schweren Flugzeug zu machen. Die harte Landung deutet darauf hin, dass der Kapitän wegen der kurzen Bahn großen Stress hatte. So oder so, ich kann der Crew der Kanzlermaschine zumindest in dieser Hinsicht kein gutes Zeugnis ausstellen. Es darf kein Kriterium sein, die Sicherheit von Kanzlerin und Vizekanzler zugunsten einer logistischen Präferenz zurückzustellen.

Dieser Vorfall ist ein weiteres Indiz für den miserablen Zustand der Bundeswehr

Doch zurück zur Technik. Da war doch vor einigen Wochen die Sache mit der Maus. Vizekanzler Scholz konnte mit der Konrad-Adenauer nicht von Indonesien zurückgeflogen werden, weil eine Maus im Flugzeug gesichtet worden ist. Das ist eine prekäre Angelegenheit. Eine Maus im Flugzeug führt zu sofortigem Flugverbot, denn niemand kann wissen, welche Kabel so ein Nagetier anknabbert hat und dadurch fatale Kurzschlüsse verursachen kann. Das Problem ist dann, wie man in dem großen Flugzeug den Nager finden und eliminieren kann. Zu viele Ecken und schwer einsehbare Winkel gibt es. Und selbst wenn man ihn finden sollte, ist ungewiss, ob es der einzige war und was er bereits zerbissen hat. Die einzige Methode, das Flugzeug „nagerfrei“ zu machen ist, das Flugzeug zu verschließen und mit giftigem Gas zu füllen. Auch wenn man anschließend keine Maus findet, kann man sicher sein, dass alle eventuellen Nager tote Nager sind.

Was jedoch bleibt, ist die Ungewissheit, ob nicht bereits benagt worden ist. So ist es durchaus möglich, dass der „Saboteur“ für den Totalausfall diverser elektrischer Systeme im Kanzler-Jet eben diese indonesische Maus war. Auf der anderen Seite ist aber auch festzustellen, dass es einen derartigen Ausfall von Systemen meines Wissens bei einem A 340 noch nicht gegeben hat. Es steht so zu befürchten, dass wir auch dieses Mal nicht die Wahrheit erfahren werden, wie es schon bei vielen anderen Unfällen und Pannen mit Verkehrsflugzeugen der Fall war.

Festzuhalten ist, dass tatsächlich keine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben bestand. Zumindest bis dahin, bis der Kapitän entschieden hatte, ohne Not auf der kurzen Bahn in Köln zu landen. Hierbei bestand die durchaus reale Gefahr, dass nicht nur die Bremsen, sondern letztlich das ganze Flugzeug in Flammen hätte aufgehen oder über die Bahn hinaus in den Wald rutschen können. Soviel zur Kanzlerin, die noch außergewöhnliche Worte für die Mannschaft des Flugzeugs und vor allem für den Piloten abgesondert hat: Sie habe „eine sehr, sehr exzellente Crew gehabt” - und das Kommando habe „der erfahrenste Kapitän der Flugbereitschaft” geführt. Abgesehen davon, dass diese Aussage unqualifiziert ist, muss man sich schon fragen, in welchem Zustand die Bundeswehr ist, wenn der „erfahrenste Kapitän“ eine derartig falsche Entscheidung für seine Landung trifft.

Die Verteidigungsministerin von der Leyen hat sich gebrüstet mit der Aussage, dass die Ausfälle bei der Flugbereitschaft „nur“ zwei Prozent sind. Keine Fluggesellschaft könnte eine derart miese Zuverlässigkeitsquote überleben. Damit bin ich beim nächsten Punkt. Die (Un-)Zuverlässigkeit der Flugbereitschaft der Bundeswehr ist nicht tolerierbar. Speziell, wenn es sich um die „Kanzlermaschine“ handelt. Welches Bild wird hier der Welt präsentiert? Deutsche Präzision und Zuverlässigkeit? Auf demselben Niveau wie man Großflughäfen baut? Zwei Prozent Ausfallrate, auf die die Verteidigungsministerin auch noch stolz ist? Das Debakel mit der Konrad-Adenauer ist symptomatisch für den Zustand der Republik. Leider wird sich auch jetzt nicht wirklich etwas bessern, auch wenn die Chefin selbst betroffen war. Hauptsache, unsere Soldaten stehen wieder an der russischen Grenze. Dann ist ja alles gut. Oder doch nicht, Frau Merkel?

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