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Vorsicht vor pseudowissenschaftlich aufgeblähten Finanzversprechen
Von Hans‑Jörg Müllenmeister
In der Finanzwelt grassiert eine neue Spezies von Texten: Sie klingen nach Labor, leuchten wie ein Teilchenbeschleuniger und versprechen Erkenntnisse, die angeblich nur Eingeweihte verstehen. Pseudowissenschaftliche Finanztexte sind kein harmloses Kuriosum.
Sie sind ein Risiko – besonders für Menschen, die sich auf vermeintliche Expertise verlassen müssen. Die Mischung aus Fachjargon, dramatischen Formulierungen und erfundenen Modellen erzeugt eine Illusion von Tiefe, die leicht mit echter Analyse verwechselt wird.
Doch echte Finanzinformation braucht keine Tarnung. Sie ist nachvollziehbar, überprüfbar und verständlich. Sie benennt Chancen und Risiken, ohne Mythen zu bemühen. Sie erklärt, statt zu verschleiern.
Doch hinter vielen dieser „Whitepaper“ steckt weniger Wissenschaft als Wortzauberei.
Was auf den ersten Blick nach Quantenphysik aussieht, entpuppt sich oft als geschickte Verkaufsrhetorik – maßgeschneidert für Anleger, die sich von komplex klingenden Formulierungen beeindrucken lassen. Die Autoren solcher Papiere wissen genau, was sie tun: Sie setzen auf Ehrfurcht statt Einsicht, auf Verwirrung statt Aufklärung.
Und genau darin liegt die Gefahr. Denn wer nicht erkennt, dass hier Wissenschaft nur als Kulisse dient, läuft Gefahr, Entscheidungen zu treffen, die mehr dem Marketing dienen als dem eigenen Vermögen.
Neulich fiel mir ein solches Exemplar in die Hände. Es wirkte tiefgründig, fast visionär – bis man genauer hinschaut. Dann zeigt sich: viel Rhetorik, wenig Substanz, und ein klarer Zweck – Anleger beeindrucken, nicht informieren.
Was ein Whitepaper sein sollte – und was manche daraus machen
Ein echtes Weißpapier erklärt, ordnet ein, schafft Klarheit.
Die pseudowissenschaftliche Variante hingegen wirkt, als hätte jemand ein Physik‑Lehrbuch, ein Krypto‑Forum und einen Esoterik‑Blog in einen Mixer geworfen. Heraus kommt ein sprachliches Konfetti aus „Entropie“, „Nukleosynthese“ und „Exergiefluss“, das Tiefgang simuliert, aber nur eines will: ein bestimmtes Metall als alternativlose Rettung verkaufen.
Anmerkung des Autors: Silber braucht keine metaphysischen Nebelmaschinen. Die realen Marktkräfte reichen völlig.
Ältere Anleger, seid wachsam
Gerade ältere Anleger sind gefährdet. Sie suchen Stabilität – und bekommen stattdessen Texte, die klingen, als müsse man erst Quantenmechanik studieren, bevor man sein Erspartes anlegt. Doch auch junge Menschen sind gefährdet – vielleicht sogar noch stärker, weil es ihnen oft schwerfällt, längere Texte konzentriert zu lesen und inhaltlich zu verarbeiten.
Manche Anbieter nutzen das aus: Sie verpacken simple Verkaufsargumente in komplizierte Sprache, um Seriosität zu imitieren. Doch ein gutes Finanzprodukt braucht keine Thermodynamik – und ein komplizierter Text ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Warnsignal.
Wissenschaftliche Begriffe als Nebelmaschine
Ein Klassiker: naturwissenschaftliche Begriffe, wild durcheinander geworfen, ohne Zusammenhang, aber mit viel Selbstbewusstsein.
Originalstil:
„Die monetäre Resilienz emergiert aus der subatomaren Kohärenz des Leitwerts, der die entropische Divergenz digitaler Konsensmechanismen übersteigt.“
Übersetzung:
„Silber ist ein Metall und Bitcoin braucht Strom.“
Wissenschaftlicher Kommentar:
Das ist kein Argument, sondern ein Wortkostüm. Ein Chihuahua im Dinosaurier-Anzug wird nicht zum T‑Rex – und ein Marketingtext wird durch Thermodynamik‑Vokabular nicht wissenschaftlich.
Die Lösung ist immer ein Rohstoff
Wenn ein Text am Ende darauf hinausläuft, dass Silber, Gold oder Osmium die Antwort auf alles ist – von Inflation bis Weltuntergang –, dann handelt es sich nicht um ein Whitepaper, sondern um einen Verkaufsprospekt mit wissenschaftlicher Dekoration.
Beispiel: „Digitale Vermögenswerte sind metabolische Prozesse, die kontinuierliche Exergie benötigen, um nicht in entropisches Rauschen zu zerfallen.“
Was heißt das?
Computer brauchen Strom. Mehr steckt nicht dahinter.
Erfundene Modelle und Klassifikationen
Pseudowissenschaftliche Texte lieben es, eigene Systeme zu erfinden – am besten mit kryptischen Abkürzungen, die so tun, als stünden sie in jedem Lehrbuch.
Wenn eine selbstgebraute Theorie nur im eigenen Dokument existiert, ist sie keine Theorie – sondern Fanfiction.
Beispiel aus dem gesichteten Weisspapier:
ML0 für Materie, ML1 für Staat, ML2 für Code.
Dramatik statt Daten
Begriffe wie „terminaler Konflikt“, „metabolische Rivalität“ oder „Offline‑Unmöglichkeit“ erzeugen Dramatik, aber keine Erkenntnis.
Seriöse Finanzinformationen brauchen keine Endzeitprosa – sie brauchen Zahlen.
Künstliche Probleme – maßgeschneidert für die eigene Lösung
Viele dieser Texte folgen einem einfachen Muster:
Ein Problem wird dramatisiert.
Moderne Alternativen werden schlechtgeredet.
Ein bestimmter Rohstoff wird als alternativlos präsentiert.
Beispiel:
„Digitale Werte sind thermodynamisch instabil – nur physische Materie kann wahre Wertbeständigkeit garantieren.“
Das ist kein wissenschaftlicher Schluss, sondern ein rhetorischer Trick mit Physik‑Dekoration.
Wie Anleger sich schützen können
Eine einfache Faustregel hilft: Je beeindruckender ein Text klingt, desto wichtiger ist es zu prüfen, ob er auch etwas erklärt.
Stellen Sie sich beim Lesen folgende Fragen:
Werden Begriffe erklärt – oder nur benutzt?
Gibt es Daten – oder nur Metaphern?
Werden Risiken benannt – oder nur dramatisiert?
Ist die Argumentation überprüfbar – oder nur atmosphärisch?
Führt der Text zu einer ausgewogenen Einschätzung – oder zu einer einzigen „alternativlosen“ Lösung?
Zu guter Letzt
Diese Analyse soll sensibilisieren – denn pseudowissenschaftliche Texte leben davon, dass sie ungeprüft bleiben.
Wenn ein Text mehr Eindruck als Information erzeugt, ist er kein Rat – sondern Werbung im Laborkittel. „Wissenschaftliche“ Sprache ersetzt keine wissenschaftliche Substanz.
Wer diese Erkenntnis beherzigt, schützt sich effektiv vor rhetorisch verpackten Finanzversprechen – und trifft fundiertere Entscheidungen.
Denn sobald man den Nebel aus Metaphern und Physik‑Schlagworten vertreibt, bleibt oft nur ein Marketingtext in Science‑Fiction‑Sprache zurück: ohne Konzept, ohne Erkenntnis, ohne Argument.
Pseudowissenschaftliche Finanztexte sind kein harmloses Kuriosum. Sie sind ein Risiko – besonders für Menschen, die sich auf vermeintliche Expertise verlassen müssen. Die Mischung aus Fachjargon, dramatischen Formulierungen und erfundenen Modellen erzeugt eine Illusion von Tiefe, die leicht mit echter Analyse verwechselt wird.
Doch echte Finanzinformation braucht keine Tarnung. Sie ist nachvollziehbar, überprüfbar und verständlich. Sie benennt Chancen und Risiken, ohne Mythen zu bemühen. Sie erklärt, statt zu verschleiern.
Wer lernt, zwischen Substanz und Schein zu unterscheiden, schützt nicht nur sein Vermögen, sondern stärkt auch seine finanzielle Selbstbestimmung. Denn am Ende ist Klarheit der beste Schutz vor Manipulation – und kritisches Denken die verlässlichste Rendite.
Nachtrag: Solch pseudowissenschaftlicher Weisspapier-Kokolores eignen sich ganzjährig eher als Büttenrede. Man sieht förmlich den Redner im funkelnden Kostüm, wie er mit erhobenem Zeigefinger ruft:
„Die monetäre Trägheit, ihr Leut’,
die hält das Silber stets bereit!
Und wer Geld hat, nur digital,
der fällt vom Markt – und zwar brutal!“
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