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Expedition im Millennium‑Goldzug ins Nirgendwo

Von Hans-Jörg Müllenmeister. 

Now it is Gold-Time! Ein D‑Zug, schwer beladen mit Gold und Silber, rattert durch die Nacht – unterwegs ins Nirgendwo, in eine Zukunft, die niemand kennt. Im Salonwagen hat sich eine Zockerbande breitgemacht. Sie lassen die Edelmetallpreise tanzen wie Marionetten, nach ihrer Pfeife, mit kaltem Lächeln. Gereicht wird kein Wasser; man nippt an Danziger Goldwasser, als wäre es das natürliche Getränk dieser schillernden Schattenwelt.

Immer wieder hält der Goldzug abrupt an markanten Chart‑Marken. Genervte Passagiere stolpern schwitzend hinaus auf den Bahnsteig, andere drängen sich hinein, schubsen, fluchen, hoffen auf den nächsten großen Sprung. Ein groteskes Schauspiel, während der Zug weiterrollt – ungerührt, als wüsste er längst, wohin die Reise wirklich geht.

Im Schlafwagen. Während im Salonwagen die Zockerbande die Preise tanzen lässt, liegt weiter hinten der Schlafwagen im gedämpften Halbdunkel. Dort schnarchen die Gäste mit Langzeitperspektive – jene stillen Charaktere, die Edelmetalle nicht als Spielball, sondern als Lebensversicherung betrachten. Sie schlafen den Schlaf der Gerechten, unbeirrt vom Gezeter der Spekulanten, vom abrupten Ruckeln an Chartmarken oder vom hektischen Gedränge an den Türen. Für sie ist der Zug nur ein Transportmittel – die Reise zählt, nicht das Gezappel unterwegs.

Die Fahndung. Kaum wieder in Fahrt, reißt eine wuchtige Vollbremsung alle aus den Sitzen. Ein staatlicher Fahndungstrupp stürmt den Zug, angeführt von einer feinnasigen Spürkraft an der Leine: ein Golden Retriever, der mit professioneller Hingabe die Abteile nach verborgenen Goldkrümeln durchpflügt. In panischer Routine lassen geübte Goldhamster ihre Schätze an Reißleinen aus dem Fenster gleiten oder hinter Vorhänge verschwinden – jene mit der diskreten Goldkante, versteht sich.

Im Speisewagen. Während weitsichtige Seelen ruhig schlafen, klirrt im Speisewagen das Geschirr. Now it’s Suppertime.

Snobs kosten zart gespickten Goldfasan an erdigem Morchelrahm, thronend auf handgeschlagenem Blattgold, kredenzt auf silbernem Tablett – ein Menü, das mehr glänzt als nährt. Am Nebentisch sitzen Analysten mit bedeutsamer Miene und servieren Prognosen, die niemand bestellt hat, aber jeder verdauen muss. Ein Snob verzieht das Gesicht und klagt über einen metallischen Geschmack im Mund. Nein, es waren nicht die Kartoffeln im Goldmantel – es war das Blech, das er redete.

Endstation. Am Ende der langen Reise taucht im Morgennebel ein verfallener Bahnhof auf, halb vergessen, halb erträumt. Der Edelmetall‑Zug rollt aus, quietscht, kommt zur Ruhe. Spät fällt ein Rest Abendlicht schräg auf ein verwittertes Denkmal. In Stein gemeißelt stehen die Worte:

„Hier thronte einst die Illusion der Zocker, sie könne den Wert des Echten ewig verbiegen.“

Und ganz unten, fast vom Moos verschluckt, kryptisch wie ein spöttisches Augenzwinkern:

Am Schluss der Episode steht das Ratio

„Dow : Gold = 1 : 1 – das verflixte Hexen‑Einmaleins.“ 

Zu guter Letzt rät der Autor, 
seien Sie weder Zocker noch Thor 
Halten Sie Edelmetalle bereit 
Für die schlimme, die widrige Zeit. 

Denn flugs kommt sie auf alle Fälle – 
nicht sogleich, doch schon in Bälde. 
Vertrauen Sie lieber altem Glanz –  
der hält, was er verspricht: Substanz. 

Nur wer nicht jedem Trend erliegt,  
Nicht jedem schnellen Hype erliegt, 
wer lieber Substanz als Spektakel wählt, 
steht, wenn’s rumpelt, bestens aufgestellt.

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