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Riesenschwindel zu Pionierzeiten ‒ gestern wie heute

Von Hans-Jörg Müllenmeister

Es ist immer amüsant, historische Schwindeleien mit den heutigen zu vergleichen, selbst wenn sich der Kontext ändert. Betrügereien waren und sind allzeit modern, und sie haben im menschlichen Zusammenleben immer Hochkonjunktur. Das galt zur Goldgräberzeit ‒ „damals“ im 19. Jahrhundert ‒ wie auch im Vergleich zu „heute“. Davon legt der Beitrag ein beredtes Zeugnis ab, denn noch heute hat er seine Gültigkeit.

Samuel Clemens kam durch seine Lotsendienste auf dem Mississippi zu seinem Decknahmen „Zwei Fadentief“. Später wurde er als Schriftsteller Mark Twain bekannt, unter anderem durch seine witzig-ironischen Geschichten wie Tom Sawyer. Eben dieser humorige, indes von einem bitteren Pessimismus überschattete Mark Twain, arbeitete 1862 bis 1864 bei der Territorial Enterprise in Virginia City als Zeitungsreporter. Twain hinterließ uns beredte Zeugnisse der rauen Pionierzeit der Goldgräbercamps. Diese und andere Histörchen ähneln stark den heutigen Schmierenkomödien, die gewisse Akteure am Neue Markt aufführten, das Börsensegment, das seit 1997 wachstumsstarken und innovativen Unternehmen neue Chancen der Eigenkapitalaufnahme bot.

Erstaunlich, die Betrugs- und Irritationsmuster aus der Goldgräberzeit wiederholten sich mit verblüffender Präzision, nur mit weitaus subtileren, modernen Mitteln. Alle gigantischen Börsenübertreibungen bis zum endgültigen Platzen der Finanzblase folgen immer dem gleichen Muster, das aus Leichtgläubigkeit, Gier und Euphorie, schließlich aus Angst und Panik der Anleger gestrickt ist. Das ist die einzig verlässlich sichere Konstante, welche die Entwicklung der Aktienmärkte auf tönernen Füßen begleitet. Das zappelig unberechenbare Wesen der Börse durch noch so ausgetüftelte Computerprogramme zu ergründen, ist eher eine Illusion. Der gewiefte Investor kann sich aber aus der Kenntnis der sich stets wiederkehrenden Verhaltensmuster vor Fehlspekulationen schützen.

Die Masche vom Schönreden

Damals: Es war abenteuerlich, was Mark Twain zu berichteten wusste: „Neue Claims wurden täglich angemeldet“. Es war unter den Findern üblich, zur Zeitung zu gehen und den Redakteuren freie Anteile in Aussicht zu stellen, wenn diese als Gegengabe irgend eine Schaumschlägerei über die guten Aussichten ihres Claims veröffentlichten.

Twain schrieb: „Wenn die Mine schon „entwickelt“ und kein abbauwürdiges Erz zu erwarten war, dann priesen wir Redakteure den Stollen, sagten aber kein Wort über das Gestein, ergingen uns in Lobreden über die Förderhaspel aus poliertem Holz oder die faszinierende Druckpumpe oder priesen den freundlichen Minenaufseher, schwiegen uns aber über das Gestein aus. Immer waren die Leute zufrieden, immer erfreut. Selbst ein altes, verlassenes Claim lobten wir so in den Himmel, dass wir es selbst nicht wiedererkannten. Dann war es soweit, dass einer zugriff und es aufgrund seiner zweifelhaften Berühmtheit kaufte und verkaufte. Es gab kein noch so unbedeutendes Claim, das sich nicht hätte verkaufen lassen. Wir erhielten täglich Anteile zum Geschenk. Wenn wir 100 Dollar brauchten, verkauften wir einige, wenn nicht, horteten wir in der Genugtuung, später aus dem Vollen schöpfen zu können. Ich hatte eine Truhe, die war voll von Anteilscheinen. Wenn ein Claim am Markt Furore machte und sein Kurs stieg, durchwühlte ich meinen Vorrat nach Anteilen ‒ und gewöhnlich fand ich auch einige.“

Heute: Getürkte Nachrichten in den virtuellen Chat-Räumen der globalen Zockerbuden, dem Internet, gaukeln dem unerfahrenen Spekulanten einen Pseudo-Wissensvorsprung vor. Da wurde beispielsweise 1999 verbreitet, dass die Autohandelsfirma UPCA ein Mittel gegen Aids gefunden hätte. Abstrus genug! Die Aktie stieg prompt um 2.000 %, nämlich von 25 Cent auf 5 Dollar. Auch für die gezielte Aktien-Manipulation nach unten gab es Beispiele. Es tauchte die lancierte Meldung auf, dass der Chef des Softwareanbieters Graphisoft tödlich verunglückt sei, nur damit ein unbekannter Investor billig einsteigen konnte.

Das salting, das pump and dump 

Damals: Es gab die direkte, hochgeschätzte Methode des „salting“, nämlich einen unergiebigen Claim mit Goldteilchen „zu salzen“. Der Besitzer eines Claims streute Goldstaub an bestimmten Stellen und forderte den nichtsahnenden Käufer auf, den Sand doch versuchsweise auszuwaschen, um den Verkauf auf der Stelle festzumachen, wo der Naivling auf Goldstaub stieß. Unter geschickten Goldgräbern war es gebräuchlich, das „Bestücken mit Gold“ mit einer Gewehrladung (feiner Goldstaub statt Bleischrot) vorzunehmen.

Ein paar gewiefte Chinesen mit Kaufabsicht, die den Salztrick kannten, wurden dadurch an der Nase herumgeführt, dass man nach mehrfach unergiebigen Bodenproben aus einem Versteck eine tote Schlange warf, eben an jene Stelle, die jene Chinesen zuvor als neue Probestelle auswählten. Man schoss mit Goldstaub auf die tote Schlange, und schon war das Claim für die Chinesen attraktiv.

Andere angehende Käufer, durch die Betrügereien helle geworden, verlangten, dass die Stollenabschlusswände in Untertagesminen gesprengt wurden, damit statt des eventuell künstlich aufgebesserten Gesteins das wahre Gestein zutage trat. Obschon sie beim Bohren und Sprengen zusahen, wurden sie hinters Licht geführt. Zum Salzen wurde Goldstaub in die Dynamitstäbe geschmuggelt, den die Explosion in überzeugender Weise im Fels verteilte.

Wieder andere Käufer sahen amüsiert einem Betrunkenen zu, der auf einen Haufen mit Gesteinsproben aus der Mine zu torkelte. Dieser stolperte, so dass seine Whiskeyflasche auf dem Haufen zerbarst. Erst später, als die Mine gekauft worden war und sie sich als taub erwies, kamen die Käufer dahinter, dass der Betrunkene stocknüchtern war und die Whiskeyflasche Goldsalz enthalten hatte.

Die Untertage-Masche

Goldhaltiges Erz aus einer ertragreichen Mine wurde in die wenig ergiebigen Minen ausgestreut. Käufer ließen sich nur anfangs täuschen, als es noch keine berufsmäßigen Prüfer gab. Man muss dazu wissen, dass jede Mine ihren eigenen Fingerabdruck der Gesteinsprobe hatte. Unternehmer salzten z.B. die wertlose North Ophir-Grube, indem sie silberne Halbdollarmünzen in Stücke schnitten, sie zu Klumpen hämmerten, schwärzten und dem tauben Gestein zusetzten. Dummköpfe trieben den Preis für diese wertlose Mine in die Höhe, bis irgendjemand zufällig auf einem Klumpen „...ed States of“ las. Ein Bergbauingenieur stellte bei einer Erzprobe fest, dass diese 916,66 Teile Gold auf tausend Teile enthielt, dies mit einem Rest Kupfer und etwas Silber. Das war exakt die Legierung nach der sich die Königliche Münze in England (Sovereigns) richtete.

Heute gibt es an der Wall Street gewisse Mafiabosse, die das Pump and Dump-Spiel, das Aufpumpen und Abstoßen, betreiben. Sie decken sich zunächst mit riesigen Mengen an Pfennig-Aktien ein, dann „überreden“ sie verschiedene Brokerhäuser zu Käufen, die damit den Kurs hochtreiben. Das Interesse des breiten Publikums wird geweckt. Während die ehemaligen Pfennig-Aktien im Kurs weiter ansteigen, stoßen die „Kurs-Gestalter“ die Papiere mit Riesengewinn rechtzeitig ab.

Aktien-Luftgespinste

Damals: In den Bergbaubörsen in San Franzisco und Virginia City kaufte das Publikum gewaltige Massen Aktien, die entweder wertlos oder den Manipulationen gerissener Direktoren der Aktiengesellschaften ausgesetzt waren.

Heute: Am Höhepunkt der Neuen-Markt-Blase diente z.B. der Firmenmantel australischer, inhaltsloser Aktien (Explorationsgesellschaften) einem noch größeren Luftgespinst. Da wurde über Nacht aus einer Terrex ein „tolles“ Online-Diagnose-Zentrum namens Globel Doctor. Diese Luftnummer wurde durch ein weiteres Internet-Wunder ergänzt: Aus der ursprünglichen Abador-Mine wurde eine Internet-Spielbank aus dem Hut gezaubert: die MyCasino.

Schwindel und Täuschungsmittel

Damals gab es noch keine maßgebende Regelung der Verkaufsrechte. Der offenkundigste und gröbste Schwindel waren die „Abgabe-Minen“, die ihren Namen einem damals üblichen Brauch verdankten. Wenn jemand einer Bergbaugesellschaft Anteile abkaufte, dann war er nicht davor sicher, dass die Direktoren weitere Geldforderungen stellten. Wenn diese es für nötig befanden, erhoben sie pro Anteil eine Abgabe. Die Aktionäre ‒ sie waren für die Beschaffung weiteren Kapitals verantwortlich ‒ hatten zu zahlen, oder sie verloren ihre Anteile. Die Bullion-Mine im Herzen des Comstock-Gebietes belastete die Aktionäre mit Millionen-Abgaben: Die Mine produzierte trotzdem keine einzige Tonne verwertbaren Erzes.

Kam also ein cleverer Unternehmer in den Besitz einer bereits ausgebeuteten Mine, dann machte er daraus kurzerhand eine Abgabe-Mine und verkaufte Anteile. Monatelang brauchte er nur postalisch Geldforderungen zustellen zu lassen und führte dabei ein gutes Leben, während die leichtgläubigen Aktionäre ihr Geld verloren. Das Schönste dabei: Man konnte die Betrüger nicht zur Entschädigung zwingen, die Gesetzte reichten nicht aus.

Aktionäre konnten auch durch Fehlinformationen vom Minen-Besitzer geprellt werden. Die reichhaltigen Erzlager einer Mine hielt man versteckt, wenn die Anteile aufgekauft werden sollten. Die Arbeit wurde mit aller Energie vorangetrieben, wenn die Anteile auf dem Markt angeboten werden sollten.

In ausgedehnten Minen wurden die Arbeiter mit Bedacht voneinander getrennt, damit nur wenige davon erfuhren, wenn sich etwas Besonderes tat, so wussten sie nichts über den Wert des Erzlagers, auf das sie stießen. Das Schweigen der „Geheimarbeiter“ zahlte sich aus. Sie bekamen wenige Aktien zu niedrigem Preis, mit dem Vorteil, dass nach Bekanntgabe eines lukrativen Fundes der Aktienkurs gewaltig anstieg. Beispielsweise stieg eine Aktie der Crow-Point-Mine in 21 Monaten von drei auf 1.825 Dollar.

Heute gibt es ganz legale Börsen-Verwirrspiele, etwa den Aktiensplit als Marketingtrick (s. Tesla). Die Kurse werden dadurch optisch verbilligt. Es soll zu weiteren Käufen verleitet werden. Über den wahren Preis des Papiers wird getäuscht. Das Aktienrückkaufrecht eines Unternehmens verringert den Anteil des Streubesitzes und erweitert damit die Macht des Managements. Mit sogenannten ad-hoc-Mitteilungen, mit der schamlos Eigenwerbung betrieben wird, kann man den Aktionär durch scheinbare Erfolgsmeldungen und Studien von Bankanalysten, die oft nur den Tiefgang eines Schlauchbootes haben, hinters Licht führen. Beispiel Metabox: Am 13. September 2000 bestätigte Vorstandschef Domeyer in n-tv einen Umsatz von 198 Millionen und einen Gewinn von 14 Millionen. Nur zwei Wochen später war die Rede von nur 70 Millionen Umsatz. Darauf stürzte der Kurs um 50% an einem Tag. Der Emissionskurs von Metabox lag bei 45 Euro, er fiel auf 4,5 Euro.

Auch das vertrackte Kauderwelsch der Analysten zu Aktien-Empfehlungen sind „Nullwörter“. Statt „Kaufen“ heißt es da sibyllinisch aufstocken, buy, strong buy oder akkumulieren.

Sträfliches

Wenn sich ein Manager wie damals ein gewisser Dr. Ron Sommer selbst eine Gehaltserhöhung von 90 % gönnt, der Aktienwert seines Unternehmens indes um 90 % fällt, so mag das den Kleinaktionär befremden. Wenn Börsenprofis in n-tv, 3sat oder N24 tiefschürfend über angebliche Potentiale von Einzelwerten brabbeln, so mag das den Anleger stutzig machen, denn all diese „Wisser“ decken sich zuvor mit den Papieren ein, ehe sie eine Empfehlung aussprechen. Wenn in Börsenaufsichten gerade die Banken als Falschspieler sitzen, die das Sagen haben, dann kann etwas nicht stimmen. Wenn Fondsgesellschaften ihre chronischen Verlustbringer in Dachfonds entsorgen, ohne das es auffällt; sie Verlustpapiere von einem in den anderen Fond mit Gewinn weiterschieben, dann verliert der Anleger eins: Sein Vertrauen.

Da mag man sich in die gute alte Goldgräberzeit zurück versetzen, wo Unrecht ganz einfach geahndet wurde. Strafurteile vollstreckte man auf der Stelle. Es gab Schnellverfahren, weil es in den neu eingerichteten Camps keine Zeit zum Bau von Gefängnissen gab. Tod durch Erhängen, so hieß das gewöhnliche Urteil etwa bei schändlichem Diebstahl von knappem Proviant im Klondike-Gebiet. In der Wildnis wurden Entscheidungen spontan getroffen. Vielfach gab es tragische Fehlurteile. Oft wurden Menschen nur „vorbeugend“ gehängt, oft aber auch Urteile mit gesundem Menschenverstand gefällt.

Lassen wir die vergleichende Betrachtung ‒ alter und neuer Schwindel ‒ mit dem Sensationsfund aller Zeiten ausklingen. Es trug sich in der Tat 1914 in Colorado zu, wo die Goldgräber-Epoche ein halbes Jahrhundert vorher begonnen hatte. In einem Stollen 400 m unter Tage stieß der Bergbauingenieur Dick Roelofs auf eine Wundergrotte, einer Golddruse aus kompaktem Gold. Die Druse war 6 m lang, 4,50 m breit und 12 m hoch. Die Wände glänzen von Millionen von Goldkristallen. Auf dem Felsenboden lagen zwischen einem Geröll von feinen Quarzstufen Findlinge aus reinem Gold. Alleine das Abkratzen der Wände fülle 1400 Säcke mit Kristallen und Blättchen. Glücksritter Roelofs zog danach nach New York und genoss sein Leben mit leichten Frauen und schwerem Wein.

Genießen auch Sie das Ihrige. Schlussendlich stellt sich die Kardinalfrage: Wann und was bringt diesmal die Aktien- und Anleihemärkte wie ein Kartenhaus endgültig zum Einsturz? Antwort: Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit! Die grenzenlose Gier nach Geld wird auch unsere jetzige Epoche kennzeichnen.

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