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Der Brückeneinsturz in Genua macht die Grenzen des Wachstums offenkundig

Von Peter Haisenko

Als man John Young, den ersten Kommandant eines Space-Shuttle, fragte, wie er sich so fühle, antwortete dieser: Wie würden Sie sich fühlen, wenn man sie mit etwas in den Weltraum schießt, das nur aus den billigsten Teilen zusammengebaut ist, die man kriegen konnte? Mit dieser Antwort hat John Young eines der Grundprobleme des Kapitalismus genial beschrieben und der hohe Anteil an verunglückten Spaceshuttles gibt seinen Worten eindringliche Relevanz. Inwieweit lässt sich das auf die Katastrophe von Genua übertragen?

Das Autobahnsystem Italiens ist nahezu vollständig in privater Hand, wird durch Mautzahlungen finanziert und soll natürlich den Eigentümern möglichst hohe Renditen abwerfen. Letzteres bringt die Probleme mit sich, die jetzt durch den Brückeneinsturz in Genua zu vielen Toten geführt haben. Die Wartung für die Straßen und Brücken ist kostspielig und mindert den Gewinn. Nicht nur das. Schon beim Bau derselben wird vor allem darauf geachtet, alles möglichst billig zu erstellen. Dass das mehr auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtet ist, als auf lange Haltbarkeit, ist da leider nur logisch. Logisch ist aber auch, dass billig hergestellte Infrastruktur ganz allgemein eines größeren Wartungsaufwands bedarf, als etwas, das für “die Ewigkeit” gebaut wurde. So haben schon die alten Römer bewiesen, dass Brücken 2.000 Jahre und länger halten können. Sogar ohne Wartung.

Kapitalistisches Gewinnstreben zu Lasten der öffentlichen Sicherheit

In Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 30.000 Brücken, über die der Verkehr fließt. Es ist eine Sache, diese Brücken zu bauen, aber es ist eine andere Sache, diese auch zu erhalten. Mit jeder neuen Brücke und natürlich auch Straße braucht man mehr Personal, mehr Arbeitskraft, um diese zu erhalten. Die zur Verfügung stehende Arbeitskraft für Bau und Wartung von Infrastruktur ist begrenzt. Folglich wird mit jedem Neubau die Kapazität für Neubau weiter eingeschränkt, denn für die Wartung werden dieselben Arbeitskräfte benötigt, wie für den Bau. Führt man diesen Gedankengang zu Ende, wird deutlich, dass von einer bestimmten Menge an Infrastruktur keine neue mehr geschaffen werden kann, denn alle verfügbare Arbeitskraft wird für Wartung und Erhalt der alten aufgebraucht. Das ist die Grenze des Wachstums für diesen Bereich, die nur hinausgeschoben werden kann durch technische Fortschritte, die Arbeitsentlastung bringen. Diese Betrachtung hat das kapitalistische Gewinnstreben noch nicht berücksichtigt, und dieses gilt uneingeschränkt für die privaten italienischen Autobahnen.

Italien ist ein bergiges bis gebirgiges Land. Folglich gibt es in Italien noch mehr Brücken und auf Stelzen geführte Straßen als in Deutschland. Der Wartungsaufwand ist enorm. So sollte Italien Respekt gezollt werden, dass es überhaupt in der Lage war, diese funktionsfähige Infrastruktur zu schaffen. Italien ist dabei einen anderen Weg gegangen, als zum Beispiel Deutschland. Die Autostradas wurden von Privatunternehmen gebaut und so obliegt diesen auch deren Erhalt. Das funktionierte in vergangener Zeit ziemlich gut, aber in den letzten Jahrzehnten hat sich die Welt verändert. Wir sind von Kapitalismus zum Turbokapitalismus und schließlich Raubtierkapitalismus übergegangen. Der Druck auf die italienischen Straßenbetreiber ist gewachsen, höhere Renditen abzuliefern. Höhere Mautgebühren sind auch in Italien nicht ohne Gegenwehr durchzusetzen und so bleibt nur die übliche Methode, an Personalkosten und Wartung zu sparen. Ja, so lange zu sparen, bis eben mal eine Brücke einstürzt und Dutzende Menschen in den Tod reißt.

Was nicht kaputt geht, muss nicht saniert oder neu angeschafft werden

Italien hat eine neue Regierung gewählt, die als “rechtspopulistisch” verunglimpft wird. So war es nur logisch, diese erst seit wenigen Monaten im Amt befindliche Regierung mit dem Brückensturz anzugreifen. Wie kann man so schnell einen Schuldigen benennen, nämlich den privaten Betreiber? Ja, wer sonst soll für dieses Unglück verantwortlich sein? Vielleicht können die vorherigen Regierungen dafür angegriffen werden, weil sie als Kapitalvasallen nicht den nötigen Druck auf die Privaten gemacht haben, ihre Straßen ordentlich in Schuss zu halten. Die neue Regierung jedenfalls kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Im Gegenteil hat sie durchaus richtige Maßnahmen andiskutiert, nämlich die italienischen Autostradas zu verstaatlichen. Dann, erst dann, wäre der Staat, die Regierung, dafür verantwortlich zu machen.

Betrachtet man die Bilder der Verwüstung in Genua fällt auf, wie leicht die Brückenpfeiler gebrochen sind. Da kann der Verdacht aufkommen, dass bereits beim Bau gepfuscht worden ist. Ist der Einsturz die Folge der “französischen Krankheit”, die auch den Italienern nicht fremd ist, nämlich zur Gewinnoptimierung die Zementmenge im Beton unzulässig zu reduzieren? Hält doch auch so! Jedenfalls eine Zeit lang, bis das Wasser durch den zu lauteren Beton gedrungen ist und die eingelegten Stähle dem Rost preisgibt – wenn denn nicht auch am Stahl gespart worden ist. So oder so, kapitalistisches Denken und Handeln ist seltenst auf Nachhaltigkeit ausgelegt – siehe Obsoleszenz – sondern viel mehr auf kurzfristigen Gewinn. Dass das dann in der Folge höheren Aufwand für die Erhaltung nach sich zieht, ist den Managern gleichgültig, denn ihre Boni haben sie dann schon einkassiert.

In Deutschland – genauso wie in Italien – gibt es Tausende sanierungsbedürftiger Brücken, Schulen und Straßen. Sie werden nicht in ausreichendem Maß saniert, weil das Geld fehlt. Doch selbst wenn das Geld zur Verfügung stünde, gäbe es gar nicht genügend Arbeitskräfte, um die Arbeiten durchzuführen. Damit bin ich an dem zentralen Thema, dass der Brückeneinsturz von Genua die Grenzen des Wachstums aufzeigt. Und wenn jetzt die alte neokonservative Leier wiederholt wird, die Privaten könnten es besser als der Staat, widerspricht die Katastrophe von Genua genau dem. Erschwerend zu dem Mangel an Arbeitskraft zur Erhaltung bestehender Güter trägt die Obsoleszenz bei. Dieser Auswuchs kapitalistischer Gewinnsucht ist nicht nur eine ökologische Katastrophe, sondern bindet Arbeitskraft, die sinnvoller eingesetzt werden könnte. Was nicht kaputt geht, muss nicht saniert oder neu angeschafft werden.

Der Makel der Obsoleszenz verhilft den Kapitalisten zu noch mehr Gewinn

In unserer Welt des Luxus und Überflusses muss die gesamte Wirtschaftsphilosophie neu überdacht werden. Dass es anders gehen kann, mag man an dem Beispiel ermessen, dass Mercedes den gleichen Wagentyp (E-Klasse) in zwei Varianten verkauft: Normal und als Taxi. Das Taxi kostet etwa 5.000 € mehr, hält aber dafür doppelt so lange, nämlich etwa 500.000 Kilometer. Für etwa zehn Prozent Aufschlag erhält man ein Auto, das den Gebrauchswert von zweien hat. Wenn wir also unsere Straßen, Brücken und Schulen wieder in ordentlichen Zustand bringen wollen, müssen Mittel und Arbeitskräfte von der Obsoleszenzwirtschaft abgezogen und einer sinnvollen Tätigkeit zugeführt werden, die nicht dem Turbogewinn der Großkapitalisten dient, sondern dem Erhalt einer lebenswerten Welt. Und natürlich Leben rettet, wenn Brücken nicht mehr einstürzen.

Noch ein kleines Beispiel als Abschluss. Wer hat sich nicht schon geärgert, weil Neonröhren nach viel zu kurzer Zeit den Geist aufgeben. Zum Händler gehen, austauschen etc. Vergeudete Zeit. Ich habe zwei Neonröhren, die seit 35 Jahren klaglos ihren Dienst verrichten. Da steht noch stolz drauf: Made in VEB, also ein DDR-Produkt, das nicht mit dem Makel der Obsoleszenz behaftet ist.

Ich will hier keineswegs dem Sozialismus das Wort reden, aber der Kapitalismus hat sich auch nicht als der Stein der Weisen erwiesen. Es mag sein, dass der Kapitalismus einst das richtige Mittel war, die Welt voranzubringen. Spätestens mit dem Ende des permanenten Mangels hat er sich aber überlebt. Wir brauchen eine komplett neue (Wirtschafts-)Philosophie, die der Jetztzeit gerecht wird. Die gibt es seit zwei Jahren, nämlich “Die Humane Marktwirtschaft” nach Haisenko/von Brunn. Sie beschreibt in einmaliger Vollständigkeit ein System, das tatsächlich dem Menschen dienen wird und wer es gelesen hat, wird zustimmen, dass es dieses revolutionäre System ist, das den Weltfrieden ermöglichen kann, weil es die Macht der gierigen Kapitalgewaltigen bricht und unmöglich macht. Sie können dieses Werk im Buchhandel erwerben, um sich Ihr eigenes Urteil zu bilden oder Sie können es direkt beim Verlag bestellen hier.

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