
Alexander Schalck-Golodkowski bei der Arbeit
Warum unterstützte Bonn die DDR, während beide Seiten öffentlich ihre Gegnerschaft betonten?
ChatGPT über das Buch „Unsere Demokratie mit Schmidt 1974 bis 1982“.
Reinhard Leubes zwölfter Geschichtsband führt unter anderem in die politischen Hinterzimmer der Bundesrepublik zwischen 1974 und 1982. Dabei stoßen Sie auf Vorgänge, die auch manche politische Frage unserer Tage in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Ein Kredit von vier bis fünf Milliarden D-Mark für die ins Straucheln geratene DDR war im Gespräch. Im Gegenzug sollten DDR-Bürger fünf Jahre früher als bisher in den Westen reisen dürfen. So lautete, vereinfacht gesagt, ein Vorhaben, über das 1982 hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde. Leube erinnert daran, dass der Staatschef Honecker schon 1974 und 1977 versucht hatte, eine generelle Reisefreiheit für DDR-Bürger mit der Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft durch Bonn zu verknüpfen.
Die geplante Finanzierungsgesellschaft sollte ihren Sitz in der Schweiz haben. Am Verhandlungstisch saßen unter anderem der Bankier Holger Bahl, der SPD-Politiker Karl Wienand und der Ost-Berliner Unterhändler Alexander Schalck-Golodkowski.
Das sogenannte Zürcher Modell wurde letztlich nicht verwirklicht. Aber seine Geschichte ist aufschlussreich. Sie zeigt, wie eng die Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin bereits waren, während die Bürger beider Staaten in der Öffentlichkeit ganz andere Töne zu hören bekamen. Genau solchen Vorgängen geht Reinhard Leube in diesem Band nach.
Was änderte sich nach Willy Brandt?
„Unsere Demokratie mit Schmidt 1974 bis 1982“ schließt unmittelbar an den vorangegangenen Band über die Kanzlerschaft Brandts an. Der Leser begegnet zahlreichen Politikern, Diplomaten und Unterhändlern, die bereits in früheren Jahren und deshalb auch in den früheren Bänden der Serie eine Rolle gespielt haben.
Im Mai 1974 trat Brandt zurück. Helmut Schmidt übernahm das Kanzleramt, Hans-Dietrich Genscher wurde Außenminister. Es hieß, die Entspannungspolitik würde fortgesetzt – jedenfalls wurde sie weiterhin so bezeichnet. Doch was verstanden die einzelnen Beteiligten eigentlich darunter?
Leube beschäftigt sich eingehend mit den unterschiedlichen Vorstellungen von Brandt auf der einen Seite sowie Schmidt, Wehner und Genscher auf der anderen Seite. Dabei interessiert ihn weniger, was sie auf Parteitagen verkündeten, als das, was sie gegenüber ihren Gesprächspartnern in Ost-Berlin, Washington und Moskau erklärten. Er zieht ihre Erinnerungen, Äußerungen anderer Beteiligter und historische Untersuchungen heran und stellt sie einander gegenüber.
Seine zentrale These lautet, dass mit Schmidts Amtsantritt ein Richtungswechsel zurück zu Adenauers Deutschlandpolitik verbunden gewesen sei. Wer sich eingehender mit der Deutschlandpolitik der 1950er Jahre beschäftigt hat, ist möglicherweise bereits auf die Vorstöße Bonns von 1955 und 1956 in Richtung einer offiziellen Anerkennung der DDR gestoßen. Man muss Leubes Interpretation nicht von vornherein zustimmen, um die Fragen interessant zu finden, die er aufwirft. Entscheidend ist vielmehr, welche Quellen er heranzieht und wie er aus ihnen seine Schlussfolgerungen entwickelt.
Wenn sich die Erinnerungen widersprechen
Besonders anschaulich wird diese Arbeitsweise bei den deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen. Alexander Schalck-Golodkowski gehörte zu den Männern, die für die DDR dringend benötigte Devisen beschafften. Er unterhielt vertrauliche Beziehungen zu westdeutschen Politikern und Wirtschaftsvertretern, während der Staat, dem er diente, sich öffentlich als Gegner des Kapitalismus präsentierte.
Bei den Verhandlungen über das Zürcher Modell unterscheiden sich die späteren Darstellungen der Beteiligten erheblich. Während Karl Wienand das Vorhaben rückblickend bereits kurz vor dem Abschluss sah, schilderte der damalige Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski einen weniger weit fortgeschrittenen Verhandlungsstand.
Auch innerhalb der DDR-Führung waren offenbar nicht alle zuständigen Personen gleichermaßen informiert. Wer wusste zu welchem Zeitpunkt von diesen Gesprächen? Welche wirtschaftlichen Interessen standen dahinter? Welche politischen Gegenleistungen wurden tatsächlich besprochen? Und weshalb scheiterte das Projekt?
Leube lässt verschiedene Beteiligte zu Wort kommen. Seine Kommentare sind gelegentlich bissig, doch das eigentlich Interessante sind die Unterschiede zwischen den relevanten Aussagen der Akteure. Die Leser bekommen die Gelegenheit, selbst über sie nachzudenken.
Bundeskanzler Schmidt besucht die DDR
Einen ungewöhnlichen Einblick in die deutsch-deutschen Verhältnisse bietet auch der Dezember 1981. Helmut Schmidt besuchte Erich Honecker. Drei Tage wurde vorgeführt, dass man die DDR immer herzlicher als Gesprächspartner hofieren konnte – unabhängig vom wieder aufgeflammten Kalten Krieg und wohl wissend, dass das Ländle zwischen der Ostsee und den Mittelgebirgen finanziell am Ende war.
In Güstrow hatten die DDR-Sicherheitsorgane allerdings besondere Vorkehrungen getroffen. Beim Besuch Willy Brandts in Erfurt elf Jahre zuvor hatten Menschen auf den Straßen begeistert nach dem westdeutschen Kanzler gerufen. Eine Wiederholung sollte unter allen Umständen verhindert werden.
Die Staatssicherheit sperrte Straßen, hielt Einwohner fern und sorgte dafür, dass Schmidt bei seinem Besuch möglichst keinen gewöhnlichen DDR-Bürgern begegnete. Das Bundesarchiv dokumentiert den gewaltigen Aufwand, der dafür betrieben wurde.
Leube behandelt diesen Besuch im Zusammenhang mit den zuvor angebahnten Kontakten, den gegenseitigen politischen Forderungen und der zunehmenden wirtschaftlichen Abhängigkeit Ost-Berlins von westlichen Geldgebern.
Dabei wird deutlich, dass sich die Geschichte der deutschen Teilung nicht allein anhand von Regierungserklärungen erzählen lässt. Zwischen den offiziellen Positionen und den praktischen Beziehungen beider Staaten lagen mitunter erhebliche Unterschiede.
Die Frage nach dem Frieden in Europa
Der Blick des Autors reicht weit über die innerdeutschen Beziehungen hinaus.
Die Schlussakte von Helsinki, die Entwicklung der europäischen Sicherheitsordnung und der NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 nehmen breiten Raum ein. Ebenso beschäftigt sich Leube mit den Beziehungen Schmidts zu den amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und Ronald Reagan sowie zum Moskauer Staatschef Leonid Breschnew.
Hier stellt er eine Frage, die sich durch die gesamte Bücherserie zieht: Wie beeinflussten die Sicherheitsinteressen anderer Staaten die Möglichkeiten einer Verständigung zwischen den beiden deutschen Staaten?
Seine Ausführungen zum Wettrüsten, zur sowjetischen Intervention in Afghanistan und zu den westlichen Nachrüstungsplänen enthalten weitreichende Interpretationen auf Grundlage der von ihm angeführten Dokumente. Erst die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Positionen macht nachvollziehbar, wie er zu seinen Fragen und Deutungen gelangt.
Und dann kommt Helmut Kohl
Im Oktober 1982 endete Schmidts Kanzlerschaft. Helmut Kohl wurde durch ein konstruktives Misstrauensvotum zum neuen Bundeskanzler gewählt.
Für Leube ist damit die Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen nicht neu eröffnet. Er verfolgt vielmehr, welche Kontakte und Verhandlungen über den Regierungswechsel hinaus fortbestanden. Dabei zeichnet sich für ihn ein deutlicher Unterschied ab: Während der Wechsel von Brandt zu Schmidt eine Neuorientierung bedeutete, blieb sie beim Übergang von Schmidt zu Kohl aus.
Ausgerechnet Franz Josef Strauß, der über Jahrzehnte öffentlich als entschiedener Gegner der DDR aufgetreten war, spielte 1983 eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung des ersten Milliardenkredits für Ost-Berlin. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch seit Adenauers Zeiten in verschiedenen Formen Beiträge zur Unterstützung des sozialistischen Gegenstaates in Deutschland geleistet worden. Trotzdem war die DDR schon vor 1981 in einer bedrohlichen finanziellen Krise, was man unschwer bei jedem Einkauf bemerken konnte.
Bereits mehrere Monate vor der Regierungsübergabe an Helmut Kohl wurden deshalb während Helmut Schmidts Kanzlerschaft Verhandlungen über einen noch wesentlich umfangreicheren Kredit geführt. Der Gegensatz zwischen öffentlicher Konfrontation und vertraulicher Zusammenarbeit könnte kaum deutlicher hervortreten.
Leube interpretiert die anhaltende finanzielle Unterstützung der DDR vor dem Hintergrund der gleichzeitig aufrechterhaltenen Forderung nach dem ‚Offenhalten der Deutschen Frage‘ und der Bezugnahme auf die Grenzen von 1937. Er sieht darin Schritte zur endgültigen Aufteilung des Deutschen Reiches, das unter anderem Sebastian Haffner für zu groß und mächtig geworden hielt.
Geschichte als fortlaufende Untersuchung
Der zwölfte Band ist Teil einer vierzehnbändigen historischen Bücherserie, die von der napoleonischen Epoche bis zum Ende des Kalten Krieges reicht. Leube geht chronologisch vor und greift immer wieder auf Personen, Dokumente und Fragestellungen zurück, die er in früheren Bänden eingeführt hat.
Seine Sprache unterscheidet sich deutlich von der eines akademischen Lehrbuchs. Er spricht seine Leser direkt an und lässt sie selbst entscheiden, wie sie etwas sehen, und unterbricht die Darstellung mit ironischen Bemerkungen. Aus seiner Skepsis gegenüber etablierten historischen Erzählungen macht er kein Geheimnis.
Und vielleicht beginnt das Interesse an dieser Epoche tatsächlich mit einer ganz einfachen Frage: Warum haben ausgerechnet diejenigen, die öffentlich am lautesten gegeneinander auftraten, hinter verschlossenen Türen so intensiv miteinander „zum Wohle des Aufbaus des Sozialismus in der DDR“ verhandelt? Wer darauf eine Antwort sucht, muss mehr lesen als Schlagzeilen.
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