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Ursache und Schuld in der Geschichte

Eine philosophische Betrachtung von Dr. Wolfgang Caspart

„Alles was ist, hat seinen Grund, warum es so ist“, lautet der 4. Satz der Logik. Er kann auch lauten: „Ohne Ursache keine Wirkung.“ An diesem Satz vom zureichenden Grunde ist von Schuld keine Rede. Ursache und Schuld sind zwei verschiedene Kategorien, sie haben Unterschiedliches zum Gegenstand. Der Begriff der Ursache ist wissenschaftlich neutral, der Begriff der Schuld wertet moralisch. Wissenschaftliche Ursachen behandeln keine sittlichen Schuldfragen. Diese gehören den Philosophen und Theologen.

Krieg und Zeitfaktor

Kriege haben Ursachen und Anlässe, weshalb der Historiker als objektiver Wissenschaftler von Kriegsursachen spricht. Es fällt ihm nicht ein, über den zweiten Punischen Krieg, den Spanischen Erbfolgekrieg oder den Krieg von Nadir Schah gegen die Usbeken ethisch zu bewerten. Noch jeder Kriegführende hatte seine guten, aus seiner Sicht auch moralischen Gründe. Die rationale Geschichtswissenschaft hat alle Hände voll zu tun, um die Ereignisse so zu erforschen, wie sie wirklich waren. Erst seit dem Ersten Weltkrieg wird es Mode, statt von Kriegsursachen von Kriegsschuld zu sprechen. Vorher wäre es niemandem eingefallen, dem Kaiser oder den Protestanten die moralische Schuld am Schmalkaldischen Krieg zuzumessen. Wenn es einer dennoch tat, dann hatte dies untergeordneten Charakter. Je länger die Geschehnisse zurückliegen, desto geringer wird die moralische Betroffenheit.

Da von Kriegen immer schon Leid und Tod ausgegangen ist, spielt für die Zeitgenossen und unmittelbaren Nachfolger die psychologische Bestürzung über die Begebenheiten eine größere Rolle als für die aus größerem Abstand Beobachtenden. Doch selbst für die vom Krieg unmittelbar Betroffenen und an ihm Beteiligten spielen die harten Tatsachen naturgemäß die vorrangige Rolle. Der Hieb oder der Schuss ist nämlich die Ursache des folgenden Leides. Ein Verantwortungsträger und Handelnder steht mitten im Geschehnis und sieht die Dinge anders als nachfolgende Analysten. Aber auch diese tun gut daran, erst aufgrund der wahren Ereignisse ihre weitergehenden psychologischen und sittlichen Schlüsse zu ziehen. Gehen sie umgekehrt vor, konstruieren sie aufgrund ihrer moralischen Vorurteile die Wirklichkeit um und neu.

Um beim Beispiel des Schmalkaldischen Krieges zu bleiben, hatten alle Beteiligten ihre guten Gründe: Der Kaiser wollte die Einheit von Glauben und Reich erhalten, die protestantischen Fürsten ihre politische und religiöse Freiheit erringen. Von ihrem jeweiligen Standpunkt aus durften sich beide Parteien im Recht wähnen. Welcher Außenstehende und Spätere darf sich ernsthaft erkühnen, den moralischen Richter zu spielen? So geht es aber in allen kriegsauslösenden Fragen, die Zeiten der bloßen Rauflust und fröhlichen Fehde sind längst vorbei.

Selbstreferenz als sozialwissenschaftlicher Fehler

Bei Kenntnis des Charakters der einander Bekriegenden lassen sich selbstverständlich psychologische Profile und darauf fußend vielleicht auch sittliche Werturteile der Handelnden erstellen – vorausgesetzt natürlich unter Vermeidung konstruktivistischer Selbstreferenzen aus Übereinstimmungssuche, Negierung oder Relativierung gegenteiliger Befunde, Vernachlässigung schwerer zugänglicher Quellen, Überbewertung von Ausnahmefällen und Rückschaufehlern (Caspart 1994). Selbstredend muss auch in der Psychologie das Faktenstudium immer vorausgehen, will man nicht in Fehldiagnosen, Ideologie, Dichtung und Kolportage verfallen. Nicht minder gehen die geopolitischen Probleme und Auseinandersetzungen ihren psychologischen und moralischen Bewertungen voraus.

Dreht man die Reihenfolge um, landet man in Selbstbetrug oder interessensgeleiteter Propaganda. Ursachen enthalten keine Schuldzuweisungen, und um sich oder etwas zu verschulden, muss vorher schon etwas vorhanden gewesen sein. Die theologische Feststellung, dass wir alle Sünder sind, hilft bei der konkreten Wahrheitssuche und nüchternen Ursachenforschung nicht weiter. Auch die nachträgliche Neigung, die Schuld immer bei den anderen zu suchen, oder die masochistische Lust des Flagellanten, alle Schuld stets bei sich selbst zu vermuten, mag sozialpsychologisch oder psychopathologisch interessant sein, ist aber nicht Gegenstand der Geschichtswissenschaft.

Determinismus oder Moral

Geschichtliche wie soziale Phänomene sind komplexe Systeme und verhalten sich nicht nach den Regeln der Newton’schen Mechanik. In ihnen sind nicht einmal alle Parameter (Einflussgrößen) bekannt, geschweige denn je voll zu erfassen oder zu „kontrollieren“ (Gleick 1988). Mit vorschnellen Feststellungen und endgültigen Bewertungen sollte man sich als Wissenschaftler immer zurückhalten und vor ideologischen Fixierungen hüten. Unbekannte wie kaum erfassbare Parameter und Rückkoppelungen zwischen den Handlungen aller an historischen Geschehnissen Beteiligten kommen hinzu. In der geschichtlichen Wahrheitsfindung helfen keine tatsächlichen oder vorgeblichen moralischen „Betroffenheiten“. Mit dem kritischen Rationalismus (Popper 1984) dür­fen alle em­pirisch gewonnenen Erkenntnisse grundsätzlich nur provisorische Gültigkeit beanspruchen und sind revidierbar (Caspart 2010), moralische Schuldfragen sind jedoch keine empirischen Kategorien.

Geradezu heiter wird es, wenn dem Determinismus verpflichtete Materialisten plötzlich von Schuld sprechen und damit indeterministisch agieren, also sich selbst widersprechen. Entweder herrschen soziale Mechanismen, dann ist kein Platz für persönliche Schuld. Oder es gibt eine Freiheit des Handelns, wodurch erst sittliche Werthaltungen und Schuld möglich werden. In letzterem Falle wird die Beachtung des Sittengesetzes zur Ursache des 4. Satzes der Logik und die Weltgeschichte zur moralischen Bühne. In diesem Falle werfe den ersten Stein, wer sich ohne Schuld weiß. Zurückhaltung scheint daher geboten, und eine nüchterne Geschichtswissenschaft tut gut daran, vor allem nach Ursachen zu forschen und sich mit voreiligen Schuldzuweisungen zurückzuhalten.

Literaturnachweis

W. Caspart (1994): Sozialwissenschaftliche Fehlerquellen und ihre Folgen. Als „Moderne Scharlatane?“, Aula 3/94, Graz.
W. Caspart (2010): Revisionismus tut immer not! In: Soziologie heute 12, Linz, S. 19-20.
J. Gleick (1988): Chaos - die Ordnung des Universums. Vorstoß in Grenzbereiche der modernen Physik. Aus dem Amerika­nischen von P. Prange. München, Verlag Droemer Knaur.
K.R.. Popper (1984): Logik der Forschung. 8., weiter verbesserte und vermehrte Auflage. Mohr Verlag, Tübingen. (In: Fakten 9/14, Seebarn 2014, S. 14-15)

 

Im Sinn obiger Ausführungen muss die Frage nach der “Deutschen Alleinschuld” an beiden Weltkriegen gestellt werden. Genau das hat Peter Haisenko getan in seinem Werk “England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert”. Wer dieses Werk gelesen hat darf erkennen, dass es diese “Deutsche Alleinschuld” nicht gibt. Im Gegenteil war es das British Empire, das die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, mit allen Mitteln hergestellt hat. Der deutsche Kaiser wollte diesen Krieg bis zum letzten Tag verhindern. Erhältlich im Buchhandel oder direkt zu bestellen hier.

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