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Wie verrückt ist Kim Jong Un?

Von Peter Haisenko

Das neue Jahr hatte so vielversprechend begonnen. Der nordkoreanische Diktatorlehrling versprach Reformen und eine Öffnung nach Westen. Das Frühjahr ist noch nicht richtig eingekehrt, und die Welt wird mit wilden Kriegsdrohungen aus Nordkorea konfrontiert. Was könnte Kim Jong Un gebissen haben, dass er sich derart aufführt?

Kim hat einige Zeit seiner Ausbildung in der Schweiz genossen. Er kennt also die bestmögliche Form von Demokratie aus eigener Erfahrung. Damit lässt sich schon sein Wunsch nach zumindest wirtschaftlicher Öffnung gen Westen erklären. Allerdings darf man die internen Wiederstände, die Kim auf diesem Weg zu überwinden hat, nicht außer Acht lassen.

Kim befindet sich – nicht anders als der amerikanische Präsident – in der unangenehmen Lage, einen vollkommen überdimensionierten Militärapparat mit der Arbeit seines Volks durchfüttern zu müssen. Beide müssen sehr vorsichtig daran gehen, die interne Macht der Militärs zu reduzieren. Während in den USA die Haushaltskrise dafür gesorgt hat, den Militäretat automatisch, das heißt ohne direktes Zutun des Präsidenten, zu reduzieren, kann Kim nicht auf dieses „Glück“ reflektieren. Der Jungdiktator muss also andere Wege gehen.

Ebenso wie der amerikanische Präsident – ganz egal wie der gerade heißt – ist der Führer Nordkoreas der Willkür und damit dem Diktat der Finanzmärkte ausgeliefert. Die Finanzgewaltigen können die USA genauso wie Nordkorea jederzeit ins wirtschaftliche Chaos stürzen. Eine zweite, etwas größere „Lehman Pleite“ – und es ist vorbei mit den USA. Eine drastische (willkürliche) Abwertung der Nordkoreanischen Währung – und der Hunger wird das Land auffressen.

Mehr als einen Waffenstillstand lassen die USA nicht zu

Damit kommen wir zu Punkt drei: Frieden. Nordkorea lebt seit 60 Jahren im Kriegszustand mit Waffenstillstand. Mehr nicht. Nun, genau das ist es, worauf Kim mit seinen Aktionen hinweist und das auch offen ausspricht. Allerdings wird dieser Aspekt von unseren Medien geflissentlich ignoriert. Das ist nämlich das eigentliche heiße Eisen, und es betrifft keineswegs nur Nordkorea. Würde dieses Thema aufgegriffen, könnte es der Öffentlichkeit zu Bewusstsein kommen, mit welch großer Anzahl von Ländern die USA im (vorläufig unterbrochenen) Kriegszustand leben. Einzig Japan hat 1949 mit den USA einen Friedensvertrag schließen dürfen. Deutschland bis heute nicht.

Welchen Sinn kann es haben, in einem Land wie Nordkorea einen weitgehenden Systemwechsel inklusive einer Öffnung nach Westen zu forcieren, wenn es für die Zukunft keine Sicherheitsgarantien gibt, was die Eigenständigkeit des Landes anbelangt? Wenn eben kein Friedensvertrag absichert, dass ein Land ohne Furcht vor Eingriffen von außen einen eigenen Weg gehen kann? Hinzu kommen die andauernden Sanktionen.

Schon mit Kuba und der Sowjetunion haben die UNO im Einklang mit den USA vorgeführt, wie missliebige Staaten durch Sanktionen an einer positiven Entwicklung gehindert werden können. Ebenso Iran, Irak, Chile – die Liste ist lang. All diese Sanktionen sind eine Sekundärfolge fehlender Friedensverträge oder wenigstens eines normalen Umgangs, ohne den Anspruch auf globale Hegemonie. Wenn Behinderung durch Sanktionen nicht möglich war, weil ein Land grundfriedlich agierte, dabei aber einen dritten Weg erfolgreich gegangen ist, dann wurde dieses Land eben durch gezielte Subversion destabilisiert – und schließlich militärisch zerstört: Beispiel Jugoslawien.

Ich halte die Kriegsdrohungen aus Nordkorea für haltlos. Kim ist kein Selbstmörder.

Korea hat eine uralte Kultur, der nicht so einfach ein demokratisches System nach westlich-kapitalistischem Muster übergestülpt werden kann. Dasselbe gilt für nahezu alle Länder, die keine jahrhundertelange Entwicklung im westlichen Wertekanon genommen haben. Siehe Afghanistan etc.. Anders als Deutschland, das sich in selbstverleugnender Weise den angelsächsischen Idealen „freiwillig“ untergeordnet hat, will Nordkorea seine eigene Kultur nicht preisgeben. Nordkorea hat auch keinen Grund dafür.

Mit Friedensverträgen sähe die Welt anders aus

Vielleicht ist es der Diktator Kim Jong Un, der der Welt vor Augen führt, dass die zukünftige Entwicklung der Welt zu Frieden und allgemeinem Wohlstand nur dann möglich ist, wenn alle, ich betone alle Nationen einen eigenständigen Weg frei von dogmatisch ultimativen Vorgaben gehen können. Dazu bedarf es Friedensverträge unter allen Ländern. Es müssen Aktionen weltweit geächtet werden, die mit der Arroganz des Stärkeren in unliebsamen Ländern einfach Menschen ermorden, die sich nicht wehren können. Jemen, Pakistan, Somalia etc.. Sei es von Drohnen oder Agenten im Stil von James Bond: CIA, MI6, Mossad.

Diese Untaten müssten mit Sanktionen bestraft werden, und behaupte niemand, die USA wären mit Sanktionen nicht zu treffen. Die Wahrheit ist, dass es kein Land gibt, das mit Sanktionen härter getroffen werden könnte als dieses. Das gigantische Außenhandels-Defizit der USA spricht hier eine deutliche Sprache.

Die Aktionen Kims mögen unkonventionell und scheinbar ungeschickt erscheinen und sie dürften in diesem Sinne ein Stück weit auch seiner Jugend geschuldet sein. Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass alle anderen Versuche als ernstzunehmender Gesprächspartner wahrgenommen zu werden, keinerlei Erfolg zeigten, geschweige denn zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages geführt hätten. Auch im eigenen Land hat der Jungdiktator keinen leichten Stand. Hier hat er es mit uniformierten Hardlinern und ordensbehängten Betonköpfen zu tun, die er mit konventionellen Methoden kaum ruhigstellen kann.

Vielleicht sind die Aktionen Kims ein verzweifelter Versuch, sein Land in eine bessere Zukunft zu führen. Man sollte mit ihm reden, die Hand ausstrecken, einen Friedensvertrag anbieten. Verrückt ist Kim Jong Un nicht, er steht nur mit dem Rücken zur Wand, und vor ihm steht der Hegemonialanspruch der USA, der eine eigenständige Entwicklung in Nordkorea nicht zulassen will.

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