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Weihnachtsmann Wilhelm will wegen Corona seinen Job nicht machen

Von Hubert von Brunn

Alle Jahre wieder versammelt sich Anfang Dezember in Petrus’ Vorgarten zum Paradies ein gewaltiges Heer von rotgewandeten Männern zum Kostüm-Appell. Es wird geprüft, dass die Mäntel und Hosen keine Rotweinflecken oder gar Mottenlöcher aufweisen, dass die Zipfelmützen ordentlich gebügelt sind und die schwarzen Stiefel glänzen. Die weißen Haare, Augenbrauen und Bärte sollten voluminös, aber gepflegt und nicht unordentlich sein. Eine Routine, mit denen die Männer von der Außendienst-Abteilung bestens vertraut sind, denn die meisten von ihnen machen diesen Job seit vielen, vielen Jahre, nicht wenige schon seit Jahrhunderten. Dem entsprechend genervt folgen sie jedes Jahr aufs Neue dem Aufruf zu dieser Parade. Wissen sie doch selbst am besten, was bei ihren Auftritten als Nikolaus oder Weihnachtsmann auf Erden verlangt wird und wie man sich in dieser Funktion den Menschen, insbesondere den Kindern gegenüber zu verhalten hat. Aber nein, diese Mega-Versammlung von Rotröcken bereitete dem Alten offenbar besondere Freude und er besteht darauf, die abzuhalten. Auch dieses Jahr.

Besonderen Gefallen schien Petrus darin zu finden, den Männern trotz deren unbestrittenem Erfahrungsschatz mahnende und zugleich aufmunternde Worte mit auf den Weg zu geben. Mit einem dreifachen „Ho-Ho-Ho“ machten die Männer deutlich, dass sie mit den Ausführungen ihres Chefs einverstanden sind und versichern, ihm auch in diesem Jahr keine Schande zu bereiten. Seit ewigen Zeiten war auch geregelt, welcher Weihnachtsmann wann, in welchem Land, in welcher Region, in welcher Stadt zum Einsatz kommen würde. War diese Zuteilung erst einmal erfolgt, blieb es dabei.

Wilhelms Aktionsraum liegt in Südbayern. Als gebürtiger Rosenheimer, der seiner Heimat zeit seines Lebens treu geblieben war, hat er bei seiner Bewerbung in der Außendienst-Abteilung mit Nachdruck darum gebeten, auch als Weihnachtsmann in der ihm vertrauten Umgebung dienen zu dürfen. Dieser Wunsch wurde respektiert und so darf Wilhelm Jahr für Jahr zu Weihnachten das Land seiner Väter wieder besuchen und die Menschen, mit denen er sich nach wie vor verbunden fühlt, mit Geschenken beglücken. Besser hätte es für Wilhelm nicht laufen können – bis jetzt. Als Petrus zu ihm kam, ihm wie jedes Jahr, die Hand auf die Schulter legte und salbungsvoll meinte:

„Na Wilhelm, freust dich schon auf die Berge und auf den Schnee?“

„Nein Chef, ich freue mich nicht“, antwortete Wilhelm mit möglichst klarer Stimme. „Ich kann mich nicht freuen, denn ich werde dieses Jahr nicht dorthin gehen.“

Petrus hatte Mühe, seine Schnappatmung unter Kontrolle zu bringen. „Was sagst du da?“, fragte er grimmig, „du willst die Kinder in deiner alten Heimat dieses Jahr nicht mit Geschenken erfreuen?“

„Nichts täte ich lieber als das, aber es geht beim besten Willen nicht.“

„Würdest du mir das bitte erklären?“ Petrus war sehr ungehalten und in seiner Stimme schwang ein drohender Unterton mit, der Wilhelm nichts Gutes ahnen ließ. Dennoch war er nicht gewillt, von seinem Entschluss abzurücken und bemühte sich, mit möglichst fester Stimme zu sprechen.

„Wie lange mache ich diesen Job als Weihnachtsmann schon? – Keine Ahnung. Nach menschlichen Kategorien müssen Jahrhunderte vergangen sein. Aber hier oben spielt Zeit ja keine Rolle, und mir ist es auch egal…“

„Ich kann es dir ganz genau sagen“, unterbrach Petrus mit der ihm eigenen besänftigenden Stimme. „Genau 199 Mal warst du bis jetzt im Einsatz als Weihnachtsmann und gehörst damit zu unseren erfahrenen Kollegen. In diesem Jahr feierst du dein 200stes Jubiläum. Das kann dir doch nicht egal sein.“

„Es tut mir Leid, Chef. Für mich ist es völlig unerheblich, wie oft ich dort unten war, durch den Schnee gestapft bin, an Türen geklopft habe und schließlich in glückliche Kinderaugen sehen durfte. Ich habe meine Aufgabe immer sehr ernst genommen und alles dafür getan, Kinder und Eltern gleichermaßen mit dem Zauber von Weihnachten zu berühren und sie einzustimmen auf die Geheimnisse der Heiligen Nacht.“

„Wohl wahr. Ich habe deine hinwendungsvolle Arbeit stets mit größtem Wohlgefallen zur Kenntnis genommen.“

„Siehst du, und genau das wäre in diesem Jahr im Zeichen von Corona unmöglich.“

„Blödsinn“, knurrte Petrus und schüttelte unwillig sein Haupt.

„Nein, nicht Blödsinn, sondern bittere Realität. Stell dir doch mal folgende Situation vor: Ich klopfe an eine Tür. Es dauert eine Weile bis sie geöffnet wird, dann steht der Hausherr vor mir – breitbeinig mit verschränkten Armen und unfreundlichem Blick. Er macht mir klar, dass sich bereits fünf Personen in der guten Stube befinden und er niemandem mehr Zutritt gewähren dürfe. ‚Legen Sie die Geschenke da vor die Tür’ befiehlt er, ‚aber passen Sie auf, dass sie nicht nass werden. Wenn Sie weg sind, werden wir die Pakete reinholen.’ Denkst du, ich möchte in der Form abgekanzelt werden?“

„Ach was, das bildet du dir nur ein. Da geht deine Fantasie mit dir durch. Die Menschen sind nicht so.“

„Hast du eine Ahnung!“ Jetzt musste sich Wilhelm am Riemen reißen, um sich seinem Chef gegenüber nicht im Ton zu vergreifen. „Die Menschen sind nicht so? – Dann sieh dir mal die Abendnachrichten an. Die Menschen sind noch viel schlimmer. Da unten herrscht die blanke Hysterie. Weihnachten geht in diesem Jahr vollkommen in die Hose und dagegen sind auch wir Weihnachtsmänner machtlos. Sie schmücken ihre Städte, die Geschäfte, die Straßen und Plätze wie jedes Jahr mit funkelndem Lichterglanz – aber niemand ist da, der sich daran erfreuen könnte. Die Läden sind geschlossen, nach Einbruch der Dunkelheit herrscht Ausgangssperre, nirgendwo gibt es eine Bratwurst oder gebrannte Mandeln oder einen Glühwein. Was hat das denn noch mit Weihnachten zu tun?“

„Na, vielleicht tut diese Erfahrung den Menschen aber auch mal gut. Dann werden sie in Zukunft mit Weihnachten vielleicht wieder mehr verbinden als nur kaufen, kaufen, kaufen.“

„Das mag sein. Und wenn dieser Corona-Wahnsinn tatsächlich dazu führt, den überbordenden Konsumterror zu bremsen und die Menschen wieder bewusst werden lässt, worum es bei Weihnachten wirklich geht – dann finde ich das auch großartig. Da bin ich ganz bei dir. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich in diesem Jahr meinen Job nicht ordentlich machen kann, und deshalb gehe ich da erst auch gar nicht hin.“

„Wilhelm, du bist ein guter Mann und ich mag dich“, unternahm Petrus nun einen letzten Versuch, seinen abtrünnigen Weihnachtsmann umzustimmen. „Aber du hast dich da in etwas reingesteigert, was so gar nicht ist. Es wird womöglich ein wenig anders sein als sonst, aber Weihnachten ist Weihnachten, das gilt auch für dieses Jahr. Und ohne euch Weihnachtsmänner geht es nun mal nicht.“

„Nett, dass du das sagst, Chef, aber du kannst mich nicht umstimmen. Stell dir doch mal eine andere Situation vor: In der Wohnung sind tatsächlich nur Vater, Mutter und zwei Kinder. Ich darf also rein. Aber nur mit Maske vor dem Gesicht. Mit meinen langen weißen Haaren, dem Bart, den Augenbrauen und dem Gesichtslappen ist von mir doch gar nichts mehr zu sehen. Dazu kommt noch die Brille, die ständig beschlägt und meinen Blick trübt. Wie soll ich denn zu den Kindern ein liebevoll-väterliches Verhältnis aufbauen, wenn sie gar nichts von mir erkennen können? In die Arme oder auf den Schoß nehmen darf ich sie ja auch nicht. Ich komme daher als kastrierter Weihnachtsmann und statt Freude und Glück verbreite ich Angst und Schrecken. – Nein, nein, das geht nicht. Das kann ich mit meinem Berufsethos nicht vereinbaren.“

„So, und was ist mit all deinen Kollegen? Sind die der gleichen Meinung wie du? Wollen die auch streiken?“

„Keine Ahnung, das muss jeder selbst für sich entscheiden.“

„Nun gut, da du unbelehrbar bist, muss ich Maßnahmen ergreifen. Dir ist klar, dass ich dein Verhalten als Arbeitsverweigerung melden muss – und das wird Konsequenzen haben. Als erstes wirst du von den anderen isoliert, damit du dort mit deinen ketzerischen Ideen keinen Unfrieden stiften kannst. Deine Weihnachtsmann-Montur ziehst du aus und lässt sie hier. Dann gehst du zurück auf deine Wolke und wartest auf weitere Mitteilungen aus dem Hauptquartier.“

„Aber Chef, du kennst mich doch, sei nicht so streng. Ich war immer ein guter Weihnachtsmann und habe nie Probleme gemacht. Es geht doch nur um dieses Jahr mit dieser blöden Corona-Nummer. Nächstes Jahr bin ich wieder voll dabei, da kannst du dich hundertprozentig darauf verlassen.“

„Tja, mein Guter, da liegst du hundertprozentig daneben. Arbeitsverweigerung ist kein Kavaliersdelikt und wird bestraft. Ob ich dich mag oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Die Entscheidung, wie es mit die weitergeht, treffen andere, ich muss es nur melden. Sicher ist, dass du aus der Außendienst-Abteilung ausgeschlossen wirst, und ob du da jemals wieder reinkommst, steht in den Sternen.“

„Aber ich sag doch, nächstes Jahr bin ich wieder dabei“, flehte Wilhelm.

„Nein, nein“, entgegnete Petrus mit pastoraler Stimme. „Man muss wissen, wofür man steht, und wenn einmal unvorhergesehene Probleme auftauchen, darf man nicht davon laufen und die Flinte ins Korn werfen. – Ist dir klar, welche Konsequenzen deine Arbeitsverweigerung haben wird? Ich muss einen Neuling einarbeiten – die Bewerberliste ist ja Gott sei Dank lang und es wird nicht schwer sein, einen geeigneten Kandidaten auszuwählen. Aber das ist mit Aufwand verbunden und keiner garantiert mir, dass er da unten seine Aufgabe so akkurat und bravurös erledigen wird, wie wir das von dir gewohnt waren. Und du glaubst doch nicht im Ernst, dass du im nächsten Jahr wieder daher kommst, mir sagst, dass du wieder dabei bist, und ich deinen Ersatzmann einfach wieder nach Hause schicke. Nein, mein Lieber, so läuft das nicht. Du hast dich ohne Not rausgekickt, und jetzt bist du draußen. Jeder ist seines Glückes Schmied – das gilt für die da unten, aber auch für euch hier oben und die Hybris ist eine schlimme Krankheit.“

Da saß der renitente Wilhelm nun in seinem geblümten Flügelhemdchen, das er nicht ausstehen konnte, auf seiner Wolke und harrte der Dinge die da kommen. Wie lange er dort tatenlos herumsaß, hätte er nicht sagen können, denn Zeit spielt da oben, wie bereits gesagt, keine Rolle. Eines Tages dann kam ein kleines Engelchen herangeflattert.

„Bist du der Wilhelm, der früher mal in der Außendienst-Abteilung war?“ fragte der kleine Falter geschäftsmäßig.

„Ja, der bin ich“, brummte Wilhelm unwillig. „Warum fragst du?“

„Ich überbringe dir eine Nachricht, direkt vom Hauptquartier.“ Damit überreichte ihm das Engelchen eine Papierrolle, die von einer blauen Samtschleife mit Sternchenmuster zusammengehalten wurde. „Du sollst bitte sofort lesen, was da drin steht, und die Anweisungen umgehend befolgen, soll ich ausrichten.“

„Ja, ja, sollst du ausrichten“, knurrte der alte Mann. Er ahnte dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Aber jetzt war ihm das zarte Gesichtchen doch recht nahe gekommen und er glaubte, es zu kennen.

„Sag mal, Kleines, hast du mich nicht das eine oder andere Mal begleitet, als ich noch als Weihnachtsmann auf Erden gewirkt habe?“

„Kann schon sein“, gab das Engelchen gelangweilt zurück. „Ich war mit so vielen Weihnachtsmännern unterwegs. Die habe ich mir nicht alle gemerkt. Da hätte ich echt viel zu tun.“ Und schon wollte das gute Kind davonflattern, doch Wilhelm hielt es an einem Flügelchen fest.

„Momentchen noch. Ich hätte da noch eine Frage.“

„Meinetwegen“, fauchte der kleine Falter, „aber nimm die Finger weg. Du ruinierst sonst meinen zarten Flügel und das wäre fatal.“

„Ja, ist ja gut. Reg dich nicht auf“, sagte Wilhelm besänftigend und ließ los.

„Also, was willst du wissen?“

„Wann warst du das letzte Mal unten?

„An Weihnachten.“

„Und wie lange ist das her?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Sag mal, als du letztes Weihnachten unten warst, herrschte da immer noch Corona?“

„Corona? Was ist das?“

Resigniert senkte Wilhelm sein Haupt mit dem üppigen weißen Haarschopf.

„War’s das?“ fragte das Engelchen ungeduldig.

„Ja, das war’s“, murmelte er in seinen langen weißen Bart. „Schwirr ab.“

Das ließ sich der kleine Falter nicht zweimal sagen – und schon war er weg. Jetzt wurde Wilhelm die Schriftrolle bewusst, die er in seiner Linken hielt und deren Inhalt er umgehend zur Kenntnis nehmen sollte. Also öffnete er die blaue Samtschleife mit dem Sternenmuster und schob die Rolle auseinander. Dass dort keine frohe Botschaft stehen würde, war klar, aber was er nun zu lesen bekam, übertraf seine ärgsten Befürchtungen. In strengem Ton wurde ihm mitgeteilt, dass er sich unverzüglich in der Kommandantur des Wachbataillons an der Pforte zum Paradies einzufinden habe. Hier würde man ihm eine schmucke Garde-Uniform verpassen, einen Platz in der Kaserne zuweisen und ihn mit seinen neuen Aufgaben vertraut machen.

Wilhelm war am Boden zerstört. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Von einem ehemaligen Kollegen, der aufgrund besonderer Verdienste den umgekehrten Weg geschafft hatte – vom Wachbataillon in die Außendienst-Abteilung der Weihnachtsmänner – hat er erfahren, was für ein bescheuerter Job der Wachdienst an der Pforte war. Und jetzt hat es ihn erwischt, nur weil er einmal sein Berufsethos über alles stellte und sich von Corona nicht klein machen lassen wollte. Es nützte alles nichts. Anweisungen vom Hauptquartier waren zu erfüllen, da gab es keine Diskussion. Also machte er sich auf den Weg. Freundlicherweise hatte man dem Stellungsbefehl – was anderes war es ja nicht – einen kleinen Lageplan beigelegt, anhand dessen er immerhin feststellen konnte, in welche Richtung er zu gehen hatte. Ohne diese Hilfe wäre er sonst wo gelandet. Sieht ja alles so gleich aus, da oben.

Endlich hatte er die Pforte vor sich. Das war schon daran zu erkennen, dass Wilhelm, je näher er diesem neuralgischen Punkt kam, immer mehr Figuren begegneten, die ihm entgegen kamen. Alles Neulinge, die die Aufnahmeprozedur erfolgreich überstanden haben und sich nun im Paradies einen Platz suchen. Über einem aus rohen Holzbalken gezimmerten Blockhaus prangte in Leuchtschrift das Wort „Kommandantur“. Da musste er hin. Drinnen war es duster. Allein eine Tiffany-Lampe auf dem Schreibtisch, hinter dem ein Uniformierter saß, verbreitete ein diffuses Licht.

„Guten Tag“, grüßte Wilhelm.

„Moin“, entgegnete der Uniformierte, ohne den bemützten Kopf zu heben.

„Ich heiße Wilhelm und soll mich hier melden.“ Damit legte er die Schriftrolle mit dem Stellungsbefehl auf den Schreibtisch.

„Ah ja“, sagte der Mann und hob nun seinen Kopf. „Ich hab dich schon erwartet. Bist du nicht der, der die Außendienst-Abteilung freiwillig verlassen hat? – Mann, Mann, Mann, wie bescheuert muss man sein! Na ja, jetzt bist du hier und hier habe ich das Kommando. Verstanden?“

„Ja, Chef“, stammelte Wilhelm.

„Jawohl Herr Oberst“, heißt das bei uns. Verstanden?“

„Ja… Jawohl Herr Oberst.“

„Na also, geht doch!“ Dann steckte der Herr Oberst zwei Finger in den Mund und stieß einen gellen Pfiff aus. Ein junger Mann erschien und nahm Haltung an.

„Schulze, gib unserem neuen Kameraden was Anständiges zum anziehen, zeig ihm seine Koje und dann bringst du ihn wieder her.“

Eine halbe Stunde später stand Wilhelm wieder in der Kommandantur vor dem Herrn Oberst. Diesmal in einer mausgrauen Uniform ohne Rangabzeichen. Allemal besser als das vermaledeite Flügelhemdchen, dachte Wilhelm und stand stramm, so gut er konnte. Schulze stand in gebührendem Abstand hinter ihm, der Herr Oberst ungebührlich nahe vor ihm.

„Und was ist das da?“ polterte er los und zog Wilhelm an seinem langen weißen Bart.

„Aua!“

„Sapperlot, der ist ja echt.“

„Ja, der ist echt und der gehört mir.“

„Nein, nein, nein, das geht gar nicht. So kannst du nicht auf Wache gehen. Das muss weg und die Mähne auch. Verstanden, Schulze!?“

„Jawohl Herr Oberst! Bart und Mähne müssen weg.“

„Das können Sie nicht machen“, hob Wilhelm flehentlich die Hände. „Es hat Jahre gedauert, bis es so weit war und eines Tages will ich ja wieder zurück in die Außendienst-Abteilung und wieder als Weihnachtsmann nach Rosenheim gehen.“

„Oh Gott, du armer Irrer. Glaubst du ernsthaft, man wird dich in dieser abgehobenen Elite-Truppe wieder aufnehmen, nachdem du den Befehl verweigert hast? Um das zu erreichen, müsstest du schon was ganz Großes leisten. Du weißt ja hoffentlich, dass das Gros unserer Kunden aus dem Fegefeuer kommt. Direkte Zugänge gibt es kaum. Heißt also, die haben – je nachdem, was sie zu Lebzeiten auf Erden angestellt haben – eine mehr oder minder lange Zeit im Fegefeuer zugebracht und sind jetzt heiß darauf, im Paradies endlich Ruhe zu finden. In aller Regel läuft das ganz reibungslos. Du überprüfst die Entlassungspapiere aus dem Fegefeuer und wenn nichts zu beanstanden ist, machst du das Tor auf. Das ist der Normalbetrieb. Aber es gibt auch immer wieder schwierige Fälle. Leute, die trotz Fegefeuer immer noch meinen, sie seien etwas Besonderes und müssten sich an unsere Regeln nicht halten. Solche schwierigen Individuen zu bearbeiten und sie paradiesgerecht zu machen, ist keine leichte Aufgabe. Ich habe so manchen harten Brocken hier erlebt, das kann ich dir sagen. – Also, jetzt wirst du erst mal nach strengem Dienstplan hier Wache schieben und deinen Job ordentlich erledigen. Dann sehen wir weiter.“

Und Wilhelm machte seinen Job ordentlich. Er trat pünktlich seine Wache an, ging freundlich mit den Neuankömmlingen um und erledigte die Formalitäten zum Eintritt ins Paradies akkurat und zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. In all der Zeit, in der er als Wachmann Dienst geleistet hat – wie lange es wirklich war, vermochte er nicht zu sagen – Zeit spielte dort oben ja keine Rolle. Aber es musste schon eine ganze Weile gewesen sein, denn immerhin hatte er bereits drei goldene Streifen auf der Schulterspange seiner Uniform. Und solche Beförderungen gab es doch eher selten. Extrem schwierige Kunden, bei denen sich Wilhelm besonders hätte auszeichnen können, hatte er noch nicht. Bis zu dem Tag, an dem ihn der Oberst, mit dem er inzwischen ein beinahe freundschaftliches Verhältnis hatte, unsanft aus seinem Mittagsschlaf riss:

„Wach auf Wilhelm! Reib dir den Sandmann aus den Augen und kommt auf die Beine.“

„Aber ich hab doch Freiwache…“ stammelte Wilhelm verschlafen.

„Ja ich weiß. Aber ich will nicht, dass du eine Riesenchance verpennst. Du willst doch wieder in deine Weihnachtsmann-Riege zurück, oder?“

„Natürlich will ich das.“ Und schon stand der brave Wachsoldat neben seiner Pritsche und nahm Haltung an.

„Na dann komm mit“, raunzte der Oberst, packte Wilhelm am Arm und zerrte ihn zum Ausgang der Bude. Draußen angekommen, konnte Wilhelm gerade noch hastig seine Uniformjacke überziehen, als der Oberst seinen Finger an die Lippen legte.

„Psst, ganz ruhig! Hörst du?“

Wilhelm lauschte angestrengt und tatsächlich hörte er in der Ferne sich nähernde Laute, die ihm sehr vertraut waren:

„Sakra, is des a gschissener Weg. – Lass me aus, du Bazi, i brauch ka Stützen net. – Samma jetzt endlich do beim alden Betrus? – Es reicht mer langsam…“

Das, mein lieber Wilhelm ist ein richtig harter Brocken. Wie du hören kannst, kommt der aus deiner alten Heimat – na ja, ein bisschen weiter nördlich. Aber er war mal ein großer Hecht im Politzirkus da unten und nicht ganz unschuldig daran, dass du damals im Corona-Jahr deinen Job als Weihnachtsmann nicht mehr so machen konntest, wie du es für richtig hieltst.“

„Echt, der war schuld daran?“

„Mehr oder weniger“, gab der Oberst schmunzelnd zurück, „jedenfalls war er ein großer Fan von Gesichtslappen.“

„Na toll.“

„Pass auf, Wilhelm ich sag dir was. Vergiss, was damals war, das ist lange her. Aber ich verspreche dir eines: Wenn du den bearbeitest und paradiestauglich machst – dann sorge ich dafür, dass du in deine alte Abteilung zurückkehren darfst.“

„Schau mer mal, Herr Oberst, des kriege mer scho hie.“ 

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