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Der Ersatz-Weihnachtsmann und sein Wunder auf Facebook

Von Hubert von Brunn 

„Hallo Stefan, dein Onkel Ludwig spricht. Hab’s schon auf deinem Handy probiert, aber da bin ich auch nur auf der Mailbox gelandet. Ich hasse diese Dinger, aber egal, ich muss mit dir sprechen. Deshalb sei so gut und statte mir morgen einen kleinen Besuch ab. Ich bin den ganzen Tag im Amt und du bist willkommen, wann immer du es einrichten kannst. Worum es geht, sage ich dir dann. So viel nur: Es wird dein Schaden nicht sein. Weihnachtsgeld extra winkt, ha, ha, ha, wenn ich das so sagen darf. Dagegen wirst du ja bestimmt nichts einzuwenden haben, ha, ha, ha. Also dann, bis morgen.“

Gerade von einer schweißtreibenden Squash-Partie nach Hause gekommen, hatte Stefan Mantel, Schal und Mütze an die Garderobe gehängt, die Stiefeletten ausgezogen und wollte nur eines: Unter die Dusche, sich frisch machen, sich mit einer Wurststulle und einer Flasche Bier noch für eine Stunde vor den Fernseher setzen – und dann schlafen. Das aufdringliche Blinken des Anrufbeantworters auf der Kommode neben der Garderobe im Flur hat ihn dann doch dazu verleitet, die Abruftaste zu drücken. Es hätte ja auch Beate sein können, die auf Dienstreise in Südafrika weilte, und ihm noch eine „gute Nacht“ wünschen wollte. War es nicht. Mutter, Freund Peter, ein Callcenter, das wissen wollte, welche Rundfunkprogramme er am liebsten hört – und eben Onkel Ludwig.

‚Was der wohl wieder im Schilde führt?’, dachte Stefan, während er die warme Dusche genoss. Er war so anders als sein Vater, den er seit seiner Kindheit nur als streng, pedantisch und rechthaberisch erfahren hatte. Onkel Ludwig war das genaue Gegenteil. Er hatte in jungen Jahren die Welt bereist, hautnah erfahren, unter welchen Bedingungen Menschen auch leben; sein Geld für das Studium hat er sich als Gitarrist in einer Beatband verdient, genoss die damit erreichte Unabhängigkeit und hat, was Frauen anbelangte, nichts anbrennen lassen. Seit zehn Jahren bekleidet er das Amt des Bürgermeisters, ist glücklich verheiratet, Vater von zwei Kindern – eine angesehene und respektierte Persönlichkeit der Stadt. Seit er denken konnte, hat ihn Onkel Ludwigs Nonchalance fasziniert und er hat sich immer gewünscht, später einmal so zu sein wie er. Im Laufe der Jahre musste er allerdings auch erfahren, dass man bei ihm immer mit Überraschungen rechnen musste und dass er durchaus hartnäckig sein konnte, wenn man versuchte, gegen ihn zu opponieren. Eigentlich hatte man von vorn herein keine Chance. Seine Rhetorik war für normal gebildete Menschen unüberwindbar. Stefan war gespannt, welchen Vorschlag sein geliebter Onkel Ludwig ihm unterbreiten würde, um sein Weihnachtsgeld aufzubessern.

Als er am nächsten Morgen sein Frühstücksei köpfte, überlegte er kurz: Uni oder Rathaus. Die Vormittags-Vorlesung war nicht so wichtig und außerdem würde Sandra, seine hoch geschätzte Kommilitonin, alles feinsäuberlich aufschreiben und ihn dann mit den Kopien ihrer Aufzeichnungen beglücken. Das war viel besser, als selbst dabei gewesen zu sein und er hatte wieder einen guten Grund, sich mit vollem Körpereinsatz bei Sandra zu bedanken. Sie waren kein Paar und wollten es auch beide nicht sein, aber dieses Spiel funktionierte reibungslos seit vier Semestern. Was will man mehr? An der Stelle fühlte sich Stefan seinem Onkel Ludwig außerordentlich nah. Er hätte nicht anders gehandelt.

Der Vorzimmerdame in Onkel Ludwigs Büro war Stefan kein Unbekannter.

„Ach, der Herr Kammacher Junior“, strahlte die attraktive Mittfünfzigerin ihn an. „Augenblick, ich werde Sie gleich anmelden. Ich denke, der Chef wartet schon auf Sie.“

Sie nahm den Hörer der Telefonanlage in die Hand, drückte eine Taste und verkündete: „Ihr Lieblingsneffe ist jetzt da, Herr Bürgermeister.“

Mit zufriedenem Gesichtsausdruck legte sie auf und wies mit ausgestrecktem Arm auf die Tür am anderen Ende des Zimmers: „Bitte, er freut sich, Sie zu sehen.“

„Herzlichen Dank, sehr freundlich“, erwiderte Stefan und warf der Frau hinter dem Schreibtisch einen vielsagenden Blick zu. ‚Warum nicht?’, dachte er, während er die Türklinke betätigte und ins Büro des Bürgermeisters eintrat.

Augenblicklich erhob sich Onkel Ludwig von seinem reichlich gepolsterten Direktorensessel, trat nach vorne und nahm Stefan in die Arme. Diese Form der Begrüßung war zwischen den beiden nicht ungewöhnlich. Man klopfte sich gegenseitig auf die Schulter und gab sich zu verstehen, wie schön es sei, sich endlich mal wiederzusehen.

„Bitte nimm Platz“, sagte der Bürgermeister und wies mit einladender Geste auf die lederne Sitzgruppe in der Ecke. „Darf ich dir etwas anbieten?“

„Als da wäre?“

„Naja, das Übliche: Kaffee, Tee, Orangensaft, Wasser.“

Stefan machte keine Regung. Es war deutlich nach Mittag, da durfte es auch schon mal etwas anderes sein.

„OK, ich verstehe“, sagte Onkel Ludwig, stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und gab seiner Sekretärin Order: „Bitte bringen Sie uns eine Flasche Prosecco und zwei Gläser. – Danke.“

„Einverstanden“?, fragte er grinsend als er sich wieder in seinen Ledersessel fallen ließ.

„Keine Einwände“, gab Stefan lächelnd zurück. „Du bist eben ein Mann von Welt, der weiß, was sich gehört.“ –

Sie mussten beide herzhaft lachen. Kaum hatten sie sich beruhigt, trat die Sekretärin nach kurzem Klopfen ein. In der einen Hand hielt sie einen silbernen Sektkübel, in dem eine langhalsige Flasche den Kopf reckte, in der anderen zwei Sektkelche. Sie drapierte alles auf dem Glastisch und machte sich daran, die Flasche zu öffnen. Nachdem die Gläser gefüllt waren, trat sie zurück und fragte dienstergeben: „Kann ich noch etwas für Sie tun?“

„Nein, liebe Frau Altmann“, entgegnete der Bürgermeister. „Sie sind wie immer großartig und ich danke Ihnen sehr dafür. Wenn Sie nur dafür sorgen möchten, dass wir nicht gestört werden.“

„Selbstverständlich, Herr Bürgermeister, darauf können Sie sich verlassen. Ich wünsche gute Gespräche mit dem Herrn Neffen und: Wohl bekomm’s“. Mit entwaffnendem Lächeln entfernte sie sich und schloss die Tür hinter sich.

„Siehst du, mein Junge, man muss nur gut mit den Menschen umgehen, dann tun sie alles für dich. Frau Altmann ist die gute Seele und auf sie kann ich mich hundertprozentig verlassen. Was immer du später einmal tun wirst – darauf solltest du unbedingt achten. So eine zuverlässige Person an deiner Seite ist unbezahlbar.“

Sie prosteten sich zu und ließen die Sektgläser klingen. Dann hatte Stefan das dringende Bedürfnis zu erfahren, weshalb sein Onkel ihn zu sich gebeten hatte.

„Also, sag an. Worum geht es?“

„Ah ja, das mag ich. Nicht lange drum herum reden, sondern gleich in medias res“, stellte der Bürgermeister amüsiert fest. „Das hast du dir doch nicht etwa von mir abgeguckt?“

„Wer weiß?“

„Ach Junge, du gefällst mir. Deshalb habe ich auch sofort an dich gedacht, als ich unversehens damit konfrontiert wurde, auf der Stelle einen Ersatz-Weihnachtsmann zu finden.“

Stefan, der gerade an seinem Prosecco nippte, hat sich ordentlich verschluckt. „Habe ich mich verhört oder hast du gerade tatsächlich Ersatz-Weihnachtsmann gesagt“, prustete er um Luft ringend.

„Du hast dich nicht verhört“, antwortete Onkel Ludwig ganz ruhig und gab seinem Neffen ein paar Klapse zwischen die Schulterblätter.

„Geht’s wieder?“, fragte er fürsorglich.

„Ja, ja, alles in Ordnung, geht schon. – Tut mir leid, Ludwig, aber als Ersatz-Weihnachtsmann stehe ich ganz gewiss nicht zur Verfügung. Da musst du dir wirklich einen anderen suchen. – Danke für die Einladung. Wir sehen uns am zweiten Feiertag.“ Stefan schickte sich an aufzustehen, doch sein Onkel drückte ihn sanft aber bestimmt auf der Schulter in den Sessel zurück“.

„Nicht so hastig, mein Lieber. Du weißt doch noch gar nicht, worum es geht.“

„Aber ja, du hast es doch gerade gesagt.“

„Schon. Aber du kennst noch nicht die besonderen Umstände.“

„Besondere Umstände? Was soll das denn sein?“

„Komm, ich schenke uns nochmal nach, dann setze ich dich ins Bild. – Du kennst doch Josef, unser Faktotum im Rathaus. Er kann alles, er macht alles, er ist immer da, wenn man ihn braucht.“

„Na klar kenne ich den. Ein witziger alter Kauz und sehr sympathisch.“

„Genau, und dieser Josef ist eben auch schon seit vielen Jahren unser städtischer Weihnachtsmann. Die Einzelhändler und die Stadt legen da alljährlich zusammen, um mit dieser Aktion die Kauflust der Leute ein wenig anzuregen. Und die Sache hat sich bewährt. Tag für Tag geht Josef in der Adventszeit durch die Fußgängerzone, spricht die Kinder an und zieht kleine Geschenke für sie aus seinem Jutesack, lässt sich mit Touristen und Einheimischen fotografieren – Kurz: er ist aus dem vorweihnachtlichen Stadtbild nicht wegzudenken.“

„Ach sieh an. Der Josef steckt hinter der Weihnachtsmann-Maskerade. Das wusste ich nicht. Vor zwei oder drei Tagen habe ich ihn ja noch gesehen. Da hat er mit dem Straßenmusikanten, der sich immer vor dem Schnellimbiss postiert, Weihnachtslieder gesungen.“

„Ja, aber jetzt singt er eben nicht mehr“, sagte der Bürgermeister mit ernster Miene und stand auf.“ Josef hat eine heftige Erkältung erwischt, liegt mit 39 Fieber im Bett und wir hoffen alle, dass er diese Attacke übersteht. Sicher ist aber, dass er als Weihnachtsmann bis Heiligabend ausfällt…“

„So, und ich soll also für Josef einspringen“, fiel Stefan ihm ins Wort. „Aber wieso denn ausgerechnet ich? Da gibt es doch gewiss jede Menge anderer Leute, die viel besser dafür geeignet wären. Außerdem bin ich viel zu jung für diesen Job.“

„Mein lieber Neffe“, entgegnete Onkel Ludwig nun salbungsvoll, „du darfst gewiss sein, dass ich mir schon etwas dabei gedacht habe, ausgerechnet dir aushilfsweise das ehrenvolle Amt des städtischen Weihnachtsmanns anzubieten.“

„Da bin ich gespannt“, gab Stefan mit leicht überheblichem Unterton zurück. Der Bürgermeister setzte sich wieder und nahm einen Schluck.

„Pass auf, die Sache ist die. Der Mensch, der in diesem Weihnachtsmann-Kostüm steckt, muss absolut vertrauenswürdig sein, denn er verteilt im Laufe der Adventszeit nicht nur Geschenke an Kinder im Wert von weit über 1.000 Euro, er hat auch Bargeld in der Tasche, von dem er vielleicht einer Mutter mit drei Kindern, die ihm bedürftig vorkommt, vielleicht einem Obdachlosen ein paar Münzen oder einen kleinen Schein in die Tasche schiebt. Dafür muss er ein Auge haben, er muss mit Menschen umgehen können und er muss die Menschen mögen. – All diese Eigenschaften traue ich dir zu und deshalb wünsche ich mir, dass du bis Heiligabend unseren Josef würdig vertrittst.“

Stefan blieb stumm. Einmal den Weihnachtsmann auf der Straße zu spielen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Andererseits fühlte er sich doch ein wenig geschmeichelt über das vorbehaltlose Vertrauen, das Onkel Ludwig in ihn setzte.

„Morgen ist Nikolaus“, fuhr der Bürgermeister in sachlichem Ton fort, „und es kann nicht sein, dass an diesem Tag kein Weihnachtsmann in unserer Fußgängerzone die Menschen erfreut. Schnelles Handeln ist also angesagt und ich kann nicht erst zwanzig Kandidaten antreten lassen, um nach langwierigen Befragungen den Besten auszuwählen. Dann ist Weihnachten vorbei.“

„Das heißt, ich sollte morgen schon als Weihnachtsmann unterwegs sein?“, fragte Stefan unsicher nach.

„Genau so ist es. Wie ich dich kenne, hast du an der Uni längst die Weihnachtsferien eingeläutet und wärst also jederzeit einsatzfähig.“

Der messerscharfen Analyse seines Onkels hatte Stefan wieder einmal nichts entgegenzusetzen. Es war so, wie er sagte.

„Aber warum sollte ich mir diese geruhsame Zeit selbst vermiesen, indem ich als Weihnachtsmann durch die Fußgängerzone latsche? Da könnte ich doch lieber so manches Buch lesen“, machte Stefan einen letzten Versuch, den Kelch an sich vorübergehen zu lassen.

„Dafür habe ich ein sehr überzeugendes Argument“, konterte der Bürgermeister trocken. „Ich weiß, dass du durchgängig ziemlich klamm bist. Ich kenne das aus meiner Studentenzeit. Was also hast du dagegen einzuwenden, wenn du diesen Job machst und am Ende 3.000 Euro mit nach Hause nimmst?“

Stefan war sprachlos. 3.000 Euro waren für seine momentanen finanziellen Verhältnisse ziemlich viel Geld. Die geplante Städtereise nach Rom wäre damit absolut gesichert. Plötzlich war er geschäftsmäßig.

„Muss ich dafür auch noch Steuern zahlen?“

„Du erhältst das Geld in bar, unterschreibst eine Empfangsquittung – alles andere ist deine Sache und geht uns nichts an.“ Der Bürgermeister wusste, dass er gewonnen hatte. „Frau Altmann gibt dir das frisch gereinigte Kostüm und einen neuen weißen Bart; passendes Schuhwerk und ein Paar Handschuhe wirst du ja wohl haben. Außerdem wird sie dir 1.000 Euro für die erste Woche aushändigen. – Also, was sagst du?“

Stefan fühlte sich regelrecht weichgekocht. Welches überzeugende Argument hätte er diesem Angebot entgegenhalten können? – Er willigte ein, verabschiedete sich von Onkel Ludwig und stand wenig später mit einer großen Plastiktüte, darin das frisch gereinigte Weihnachtsmann-Kostüm und der neue weiße Bart und 1.000 Euro in der Tasche auf dem Gehsteig vor dem Rathaus. Es herrschte reger Betrieb und viele Passanten, die ihm begegneten, waren schon dick bepackt mit Weihnachtseinkäufen. Morgen würde er sich unter sie mischen als freundlicher Weihnachtsmann, kleine Geschenke verteilen und sich strahlend lächeln fotografieren lassen.

 

Die ersten zwei, drei Stunden als Weihnachtsmann kam sich Stefan reichlich albern vor und er trug sich schon mit dem Gedanken, ins Rathaus zu gehen, seinem Onkel das rote Kostüm und die 1.000 Euro auf den Tisch zu legen und diesem Mumpitz endgültig den Rücken zu drehen. Aber je länger er unterwegs war, umso aufmerksamer registrierte er, wie freundlich die Passanten ihn anlächelten, wie kleine Kinder neugierig an seinem weißen Bart zupften und vor Freude quietschten, wenn er ein kleines Päckchen aus seinem Jutesack hervorholte und in ihre kleinen Händchen legte. Das war ein gutes Gefühl, das machte Freude.

Gerade hatte er sich auf die Bank unter einer entlaubten Eiche gesetzt und sich mit einem Kind fotografieren lassen, als ihm ein älterer Mann auffiel. Er war armselig angezogen, ohne Kopfbedeckung, hatte einen seltsam unsicheren Schritt und wich jedem ihm entgegenkommenden Passanten aus, als hätte er Angst vor ihm. Das Kind war schon wieder von seinem Schoß gehüpft und Stefan hatte Gelegenheit, den Mann weiter zu beobachten. Da näherte sich ihm eine Gruppe Jugendlicher – drei Jungen und ein Mädchen. Die Halbwüchsigen tanzten um den Mann herum, äfften seinen merkwürdigen Gang nach, verlachten und verspotteten ihn. Der verängstigte Mann versuchte auszuweichen, doch das ließen die vier nicht zu. Schließlich gab ihm einer der Jungen einen Schubs, der Mann verlor den Halt, fiel aufs Pflaster und die Bande tanzte weiter um ihn herum. Die Passanten machten einen Bogen und beeilten sich, möglichst schnell vorbeizukommen.

Das konnte Stefan nicht länger mit ansehen. Er erhob sich von der Bank und eilte, so schnell es seine lange Kutte erlaubte, zur Stelle dieses unwürdigen Geschehens.

„Was macht ihr da?“, rief er mit lauter Stimme, als er auf etwa 20 Meter herangekommen war. „Hört sofort auf damit, sonst setzt es was!“

Die Jugendlichen hielten inne, blickten kurz in seine Richtung und rannten davon. Sich auf offener Straße mit dem Weihnachtsmann anzulegen, erschien ihnen offensichtlich doch nicht angesagt. In dem Fall hätten einige Passanten wohl eingegriffen und darauf wollten sie es nicht ankommen lassen.

„Saubande!“ rief Stefan ihnen noch hinterher. Dann kniete er sich neben den immer noch auf dem Boden liegenden Mann und sprach mit sanfter Stimme auf ihn ein.

„Haben Sie keine Angst. Niemand wird Ihnen etwas tun. Ich werde Sie beschützen. – Stehen Sie auf, Sie werden sich sonst noch erkälten. Warten Sie, ich helfe ihnen.“

Als der Mann wieder auf seinen Beinen stand, nahm der Weihnachtsmann ihn in den Arm. Inzwischen hatte sich eine beachtliche Zahl Schaulustiger um die beiden versammelt.

„Sieh an. Rumstehen und gaffen, das könnt ihr, aber als der arme Mann Hilfe brauchte, habt ihr weggesehen.“ Stefan war wütend. Wie konnte man nur so gleichgültig sein? Die Menge zerstreute sich. Er sah sich um und entdeckte wenige Meter entfernt einen Imbiss, der geschützt hinter durchsichtigen Plastikplanen zwei Tisch und Bänke auf dem Gehsteig zu stehen hatte.

„Kommen Sie“, sagte er bestimmt und hakte den Mann, der sehr viel kleiner war als er, unter und ging mit ihm in das Imbiss-Zelt. Ein Tisch war frei und sie nahmen Platz. Die an der Hauswand angebrachten Heizstrahler gaben eine angenehme Wärme ab und es war erheblich gemütlicher, hier zu sitzen, als es von außen den Anschein hatte. Der Mann hatte bis jetzt noch kein Wort von sich gegeben.

„Darf ich fragen, wie Sie heißen?“

„Mirko“, sagte der Mann und sah sein Gegenüber mit dem langen weißen Bart mit traurigen Augen an.

„Ah, Mirko, angenehm.“ Er zog seine dicken Handschuhe aus und hielt dem Mann seine Rechte hin, die dieser bereitwillig annahm. „Ich bin der städtische Weihnachtsmann und heiße Stefan“.

„Wie schön“, kicherte Mirko in sich hinein. „Jetzt weiß ich wenigstens, dass der Weihnachtsmann auch einen Nahmen hat: Stefan.“

Stefan war überrascht. Mit einer so humorvollen Replik hatte er nicht gerechnet. Aber sie gefiel ihm und bestärkte sein Interesse an dem seltsamen kleinen Mann. Er wollte mehr über ihn wissen. Also war es das Beste, ihn zu einer Pizza einzuladen, zumal es Mittagszeit war und er durchaus selbst gehörigen Appetit verspürte. Es bedurfte keiner großen Überredungskunst, Mirko zum Essen einzuladen. Als Stefan ihn fragte, was er denn von einer schönen Pizza mit Salami und Peperoni hielte, senkte jener kurz schamhaft den Blick, um dann aber recht klar zu formulieren, dass, wenn er einen Wunsch äußern dürfte, Thunfisch mit Zwiebeln ihm noch mehr Freude bereiten würde. Preislich würde sich das nichts nehmen.

Wenig später saßen sich die beiden gegenüber und ließen es sich gut schmecken. Nachdem etwa die Hälfte verspeist und der erste Heißhunger gestillt war, nahm Stefan den Gesprächsfaden wieder auf.

„Mirko ist kein deutscher Name“, sagte er fragend.

„Nein. Ich bin im Kosovo geboren und vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen“, antwortete Mirko kauend. „Dort war Krieg und ich bin abgehauen. Hier habe ich viel gearbeitet, aber jetzt nicht mehr. Aber ich bin Deutscher mit richtigem Pass und allem…“

Der Nachsatz schien Mirko sehr wichtig zu sein und Stefan nahm sich vor, bei seinen weiteren Fragen sehr umsichtig vorzugehen.

„Oh Gott, ja, der Jugoslawienkrieg. Ich habe darüber gelesen. Muss schlimm gewesen sein.“

„Ja, war sehr schlimm“, bekräftigte Mirko und steckte sich das nächste Stück Pizza in den Mund.

„Und was haben Sie hier gearbeitet, was ist Ihr Beruf?“

„Ich bin Maurer. Bei mir ist jede Mauer gerade und jede Ecke hat 90 Grad –habe ich im Kosovo gelernt und die Leute hier immer zufrieden mit meiner Arbeit.“

Stefan spürte, dass das Gespräch an einem sehr unangenehmen Punkt angelangt war und setzte eine Pause. Langsam schob er den Teller mit dem letzten Rest seiner Pizza beiseite, nahm einen Schluck von seiner Cola, lehnte sich zurück und überlegte, wie er den Mann dazu bringen konnte, weiter von seinem Leben in Deutschland zu erzählen, ohne ihn zu nötigen oder zu verärgern.

Mirko hatte indes seine Pizza bis auf den letzten Krümel aufgegessen. Als er den Rest auf Stefans Teller erblickte zeigte er mit dem Finger drauf und fragte:

„Isst du nix mehr?“

„Nein, ich bin satt, ich kann nicht mehr.“

„Darf ich?“

„Aber ja, natürlich.“

Während sich Mirko das letzte Pizza-Dreieck von Stefans Teller griff, musste er darüber nachdenken, wie es sich wohl anfühlte, Hunger zu haben. Er selbst kannte dieses Gefühl nicht, in seinem Leben hat es immer genug zu essen gegeben. Mirkos Erfahrungen waren offensichtlich andere. So hatte er sich antrainiert, auf Vorrat essen zu können. Solange etwas da ist, wird es mitgenommen. Wer weiß, wann es wieder etwas gibt?

„Warum arbeitest du jetzt nicht mehr“, fragte Stefan vorsichtig. Nachdem Mirko das „Du“ eingeführt hatte, musste er auch nicht mehr beim „Sie“ bleiben. Auf der Baustelle duzen sich sowieso alle.

„Bin krank geworden“, erklärte Mirko freimütig. Vielleicht zu viel gearbeitet. Jetzt habe ich Parkinson und bin Frührentner.“

Oh Gott, dachte Stefan, was für ein elendes Schicksal.

„Wie alt bist du?“

„Fünfundfünfzig“

„Und kannst du von deiner Rente leben?“

„Nein. Muss jeden Monat zum Amt und Stütze abholen.“

„Aber du hast eine eigene Wohnung, in der du lebst?“

Nicht mehr. Nachdem Job weg war, war auch Frau weg und dann war Wohnung weg.“

„Und jetzt?“

„Jetzt bin ich in Heim für Obdachlose. Zum Glück gibt es so was hier. Im Kosovo würde ich auf Straße leben.“

Stefan war tief betroffen. Wie oft hatte er sich schon dabei erwischt, mit dem Schicksal zu hadern, zu lamentieren, warum dieses oder jenes gerade nicht so ist, wie er es gerne hätte. Alles lächerlich. Er hatte alles, was er brauchte, und mehr als das. Ihm ist es immer gut ergangen und er hat nicht den geringsten Grund, sich über irgendetwas zu beklagen.

„Mirko, sag mir eines. Warum sind die Leute so garstig zu dir, so wie die vier Halbstarken vorhin?“

„Na, weil ich so komisch laufe. Die denken, ich bin besoffen, oder habe Drogen, oder in Hose geschissen. Aber ich kann nicht anders. Ist halt so.“

„Früher, als du noch gerade gehen konntest, gab es diese Probleme nicht“, fragte Stefan nach.

„Nein, gar nicht. Ich habe Arbeit gemacht, bin nach Hause gekommen und alles war gut. Aber dann kam Krankheit …“

„Verstehe“, sagte Stefan. Er hatte das Gefühl, diesen armen Mann aus seiner misslichen Lage herauszuhelfen, aber er wusste nicht wie.

„Mirko, wenn ich irgendetwas für dich tun kann, sag es mir. Ich bin nicht reich, ich bin Student und habe nicht viel Geld. Aber ich habe mehr Möglichkeiten als du und ich will sie gern nutzen, um dir zu helfen.“

„Schön, dass du das sagst, Weihnachtsmann Stefan, aber du kannst nicht helfen. Es ist wie es ist und ich werde den Rest von meinem Leben auch noch rum kriegen.“

„Nein, sag das nicht. Damit wollen wir uns nicht zufrieden geben.“ Dann zog er aus seiner Jackentasche unter der roten Kutte umständlich sein Smartphone hervor und legte es auf den Tisch. Er hatte eine Idee.

„Du weißt, was das ist?“

„Aber ja. Hätte ich auch gern mal gehabt, aber kann ich mir nicht leisten.“

„Na ja, mal sehen. Sagt dir Facebook was?“

„Nein.“

„Macht nichts. Wir werden es nutzen. Wir werden es ganz gezielt einsetzen, um dir zu helfen.“

Mirko sah ihn verständnislos an. Die ganze Zeit war ihm der Weihnachtsmann sehr sympathisch erschienen, aber jetzt wurde er irgendwie komisch.

„Was hast du vor?“, fragte er misstrauisch.

„Das kann ich dir sagen. Wir werden jetzt ein paar Selfies machen, du und der städtische Weihnachtsmann, stellen das ins Netz und dann werden wir sehen, wie die Community darauf reagiert. – Komm hier rüber und setz dich neben mich.“

Mirko hatte nicht die geringste Ahnung, wovon Stefan Weihnachtsmann redete, aber aufzustehen und sich neben ihn zu setzen, bereitete ihm keine Probleme. Von ihm ging nichts Böses aus, ihm konnte er vertrauen. Nachdem Mirko neben Stefan auf der Bank Platz genommen hatte, nahm der große Weihnachtsmann den kleinen Kosovaren in den Arm, hob mit der freien Hand sein Smartphone nach oben und drückte ab, mehrfach.

„Du musst lächeln“, ermahnte er Mirko, der bei den ersten Aufnahmen sehr ernst dreinschaute. – „Ja, so ist es besser. Damit können wir etwas anfangen.“

Wenig später verabschiedeten sie sich. „Bis zum Weihnachtsfest bin ich jeden Tag hier in der Fußgängerzone. Wenn also irgendetwas ist und du Hilfe brauchst, weißt du, wo du mich findest.

„Und was ist jetzt mit den Fotos“, fragte Mirko verunsichert.

„Warts ab. Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut.“

Am Abend rief Stefan Onkel Ludwig auf dessen Privatnummer an. „Was gibt’s? Hast du dich mit deinem Rentierschlitten verfahren“, eröffnete dieser in seiner unvergleichlichen Art das Gespräch.

„Nein, lieber Onkel, habe ich nicht. Die Rentiere sind auf der Spur, aber ich habe eine Bitte.“

„Aha, lass hören.“

Dann erzählte Stefan von seiner Begegnung mir Mirko und seinem Entschluss, dem armen Mann helfen zu wollen.

„OK, verstanden. Und was soll ich jetzt tun?“

„Die Stadt hat doch einen eigenen Facebook-Account, oder irre ich mich?“

„Nein, nein, das haben wir. Darüber erhalten unsere Bürger – also diejenigen, die im Netz sind, und das werden immer mehr – aktuelle Informationen aus dem Rathaus.“

„Das läuft also gut?“

„Oh ja, wie gesagt. Von Monat zu Monat haben wir mehr Follower. Das wird wirklich sehr gut angenommen und wir…“

„Hervorragend“, unterbrach Stefan seinen Onkel Ludwig. „Dann werde ich einen Post mit mir und Mirko kreieren, den du dann bitte auf dem offiziellen Account der Stadt einstellst. Wollen mal sehen, wie die Leute darauf reagieren.“

Nach kurzer Überlegung stimmte der Bürgermeister zu. „Gut, mach es. Ob es was bringt, bleibt abzuwarten, aber meine Unterstützung hast du.“

„Danke Ludwig, du wirst sehen: Es war keine schlechte Idee, mich zum Ersatz-Weihnachtsmann auserkoren zu haben.

Zwei Tage später waren auf der Facebook-Seite der Stadt drei Fotos zu sehen mit dem Weihnachtsmann und einem anderen Mann, der mal verängstigt, mal verschämt, mal lustig dreinblickte. Dazu der Kommentar:

Ich bin der Weihnachtsmann und das ist Mirko. Der Mann hat 23 Jahre lang in Deutschland auf dem Bau geschuftet. Jetzt ist er krank und kann nicht mehr gerade gehen. Er ist nicht besoffen, hat keine Drogen zu sich genommen und nicht die Hosen voll – er hat Parkinson. Wenn ihr diesem Mann also wieder auf der Straße begegnet, dann verlacht und verspottet ihn nicht. Das hat er nicht verdient. Mirko ist ein armes Schwein, das von der Gesellschaft ausgespuckt wurde und in einem Obdachlosenheim lebt. Ihr habt keinen Grund, ihn dafür auch noch zu treten. Ihr solltet Achtung haben und ihm helfen.“ 

Die Resonanz auf diesen Post war phänomenal. Stefan hatte sich erhofft, damit etwas bewirken zu können, aber eine solche Anteilnahme hatte er nicht erwartet. Eine Woche nach der ersten Begegnung traf er Mirko wieder in der Fußgängerzone. Der kleine Mann rannte auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und umarmte seine Beine, was Stefan außerordentlich peinlich war. Er packte den Mann an den Armen und zog ihn hoch.

„Was soll das? Was machst du da für komische Sachen? Ich will das nicht.“

„Stefan Weihnachtsmann“, stieß Mirko atemlos hervor als er wieder auf seinen Beinen stand, „ich weiß nicht, was du gemacht und wie du gemacht, aber ein Wunder ist geschehen.“

„Hör auf. Es gibt keine Wunder“, sagte Stefan nüchtern und rüttelte den Mann ein wenig durch, gerade so, als ob dessen schräge Gedanken damit aus seinem Kopf fallen könnten.

„Doch, Stefan Weihnachtsmann, was mir passiert, kannst du nicht vorstellen.“

„Na dann lass es mich wissen“, fragte Stefan neugierig und entließ den Mann aus seiner Umklammerung.

„Also das war so“, erzählte Mirko atemlos in dem ihm eigenen Deutsch: „Ich war hier in Fußgängerzone unterwegs. Da kommt Mann auf mich zu, ganz elegant angezogen mit Mantel und Schal und teure Schuhe und fragt: ‚Sind Sie Mirko?’ Ich war erschrocken und sage ‚Ja’. Gut, sagt der Mann, dann komm’ morgen in Rosenstraße 12. Ich habe Job für Sie. In meiner Wohnanlage bei Friedenspark ist Stelle von Hausmeister frei geworden. Ich denke, Sie können das. Es gibt ordentlich Lohn und Sie können dort in Wohnung von alte Hausmeister einziehen. – Was sagst du, Stefan Weihnachtsmann? Ist das nicht verrückt?“

Stefan war gerührt und gleichzeitig ein wenig stolz. Sein Post auf Facebook hatte tatsächlich etwas bewirkt und Mirko wieder zurückgebracht in ein Leben mit Arbeit und Anerkennung. „Und wie fühlst du dich jetzt?“, fragte er fürsorglich.

„Wie ich fühle, kann ich nicht beschreiben“, gab Mirko aufgeregt zurück. „Es ist wie neues Leben. Leute sind auf einmal wieder freundlich. Keiner verspottet, keiner lacht über mich, keiner schubst. Manche sprechen mit mir, fragen ob gut geht und manche stecken sogar Euro in meine Tasche. – Ist das Wunder, was nur Weihnachtsmann machen kann?“

„Scheint so“, gab Stefan lächelnd zurück und ging seines Weges. Schließlich hatte er als städtischer Weihnachtsmann noch jede Menge andere Aufgaben zu erfüllen.

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