------------------------------------

-------------------------------------

---------------------------------------

Adolf Bastian – Forschungsreisender und Wissenschaftler ersten Ranges

Ein Knabe, der, sagen wir, am 26. Juni 1826 in der Hansestadt Bremen als der Sohn einer angesehenen und wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren worden wäre – mit dem Buddenbrook-Syndrom, gewissermaßen – hätte von Beginn an alle Voraussetzungen dafür besessen, ein wohlgeordnetes, sicheres Leben als begüterter und gebildeter Mensch führen zu können, also mit so gut wie allen Epitheta der weltlichen Glückseligkeit. Grade so erging es dem Philipp Wilhelm Adolf Bastian, von dem hier zu berichten ist. Der Vater war der Kaufherr Theodor Bastian, Inhaber der Firma J. W. Bastian Söhne, die Mutter Christiane Friederike Auguste, geborene Krafft. Unter neun Geschwistern war Adolf, wie er gerufen wurde, das zweitälteste Kind. In seiner Vaterstadt genoss er den ersten Unterricht, der ihn für den Besuch des örtlichen Gymnasiums vorbereitete. 

Der weitere Werdegang des insofern schon früh beschenkten Kindes schien die ordentliche Wohlbestalltheit und die sichere, komfortable Einfügung in eine bürgerliche Welt zu bestätigen. Adolf Bastian wandte sich, dafür ausgestattet und dem üblichen Verlauf folgend, nach Heidelberg, um dort dem Studium der Jurisprudenz zu obliegen. Doch mochte man die Kenntnis der Rechte noch als nützlich für die Leitung eines großen Handelshauses und den jungen Juristen demnach als bestens dafür vorbereitet betrachten, so zeigte doch sein nächster Schritt, dass er gesonnen war, es beim Üblichen nicht zu belassen. Adolf Bastian wandte sich nun dem Studium der Medizin zu und verließ somit die Folgerichtigkeit, die ihm von dem Herkommen aus seiner Familie und ihren Umständen vorgezeichnet gewesen war. Die Medizin führte ihn an die Universitäten von Berlin, Jena, Prag und von Würzburg, in welch letzterer Stadt er Gelegenheit hatte, den bis heute berühmten Pathologen Rudolf Virchow zu hören. 

Sehnsucht nach dem Meer und der Ferne 

Im Jahre 1850 wurde Adolf Bastian als Doktor der Medizin promoviert, nutzte diese Gelegenheit allerdings nicht, um nun doch in einen Werdegang des Erwarteten und Vorhersehbaren einzuschwenken. Vielmehr schloss er eine zusätzliche Ausbildung zum Schiffsarzt ab und heuerte 1851 auf einem Segler an, der Australien zum Ziel hatte. Seine heimatliche Hansestadt mag ihm die Sehnsucht nach dem Meer und der Ferne eingeboren haben – jedenfalls ließ er Bremen, das Handelskontor sowie seine Familie und Freunde für geraume Zeit hinter sich. Diese seine erste Reise nämlich dauerte volle sieben Jahre, von 1851 bis 58 und führte nicht nur nach Australien, sondern zog sich um den gesamten Globus. Bastian gewann dabei  Einrücke von Indien, dann, als ersten Ziel, von Australien, dem nach der Überquerung des Pazifischen Ozeans, Peru, folgte von dort ging es in die  Karibik, nach Mexico, und wieder nach der Überquerung eines Weltmeeres, nach Afrika. 

In seine Heimat zurückgekehrt, fasste er Eindrücke und Erkenntnisse  der Weltschau in seinem dreibändigen Kompendium zusammen „Der Mensch in der Geschichte; zur Begründung einer psychologischen Weltanschauung“. Es sein ein Werk, so sein Laudator, der Geograph Wilhelm Wolkenhauer, „das bereits in nuce den ganzen Bastian der Zukunft birgt“. Denn in der Tat: Es geht über die einfache Reisebeschreibung weit hinaus, umfasst Kulturgeschichte, Geographie, Geschichte und Ethnologie und verleiht mit seiner globalen Erkundung dem Begriff „Weltreise“  einen neuen, umfassenden Sinngehalt. Bei der Niederschrift seines Hauptwerkes war Bastian 34 Jahre alt. 

Strapaziöse und gefahrvolle Reisen um die ganze Welt 

Auf diese Weltumseglung folgte noch eine Reihe weiterer Fernreisen, zunächst im Jahre 1861 nach Hinterindien, das wir heute Südostasien nennen, zum Malaiischen Archipel und die Philippinen bis nach Japan und zurück nach Europa über Peking, durch die Mongolei, Sibirien und den Kaukasus. Diese Reise sollte zu seiner bedeutendsten Entdeckung führen. 1873 ging es nach Westafrika, dann zwei Jahre später schloss sich eine zweijährige Erkundung von Mittel-und Südamerika an, die ihn nach Chile, Peru, Ecuador, Kolumbien und Puerto Rico führte. Wieder folgten zwei Jahre der Sesshaftigkeit, bis Bastian anno 1878 zu einer Reise nach Indien, Ozeanien, Nordamerika und Westindien aufbrach, von der er zwei Jahre später glücklich zurückkehrte. Bis zum nächsten „Leinen los!“ ließ er sich diesmal etwas länger Zeit. Es dauerte bis 1889, dann brach er zu einer dreijährigen Reise nach Zentralasien, Indien und Ostafrika auf schloss 1896, also fünf Jahre nach der zurückliegenden Fahrt, Süd- und Südostasien an und bereiste in den Jahren 1901 bis 1903 Ceylon und noch im selben Jahr  bis 1905 wiederum Westindien. Dies war seine letzte Reise, im abschließenden Sinne. 

Das Reisen in exotische Länder und Erdteile war zu des Adolf Bastian Zeiten eine anstrengende, gefahrvolle und unsichere Unternehmung, zumal für ihn, der von Körperbau klein und schmächtig, aber dafür überaus zäh war. Allein die schiere Schilderung der Orte, die er alle gesehen hat, spiegelt daher eine seltene und herausragende Lebensleistung wieder, um deren willen er in die Reihe der großen Entdecker aufgenommen sein sollte. Es gibt Männer, so wie Erik den Roten, die stehen nur wegen einer einzigen Reise in den Annalen, wobei eine solche Fahrt ihre Anerkennung in ihrem Selbstzweck findet.

Zunächst unternimmt der Entdecker sein Abenteuer um des Entdeckens willen – gewisse Menschen wollen wissen, was sich hinter dem nächsten Bergkamm, in einer tiefen Grotte oder jenseits der Kimmung des Meeres befindet. Das ist rechtens und wertvoll, und der Entdecker kann zu weiteren, darüber hinausgehenden Leistungen nicht verpflichtet werden. Umso erstaunlicher, dankenswerter und ertragreicher ist es daher, wenn ein Forschungsreisender wie Alexander von Humboldt in Südamerika oder Ludwig Leichhardt in Australien nicht nur gefahrvolle Wege geht, sondern davon auch noch reichhaltige wissenschaftliche Ergebnisse mit nach Hause bringt. Ebenso tat dies Adolf Bastian. 

100 mehrbändige Buchveröffentlichungen zeugen von ungeheurem Fleiß 

Von seinem ersten Werk „Der Mensch in der Geschichte“, welches das wissenschaftliche Ergebnis der Weltumsegelung darstellt, haben wir schon gehört. Es folgen in schneller Folge „ Die Völker des östlichen Asien“ in sechs Bänden, „Ethnologische Forschungen“ mit zwei Bänden Umfang ebenso wie „Die deutsche Expedition an die Loangoküste“; drei Bände umfasst die Arbeit „Die Kulturländer des alten Amerika“. Es folgt eine Reihe von kleineren Arbeiten wie „“Der Völkergedanke im Aufbau einer Wissenschaft vom Menschen“, „Die Vorgeschichte der Ethnologie“ oder aber „Der Fetisch an der Küste Guineas“,Zur Lehre vom Menschen in ethnischer Anthropologie“ oder „Die Lehre vom Denken“. Diese Aufzählung ist überaus lückenhaft, denn insgesamt umfasst Bastians Werk 100 meist mehrbändige Buchveröffentlichungen, von den über 300 Artikeln und Beiträgen in wissenschaftlichen Periodika ganz zu schweigen. 

Dennoch gibt es unter diesem fast unüberschaubaren Schatz an Erfahrung, Wissen und Deutung eine Arbeit, die eine singuläre Leistung des Bremer Forschers darstellt. Es geht um seine „Reise in Siam im Jahre 1863“. Das Bemerkenswerteste aber, was er von dieser Reise zu berichten hat, schildert er in „Völker des östlichen Asien“. Wir sprechen von einem Weltwunder gigantischen Ausmaßes, nämlich dem kambodschanischen Tempel Angkor Vat. Dies heißt übersetzt „Kloster und Stadt“, was in äußerst anspruchsloser Weise das bauliche Konzept dieses Höhepunkts einer in Stein ausgedrückten Geistigkeit bildet. 

Angkor Vat -„Kloster und Stadt“- mächtige Tempelanlage mitten im Dschungel 

Es war im November des Jahres 1863, als sich Bastian in Bangkok aufmachte, die Tempelstadt zu besuchen. Wenige Wochen später, noch im Dezember, erreichte er auf dem Wasserweg das verlorene Provinz-Nest Siem Reap. „Von August bis November“, so sein Bericht, „können sämtliche Reisen nur mit dem Boot unternommen werden; im Rest des Jahres trocknet die flache, sumpfige Gegend vollständig aus und läßt sich nur mit Ochsenkarren oder auf Elephanten durchqueren.“ Bastian und seine Leute allerdings mussten die dritte Möglichkeit, die mühsamste wählen: Da der Grund für Karren und Elefanten noch zu nass, für ein Boot aber längst der Wasserstand zu niedrig war, sahen sie sich gezwungen, die Strecke zu Fuß zurückzulegen. Auf solche Weise erreichten sie endlich Angkor Vat. „Der erste Eindruck, den dieses Monument auf mich macht, ist überwältigend“, bekennt der vielerfahrene Reisende. 

Um sich einen wenn auch nur äußerlichen Begriff davon zu verschaffen, was sich den Blicken des Philipp Wilhelm Adolf Bastian aus Bremen hier bot, muss man sich wenigstens  die grundlegenden Daten vor Augen halten, die Angkor Vat beschreiben. Die Kloster-Stadt ist der wichtigste von rund 1000 Tempeln, die im Urwald Kambodschas verstreut liegen, und er ist auch der bei weitem größte. Auf über 40 000 Hektar Fläche verteilen sich zahllose Tempel und andere Heiligtümer, im Zentrum erhebt sich auf einer quadratischen künstlichen Insel der Prasat als der höchste Turm. Das ganze Areal wird von einem ausgeklügelten Bewässerungs-System gegliedert und versorgt, wozu auch der See um den Prasat gehört. Man nimmt an, das bereits im 14. Jahrhundert der Großraum Angkor von über einer Million Menschen besiedelt war. 

Überwältigende Eindrücke für den neugierigen Westreisenden 

Bastian berichtet: „Ein sandiger Weg führte uns in einen bosquetartigen Wald, und als wir auf eine freie Fläche daraus hervorkamen, standen uns zwei riesige Steinlöwen entgegen, die zu beiden Seiten eine mit breiten Steinplatten getafelte Plattform flankierten. Von dort lief in beträchtlicher Erhöhung über weite Gräben ein breiter Pflasterweg nach dem hochgeschwungenen Tor der äußeren Gartenmauer aus deren Corridoren zu beiden Seiten eine lebendige Welt von Sculpturen hervortrat, während sich jenseits, hinter drei übereinander mit Türmen und Zinnen aufsteigenden Terrassen, der gewaltige Dom des prächtig geschmückten Tempels hervorwölbte, den überall auf den umlaufenden Galerien und den von majestätisch aufstrebenden Säulen getragenen Hallen eine wunderbare Welt phantasiereicher Himmelsgestaltungen schützend umgab. Ihre Einzelheiten entfalteten immer neue Schöpfungen, je mehr man sich nach dem Eintritt in das Außentor auf dem glatten Steinweg näherte, der mit kreuzartigen Abzweigungen nach Seitenkapellen durch den großartig verwilderten Pflanzenwuchs der in Seen blinkenden Gärten auf das Tor des Haupteingangs zuführte, aus dem man die von den Höfen aufführenden Treppen der Stufenbauten höher und höher erstieg und zuletzt unter der krönenden Kuppel stand, die frei nach allen vier Seiten, gleich dem dort placirten Buddah-Bilde, vierfach an Form, das in Höhen und Tal zu Füßen liegende Land überschaut.“

Nach diesem kolossalen Eindruck des ersten Ankommens wandte sich Bastian in den folgenden Tagen den Einzelheiten zu. Er verbrachte die „mit einer genaueren Untersuchung dieser so lange unbekannt gebliebenen Kunstwerke. Sobald das Morgenlicht in den Umgängen des Tempels deutlicheren Schein verbreitete, begab ich mich mit dem Maler dorthin, um die charakteristischen Scenen abzeichnen zu lassen oder Verzierungen und Inschriften mit Kohlenwachs auf Papier abzureiben.“ Dabei entdeckte er beispielsweise den längsten Stein-Fries der Welt. 

Bastian verbrachte den ganzen Januar des Jahres 1864 in Angkor Vat und dokumentierte, was immer ihm für seine Forschung wichtig zu sein schien.

Große Anerkennung für den französischen Forscher Mouhot 

Im Jahre 1861 aber war ebenfalls im Kambodscha, und zwar in der alten Königsstadt Luang Prabang, der französische Reisende Henri Mouhot in jungen Jahren an einem tropischen Fieber gestorben. Er hatte jedoch kurz vor Bastian Angkor Vat besucht, das er „Nokhor“ nannte, und darüber vielfältige Aufzeichnungen hinterlassen: seine Tagebücher und weitere Notizen sowie Zeichnungen und Karten. Dieses Material leitete sein Diener Mouhots Witwe zu, worauf diese die Unterlagen der „Royal Geographic Society“ in London vermachte,  welche die Reise Mouhots finanziell unterstützt hatte. Sie wiederum fasste die Papiere zusammen und gab anno 1864 posthum Mouhots Buch heraus, das den Titel trägt: „Travels in the Central Parts of Indo-China, Siam, Cambodia and Laos“. Als Bastian von seiner Reise aus diesen Ländern nach Europa zurückgekehrt war,  hatte Mouhots Buch bereits ein großes und begeistertes Publikum gewonnen. 

Wer indes annehmen wollte, dieses Zusammentreffen der beiden Forscher liefe nun auf einen Streit hinaus, der noch überm Grab ausgefochten würde, wäre im Irrtum. Es stellten nämlich weder Mouhot noch Bastian je die Behauptung auf, Angkor Vat entdeckt  zu haben. Diese Stätte bedurfte der Entdeckung nicht, weil sie nie vergessen war. Auch nach dem Untergang des alten Kambodschanischen Königreiches blieb die Erinnerung an die große Klosterstadt bei den Khmer lebendig – mehr noch: In Teilen dauerte das religiöse und kulturelle Leben dort noch an, wenn auch in bescheidener Weise. Bastian selbst berichtet: „Zwei Klöster haben einige gebrechliche Holz-Zellen der stolzen Stein-Architektur angebaut, und es gilt für guten Ton, dort erzogen zu sein, so dass die Knaben aus den Städten weither dahin zum Unterricht geschickt werden. Noch spät in der Nacht hörte man das Geschrei der Schüler, die im unisono ihre Lectionen hersagten.“ 

Nicht einmal für Europa war Angkor eine neue Entdeckung. Schon im 16. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung erreichten Missionare aus Portugal Kloster und Stadt Angkor und berichteten in Europa darüber. Spätestens 1586 gab der erste namentlich bekannte Entdecker aus Europa Kunde von dem Wunderwerk: der Portugiese António da Madalena besuchte Angkor und teilte seine Erlebnisse einem Landsmann, dem Historiker Diogo de Couto mit. In der Folge kamen immer wieder Händler und Missionare zur alten Khmer-Klosterstadt, meist aus Portugal, dann aber auch aus Spanien und Frankreich. Daher muss die herausragende Leistung, die Bastians Namen mit Angkor Vat verbindet, in etwas anderem bestehen, als in dem Anspruch auf eine Entdeckung, die keine war. 

Geistesgeschichtliche Entdeckung von historischem Ausmaß 

Gegenüber Mouhot hatte Bastian zwei Vorzüge: Zum einen war er ein gebildeter Mann, ein Wissenschaftler, der mit den Sprachen, der Geschichte und der Mythologie des Khmer-Reiches vertraut gewesen ist. Zum anderen blieb ihm weitaus mehr Lebenszeit als Mouhot, um die Erträge aus seinen Untersuchungen systematisch zu ordnen, zusammenzustellen und zu deuten. Auf diesem Weg gelang Bastian eine geistesgeschichtliche Entdeckung von historischem Ausmaß. Auf einem Stein-Fries, nicht dem großen, der alle Maße sprengt, sondern auf einem kleineren, fand er die ausführliche Darstellung eines hinduistischen Schöpfungsmythos’.

Dabei geht es um eines der Meere, die in mehreren konzentrischen Kreisen den Mittelpunkt der Welt, den Berg Meru, umgeben. Damals, in den Urtagen der Welt, stritten die Götter und die Dämonen ständig miteinander, bis sie, müde des Zanks, Vishnu um Rat fragten. Auf sein Geheiß hin nahmen die beiden Gruppen den Schlangen-König Vasuki, die Dämonen am Kopf, die Götter am Schwanz, wanden ihn um den Berg Meru und drehten diesen so lange wie einen Quirl, bis das Wasser zu Milch wurde und zum Vorschein kam Chandra, der Mond, der seither auf Shivas Stirn prangt, sodann erschien das weiße Pferd Uchchaishrava, das dem Gotte Indra zu eigen wurde, und es waren der Wundergaben noch mehr, die aus dem Milch-Ozean entstanden – schließlich die ganze Welt. 

Hindus waren die Erbauer der größten Kultstätte der Welt 

Hier fragt sich der stille Beobachter, was es denn in diesem Zusammenhang und an diesem Ort mit Indra, Shiva und Vishnu auf sich habe. Denn sind nicht diese Götter und ihre ganzer Schöpfungs-Mythos Glaubensinhalt der Hindu und somit in Indien zuhause, nicht im Kambodscha? Dem ist nicht zu widersprechen, doch wir wollen das auch nicht so einfach abtun. Denn gerade hierin liegt die große, die entscheidende Entdeckung des Philipp Wilhelm Adolf Bastian, dass er die Herkunft der geistigen Wurzeln des gesamten Wunderbaus von Angkor Vat erkannt und nachgewiesen hat. Die religiöse Grundlage ist hinduistisch und hat somit aus Indien gewirkt. Das geht so weit, dass der Prasat, der grandiose Hauptbau auf der Insel inmitten der Anlage, als Sinnbild für den Berg Merut gilt, und das Wasser, welches ihn umgibt, den Ur-Ozean darstellt, aus dem die Schöpfung erstiegen ist. Bastian Erkenntnis, dass nicht Buddhisten, sondern Hindus die größte Kultstätte der Welt gebaut hatten, wurde zur Grundlage auch aller weitergehenden Forschungen um Angkor Vat.

Soweit  der zweite Strang in Bastians Lebenswerk, die wissenschaftliche Durchdringung seiner Entdeckungen, nachdem man seine vielen Reisen, allein für sich genommen, schon als eine ungewöhnliche Leistung nehmen muss. Doch es kommt noch ein drittes dazu. 

Der Bremer Forschungsreisende und wissenschaftliche Schriftsteller hatte noch eine weitere Form des Daseins, sein bürgerliches Leben gewissermaßen, und auch das nahm einen herausragenden Verlauf. Geschickt verwoben in seine Reisen und die Arbeit des Schreibens ließ er seiner Promotion im Jahre 1850 sechszehn Jahre später in Berlin die Habilitation folgen. Die daraus folgende venia legendi übte er als Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität aus, bis zum Jahre 1905.

Sowohl die Habilitationsschrift als auch die Lehrtätigkeit befassten sich mit einem in der Wissenschaft neuen Gegenstand: der Ethnologie. Um dies darzustellen, bedarf es eines kleinen Rückblicks. Bastian war schon früh auf der Suche nach einem gemeinsamen Ur-Mythos der Menschheit und, damit zusammenhängend, nach einer umfassenden Psychologie, die er in den verschiedenen Kulturen aufzufinden hoffte. 

Karriere als Wissenschaftler in Berlin 

Dem kam entgegen, dass in Berlin seit 1860 die “Völkerpsychologen“ Moritz Lazarus und Heymann Steinthal eine Zeitschrift mit dem Titel „Zeitschrift für Völkerpsychologie“ herausgaben. Doch, wie der Grazer Professor Ludwig Gumplowicz feststellte: „Die Völkerpsychologie konnte sich als besondere Wissenschaft nicht behaupten und löste sich in  ‚Sprachwissenschaft‘ auf. Bastian aber erhob die Ethnologie zu einer selbständigen Wissenschaft, die sich glänzend entfaltete, in stetem Aufschwung begriffen ist und eine große Zukunft vor sich hat.“ Bastian genoss also den Vorzug, über seine eigene geistige Entwicklung nicht nur habilitieren, sondern auch umgehend darüber einen Lehrbetrieb aufnehmen zu können. Er nennt sie die „Lehre vom Menschen in seinen gesellschaftlichen Verhältnissen.“

Wie auch sonst, hielt Bastian mit seiner neuen Wissenschaft enge Verbindung zum praktisch Nützlichen, das heißt, er hielt sich an das Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Im Jahre 1868 gründete er das Völkerkundemuseum zu Berlin, eine Einrichtung, die alsbald dank Bastians unermüdlicher Schaffenskraft, zu einem Institut mit Weltgeltung werden sollte. Es gründet auf der Preußischen Königlichen Kunstkammer mit 5000 Objekten. Bei der Einweihung des Museums konnte Bastian bereits 40 000 Exponate vorweisen. 

Seine Mitherausgabe einer Zeitschrift für Ethnologie, seine Arbeit als Direktor der ethnographischen Sammlung der Museen, und seine Beteiligung an der Gründung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, zusammen mit dem berühmten Pathologen Rudolf Virchow, seine Stellung als Direktor  des Museums für Völkerkunde in Berlin sowie seine Mitgliedschaft bei der Deutschen Akademie der Naturforscher, Leopoldina, setzten unter anderem einige weitere Marksteine seiner Tätigkeit im wissenschaftlichen Leben. 

Im Jahre 1904 brach Philipp Wilhelm Adolf Bastian zu seiner letzten Reise auf, die ihn wieder in die Karibik führte. Dort, in Port of Spain auf Trinidad, starb er im Alter von 78 Jahren. Professor Gumplowicz schloß seinen Nachruf auf den Verewigten mit den Worten: „Wenn im alten Frankreich ein König gestorben war, ertönte der Ruf: Le roi est mort, vive le roi! Ein König ist leicht zu ersetzen. Wenn aber ein großer Denker und Forscher von uns geschieden ist, gibt es für die Schaar seiner trauernden Jünger keinen Trost; denn sie wissen: Der da schied, ist nicht zu ersetzen.“

Zurück zur Übersicht​​​​​​​

---------

Hat Ihnen die Art gefallen, wie Florian Stumfall vergessenen Helden posthum wenigstens ein kleines Denkmal setzt? Dann wird Ihnen sicherlich auch das Werk dieses Autors gefallen, in dem er sich mit dem Afrika der letzten Jahrzehnte auseinander setzt. Bevor wir hier mehr darüber erzählen, verweisen wir auf drei Rezensionen zu „Tripoli Charlie“, die Sie hier einsehen können:

https://www.anderweltonline.com/kultur/kultur-2019/tripoli-charlie-feuer-der-hochfinanz-in-afrika/ 

https://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-20202/von-warlords-und-buergerrechtlern/

https://www.anderweltonline.com/kultur/kultur-2017/tripoli-charlie-feuer-der-hochfinanz-in-afrika/