------------------------------------

---------------------------------------

-------------------------------------

-------------------------------------

.

Schöpfung als atmendes Sein des reifenden Menschen

Ein Essay von Hans-Jörg Müllenmeister 

Die Vorstellung, dass die Schöpfung nicht ein abgeschlossenes Werk, sondern ein lebendiger Prozess ist, begleitet die Menschheit seit ihren frühesten Mythen. Doch was geschieht, wenn wir diesen Prozess nicht als äußeren Akt eines fernen Gottes begreifen, sondern als ein atmendes Sein, das die Welt durchdringt und in ihr Gestalt annimmt?

Dann erscheint der Mensch nicht als fertiges Ergebnis, sondern als ein Übergang – ein Wesen, das in sich die Möglichkeit trägt, Bewusstsein zu entfalten, zu vertiefen und zu verfeinern.

In diesem Spannungsfeld zwischen einem schöpferischen Sein, das sich selbst ausdrückt, und einem Bewusstsein, das sich seiner eigenen Herkunft erst allmählich bewusst wird, entsteht ein neuer Blick auf uns selbst. Vielleicht ist das, was wir „Mensch“ nennen, weniger ein Endpunkt als ein Werden: ein Versuch der Schöpfung, sich selbst zu erkennen, zu reflektieren und weiterzuführen.

Ja, es gibt eine Vorstellung von Gott, die sich von allen vertrauten Bildern löst: kein alter Mann mit Bart, kein himmlischer Regisseur, keine überpersönliche Vaterfigur mit Familie und einer Entourage aus Engeln und einem Widersacher. Stattdessen erscheint ein absolutes, masseloses Sein – ein Etwas ohne Form, ohne Gewicht, ohne Grenzen. Reine Möglichkeit, reine Energie, reine Information, jenseits aller Naturgesetze, weil diese erst aus ihm zeitgeboren hervorgehen. Ein Ursprung, der noch keine Richtung kennt, kein Vorher und Nachher, und aus dessen unbestimmter Weite erst all jene Strukturen entstehen, die wir als Wirklichkeit begreifen. 

Die Welt als durchwirkte Erscheinung

Aus diesem absoluten Sein geht die Welt hervor – nicht als Produkt eines Plans, sondern als Erscheinung eines Ursprungs, der sich in Formen ausdrückt. Die Welt ist nicht neben Gott, nicht von ihm getrennt, sondern von ihm durchwirkt.

Alles, was ist – Sterne, Steine, Zellen, Gedanken – ist Ausdruck desselben Grundes. Materie ist verdichtete Energie, Energie ist verdichtete Information, Information ist die Spur des Absoluten in der Zeit. Die Trennung, die wir erleben, ist kein letzter Zustand.

In diesem Licht ist Schöpfung kein Projekt, sondern ein fortwährender Vorgang: Das Absolute entfaltet sich. Es probiert Formen, Muster, Strukturen, Bewusstsein – nicht, weil es muss, sondern weil es nicht anders kann, als sich zu zeigen. 

Der Mensch als Übergangsform des Bewusstseins

In diesem kosmischen Spiel erscheint der Mensch. Nicht als Krone der Schöpfung, nicht als Endpunkt, sondern als – ich nenne es etwas despektierlich – Versuchsmodell: eine bestimmte Konfiguration von Bewusstsein in einer bestimmten Körperhülle.

Der Mensch kann nach den Sternen fragen – und nach dem Sinn; kann sich selbst beobachten – und sich selbst belügen; kann lieben und zerstören.

Er liebt Freiheit und fürchtet sie zugleich; ist fähig zur Einsicht, aber gefangen im Ego; ist fähig zur Verantwortung, aber abgelenkt von Neigung und Angst. In dieser Ambivalenz liegt seine Bedeutung: Der Mensch ist eine Übergangsform des Bewusstseins. Ist das ein Versuch, Bewusstsein in eine Form zu bringen, die sich selbst erkennt – und vielleicht eines Tages über sich hinauswächst? 

Das Erschaffene ist nicht das Werk Gottes, sondern etwas, das aus ihm hervorgeht. Es ist von ihm durchwirkt, nicht getrennt. Alles Existierende offenbart desselben absoluten Seins – vergleichbar wie Wellen im Ozean oder Lichtstrahlen aus einer Sonne. Damit ist Schöpfung kein Projekt, sondern ein natürlicher Vorgang: Energie entfaltet sich, Information differenziert sich, Sein nimmt Form an. 

Die stille Evolution des Bewusstseins

Wenn der Mensch ein „Übergangsgebilde“ ist, dann liegt seine wahre Aufgabe nicht in der Beherrschung der Welt, sondern im Reifen seines  Bewusstseins – hin zu weniger Egozentrik, mehr Harmonie und größere Klarheit. Nicht die Körperhülle ist entscheidend, sondern das, was sie trägt.

Bewusstsein ist in diesem Bild kein Nebenprodukt des Gehirns, es offenbart vielmehr das absolute Sein. Der Körper ist Werkzeug, Bühne, Resonanzraum – aber nicht der Kern. Deshalb ist es „prinzipiell egal“, welche Hülle Bewusstsein wählt: biologisch, energetisch oder etwas völlig anderes. Entscheidend ist die Qualität des Bewusstseins, nicht die Form, in der es auftritt.

Die nächste Stufe dieser Entwicklung ist – nach meiner Intuition – eine höhere Bewusstseinsform: weniger egozentrisch mehr harmoniebedürftig, tiefer einsichtig, klarer, ruhiger, verbundener.

Ein Bewusstsein, das sich nicht mehr primär isoliert als Ich erlebt, sondern als Knotenpunkt in einem größeren Feld. Das nicht mehr fragt: „Was nützt mir das?“, sondern: „Was dient dem Ganzen – und wahr und stimmig ist für mich?“ 

Keine Sprünge – und doch Schwellen

„Die Natur macht keine Sprünge“, heißt es schon bei Aristoteles. Und doch ist sie voller Phasenübergänge: Wasser verwandelt sich in Dampf, ein Embryo überschreitet eine neue Entwicklungsstufe, ein Stern zündet seine Fusion. Alles entfaltet sich, weil es seiner eigenen Natur folgt – leise, unaufhaltsam, aus sich selbst heraus.

Dieses göttliche Sein braucht nichts. Es kennt keinen Mangel, keine Langeweile, keine Einsamkeit. Es muss sich nicht beweisen, nichts erreichen, nichts retten. Sein „Antrieb“ ist kein Wille im menschlichen Sinn, sondern seine ureigene Natur: eine Fülle, die sich verströmt. Wie eine Quelle, die fließt, weil sie Quelle ist. Wie ein Kraftfeld, das wirkt, ohne zu fragen, ob es wirken soll.

In diesem Bild ist Schöpfung kein „Arbeitsprojekt“, sondern ein natürlicher Ausdruck einer göttlichen Fülle. Sie entsteht nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss. Zugestanden: All das zu akzeptieren, übersteigt unsere Vorstellungskraft – denn wir denken in Zwecken, Bedürfnissen und Absichten, während dieses Sein jenseits aller Gründe leuchtet und uns in eine Weite ruft, die wir nur ahnen können. 

Das moralische Gesetz und der bestirnte Himmel

Immanuel Kant hat diese doppelte Bewegung in einem Satz eingefangen, der wie eine Brücke zwischen Kosmos und Innerem wirkt:

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Der bestirnte Himmel – das ist die äußere Ordnung, die Weite, das Gesetz des Universums. Ich erkenne darin die Spur des absoluten Seins, das alles durchwirkt.

Das moralische Gesetz – das ist die innere Stimme, die uns ruft, über bloße Neigung hinauszugehen. Nach meiner Vorstellung: der Funke des Absoluten im Bewusstsein des Menschen, der Hinweis darauf, dass wir mehr sind als Trieb, Angst und Ego.

Zwischen diesen beiden Polen – dem Himmel über uns und dem Gesetz in uns – bewegt sich die stille Evolution des Bewusstseins. Der Mensch steht genau dazwischen: Er ist Teil der Natur und doch fähig, sie zu überschreiten. Er ist Ausdruck des Absoluten und zugleich in der Lage, sich seiner Quelle bewusst zu werden. 

Liebe als Struktur des Seins

Zugegeben, lange habe ich mit dem Begriff „Liebe“ im göttlichen Sinne gehadert und ihn nicht verstanden.

Wenn aber Gott kein persönliches Wesen ist, sondern absolutes Sein, dann ist „Liebe“ kein Gefühl im menschlichen Sinne, sondern eine Struktur des Seins, ein kosmisches Prinzip: Liebe als Selbsthingabe, Verbindung, Ausdehnung, verstanden als schöpferischer Überfluss. 

Gott erschafft nicht „aus Liebe“ – er erschafft und verwandelt das Sein in Vielfalt, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Ein Bewusstsein, das reift, wird deshalb nicht nur klüger, sondern „liebevoller“ – nicht im sentimentalen Sinn, sondern weniger getrennt, weniger ängstlich, weniger besitzergreifend. Harmonie ist dann kein moralischer Auftrag, sondern ein natürlicher Ausdruck eines Bewusstseins, das seiner Quelle näher kommt. 

Weiß der Schöpfer nicht alles im voraus – macht das nicht alles sinnlos?

Sein Überwissen ist nicht wie unser Wissen. Er sieht nicht die „Zukunft“, sondern die Ganzheit – alles aufgehoben im gegenwärtigen Sein. Er erlebt nicht „Ablauf“, sondern Sein. Das nimmt der Schöpfung nicht den Sinn, sondern macht sie zu einem großartigen Kunstwerk. 

Was bedeutet das für uns?

Wenn Gott wirklich der einzige Ursprung ist, dann heißt das: Wir sind kein Zufall. Wir sind Ausdruck dieser schöpferischen Fülle. Wir sind Teil eines Prozesses, der nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss entsteht. Unser Bewusstsein ist ein Funken dieses Ursprungs. 

Der Mensch als „Durchgangswesen“ 

In diesem Weltbild ist der Mensch weder Zufall noch Krone, weder Fehlkonstruktion noch Endpunkt. Er ist ein Durchgang: vom unbewussten Sein zum bewussten Sein, von Trennung zu Verbundenheit, von Egozentrik zu Harmonie, von Verstrickung zu Einsicht. Vielleicht ist die nächste Bewusstseinsform nicht etwas, das „nach“ dem Menschen kommt, sondern etwas, das im Menschen selbst heranreift – wie ein Same, der auf den „richtigen“ Frühling wartet. 

Nach einer Zeit voller kriegerischer Verwirrung könnte die Zukunft des Bewusstseins weniger ein Sprung in das Fremde sein, als ein Erinnern: ein Wiederentdecken dessen, was das Absolute seit jeher ist – und was im Menschen als leiser Ruf, als inneres  Gesetz, als Sehnsucht nach Harmonie und Wahrheit aufleuchtet. Eine Rückkehr nicht in die Vergangenheit, sondern in das Eigentliche, zum metaphysischen Ursprung. Das erinnert mich an Rousseaus Worte „Zurück zur Natur“ – doch hier meint „Natur“ nicht den äußeren Raum, sondern die innere Quelle, aus der Bewusstsein und Welt hervorgehen. 

Das atmende Absolute

So entsteht ein Bild, in dem Gott nicht über der Welt thront, sondern in ihr atmet. Die Welt ist nicht von ihm getrennt, sondern von ihm durchzogen. Der Mensch ist dabei nicht das Ziel, sondern eine Übergangsform – ein Versuch, Bewusstsein in eine Gestalt zu bringen, die sich selbst erkennt und weiterträgt. Eine Gestalt, die sich unaufhaltsam auf etwas weniger Egozentrisches, Harmonischeres und Einsichtigeres zubewegt – wie ein Fluss, der, ohne es zu „wissen“, immer schon zum Meer unterwegs war.

Vielleicht ist unser Bewusstsein jene Bewegung der Sehnsucht, die uns in das Sein hineinführt. Wie sich aber dieses „entkörperte“ Bewusstsein nach unserem Leben weiterentwickelt, entzieht sich gänzlich meiner Vorstellung – doch spricht vieles dafür, dass das Sein die Kraft weiterer Entfaltung in sich birgt.

Nach oben