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Kriegsschrott, Kindheit und die Archäologie der Zukunft

Essay von Hans-Jörg Müllenmeister 

Ich erinnere mich an die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als wären sie in Metall gegossen. Wir Kinder streiften durch die Trümmerlandschaften der zerbombten Kaiserstadt Aachen, die damals unsere Spielplätze waren. Zwischen Ziegelstaub und verkohlten Balken suchten wir nach Blei, Messing, Kupferkabeln – kleine Schätze, die wir zum Althändler trugen.

Für ein paar Reichsmark, die kaum etwas wert waren, aber uns das Gefühl gaben, in einer zerstörten Welt wenigstens ein bisschen Handlungsmacht zu besitzen. Der Krieg war vorbei, aber er lag noch überall herum: in Splittern, Hülsen, verbogenen Stahlträgern. Wir lebten in einer Landschaft, die noch nicht wusste, dass Frieden eingekehrt war.

Doch inmitten dieses kindlichen Spiels begegnete ich zum ersten Mal dem Tod. Einer meiner Spielkameraden wurde unter einer plötzlich einstürzenden Trümmerwand begraben. Ein Augenblick, ein Krachen, ein Staubschwall – und er war verschwunden. Verschüttet. Dieses Wort, das ich bis dahin nie gehört hatte, bekam plötzlich ein Gesicht, ein Gewicht, eine Endgültigkeit. Ich begriff, dass die Trümmer nicht nur Fundorte kleiner Reichtümer waren, sondern auch Fallen, die Leben auslöschen konnten. Es war der Moment, in dem mir klar wurde, dass Krieg nicht endet, wenn die Waffen schweigen. Er bleibt in den Steinen, im Boden, in den Erinnerungen.

Vielleicht hat jene Zeit in den Trümmern von Aachen mehr in mir hinterlassen, als ich lange ahnte. Die kindliche Leidenschaft, Buntmetalle zu sammeln, war nicht nur ein Spiel, nicht nur ein Versuch, ein paar Pfennige zu verdienen. Es war ein Suchen nach Wert in einer Welt, die scheinbar jeden Wert verloren hatte. Ein instinktives Greifen nach dem, was Bestand hat, wenn alles andere zerfällt.

Erst viel später begriff ich, wie tief diese Erfahrung in mein späteres Leben hineinwirkte. Mein Faible für Edelmetalle – für Gold, Silber, Platin – war vielleicht keine zufällige Neigung, sondern eine stille Fortsetzung jener frühen Suche. Eine Veredelung der Erinnerung. Während um mich herum Mauern einstürzten und ein Spielkamerad unter einer Wand begraben wurde, hielt ich ein Stück Messing in der Hand, das nicht zerbrach. Vielleicht suchte ich in den Edelmetallen des Erwachsenenlebens unbewusst genau dieses Gefühl wieder: das Gefühl, dass etwas bleibt. Dass nicht alles brüchig ist. Dass es Dinge gibt, die Feuer, Zeit und Gewalt überstehen.

Heute, viele Jahrzehnte später, frage ich mich, ob Kinder in der Ukraine eines Tages ähnliche Wege gehen werden. Ob sie zwischen ausgebrannten Panzern und zerborstenen Strommasten nach Metall suchen, das ihnen ein kleines Einkommen verschafft. Ob der Krieg auch dort eine zweite Ökonomie hervorbringt – eine Schattenwirtschaft aus Schrott, Hoffnung und Gefahr.

Denn Krieg hinterlässt nicht nur politische Wunden, sondern materielle. Er produziert Berge von Metall, die erst einmal niemand haben will: zerstörte Fahrzeuge, Munition, Leitungen, Trümmer von Fabriken und Wohnhäusern. In der Ukraine liegen bereits Millionen Tonnen solcher Hinterlassenschaften. Ein einziger ausgebrannter Kampfpanzer bringt 40 bis 60 Tonnen Metall auf die Waage. Ein zerstörtes Wohnhaus mehrere hundert Tonnen. Rechnet man das hoch auf tausende Panzer, zehntausende Fahrzeuge, hunderttausende Gebäude, entsteht eine Schrottlandschaft, die man sich kaum vorstellen kann.

Ökonomisch betrachtet ist das paradoxerweise ein Wert: Milliarden an wiederverwertbaren Metallen, die eines Tages eingeschmolzen und in den Wiederaufbau fließen könnten – geschürft aus den Wunden des Kriegs. Stahlwerke werden daran verdienen, Recyclingfirmen, Logistik-Unternehmen. Der Krieg schafft – wie absurd das klingt – eine Art Rohstofflager, das niemand wollte und das doch genutzt werden muss.

Doch während man Tonnen und Euro zählen kann, bleibt das Entscheidende unzählbar.

Denn in diesen Trümmern liegen auch die unsichtbaren Kosten: Böden, die mit Schwermetallen belastet sind; Flüsse, die Sprengstoffrückstände tragen; Felder, in denen Minen lauern. Und vor allem die Menschen, die zu Schaden kommen. Schon jetzt sprechen Hilfsorganisationen von tausenden Verletzten und Toten durch Blindgänger, und diese Zahl wird weiter steigen – noch Jahrzehnte nach dem letzten Drohnenangriff. Jede Mine, die nicht entschärft wird, ist ein zukünftiges Schicksal, das in der Schwebe hängt.

Und dann ist da der Verlust, der sich überhaupt nicht in Zahlen fassen lässt: das vernichtete Menschengut. Die Leben, die nicht gelebt werden konnten. Die Kinder, die nicht geboren wurden. Die Talente, die verstummten, bevor sie sich entfalten konnten. Kein Schrottwert, kein Wiederaufbauprogramm, kein volkswirtschaftliches Modell kann das je aufwiegen.

Vielleicht ist es gerade diese Spannung – zwischen dem Zählbaren und dem Unzählbaren –, die den Blick auf die Nachkriegszeit so schwer macht. Man kann die Tonnen Metall heben, die Böden reinigen, die Gebäude neu errichten. Aber man kann nicht zurückholen, was an Menschlichkeit verloren ging.

Und so wird der Krieg, wenn er eines Tages endet, zwei Arten von Archiven hinterlassen:

das materielle, das man ausgraben, sortieren, einschmelzen kann – und das immaterielle, das in Erinnerungen, Narben und Lücken weiterlebt. Beide werden künftige Generationen beschäftigen. Beide werden erzählen, was geschehen ist.

Doch es gibt noch ein drittes Archiv: das geologische. Die lange, geduldige Zeit verwandelt alles, was wir tun, in Schichten. Wie in der Ostsee, wo noch immer Minen und chemische Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg ruhen, wird auch die Ukraine ihre eigenen archäologischen Kriegsschichten hinterlassen: Blindgänger in Feldern, Munitionsreste in Flüssen, antimonverseuchte Erde, versunkene Waffen im Schwarzen Meer.

Und eines Tages werden Archäologen auf etwas stoßen, das in keinem früheren Krieg vorkam: Silber-Artefakte – die metallischen Fossilien eines neuen, erbitterten Techno-Krieges, in dem die Waffen pseudoedle Schatten warfen, glänzend genug, um Fortschritt zu versprechen, und wertlos genug, um ihn zu verraten.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Schlussgedanke: dass die Erde selbst unsere Fehler bewahrt. Dass sie die metallischen Fragmente unserer Gewalt wie ein stummes Mahnmal konserviert. Und dass die kommenden Generationen nicht nur unsere Bauwerke erben, sondern auch unsere Verwüstungen.

Möge ihnen der Blick auf diese Schichten nicht nur zeigen, was war, sondern auch, was nie wieder sein sollte. 

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