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Abgesang des Drecks mit der Erfindung des grün gestrichenen Betons
Glosse von Hans-Jörg Müllenmeister
Es gehört zu den charmanten Eigenschaften des modernen Menschen, dass er Unsummen für die Restaurierung alter Ölgemälde ausgibt, während er das größte Meisterwerk des Planeten gedankenlos von seinen Designer-Schuhen kratzt: den schnöden Matsch. Den Dreck. Oder, wie der Wissenschaftler ehrfürchtig raunt: die Muttererde.
Man muss sich diese Demütigung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Während wir uns für die Krone der Schöpfung halten, tobt unter unseren Sohlen eine „logistische Megametropole“. Ein einziger Teelöffel gesunder Erde beherbergt mehr Lebewesen, als die Menschheit Köpfe zählt. Ein unüberschaubares, unterirdisches Ensemble aus Springschwänzen, Milben, Bakterien und Fadenwürmern betreibt dort unten ein biologisches Weltwunder. Sie fegen, zersetzen, filtern und weben an einer lebendigen Haut, die uns überhaupt erst trägt. Pilze handeln mit Pflanzenwurzeln einen floralen Tausch aus, der jede moderne Zentralbank vor Neid erblassen lässt: Zucker gegen Phosphor, bar auf die Kralle. Ohne dieses unsichtbare Heer wäre die Erde nur ein sterbenslangweiliger Haufen aus nacktem Fels und kosmischem Staub.
Die Evolution hat sich bis zu diesem Zustand wahrlich nicht amüsiert. Fünfhundert Millionen Jahre lang klammerten sich Flechten an nackten Stein, spuckten Säure, lösten Mineralien und opferten Generationen für eine hauchdünne Humusschicht. Vor vierhundert Millionen Jahren sprengten die ersten Wurzeln das Sediment und pumpten Leben in den Boden. Ein genial austariertes System entstand, eine Architektur des Gleichgewichts, in der Heerscharen von Mikroben totes Material zersetzen und es als Kohlendioxid wieder ausatmen – klug genug, es nicht unendlich anzuhäufen, damit Platz für Neues bleibt. Kurz: Die Natur brauchte eine halbe Ewigkeit für ein paar Zentimeter jener fruchtbaren Oberschicht aus Sand, Ton und dem staubfeinen Schluff, der die Welt ernährt.
Und was macht die „Krone der Schöpfung“? Sie parkt darauf.
Mit beachtlichem industriellem Eifer arbeiten wir daran, das Jahrhundertwerk der Evolution flächendeckend zu korrigieren. Wo die Natur mühsam Resonanz und Kreisläufe schuf, setzen wir auf die endgültige Befreiung des Bodens von der lästigen Pflicht des Atmens: die Betonierung. Es ist die Kapitulation der Fruchtbarkeit vor dem rechten Winkel.
Man stelle sich vor, das Werk gelänge uns ganz. Der finale Sieg des Asphalts! Eine Welt, vollkommen versiegelt. Es wäre das Ende aller Sorgen: Hungersnöte von globalem Ausmaß würden das Problem der Überbevölkerung elegant im Keim ersticken. Sturzfluten von biblischem Ausmaß würden ungehindert über den unnachgiebigen Beton jagen, während darunter die Grundwasserspeicher verdursten. Das Klima, beraubt seines zweitgrößten Kohlenstoffspeichers, würde sich in astronomische Höhen schrauben. Und das unterirdische Milliardenheer der Mikroben fände endlich die wohlverdiente, ewige Ruhe.
Doch der Mensch wäre nicht der Mensch, wenn er für die Katastrophen, die er selbst zimmert, nicht auch eine kosmetische Lösung parat hätte. Wenn der letzte Zentimeter Mutterboden unter der Walze verschwunden ist – jener Zentimeter, der im kühlen Klima schlanke tausend Jahre zu seiner Entstehung benötigt –, schlägt die Stunde der Gartenbauingenieure und Maler. Städte brauchen zumindest Placebo-Grün, daneben Dachbegrünung und Parks, der Kühlung willen. Dabei liefern Vulkane seit Urzeiten die Blaupause: Bei ihren Ausbrüchen stoßen diese Erdmonster große Mengen Schwefeldioxid aus und kühlen so das Klima. Als Mittel des Geoengineerings diskutieren Vulkaneiferer, die Erderwärmung eigenhändig durch gezieltes Freisetzen dieses Gases einzudämmen.
Dann erfinden wir das „Schwammstadt-Konzept“. Wir versuchen, dem Beton das Atmen beizubringen, das wir ihm vorher verboten haben. Wir pinseln den Asphalt grün an, deklarieren das Feigenblatt als „nachhaltig“ und trösten uns mit einer künstlichen Scheinwelt, weil wir die echte Natur erfolgreich wegradiert haben.
Am Ende bleibt ein bitterer Verdacht: Vielleicht unterscheidet sich der Mensch vom Humus vor allem dadurch, dass er – im Gegensatz zu den Mikroben – vergessen hat, wie man sich sinnvoll in ein System einfügt. Wo die Natur auf feine Regulierung setzt, antworten wir mit der stumpfen Walze. Und so wandeln wir auf einer dünnen Kruste, die uns nährt – bis wir sie ganz in ein Denkmal unserer eigenen Torheit verwandelt haben. Schön glatt, pflegeleicht und garantiert biologisch tot.
Naht der Tag, an dem der moderne Mensch den Boden unter den Füßen endgültig verloren hat – und im Museum steht ein Glas mit echter, uralter Erde, beschriftet: „Bitte nicht öffnen. Könnte Spuren von Natur enthalten.“ Wie heutige Medikamenten-Beipack‑Episteln, die sich gegen jedes erdenkbare Restrisiko absichern.




