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Wert oder Unwert – das ist hier die Frage
Von Hans-Jörg Müllenmeister.
Goldwert – ein Wort, das wie ein Kristall im Licht schimmert. Wir erwarten von einem physischen Wertobjekt vor allem eines: Beständigkeit. Dauerhafte Konstanz in Zeiten, die schwankt wie ein Schiff im Sturm. Doch resiliente Werte sind rar, sie stehen nicht Schlange, sondern treten auf wie seltene Gäste – geprägt in Münzen, gegossen in Barren, verborgen in der Tiefe der Erde.
Der gedachte Goldwürfel – ein Monument der Seltenheit
Stellen wir uns vor: ein Würfel aus purem Gold, dessen Kanten über 22 Meter messen. Jahr für Jahr wächst er um kaum merkliche 13 Zentimeter – gespeist von den rund 3.500 Tonnen Gold, die die Menschheit neu aus der Erde hebt. Sein Gewicht summiert sich auf 206.000 bis 238.000 Tonnen, ein Schatz von über 18 Billionen Euro. Und doch: die Vorräte, die noch im Boden schlummern, sind begrenzt – 52.000 bis 70.550 Tonnen, wirtschaftlich erschließbar, aber endlich.
In der Provinz Liaoning in China wurde kürzlich ein gigantisches Goldvorkommen entdeckt: 2,586 Millionen Tonnen Erz, darin enthalten rund 1.444 Tonnen Feingold. Der Haken: Der Erzgehalt liegt bei mageren 0,56 g pro Tonne – weit unter den üblichen 1 bis 5 g/Tonne profitabler Minen.
Trotzdem summiert sich der Marktwert auf über 166 Milliarden Euro. Ein Vergleich, der aufhorchen lässt: Die geplante Neuverschuldung des Bundeshaushalts 2026 übertrifft diesen Wert sogar noch – um satte 14 Milliarden Euro.
Das unsichtbare Meer im Erdkern
Der überwältigende Anteil des Goldes liegt nicht in der Kruste, sondern tief verborgen im Herzen unseres Planeten. Dort, im glühenden Erdkern, harren über 99,999% der globalen Goldvorräte – ein Schatz, der uns fast ewig verwehrt bleibt. Eine Grobrechnung führt uns zu einer Zahl, die den Atem raubt: 1,6 Quadrillionen Tonnen Gold, ein Millionstel der Erdkernmasse!
Der Erdkern beginnt übrigens in einer Tiefe von etwa 2.900 Kilometern unter der Erdoberfläche und erstreckt sich weiter bis zum Erdmittelpunkt in einer Tiefe von rund 6.371 Kilometern.
Mickrig ist dagegen die erreichte Bohrtiefe der Menschen von nur 12,2 Kilometern.
Wenn Seltenheit zerbricht
Gold ist mehr als Metall. Es ist Symbol, Mythos, Projektionsfläche für Vertrauen und Sehnsucht. Doch was geschähe, wenn plötzlich all dieses Gold aus dem Erdinneren an die Oberfläche geschleudert würde? Ein Stresstest für unsere Beziehung zu Wert. Denn wenn Seltenheit verschwindet, kippt nicht nur ein Markt, sondern ein Mythos.
Größenordnungen des Überflusses
Die Hypothese: jenes rausgeschleuderte Gesamtgold überträfe den oberirdischen Bestand um den Faktor 10 hoch 12, also eine Billion – ein Überfluss, der unsere Nachfrage ins Lächerliche zieht. Und nicht nur Gold käme ans Licht. Auch andere „kernliebende“ Edelmetalle der Platin-Gruppen-Elemente wie das Osmium würden in gewaltigen Mengen die Oberfläche erreichen. Geochemische Spuren solcher Kernsignaturen finden wir heutzutage im hawaianischen Vulkangestein.
Konsequenzen für den Preis
Der heutige Goldpreis lebt von Knappheit, Vertrauen und Krisenpsychologie. Doch ein plötzlicher Angebots-Schock, ein praktisch unbegrenzter Vorrat, würde die Knappheitsprämie zerstören. Der Preis fiele wie ein Stein, kollabierte auf das Niveau bloßer Raffinations- und Logistikkosten. Gold verlöre seine Aura, würde zum Material wie jedes andere – entzaubert, entmythisiert, banalisiert.
Wert und Seltenheit
Der Wert ist mehr als Zahl, mehr als Preis. Er lebt von Seltenheit, Vertrauen und der Hoffnung auf Beständigkeit. Doch was geschieht, wenn die Grundlage dieses Mythos ins Wanken gerät?
Das unsichtbare Meer im Erdkern
Im Herzen der Erde ruht der wahre Schatz: 1,6 Quadrillionen (eine 1 mit 24 Nullen) Tonnen Gold, verborgen im Erdkern, fast ewig unerreichbar. Zwar nur Ein Millionstel der Erdkernmasse – und doch eine Zahl, die unsere Vorstellung sprengt. Da Gold eine starke Affinität zu Eisen besitzt, ist es im Erdkern nicht frei, sondern an Eisen gebunden: im festen inneren Kern und im flüssigen äußeren Kern. Teile des heute in der Erdkruste vorkommenden Goldes stammen tatsächlich aus dem Erdkern. Dieser ist nämlich nicht völlig dicht, sondern gibt über geologische Zeiträume geringe Mengen seiner „Schätze“ durch Mantelplumes und Vulkanismus frei. Das belegen eindeutig Isotopenanalysen. Aber selbst der Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans würde kein Gold freisetzen. Es läge höchstens im Spurbereich und stammte aus Mantel/Krusten‑Prozessen, nicht „aus dem Erdkern“. Es wäre geochemisch interessant, aber mengenmäßig unbedeutend.
Wenn Seltenheit zerbricht
Gold ist Symbol, Mythos, Projektionsfläche. Doch wenn plötzlich all dieses Gold an die Oberfläche geschleudert würde, verlöre es seine Aura. Der Markt kippte, der Mythos zerbräche.
Überfluss und seine Folgen
Das Angebot überstiege jede Nachfrage. Selbst ein Bruchteil der postulierten Menge würde Lager, Raffinerien und Handelsketten überfordern. Preise fielen, Terminkurven kippten ins Contango. Gold als „sicherer Hafen“ lebt von der Seltenheit. Wird es beliebig vermehrbar, verliert es seine monetäre Aura. Zentralbanken könnten Bestände entwerten, Gold aus der Reservefunktion streichen.
Industrielle Nachfrage: Elektronik, Chemie, Medizintechnik – sie würden das spottbillige Gold kräftig nutzen. Doch selbst eine Verzigfachung der industriellen Nachfrage könnte die Angebotsflut nicht absorbieren.
Neues Gleichgewicht: Gold würde ökonomisch näher an den Preis eines industriellen Massenmetalls rücken. Die Eigenschaft als Wertspeicher wäre durch den „Kernauswurf“ zerstört.
Realitätscheck und Geologie
Natürlich widerspricht ein solches Szenario der Geodynamik. Sämtliches „Kern-Gold“ zur Oberfläche zu bringen, sprengt jede Energiebilanz. Real beobachtbare Wege sind mikroskopisch: Mantelplumes, Vulkanismus, geochemische Prozesse – sie liefern nur Spuren, keine Massenausschüttung.
Die Realität: Gold als Wertgarant
Seit Jahrhunderten ist Gold ein Wertspeicher, der Stürme überdauert und im Nebel der Unsicherheit Orientierung schenkt. Dagegen ist Papiergold das Chamäleon der Finanzwelt. Es verfärbt sich im Takt der Gerüchte über Zinsschritte.
Doch hinter dem Edelmetall Gold verbirgt sich eine tiefere Wahrheit: Das Vertrauen selbst ist die eigentliche Währung. Wahres Vertrauen liegt nicht im Metall, sondern im Zwischenraum menschlicher Begegnungen. Gold trägt das Gewicht der Jahrtausende, doch Vertrauen trägt das leise Gewicht gelebter Wahrheit.
Vom Edelmetall zum Menschlichen
Gold, auch Osmium und Diamanten – sie alle sind Symbole der Seltenheit. Übrigens, der Geburtsort der meisten Diamanten liegt in „nur“ etwa 200 km Erdtiefe im oberen Erdmantel, so auch der historisch berühmte Blue Hope-Diamant. Doch jenseits der edlen Materie gibt es Werte, die nicht in Tonnen gemessen werden, sondern in Herzen, Gedanken und Beziehungen. Sie sind unsichtbar und doch tragend, flüchtig und doch unzerstörbar.
Vertrauen ist wie ein innerer Schatz, der nicht gefördert, sondern geschenkt wird. Es wächst nicht durch Bergbau, sondern durch Begegnung. Ein einziger Verrat kann wie Glas zersplittern, doch wenn Vertrauen gepflegt wird, glänzt es heller als jeder Barren. Vertrauen ist das Gold der Beziehungen – selten, kostbar, und Grundlage jeder menschlichen Ökonomie.
Liebe ist der Farbdiamant, facettenreich und unerschöpflich. Sie trägt die Farben der Freude, der Hingabe, des Schmerzes und der Hoffnung. Anders als Edelsteine verliert sie nicht an Wert durch Überfluss und Synthese – im Gegenteil: je mehr sie geteilt wird, desto größer wird ihr Glanz.
Wissen ist schwerer als jedes Metall, dichter als das Schwergewicht Osmium, und doch frei verfügbar. Es ist ein Wert, der sich nicht erschöpft, wenn er geteilt wird. Im Gegenteil: Wissen vermehrt sich durch Weitergabe, es wächst exponentiell und bildet die Grundlage für Fortschritt und Kultur.
Kultur ist das kollektive Gedächtnis, der Tresor der Menschheit. Sie speichert Geschichten, Musik, Kunst, Sprache – immaterielle Werte, die Generationen überdauern. Kultur ist wie ein geologisches Sediment aus Erfahrungen, das uns Identität schenkt und Orientierung gibt.
Immaterielle Werte kennen auch Knappheit und Überfluss. Vertrauen kann durch Inflation der Worte entwertet werden. Liebe kann durch Oberflächlichkeit banalisiert werden. Wissen kann durch Desinformation verdunkelt werden. Kultur kann durch Gleichgültigkeit verarmen. Doch anders als Gold im Erdkern sind diese Werte nicht unerreichbar – sie liegen in uns selbst, jederzeit zugänglich, wenn wir sie pflegen.
Veredelter Schlussakkord
Wir sitzen auf einem unerreichbaren Goldhort, einem kosmischen Tresor im Herzen von Mutter Erde. Ein Schatz, den nur die Sonne in Milliarden Jahren zu öffnen vermag – wenn sie, zuletzt als Weißer Zwerg, die Erde mit ihrem schwachen Glimmen streift.
Wert oder Unwert – das ist die Frage. Die Antwort liegt nicht allein im Metall, sondern im Menschlichen. Ein Schatz, den keine Sonnenexplosion zerstören kann, wohl aber unsere eigene Nachlässigkeit. Denn sein wahrer Wert liegt nicht im Erz, sondern im Vertrauen, das wir leben.




