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Relativität der Werte

Von Hans-Jörg Müllenmeister 

Mal ‘ne provokante Frage: was ist unser wertvollstes Gut? 
Die Gesundheit ‒ ist man jung, weiß man sie noch nicht zu schätzen. 
Der Wohlstand ‒ na ja, man hat fast alles und gönnt sich ja sonst nichts. Das Wasser ‒ zu selbstverständlich in unseren Breiten. 
Das Leben ‒ da kommen wir der Sache schon näher. 
Aber woran hängen wir denn materiell, was ist überhaupt von Wert? 

Nehmen Sie die Werke von Picasso, sie erzielen Höchstpreise. Sein sündteurer „Junge mit Pfeife“ hat einen Schätzwert von 107 Mio. Euro. „Dora Maar mit Katze“ taxieren Kunstexperten auf läppische 86 Mio. Euro. Hätte Picasso der Nachwelt nur ein einziges Bild hinterlassen, gäbe es keinen Markt und damit dafür keinen Marktpreis. Gott Lob war er enorm produktiv und kreativ; hinterließ er doch allein fast 1900 Gemälde und damit genügend Spekulationsobjekte. 

An einem einsamen Wertobjekt kann sich kaum ein Markt entzünden. Es ist eigentlich „nur“ selten und ohne Relation. Eine ausgesprochene Rarität in der Erdkruste ist das silberweiße Schwermetall Protactinium. Das Element kommt 10.000 mal seltener vor als Platin. Bereits in Spuren ist es so teuer wie ein dickes Haus; leider hat das Unikum den Nachteil, dass es, Dank seiner Radioaktivität, bereits nach 32.500 Jahren zur Hälfte zerfallen ist. Nun ja, ein Haus schafft das wesentlich eher. Ins Raritätenkabinett der Welt gehört besonders ein sagenumwobener blauer Bor-dotierter Diamant: Dieser neun Gramm schwere HOPE im Smithsonian Institute of Washington ist sage und schreibe über 300 Mio. US-D wert. 

Heute würden wir darüber schmunzeln, aber das erstmals 1827 hergestellte Aluminium galt lange Zeit als so wertvoll und teuer, dass Napoleon III. mit Aluminiumbesteck tafelte, während sich sein Hofstaat mit schnödem Goldbesteck begnügen musste. Wie sich die Zeiten doch ändern: Vor 50 Jahren war ein Hering ein Armeleuteessen, heute kommt er als Goldfisch unter den Delikatessen daher geschwommen. 

Vielfach geht es darum, erst Begehrlichkeit zu wecken, damit ein Wert erkannt wird, und sei es „nur“ der Nährwert der Kartoffel. Erinnern Sie sich an Friedrich II., der in der „Circular-Ordre“ allen preußischen Beamten am 24. März 1756 befahl, sämtlichen Untertanen den Kartoffelanbau „begreiflich zu machen“. Er ließ seinen kaiserlichen Kartoffelacker durch Soldaten scheinüberwachen, damit die Bauern das Nachtschattengewächs bei Nacht und Nebel stahlen und auch selber anpflanzten. 

Wie rasch selbst ein Sack Kartoffeln Goldes Wert sein kann, mußten einige von uns in den Nachkriegsjahren erfahren. Der Wille zum Überleben schafft eben andere Relationen. Da steigt z.B. Bohnenkaffee zum Luxusgut auf. Ein Wert muss so begehrt und anerkannt sein, dass er einen Markt findet; der kann sogar auch schwarz sein. Notfalls sollte das Objekt der Begierde ein Leichtgewicht sein, dass seinen fetten Wert auf wenige Karat komprimiert. Sicherlich ist das bei reinen Kohlenstoffprodukten der Fall.

Spricht man von Werten, so sind meist materielle Werte gemeint. Das höchste Gut indes, ist unsere Gesundheit. Erst im Alter werden wir uns diesem kostbaren Lebensmitbringsel bewusst, nämlich dann, wenn uns Siechtum und Krankheiten dräuen. Verstehen Sie jetzt, warum man im Frühjahr 2021 einen regelrechten Wettbewerb veranstaltet hat, wer zuerst die „knapp bemessenen Impfstoffe“ erhalten darf? 

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Wegen möglicher Urheberrechte können wir Ihnen nur einen Link anbieten zu dem Werk Picassos "Junge mit Pfeife", wofür man flotte 100 Millionen hinlegen müsste, wollte man das Original sein Eigen nennen können: 
https://en.wikipedia.org/wiki/File:Garçon_à_la_pipe.jpg 

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