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Mit Gerd Müller im Cockpit einer B 727

Von Peter Haisenko 

Es gibt nur wenige Menschen, die sich meinen Respekt oder gar Bewunderung verdient haben. Gerd Müller ist einer der wenigen. Der „Bomber der Nation“ litt unter extremer Flugangst.

Ende der 1970-erJahre war ich Copilot auf der B 727 bei Lufthansa. Es waren Zeiten, als Flughäfen noch offene Bereiche waren, ohne alle Passagiere so zu behandeln, als wären sie Terroristen. Cafés und Restaurants innerhalb des Flughafens waren für alle zugänglich, auch wenn sie nicht die Absicht hatten, mit dem Flugzeug zu verreisen. Damals war es gestattet, auch betriebsfremde Personen auf einem Platz im Cockpit mitzunehmen. Es war die Entscheidung des Kapitäns.

So kam es, dass an einem Abend auf einem Flug nach München die Purserette vor dem Abflug ins Cockpit kam und fragte, ob wir bereit wären, den Fussballer Gerd Müller im Cockpit zu befördern. Und nein, er hätte einen gebuchten Platz in der Kabine, aber der Gerd hätte eine derart extreme Flugangst und wenn er im Cockpit sitzen dürfte, alles beobachten könnte, dann wäre für ihn die Beförderung im Flugzeug erträglich. Es war eine Selbstverständlichkeit für uns, dieser Bitte zu entsprechen.

Es war schon spät und draußen dunkel, als eine Stewardess Gerd Müller ins Cockpit geleitete. Wir waren einigermaßen erstaunt, mit welch selbstverständlicher Gewandtheit Müller sich auf den Sitz hinter dem Kapitän platzierte und regelgerecht anschnallte. Es war klar, dass er das nicht zum ersten Mal tat. Müller hat beim Betreten des Cockpits einen kurzen Gruß an uns ausgesprochen und uns von da an nicht bei der Arbeit gestört.

Wegen extremer Flugangst gab es einen Platz hinter dem Kapitän

Ganz bescheiden und unauffällig saß er ruhig auf dem Beobachtersitz und auch wir hatten nicht das Bedürfnis, uns mit ihm zu unterhalten. Nach der Landung befreite er sich mit derselben Routine von seinen Sitzgurten, stand auf und bedankte sich. Er teilte uns noch mit, dass er unter extremer Flugangst leidet und wenn er hier vorne zusehen darf, sei seine Angst für ihn beherrschbar und deswegen komme sein Dank von Herzen. Ohne große Worte verabschiedete sich der Gerd kurz und verschwand ebenso unauffällig, wie er gekommen war. Wir, der Kapitän, der Flugingenieur und ich waren uns einig: Was für ein feiner und bescheidener Mensch!

Seit dieser Zeit empfinde ich höchsten Respekt und Bewunderung für Gerd Müller und ich habe mit Abscheu zusehen müssen, wie skrupellose und gierige Finanzartisten diesem feinen Mensch sein eher bescheidenes Vermögen abgegaunert haben. Es handelte sich damals um eine Summe, die angesichts der heutigen Verhältnisse nur noch als lächerlich oder inexistent bezeichnet werden könnte: etwa fünf Millionen DM, heute 2,5 Millionen Euro. Mehr ist nach seiner aktiven Zeit nicht übrig geblieben.

Natürlich sollte man dabei bedenken, dass man zu dieser Zeit mit fünf Millionen DM genug Geld hatte, um den Rest seines Lebens in Würde und ohne weitere Einkünfte gestalten zu können. Die vielen Nebeneinnahmen mit „Marketing“ und als Reklameträger gab es nur ansatzweise, die heute Sportlern auch nach Ende ihrer aktiven Karriere noch exorbitante Einnahmen ermöglichen. Gerd Müller war nach den großen Betrügereien durch seine „Finanzberater“ pleite. Da hat sich dann auch sein Fußballfreund Franz Beckenbauer meinen Respekt verdient, obwohl ich den eigentlich nicht mag. Er hat den insolventen Gerd Müller aufgefangen und ihm als Jugendtrainer eine Chance geboten, den Rest seines Lebens auskömmlich und in Würde zu verbringen.

Sepp Maier gerierte sich alles andere als bescheiden

Zum Kontrast will ich hier noch eine Geschichte aus dem Flugzeug zum Besten geben. Es war wieder ein Abendflug nach München und diesmal saß ich als Passagier auf einem Mittelplatz in der vollen Kabine. Weil ich nach meinem letzten aktiven Flug des Tages auf dem Weg nach Hause war, trug ich noch meine Uniform, die mich als Pilot auswies. Ich wollte nach einem langen Arbeitstag nur meine Ruhe. Einige Minuten nach dem Abflug sprach mich mein Sitznachbar zur Linken an. Er war ein Mann um die dreißig und wählte folgende Worte: „Wir beide haben ja einen Traumberuf.“

Damals noch mehr als heute war mein Interesse für Fußball stark unterentwickelt und ich konnte mit Fußballern oder gar ihren Namen wenig bis gar nichts anfangen. Die Begegnung mit Gerd Müller war später. Ich kannte den Herrn neben mir also wirklich nicht und so antwortete ich: „ Na ja, ich schon, aber was Sie machen, ist mir unbekannt.“ Ob dieser wohl als ungebührlich empfundenen Antwort stand ihm die Empörung ins Gesicht geschrieben als er sagte: „Ich bin der Torwart des FC-Bayern!!!“ Mehr als ein „ach ja“ konnte mir diese Ansage nicht entlocken und so verbachten wir den Rest des Fluges mit Schweigen, was mir sehr recht war.

Später, als ich dieses Erlebnis mal zum Besten gab, wurde mir gesagt, dass es sich da wohl um einen Herrn Maier, „Sepp“ Maier, gehandelt haben muss, der damals Torwart des FC-Bayern war. Noch später erfuhr ich dann von Freunden, die direkten Kontakt zu dem Sepp hatten, dass dieser auch unter jenen nicht durch besonders sozialkompetentes Verhalten aufgefallen ist.

So schließe ich diese kleinen Erzählungen mit dem Fazit, dass es Menschen gibt, die trotz aller Prominenz und zumindest damals viel Geld bescheiden und höchst anständig geblieben sind. Sie stehen im Gegensatz zu denjenigen, die ich nicht nur im Bereich Sport an Bord „meiner Flugzeuge“ als arrogant, hochnäsig und oftmals als ausgemachte Proleten erleben musste. Ich könnte Erlebnisse mit prominenten Politikern anführen. Aber ich nenne eine Auswahl von Menschen, die ich an Bord als ausgesprochen angenehm erleben durfte: Anne-Sophie Mutter, Franz Josef Strauß, – im Gegensatz zu einem seiner Söhne – und viele andere, von denen ich es nicht erwartet hätte. Der bescheidene Gerd Müller hat für immer einen Platz in meinem Herzen.

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