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Reinhard Leubes Geschichte dritter Teil: „Septemberrevolution“

Von Hubert von Brunn 

Wie schon in den ersten beiden Bänden seiner minutiösen Aufarbeitung des Phänomens Adolf Hitler erweist sich Reinhard Leube auch in der Geschichte dritter Teil „Septemberrevolution“ als akribischer Rechercheur und spitzzüngiger Kommentator zugleich. Sein Quellstudium ist absolut beeindruckend (alles im umfangreichen Anhang belegt) und zeugt von dem seiner Arbeit zugrunde liegenden Anspruch, wahrhaftig zu sein und auch solche Themen offen anzusprechen, die manche Berufshistoriker – wenn überhaupt – in verschämten Nebensätzen oder in ihren Fußnoten unterbringen.

Im 1. Band „Londoner Außenpolitik und Adolf Hitler“ stellt Leube die Frage: „Gibt es einen blinden Fleck?“ Die Antworten, die er dem Leser auf diese Frage anbietet, sind vielfältig, kurios und ernüchternd und der Leser, der in seinem Geschichtsunterricht mit manch anderen Informationen gefüttert wurde, beginnt zu begreifen, dass die Strippenzieher für das desaströse politische Tauziehen im Europa des 20. Jahrhunderts in London saßen. Hier breitet Leube ein Tableau aus, das gewissermaßen als hinterlistiges Vorspiel für die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zu verstehen ist.

Im 2. Band „Atemberaubend – London und Deutschland in den Jahren 1933 bis 1937“ liefert der Autor ein eindrucksvolles Stimmungsbild von Deutschland und den Deutschen in diesen ersten Jahren der Naziherrschaft. Es wird deutlich, dass es keineswegs eine braune Mehrheit im Volk gegeben hat und die glühenden Anhänger der Nationalsozialisten durchaus in der Minderheit waren. Weshalb aber war das Ausland – insbesondere die Chefetage in London – von dem österreichischen Schildermaler so begeistert? Das chronologisch aufgebaute Werk vermittelt dem Publikum einen Eindruck von dieser Zeit, der Gänsehaut erzeugt. Wer wirklich nachempfinden will, mit welchem atemberaubendem Tempo die Entwicklungen damals vorangeschritten sind, welche unterschiedlichen Reaktionen sie hervorgerufen haben und welche giftigen Witze die Runde machten, der kommt an diesem Werk nicht vorbei.

1938 hätte das Schicksalsjahr der Deutschen sein können – im positiven Sinne 

Nun also der 3. Band: „Septemberrevolution“. Hier beschränkt sich Reinhard Leube auf den Zeitraum eines Jahres: 1938. Völlig zu recht, denn jenes Jahr hätte das Schicksalsjahr der Deutschen im positiven Sinne sein können (für Europa und die Welt natürlich gleichermaßen). Das, was sich in den Jahren davor schon angedeutet hatte, wurde 1938 immer deutlicher: Hitler predigte unablässig vom „Frieden“, meinte aber „Krieg“. Das aber wollte das deutsche Volk, in dem die Erinnerung an dem vor 20 Jahren zu Ende gegangenen Weltkrieg noch sehr lebendig war, ganz und gar nicht. Trotz gleichgeschalteter Presse und beschönigender Nazi-Propaganda wusste man von „politischen“ Gefangenen, von Konzentrationslagern, in denen gefoltert und gemordet wurde, und verhielt sich still. Dort wollte man nicht landen. Aber wenn sich die Gelegenheit ergab, machten die Bürger schon deutlich, was sie von dem GRÖFAZ hielten. Im Vorfeld auf den geplanten Einmarsch in Tschechien beispielsweise ließ er eine motorisierte Division extra durchs Brandenburger Tor marschieren. Aber statt der erwarteten jubelnden Massen empfingen die Truppe menschenleere Straßen. Die Berliner sind einfach zu Hause geblieben. Dafür konnte man sie nicht einsperren, aber Adolf hat getobt.

Moralische Unterstützung erhielt das unzufriedene, aber schweigende Volk von den christlichen Kirchen. In äußerst kritischen Hirtenbriefen und allerlei Aktionen machten die Bischöfe, Pfarrer und Pastoren deutlich, dass sie die nationalsozialistische Ideologie in alle ihren Ausprägungen kategorisch ablehnten. Den Klerus offen zu attackieren, trauten sich die Nazis (noch) nicht. Von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt, braute sich hinter Hitler und seinen Getreuen jedoch etwas zusammen, was die sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können: ein Staatsstreich! Generalstab und oberste Heeresleitung waren mit der kriegstreibenden Politik der Nazis überhaupt nicht einverstanden und bereiteten militärisch sorgsam durchgeplant einen Putsch gegen den Führer vor. Uneinig war man sich noch, ob man ihn gleich umbringen oder erst einmal nur gefangen nehmen sollte. Aber wenn man den Frieden bewahren wollte, musste er weg – so viel war klar. Klar war auch, dass man, wenn es dann so weit war, ein überzeugendes Argument für die breite Öffentlichkeit brauchte. Hier bot sich im September geradezu auf wunderbare Weise die Sudetenfrage an. Nachdem Hitler Monate zuvor schon unter dem frenetischen Jubel der Bevölkerung in Österreich einmarschiert war, wollte er nun auch die von den Tschechen unterdrückten rd. drei Millionen Deutschen im Sudetenland heim ins Reich holen.

Die Briten wollen den Showdown zwischen Deutschland und der Sowjetunion

Zwischen den potenziellen Putschisten und dem Auswärtigen Amt in London entwickelte sich nun eine rege Geheimdiplomatie, bei der die deutschen Verschwörer um Unterstützung baten und versprachen, Hitler in dem Moment, da er gewaltsam nach Tschechien vordringen sollte, unschädlich zu machen. Die Bündnispartner der Tschechen hätten nicht eingreifen müssen, der Frieden wäre bewahrt gewesen. Aber das war gar nicht im Interesse der Briten. Vielmehr war es ihnen nur Recht, wenn der Führer mit seinen Truppen weiter nach Osten vorrückte. Die Strategie Londons (und Washingtons) ist es seit Versailles, Deutschland als Bollwerk gegen den Bolschewismus aufzubauen und zu stärken, damit es eines Tages zum großen Showdown kommt, bei dem sich diese mächtigen Gegner gegenseitig auslöschen. Dann könnten sich die Westmächte wieder mit Lineal und Rotstift vor die Landkarte setzen – wie sie es andernorts auch schon erfolgreich getan haben –, Linien ziehen und Europa unter sich aufteilen, ohne sich mit lästigen Störenfrieden in Berlin und Moskau herumschlagen zu müssen. Die Sudetendeutschen oder die Tschechei interessierte die Briten einen feuchten Kehricht.

Das wurde dann überdeutlich bei dem Münchner Abkommen Ende September, bei dem der schwache britische Premier Chamberlain in Übereinkunft mit Frankreich und Italien Hitler das Sudetenland quasi geschenkt hat. Der hatte nun, was er wollte, ohne dass ein Schuss fiel. Für die deutschen Verschwörer hatte sich damit der Traum vom Staatsstreich und dem frühzeitigen Ende der Nazi-Herrschaft in Luft aufgelöst. Einen Führer umbringen, der mit diplomatischen Mitteln, also friedlich und ohne Gewalt, das erreicht, was er immer versprochen hat, nämlich die unterdrückten Landsleute zu befreien und zu schützen – das ließe sich dem Volk nicht vermitteln. Die Septemberrevolution musste also ausfallen und die Nazis fühlten sich nach Österreich und den Sudeten moralisch im Aufwind. Auf dem Nürnberger Parteitag sah dann Reichspropagandaminister Goebbels seine Stunde gekommen. Nachdem Hitler die Veranstaltung schon verlassen hatte, gab er am 9. November Weisung, in der kommenden Nacht „spontane Kundgebungen“ zu organisieren und durchzuführen. Das Ergebnis kennen wir alle: Die furchtbaren Juden-Pogrome in der so genannten Reichskristallnacht.

Das alles hätte verhindert werden können, wenn die Briten im September 1938 von ihrer perfiden Großmacht-Strategie abgelassen und die deutschen Offiziere, die bereit waren, alles zu geben, um den Frieden zu erhalten, unterstützt hätten. Nach weniger als sechs Jahren konnte der kleine Hitler, der mit dem Geld aus England und Amerika in Berlin an die Macht kam, von der Bühne wieder verschwunden sein und sein Drittes Reich nicht mehr als eine üble Panne in der Geschichte Deutschlands. Ein Jahr bevor ein zweiter Weltkrieg begann, konnte Hitler durch einen Aufstand der höchsten Militärs in seinem Dritten Reich weggeputscht sein. In diesem Buch erleben Sie noch einmal live mit, wie genau das verhindert wurde.

Alle Werke von Reinhard Leube sind erhältlich im Buchhandel oder direkt zu bestellen beim Verlag hier. 

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