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Die Gesellschaft ist nicht nur gespalten, sie ist total zerfleddert

Ein Essay von Peter Haisenko

Divide et impera – teile (auf) und herrsche – dieses Prinzip kannten schon die alten Römer und haben es erfolgreich angewandt. Später war es auf der englischen Flagge zu finden und wurde auch dort zur Eroberung der Kolonien eingesetzt. Je kleinteiliger die Aufteilung ist, desto leichter lassen sich Massen beherrschen. Die westlichen Gesellschaften sind total zerfleddert und so können sie leicht beherrscht werden.

In meiner Jugend habe ich noch Zustände erlebt, als nationenweit über ein Thema diskutiert worden ist. Das beginnt mit den Medien, die damals noch keine große Vielfalt entwickeln konnten. Einfach weil die Technik fehlte und zu teuer war. Erst ein, dann zwei Fernsehkanäle und später die „Dritten“. Da wurde am Tag danach allgemein darüber gesprochen, wie man die letzte Sendung von Joachim Kulenkampff empfunden hatte. Alle paar Wochen kam ein neuer Film ins Kino und auch das war dann ein Thema, das in schichtübergreifender Weise diskutiert wurde. Samstag abends um sechs gab es die Sportschau, die kein Fußballbegeisterter versäumen wollte. Die Nation hatte Themen, über die sich nahezu alle gemeinsam austauschten.

Früher fand der politische Austausch außerhalb von „Filterblasen“ statt

1978 kam dann die erste Serienproduktion ins Fernsehen, die als „Familienersatz“ bezeichnet werden kann: „Dallas“. Wer die Geschichten über die reiche und skrupellose Öl-Familie nicht angesehen hatte, konnte nicht mitreden. Die dann aufgesetzte Konkurrenzproduktion „Denver Clan“ konnte schon nicht mehr die Begeisterung auslösen, aber es gab eine erste „Spaltung“ in Denver- und Dallasfans. 1985 gab es die deutsche Antwort mit der „Lindenstraße“, die man getrost als „Dallas für Arme“ bezeichnen darf. Obwohl ich keine einzige Folge angesehen habe, war ich doch stets auf dem Laufenden, weil auch unsere Stewardessen ausgiebig alle Aspekte diskutierten. Kurz und gut, weil die Gesamtanzahl an Film- und Fernsehproduktionen im Vergleich zu heute überschaubar war, haben diese der Nation gemeinsame Themen beschert. Auch der Markt der Neuerscheinungen von Büchern war überschaubar und so konnten auch diese Themen von allgemeinem Interesse sein.

Wohlgemerkt spreche ich hier von unpolitischen Sujets. Natürlich gab es auch politische Themen, die die gesamte Nation diskutierte. Das wurde dadurch erleichtert, dass man sich über die „leichten“ Themen sowieso austauschte, unabhängig von der politischen Ausrichtung. So gab es auch politischen Austausch, der nicht nur in „Filterblasen“ stattfand. Allerdings entwickelten sich schon frühzeitig – in den 1960-er Jahren – „Kumulationseffekte“, insbesondere im akademischen Bereich. Während die Universitäten zum Beispiel in Bremen eher „links“ orientiert waren, dominierte an bayrischen Unis mehr das konservative Gedankengut. Wer also als Student oder Professor links orientiert war, der ging lieber nach Bremen als nach München. Obwohl sie damals noch nicht so genannt wurden, entwickelten sich so die ersten Filterblasen. Bereits damals waren es vorrangig die Linksorientierten, die den Dialog mit Konservativen verbissen ablehnten.

Die Unterhaltungsflut fördert Zersplitterung und Vereinsamung

Mit der Einführung des „Privatfernsehens“ begann die Ära der Zersplitterung. Plötzlich gab es zehn und mehr Fernsehkanäle und gerade die neuen wetteiferten mit eigenen „Familienserien“. Von jetzt an teilte sich die Gesellschaft auf in mehrere Gruppen, je nachdem welche Familienersatzproduktion favorisiert wurde. Zeitgleich steigerte sich die Taktfrequenz neuer Kinoproduktionen und auch in diesem Bereich konnte es keine nationenweite gemeinsame Diskussion über einen neuen Film mehr geben, wenn man von Ausnahmefällen absieht, wie etwa „Titanic“ oder „Der Schuh des Manitu“ von Bully Herbig. Wie angenehm und gemeinschaftsfördernd war es da doch, wenn man auf Gags aus dem Film reflektieren konnte im Bewusstsein, dass man von fast allen verstanden wurde.

Die Flut an Serienproduktionen feierte neue Höchststände mit der Einführung der Bezahlkanäle für den Fernseher. Von nun an war die Nation bereits aufgespaltet in diejenigen, die bereit waren für ihr „Fernsehvergnügen“ zu bezahlen und die Verweigerer. Zwischen diesen Gruppen gibt es keine Möglichkeit mehr, sich auszutauschen über Inhalte der jeweils anderen Fraktion. Parallel dazu nahm die Darstellung von unrealistischer Gewaltanwendung drastisch zu. Der unbedarfte Jugendliche musste den Eindruck bekommen, dass man dem Gegner, dem Feind oder Held, die gemeinsten Schläge versetzen kann, ihm dann noch gegen den Kopf tritt und er sich nach diesen zweifellos tödlichen Attacken ein wenig schüttelt, aufsteht und brutal zurückschlägt. Wen wundert es da noch, wenn dieses vorgeführte Prozedere von unterbelichteten Jugendlichen gedankenlos nachgeahmt wird? Aber das ist ein eigenes Thema.

Direkte Kommunikation wird immer weniger – auf allen Ebenen

Mit „schnellem Internet“, Streamingdiensten und Bezahlkanälen neben den ÖRR-Medien ist die Gesellschaft restlos zerfleddert und hat keine übergreifenden Themen mehr, die allgemein diskutiert werden könnten – abgesehen von „dramatischen“ aktuellen Ereignissen. Es findet eine Vereinsamung statt, die weiter gefördert wird durch Bestellungen im Internet, die auch die zwar minimale, aber doch direkte Kommunikation wenigstens mit dem Verkaufspersonal unterbinden. Ja, man trifft nicht einmal mehr im Restaurant aufeinander, wenn auch noch das schnelle Essen vom Lieferservice direkt ins Haus bestellt wird. In den öffentlichen Verkehrsmitteln ist man mit dem Smartphone beschäftigt, anstatt sich mit den Mitreisenden zu unterhalten. Erschwerend kommt hinzu, dass man heutzutage nicht mehr seine Meinung frei äußern kann, ohne Gefahr zu laufen, Konflikte auszulösen, die man nicht will.

Wir leben also in Zeiten des individualisierten Medienkonsums in einer Welt der Vereinsamung, die scheinbar durch die „sozialen Medien“ durchbrochen wird. Aber die Algorithmen der Marktführer sorgen auch hier dafür, dass man kaum in Kommunikation mit Menschen außerhalb der eigenen Filterblase kommt. Weil aber der Mensch ein Herdentier ist, vereinfacht dieser Zustand den Vorgang, die absurdesten Themen mithilfe der Hauptmedien in eine allgemeine Diskussion zu bringen, die wegen des Vakuums an gemeinsamen Themen begierig aufgegriffen werden. Je intensiver ein Thema so präsentiert wird, desto mehr darf sich das Individuum als Teil einer Gemeinschaft fühlen, wenn es dieser Themenaufbereitung seinen inneren Konsens gibt und auch noch den Sprachduktus übernimmt. Da läuft man kaum Gefahr, wegen einer eigenen Betrachtungsweise außerhalb der vermeintlichen Mehrheit zu stehen.

Die Frage ist nun, ob dieser Zustand der Zersplitterung der Gesellschaft geplant ist oder einfach eine Folge der technischen Entwicklung. Dass sie nicht unerwünscht aufgenommen wird, darf als gesichert angenommen werden. Darauf muss die Frage folgen, ob es möglich sein oder zugelassen wird, die Gesellschaft wieder zurückzuführen zu einem Zustand, in dem allgemeine Kommunikation über die Grenzen der Filterblasen hinweg stattfindet. Das wird aber nur möglich sein, wenn die Verteuflung eines doch recht großen Anteils der Bevölkerung eingestellt wird, nämlich die des „rechten“ und „linken“ Rands. Die „Gefahr“ hierbei ist aber im Sinn der Merkel-Politik, dass Linke und Rechte bei einem vorurteilsfreien Austausch feststellen könnten, wie nahe sie sich in ihren Zielsetzungen sind. Lediglich die Verurteilung in links und rechts verhindert das und genau das dient dem Machterhalt des Merkel-Systems.

Merkels amorpher Politbrei befördert die Sehnsucht nach klaren Linien

Meine persönlichen Erfahrungen in Gesprächen haben mir gezeigt, wie einfach Konsens zwischen vermeintlich feindlichen Richtungen herzustellen ist, wenn man die Ideologie zur Seite legt und stattdessen unvoreingenommen überprüft, inwieweit es gemeinsame Zielsetzungen gibt. Vergessen wir nicht, in welchem Ausmaß es selbst innerhalb der Parteien auseinanderdriftende Richtungen gibt. Eigentlich müsste das gesamte Parteiensystem aufgelöst und anschließend neu formiert werden mit dem Ergebnis, dass wieder klar erkennbar ist, wofür Parteien wirklich stehen; dass die SPD wieder für die Arbeiter kämpft und die CDU konservative Politik vertritt. Der unter Merkel entstandene amorphe Politbrei ohne Kontur hat erst die Voraussetzung geschaffen, dass die Sehnsucht nach klaren Linien jeden fördert, der eine solche anbietet. Aber die Individualisierung, die Zerfledderung der Gesellschaft, hat dazu geführt, dass sich in den einzelnen Parteien zu viele Mitglieder befinden, die nicht mehr aus Überzeugung dabei sind, sondern vielmehr deswegen, weil sie „schon immer“ dabei waren und natürlich auch aus Karrieregründen dabei bleiben.

Ein wichtiger Aspekt im Kontext dieser Betrachtungen ist, dass es in fast allen Ländern eine Grundgemeinsamkeit gibt: den Nationalstolz. Ganz gleich, ob Trump-Gegner oder Freunde, sie huldigen der Nationalflagge und sind stolz, Mitglied der „Worlds leading Nation“ zu sein, ebenso wie Franzosen nichts auf ihre „Grande Nation“ kommen lassen, ganz gleich, wie vieler Verbrechen sich diese in der Vergangenheit schuldig gemacht haben. So wird die mediale Zersplitterung der Gesellschaft mit dieser umfassenden Klammer in vielen Bereichen der Gesellschaft ein Stück weit kompensiert. Dieser Nationalstolz fehlt in Deutschland nahezu vollständig, es darf ihn gar nicht geben. Wer darauf reflektiert, wird als Nazi oder Rechtsradikaler abqualifiziert.

So haben wir speziell in Deutschland den Zustand, dass neben der medialen Zersplitterung noch eine Grundspaltung der Gesellschaft zum Tragen kommt: Nämlich in die eine Hälfte, die sich noch einen Rest an Heimatliebe erhalten hat und denjenigen, die Deutschland „Du mieses Stück Scheiße“ (Transparent, hinter dem Claudia Roth bei einer Linksextremen-Demo marschiert ist) , beschimpfen und am liebsten ganz abschaffen wollen. Während erstere von den Meinungsmedien generell verunglimpft werden, genießen letztere deren Sympathie. Das wird mittlerweile so offensichtlich betrieben, dass sich diese Fronten verhärten müssen. Die einen radikalisieren sich in ihrem Frust am Rand und die anderen werden immer frecher, angestachelt von der medialen Ermunterung. In den Meinungsmedien findet eine ausgleichende Diskussion nicht statt und so wird neben der allgemeinen Zerfledderung die grundlegende Spaltung befördert.

Gebraucht werden Führungspersönlichkeiten, die ihren Standpunkt offenlegen

Die Kanzlerin selbst und ihre Mannschaft tragen dazu bei, breite Diskussionen zu verhindern. Weil speziell Frau Merkel zu keinem Thema eine eindeutige Position erkennen lässt, kann auch nicht über ihre Richtung diskutiert werden. Zu oft muss beobachtet werden, dass zum selben Thema am selben Tag aus derselben Richtung/Partei direkt widersprüchliche Meldungen publiziert werden. Da kann sich dann jeder aus der zerfledderten Gesellschaft aussuchen, was seinem Weltbild am besten zu pass kommt. Was da nicht rein passt, wird als „Fake“, als Lüge bezeichnet und die Gespaltenen geben sich in ihren jeweiligen Fraktionen Recht.

Was wir also in Deutschland brauchen, damit Bürger und Politiker wieder miteinander reden, anstatt nur übereinander herzufallen, ist eine grundsätzliche und allumfassende Diskussion darüber, wer wir sind und wohin wir wollen. Eine Richtungsdiskussion. Die Kanzlerin selbst hat dazu noch nie etwas beigetragen. Noch nie hat sie sich festgelegt, was denn eigentlich ihre Ziele für das Land sind, für das sie die Verantwortung tragen sollte. Was war denn ihr Ziel, als sie 2015 die Grenzen für Jedermann geöffnet hat? Wollte sie unser Land zu einem internationalen Sammelbecken für alle machen, die in ihrer Heimat nicht zufrieden sind oder gehört sie auch zu der Fraktion, die Deutschland „verdünnen“, am liebsten ganz abschaffen wollen? Wir wissen es nicht, denn außer einem „wir schaffen das“ hat sie nichts bekanntgegeben, wohin sie unser Land steuern will.

Um aus dem zerfledderten Haufen deutscher Bürger wieder eine Nation zu machen, die konstruktiv diskutieren kann, brauchen wir Persönlichkeiten, die schnörkellos ihren Standpunkt offenlegen. Und zwar ohne vorher durch Umfragen abklären zu lassen, inwieweit sie mit ihrer Verlautbarung irgendjemandem auf die Füße treten könnten. Menschen, die mit Herz und Verstand Kants Aufforderung „Sapere aude – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, in die Tat umsetzen. Dazu benötigt es auch eine Medienlandschaft, die ihrer Aufgabe gerecht wird, kontroverse Themen unvoreingenommen und umfassend zu diskutieren.

Im Zuge dessen sollte als erstes abgeklärt werden, ob es zulässig sein kann, einer Nation nach 75 Jahren, also nach beinahe vier Generationen, immer noch eine „Erbschuld“ anzulasten mit der Folge, dass es keine eigenständige Politik Deutschlands geben darf und schon gar keine Persönlichkeiten, die Kraft ihres Charismas in der Lage sein könnten, eine Nation zu einen. Deutschland hat seine Geschichte akribisch zerfleddert in beispielloser Weise. Es ist an der Zeit, dem Beispiel aller anderen Nationen einigermaßen zu folgen und die interne Zersplitterung wenigstens etwas abzumildern durch den übergreifenden Konsens, für das Gedeihen unseres Landes zusammenzustehen. Eine Nation, die sich in Selbsthass verzehrt, kann niemals wirklich Gutes leisten – weder für sich selbst, noch für andere.

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Wir haben es uns als AnderweltVerlag zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der letzten 150 Jahre frei von Ideologie und allein an Fakten orientiert darzustellen. Was mein Werk "England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert" mehr als Überblick darstellt, belegen die Bücher von Reinhard Leube im Detail mit unzähligen Quellenangaben. Florian Stumfall zeigt in seinem Werk “Tripoli Charlie”, wie, warum und von wem Libyen zerstört worden ist, inklusive der Vorgänge um Südafrika und Angola – das Ganze als spannenden Roman verfasst. Wenn auch Sie den ewigen Schuldkult in Deutschland nicht mehr hinnehmen wollen, wenn Sie wissen wollen, was während der letzten 150 Jahre anders abgelaufen ist, als man uns lehrt, dann schauen Sie beim AnderweltVerlag rein und können feststellen, dass wir auf dem Weg sind, der führende Verlag für jüngere Geschichte zu werden, begründet auf Fakten, wie sie aus inzwischen geöffneten Archiven ersichtlich werden. 

Das erste Buch gibt den Überblick, die Werke von Reinhard Leube überzeugen durch akribische Quellenarbeit. Eine Leserin hat mir geschrieben: “Ihr Buch hat mein Geschichtsbild ins Wanken gebracht, Reinhard Leube brachte es zum Einsturz.” Florian Stumfall eröffnet mit “Tripoli Charlie” einen neuen Blick auf Afrika. Alle Bücher sind erhältlich im Buchhandel oder direkt zu bestellen beim Verlag hier.

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