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#MeToo-Sexismus-Debatte: Imponiergehabe, mediale Hysterie und Zensur sind wenig zielführend für das Miteinander von Männern und Frauen

Von Hubert von Brunn

#MeToo, ja, ich auch. Ich bin auch entschieden dagegen, dass Männer ihre Macht missbrauchen, um Frauen zu sexuellen Handlungen zu zwingen, die sie nicht wollen oder sie gar vergewaltigen. Ja, ich bin auch dafür, dass Frauen, denen dergleichen widerfährt, dies öffentlich machen – aber nicht 20 oder 30 Jahre später! Und ja, ich bin entschieden dafür, dass diese verblödete Hysterie endlich aufhört. Es kann nicht sein, dass jedes bewundernde Kompliment von verbiesterten Feministinnen als „sexistische Entgleisung“ gebrandmarkt wird. Und es kann ganz und gar nicht sein, dass diese völlig überzogene und fehlgeleitete Sexismus-Debatte zur Zensur in der Kunst führt.

Sexuelle Gewalt ist deshalb so widerlich, weil der Stärkere (meist ein Mann) seine physische und/oder statusmäßige Überlegenheit gegenüber Schwächeren (meist Frauen oder Kinder) brutal ausnutzt, um seinen Trieb zu befriedigen. Das hat mit dem normalen und nach den spannenden und reizvollen Spielregeln gespielten „Kampf der Geschlechter“ nichts zu tun. Wer eines solchen Verbrechens nachweislich und eindeutig überführt wird, muss hart bestraft werden, ohne Wenn und Aber. Doch hier sind wir bereits am schwierigsten Punkt dieser Thematik angelangt: Beweise!

In aller Regel ist kein Dritter dabei, der als unabhängiger Zeuge auftreten könnte. Es steht Aussage gegen Aussage, und die Gerichte, die solche Fälle zu behandeln haben, tun sich oftmals schwer, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Und sie können irren. Siehe den Fall Kachelmann (2010). Alles hat zunächst gegen ihn gesprochen und in den Medien – vorneweg BILD mit der Ober-Emanze Alice Schwarzer als „moralische Instanz“ – wurde der Mann fertig gemacht. Bis sich herausstellte, dass das vermeintliche Opfer, die Ex-Freundin, schlicht und ergreifend gelogen hat. Juristisch wurde Kachelmann rehabilitiert, aber seine Karriere als Fernseh-Wetterfrosch hat doch einen massiven Knacks bekommen. Wie sehr er menschlich unter dieser Geschichte zu leiden hatte, können wir nur erahnen.

Die Affären Weinstein und Wedel: Warum erst jetzt?

Bei Typen wie Harvey Weinstein ist das etwas Anderes. Niemals hätte dieser hässlich Gnom auch nur eine jener Hollywood-Schönheiten, die jetzt darüber Klage führen, ins Bett gebracht, hätte er sich nicht als übermächtiger Produzent in Szene setzen können. Die damals noch jungen und unbekannten Schauspielerinnen wollten die Rolle, wollten bekannt und berühmt werden, wollten viel Geld verdienen – und um diesen Preis waren sie letztlich auch bereit für Liebesdienste, die sie unter anderen Umständen niemals geleistet hätten. Das ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Wenn sich da in der Nähe der Besetzungscouch die Frage stellt: Willige ich ein, bekomme ich die Rolle, lehne ich ab, bin ich draußen, womöglich für immer – dann kann man schon schwach werden.

Den Vorwurf, den sich diese Frauen gefallen lassen müssen, ist m.E. der: Warum kommt ihr erst jetzt, nach Jahrzehnten damit an die Öffentlichkeit? Spätestens nachdem ihr selbst zu Hollywood-Stars geworden seid und nicht mehr um eine Rolle betteln müsst – spätestens dann hättet ihr euch offenbaren müssen. Das wäre glaubhafter gewesen und vor allen Dingen hättet ihr so nachrückende Jungschauspielerinnen davor bewahren können, ein ähnliches Schicksal erleiden zu müssen. Dann hätte man den Kerl nämlich schon vor 20 Jahren aus dem Verkehr gezogen.

Die gleiche Frage stellt sich auch im „Fall“ Dieter Wedel: Warum erst jetzt? Dass der Starregisseur ein aufbrausendes Wesen hat, dass er sich einen Spaß daraus gemacht hat, vor allem junge Schauspielerinnen am Set zu demütigen und zu schikanieren, dass er, was seine privaten Beziehungen zu Frauen anlangt, alles andere als ein „Kostverächter“ war – das alles war in der Szene längst bekannt. Sobald das Abhängigkeitsverhältnis Regisseur-Schauspielerin-Filmrolle beendet war, hättet ihr öffentlich machen müssen, was der Mann euch angetan hat – wenn es denn so war. Jetzt, nach 20, 30 oder mehr Jahren daher kommen und zu lamentieren, man sei traumatisiert gewesen und habe sich nicht getraut, etwas zu sagen, ist wenig überzeugend. Eine Frau, die inzwischen lange verheiratet ist und Kinder in die Welt gesetzt hat, kann jetzt nicht mehr von einem Trauma sprechen, das eine versuchte Vergewaltigung vor Jahrzehnten ausgelöst hat.

Mich regt auf, dass in diese „MeToo-Kampagne“ alles hineingemischt wird, was dort gar nicht hingehört. Ein falscher Blick, ein unbedachtes, vielleicht scherzhaft gemeintes Wort, eine harmlose Berührung – und schon haben wir einen sexistischen Berserker der übelsten Art, der medial nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wird. Dazu will ich gern ein paar Beispiele in Erinnerung rufen.

Sexismus lauert an jeder Ecke

Der „Fall“ Brüderle: 2012 hat die „Stern“-Journalistin mit dem schönen Namen Laura Himmelreich (damals 29) den damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle (67) öffentlich des Sexismus’ bezichtigt, weil er sich mit Blick auf ihr Dekolleté die flapsige Bemerkung erlaubt hat: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ und ihr nach alter Gentleman-Manier einen Handkuss gab. Ort des Geschehens: Die Bar im Stuttgarter Hotel „Maritim“ am Vorabend des „Dreikönigstreffens“ der FDP. Als Chefreporter einer großen Tageszeitung habe ich in jungen Jahren unzählige solcher Veranstaltungen miterlebt. Dabei galt es als ausgemacht, dass über die informellen Begegnungen jenseits der Tagesordnung – in der Regel tatsächlich an einem Bartresen, wo auch schon mal das eine oder andere Glas zu viel geleert wurde – nicht berichtet wird. So gesehen hat Frau Himmelreich mit dem Hochspielen dieser Marginalie gegen einen Ehrenkodex verstoßen, den seriöse Journalisten einhalten. Ihr wurde ja nicht wirklich Gewalt angetan. Sie wollte sich nur wichtig machen.

Kamerafahrt über Frauenbeine: Im November war Verona Pooth, Werbeikone und geniale Vermarkterin ihrer gottgegebenen Schönheit, bei Anne Will zu Gast. Im Laufe der Sendung hat sich der Kameramann erdreistet, eine langsame Kamerafahrt über Veronas wohlgeformte Beine zu machen. „Sexismus“ krähten sofort die selbsternannten Hüter von Anstand und Moral und die Programmverantwortlichen der ARD haben sich selbstverständlich tausendfach dafür entschuldigt und versprochen, dass dergleichen nie wieder vorkommen wird. Die „Betroffene“ selbst, die ja davon lebt, dass sie ihre weiblichen Reize gekonnt ins Bild setzt, reagierte darauf ausgesprochen cool und professionell: „Der arme Kameramann – warum soll er diesen Schwenk nicht machen? Das ist sicher nicht sexistisch. Man darf verführerisch aussehen.“

Eine vergleichbare Situation hat es zwei Jahre davor, ebenfalls bei einer Talkshow, mit der FDP-Politikerin Katja Suding gegeben. Auch sie hat auf die Sexismus-Vorwürfe nach der Kamerafahrt über ihre Beine völlig entspannt reagiert.

Imponiergehabe von weiblicher Seite

Hier haben wir es also mit völlig harmlosen Vorkommnissen zu tun, die von selbst ernannten Moralaposteln, deren Verklemmtheit man als pathologisch ansehen muss, hochstilisiert wurden zu einem gesellschaftlichen Eklat und Ausdruck sittlicher Verkommenheit. Oder, wie im Fall Himmelreich/Brüderle, dass sich eine junge Journalistin in Szene setzen will und meint, mit derlei Diffamierung eine „Big Story“ landen zu können. Das Ganze noch dazu, mit einer erheblichen taktischen Verzögerung. Der Schuss ist, wenn ich recht weiß, wohl eher nach hinten losgegangen.

Zu diesem Imponiergehabe von weiblicher Seite, das einen unbescholtenen Mann ganz schnell in Bedrängnis, mindestens in Erklärungsnot bringen kann, will ich noch ein schönen Beispiel anfügen: Bei einer Veranstaltung der Deutsch-indischen Gesellschaft Ende 2017 hatte die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) ihren Auftritt. Nachdem sie mit Verspätung eingetroffen war, erlaubte sich ein Mann auf dem Podium, der Ex-Botschafter H.-J. Kinderlen, die Bemerkung: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“. Was für ein Fauxpas! Frau Chebli war „geschockt“, wie sie in der von ihr anschließend losgetretenen Medienkampagne gegen den Ex-Botschafter nicht müde wurde zu behaupten. Wie kommt dieser alte Sack dazu, sie „jung“ und „schön“ zu nennen? – Das hat Frau C. wörtlich so zwar nicht gesagt, doch der Tenor ihrer Selbstdarstellung lief eindeutig darauf hinaus, dass sie sich durch diese Äußerung sexistisch belästigt gefühlt hat.

Herr Kinderlen indes hat Glück, dass er seine aktive Dienstzeit schon hinter sich hat. Wäre er noch im Amt, hätte ihm womöglich ein Disziplinarverfahren geblüht und bei einer Verurteilung – bei der „richtigen“ Richterin durchaus denkbar – wäre er nicht nur seinen Job, sondern auch seine den Lebensabend sichernde Pension los geworden. So aber konnte er die Sache gelassen angehen und hat sich, um Frau Cheblis pseudofeministischen Egotrip nachzugeben, mit freundlichen Worten entschuldigt. Wofür ist letztendlich egal, Hauptsache sie kann sich moralisch im Recht fühlen.

Die Krake „Sexismus“ vergiftet das Klima zwischen Männern und Frauen

Das alles sind Einzelfälle und man könnte die ganze Geschichte damit abtun, indem man sagt: Was soll’s? Irgendwann hat die Hysterie auch wieder ein Ende und dieser ganze Sexismus-Schwachsinn wird im medialen Niemandsland verschwinden. Schön, wenn es so einfach wäre. Ist es aber leider nicht. Wir bewegen uns wieder in Richtung Inquisition, nur dass es dieses Mal keine frustrierten Mönche sind, die sich daran aufgeilen, unschuldige Frauen zu quälen, sondern angeblich moderne, aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts, die auf die Männer losgehen. Was ist mit ihnen geschehen, dass sie sich derart echauffieren über Menschen, die sich ganz normal verhalten? Und woher nehmen sie sich das Recht, darüber zu richten?

Diese medial hochgezüchtete Krake „Sexismus“ vergiftet das Klima zwischen Männern und Frauen. Wenn ein Manager sagt: Ich betrete keinen Aufzug mehr mit einer Frau – außer mit meiner Ehefrau; wenn ein Personalchef Einstellungsgespräche nur noch im Beisein Dritter führt; wenn ich mir dumme Bemerkungen anhören muss, weil ich einer Frau im Restaurant in den Mantel helfen will – dann, ihr wackeren Kämpfer für Anstand und Moral, dann läuft hier etwas grundsätzlich daneben. Ich persönlich plädiere vorbehaltlos für den „kleinen Unterschied“, der mein ganzes Leben lang im Umgang mit Frauen das „Salz in der Suppe“ war. Und ich bin sicher, mit dieser Haltung bin ich nicht allein.

Lasst uns alle seelenlose Neutren sein!

In Windeseile ist diese aufgeblasene Sexismus-Debatte nun auch in einen Bereich vorgedrungen, der sich – zumindest in unserem Kulturkreis – mehr Freiheiten herausnehmen durfte, als das anderweitig üblich war: Die Kunst! Ein Künstler sieht die Welt mit anderen Augen als ein Bankangestellter, ein Fließbandarbeiter oder ein Schrotthändler und mit seinem besonderen Talent, sei es die Malerei, sei es die Poesie, sei es der Tanz oder was auch immer, verleiht er seiner Welt Ausdruck. Und schon immer, von den allerersten Anfängen bis heute, haben die Erotik, die Bewunderung für den weiblichen Körper und die Verehrung der Frau als kongenialer Widerpart der Mannes eine zentrale Rolle gespielt. Das soll in der aufgeklärten Prüderie der Post-Post-Modernen nun ein Ende haben. Schluss mit lustig! Lasst uns alle seelenlose Neutren sein, dann muss sich keine Frau mehr über pseudo-sexistische Anmache aufregen. Man geht sich aus dem Weg, würdigt sich keines Blickes und wenn es gar nicht anders geht – zum Beispiel bei der Frage der Reproduktion – wird das Prozedere vertraglich geregelt: Wann, wo, wie, wie lange usw.! Schöne neue Welt, kann ich da nur sagen.

Jetzt greift die Sexismus-Debatte auch noch in die Kunst ein

Aber zurück zur Kunst. Da hat der Poet Eugen Gomringer (93 !) ein Gedicht verfasst in Spanisch, das übersetzt so klingt: „Alleen, Alleen und Blumen; Blumen, Blumen und Frauen; Alleen, Alleen und Frauen; Alleen und Blume und Frauen und ein Bewunderer“. Diese Hommage an die Schönheit der Natur und assoziativ an die der Frauen hat über Jahre die Stirnwand des Gebäudes der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin geziert. Bis jetzt verbiesterte Studentinnen dieser Hochschule mit größter Empörung feststellen mussten, dass sich hinter dieser Poesie eine schlimme Attacke auf Frauen verbirgt, die vom „Bewunderer“ lediglich als Objekt ihrer äußerlichen Schönheit betrachtet werden. Ergebnis dieses Aufschreis verletzter Frauenseelen: Das Gedicht an der Hauswand der Hochschule muss weg. Es wird übermalt.

Eine kleine Retourkutsche bekommen die ach so progressiven Studentinnen und Studenten in Berlin von dem fränkischen Ort Rehau (Lkr. Hof), in dem der Dichter wohnt. Dort hat der Bürgermeister entschieden, das Gedicht an der Außenwand des Heimatmuseums anbringen zu lassen. Oberfränkisches Kunstverständnis gegen hauptstädtische Kleinkariertheit. Bravo! Mögen die Studentinnen der ASH ihr Leben ohne männliche Bewunderer zubringen.

Quelle: BILD

Wen es beruhigt: Dieser Sexismus-Wahnsinn ist keineswegs ein rein deutsches Phänomen. Nein, auch die Briten machen da mit. Hier geht es um das Gemälde „Hylas and the Nymphs“ (1896) von John William Waterhouse, das aus einer Dauerausstellung in der „Manchester Art Gallery“ nach 16 Jahren entfernt wurde. Das Bild des Anstoßes zeigt eine Szene aus der antiken Mythologie, in der nackte Nymphen (bis zum Oberkörper süßlich unschuldig dargestellt) einen Mann verführen, in einen Teich zu steigen. Begründung der Kuratorin zu der Verbannung des Bildes: „Das Gemälde stellt den weiblichen Körper als passive, dekorative Form dar. Wir wollen diese viktorianische Fantasie anfechten.“

Das spanische Gedicht, das englische Gemälde und es gibt gewiss noch jede Menge weiterer Beispiele – das ist ZENSUR! Die Zeiten, in denen staatlich bestellte Aufpasser entscheiden, was der Bürger sehen, lesen, hören darf, gehören der Vergangenheit an. Stimmt! Jetzt sind die Aufpasser nicht mehr staatlich bestimmt, jetzt nehmen sich irgendwelche verklemmten Idioten heraus, die Funktion des Zensors zu übernehmen – und übergeordnete Institutionen wie Programmdirektoren, Hochschulleitung, Museumskuratoren usw. machen diesen Schwachsinn mit. Machen den Kotau vor der Forderung nach Desexualisierung, Entfremdung und Vereinsamung. Oh Gott, was für eine armselige Welt. Wie froh bin ich, dass ich nicht mehr 30 bin und in einer glücklichen Beziehung lebe mit einer Frau, die durchaus zu schätzen weiß, dass sie eine Frau ist und ich ein Mann bin.


Staat der Frauen: Überzogenes Emanzentum, militante Feministinnen, die alles Männliche verteufeln, absurde Auswüchse, die das Miteinander zwischen Frauen und Männern vergiften und eine lustvolle Beziehung zwischen den Geschlechtern unmöglich erscheinen lassen – all das ist nicht neu. Bemerkenswert nur, dass sich ausgerechnet in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft die grundsätzlich richtige Bewegung der Frauen-Emanzipation seit Beginn der 1970-er Jahre in eine völlig falsche, absurd destruktive Richtung entwickelt hat. Bereits 1999 habe ich mich in dem Roman über diesen immer unerträglicher werdenden Irrsinn mokiert. Im Untertitel habe ich das Buch „Eine utopische Satire“ genannt. 19 Jahre später muss ich einsehen, dass meine Phantasie von damals inzwischen an vielen Stellen von der Realität ein-, wenn nicht überholt worden ist. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – ist dieser Roman für Liebhaber beißender Satire und hintergründiger Gesellschaftskritik auch heute noch ein echtes Lesevergnügen.

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