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Gutes Leben – und das „Geheimnis“ der letzten zehn Prozent

Von Peter Haisenko

München ist eine schöne Stadt. Am besten lebt es sich hier im August. Das liegt nicht nur am Sommerwetter, sondern vielmehr daran, dass viele Münchner im Urlaub sind, also nicht in München. Der Verkehr fließt, man findet Parkplätze, alles läuft entspannter ab. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, warum es nicht immer so sein kann.

In unserer gewinnmaximierten Welt muss alles immer mit mindestens 100 Prozent laufen. Arbeitnehmer werden genötigt, eher 120 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit abzuliefern. Ständige Erreichbarkeit wird gefordert und die vormals „heiligen“ Ruhezeiten für Geschäfte werden mehr und mehr geschleift. Die ständige Überforderung führt zu immer mehr „Burnout-Syndromen“ und die Fehltage wegen tiefer Depressionen nehmen in erschreckendem Ausmaß zu. Dabei weiß doch jeder vernünftige Ökonom, dass sowohl Betriebsanlagen als auch Arbeitnehmer am effektivsten laufen, bei etwa 80 Prozent Auslastung. Das lässt Spielräume für Eventualitäten wie ungünstiges Wetter oder kurzfristig erhöhte Nachfrage.

Mehr Freizeit – niedrige Krankheitsquote – reibungslose Wirtschaftsabläufe

Bleiben wir kurz beim Wetter. Was wird nicht für ein Aufwand betrieben, um Straßen umgehend vom Schnee zu befreien, damit die Produktion reibungslos fortschreiten kann, die auf „On time Delivery“ angewiesen ist. Wäre es wirklich so schlimm, wenn das Land nach heftigem Schneefall für einige Tage innehält? Wenn einfach ein Paar Tage Besinnung ausgerufen wird, bis die Verkehrswege mit viel weniger Aufwand wieder frei geschaufelt sind? Würde Deutschland deswegen untergehen? Sicher nicht, aber die Statistikfreaks müssten vermelden, dass die Jahresproduktion um wenige Prozent zurückgegangen ist. Aber ist das wahr? Ja, es ist wahr, wenn alles auf hundert oder mehr Prozent getrimmt ist. Wäre die Gesamtauslegung auf vernünftige achtzig Prozent eingestellt, wäre es ein Leichtes, den Wetterausfall nachzuholen. Der Stress für Fernfahrer, Straßendienste und Arbeitnehmer wäre minimiert. Man könnte die unverhoffte Auszeit genießen und vielleicht würden die Geburtenzahlen danach ansteigen.

Bayern hat die meisten Feiertage. Die Frage wäre zu beantworten, ob Bayern deswegen oder trotzdem nicht nur wirtschaftlich am besten dasteht. Was sind diesbezüglich nicht für hirnrissige Überlegungen publiziert worden: Man müsste beispielsweise einen Feiertag streichen, um die Pflegeversicherung finanzieren zu können. Es soll also mehr gearbeitet werden, um noch mehr arbeiten zu können? Noch ein Prozent mehr aus den Arbeitnehmern pressen, damit an anderer Stelle mehr gearbeitet, Pflegedienst geleistet werden kann? Das alles in einem System, das mit irrsinnigen (Außenhandels-)Überschüssen sowieso schon zu viel leistet. Könnte es nicht genau andersrum sein, dass mit mehr Freizeit die Krankheitsquote sinkt und so die Wirtschaft reibungsloser läuft? Bayern hat nach der jüngsten Statistik die geringste Krankheitsquote.

Mindeststandards werden beibehalten, um Gewinnen zu maximieren

Gerade ist die Diskussion über den „Pflegenotstand“ aktuell. Zu wenig Personal soll mit staatlich verordneten Mindestquoten an Personal pro Pflegebedürftigem begegnet werden. Auch diese Überlegung ist grundfalsch. Hätten wir Marktwirtschaft, würden die Löhne für Pflegepersonal solange steigen, bis genügend Personal zur Verfügung steht. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass mit Quoten wieder ein Mindeststandard geschaffen wird, der fallweise zu gering ausfallen muss, aber den Betreibern einen Freibrief ausstellt, mit Minimalpersonal zu operieren. Wäre es nicht besser, wenn die mit Sozialfaktor behaftete Pflege ganz in staatliche Hand genommen würde, wenn der Staat sowieso schon regelnd in die unternehmerische Freiheit eingreifen muss? Oh, höre ich die Neocons, die Privaten können das besser? Können sie eben nicht, wie die Realität zeigt. Sie wollen nur Gewinn machen, ohne Rücksicht auf den Mensch.

Ich mache hier einen Ausflug zu einem anderen Mindeststandard, der den Wohnungsbau der 1960-er Jahre bestimmt hat. In dem dreibändigen Standardwerk „Haustechnik“ aus dieser Zeit sind Beispiele angegeben, die die minimale Größe von Badezimmern beschreiben. Die Folge ist, dass die meisten Wohnungen, die zu dieser Zeit errichtet worden sind, genau mit diesen Minimalbadezimmern ausgestattet sind. Wer in einer dieser ansonsten gut geschnittenen Wohnungen lebt, weiß darum, wie es sich lebt, mit einem fensterlosen Minimalbad. Wenn also einmal ein Mindeststandard festgelegt worden ist, wird dieser zur Gewinnmaximierung auch angewendet.

Die Maxime unserer Zeit: Alles ausreizen, bis zum Anschlag!

Die Bahn und auch der Flugverkehr führen einen ständigen Kampf mit der Pünktlichkeit, den sie regelmäßig verlieren. Das hat vornehmlich einen Grund: Die Fahr(Flug-)Pläne sind zu eng gestrickt. Es sind zu wenig Reserven eingeplant, sowohl was die Reisdauer anbelangt, als auch Material und Personal. Aus meiner Erfahrung im Flugbetrieb weiß ich, dass es nahezu unmöglich ist, eine erste kleine Verspätung wieder aufzuholen. Sie setzt sich fort, wächst und schafft Folgeprobleme, die durchaus teuer werden können. Es sind wieder die letzten zehn Prozent, die eben nicht als Reserve offen gelassen werden, um den Gewinn zu maximieren. Dass das Gegenteil die Wahrheit ist, haben unsere großartigen Ökonomen nicht verstanden. Hielte man zehn Prozent in Reserve, würden Personal und Material geschont und alle könnten entspannt und pünktlich ihre Reise genießen.

Die Maxime unserer Zeit: Alles ausreizen, bis zum Anschlag! Das geht hinein bis ins tägliche Leben. Am Monatsende ist das Konto leer, wenn man nicht sowieso mit einem dauerhaft überzogenen Konto lebt. Abgesehen davon, dass ein überzogenes Konto bedeutet, dass man dauerhaft weniger Geld zur Verfügung hat – nämlich abzüglich der Zinsen, die an die Bank gehen – lebt man so in gewissem Dauerstress. Das Leben wäre schöner, entspannter, wenn man mit einer Reserve von ein bis zwei Monatsgehältern auf dem Konto nicht in Panik verfallen muss, wenn eine unvorhergesehene Ausgabe fällig wird. Es ist nur eine Frage der Lebenseinstellung, denn wer mit überzogenem Konto leben kann, der kann es sicher besser – mit Rücklagen. Es geht darum, dass man nicht die letzten zehn Prozent für das neue i-Phone ausgibt, oder sogar sein Konto dafür überzieht, sondern etwas abwartet, bis das Geld für das Luxusobjekt angespart ist. So kann man ohne den Druck leben, ständig seinen Kredit bedienen zu müssen.

Nur die oberen Einprozent profitieren von diesem System der Ausbeutung

Es ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen, Reserven für Notzeiten vorzuhalten, nicht alles bis an die Grenzen auszureizen. Die Konstruktion unserer „modernen“ Gesellschaft konterkariert das aber. Ratenzahlung, Kredite, Leasing – all das verführt die Menschen, sich vom natürlichen Zustand der Vorratshaltung abzuwenden und sich dem Stress der Pflicht der nachträglichen Bezahlung bereits konsumierter Scheinbedürfnisse auszuliefern. Man begibt sich so „freiwillig“ in den Zustand, tatsächlich mehr als 100 Prozent leisten zu müssen, weil man sich mit Konsum auf Kredit bereits selbst mehr genommen hat, als der momentanen 100-Prozent-Leistung entspräche. Das wird gnadenlos ausgenutzt, indem der Arbeitnehmer jetzt erpressbar ist, zu allen Bedingungen zu arbeiten, weil er ansonsten seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, wenn er mal einen Monat ohne Arbeit ist.

Wer wie ich die „60“ durch hat, kann sich noch erinnern, dass es einmal anders war. Ich kann keinen echten Fortschritt erkennen, wenn heute beide Elternteile arbeiten müssen, um die Familie überhaupt ernähren zu können. Die Welt hat doch auch funktioniert, und gar nicht schlecht, als es noch Kündigungsschutz und Börsenumsatzsteuer gab; als man noch den Arbeitgeber wechselte, um ein besseres Gehalt zu bekommen. Wer heute wechseln muss, steht anschließend meist schlechter da. Wo ist der Fortschritt? Ja, natürlich, den gibt es schon. Für die oberen Einprozent. Die sind es letztlich, die die Menschheit zwingen, möglichst mehr als 100 Prozent zu leisten, damit sie noch mehr Geld haben und damit die Macht, noch mehr aus den Menschen herauszupressen. Wie lange soll das noch gutgehen, bis der nächste „Sturm auf die Bastille“ unvermeidlich wird?

Unheilige Allianz aus Politik und Hochfinanz

Wie viele Menschen gibt es noch, die ohne Zukunftsangst leben? Vor dreißig Jahren war es noch ganz anders. Da sahen die meisten hoffnungsvoll in die Zukunft, hatten Pläne, eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen und diese waren durchaus realistisch. Welcher Dreißigjährige kann das heute noch? Ja, in unserer modernen Gesellschaft ist alles „auf Kante genäht“ und damit ist die Stabilität äußerst fragil geworden. Wenn ein Rädchen klemmt, sind die Auswirkungen schnell sehr vielfältig. Reserven, Einrichtungen, die Notfällen vorbeugen können, kosten nur Geld und so wird darauf verzichtet, wann immer sie nicht vorgeschrieben sind. Es ist eine unheilige Allianz aus Politik und Hochfinanz, organisierte Kriminalität letztlich, die die Voraussetzungen geschaffen hat, dass alles maximal ausgereizt werden kann, ohne Rücksicht auf humanistische Grundsätze. Genau die sind es aber, die eine positive Entwicklung der Gesellschaft voranbringen können.

Die Forderung ist zum Mantra geworden, dass jeder immer 100-Prozent oder besser mehr geben muss, damit er in der „Leistungsgesellschaft“ bestehen kann. Das kann kein erstrebenswertes Ziel sein. Für das „normale“ Leben muss es ausreichen, durchschnittlich 80 Prozent zu leisten. Nur dann hat man Kapazitäten übrig für Notfälle und andere Ausnahmefälle und kann diese meistern.

Wir sollten uns besinnen und diesen Wahnsinn der andauernden 100-Prozent-Leistung verweigern. Was hat man vom Leben, wenn vor lauter „Leistungsgesellschaft“ nur noch Wracks übrigbleiben, die von Psychopharmaka leben? Betrachten Sie mal Ihre Stadt während der Urlaubszeit. Ist es nicht schön, wenn alles etwas ruhiger und entspannter zugeht? Es liegt an uns selbst, sich zu verweigern. Das Handy nach Feierabend auszuschalten. Nicht mehr immer und überall erreichbar zu sein, wenn der Chef ruft. Nein, die Welt wird nicht untergehen, wenn die Post einen Tag später ankommt oder eben mal stillsteht, wenn Väterchen Frost es so will. Mehr Gelassenheit täte uns gut, in jeder Hinsicht. Aber die Voraussetzung für Gelassenheit in jeder Hinsicht ist eben, dass alles, man selbst, nicht andauernd auf 100-Prozent oder mehr laufen muss. Die letzten 10 Prozent sollten immer der Reserve vorbehalten bleiben.



Um eine Welt zu ermöglichen, die nicht mehr überall 100 Prozent verlangt, bedarf es einer Grundrenovierung der Wirtschaftsordnung. Eines neuen/alten Denkens, weg vom Diktat der Gier. Der Gier, die vom bestehenden System gefördert, ja geradezu gefordert wird. Mit der Humanen Marktwirtschaft nach Haisenko/von Brunn haben wir ein System vorgestellt, das Gier nicht mehr fördert, den Mensch in den Mittelpunkt stellt und vor allem die Macht des Kapitals bricht, die für den zunehmend lebensfeindlichen Zustand unserer Gesellschaft verantwortlich ist. Mit unserem System können wir zurückfinden zu einer „90-Prozentgesellschaft“, ohne auf den Luxus zu verzichten, an den wir uns gewöhnt haben. Geht nicht? – Geht doch, aber das kann nur beurteilen, wer unser System kennengelernt und verstanden hat. "Die Humane Marktwirtschaft" nach Haisenko/von Brunn ist erhältlich im Buchhandel oder besser direkt zu bestellen beim Verlag hier. 

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