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Der GAU von Wembley

Von Peter Haisenko

Da sind sie wieder, die Germanen, die deutschen Kraftmeier, die Europa jetzt auch noch im Fußball dominieren. Welche Schmach für die Fußballnation, ausgeschieden in den Vorrunden, die jetzt zusehen muss, wie in ihrem heiligen Stadion die Deutschen das Endspiel untereinander ausmachen. Werden sie wieder so trotzig reagieren, wie der kleine Engländer nach einem verlorenen Spiel gegen eine deutsche Jugendmannschaft: „But, we won the war!“

Die tumben Teutonen, immer noch in täglichen Fernsehserien als Pickelhauben-bewehrte Nichtsnutze oder dümmliche Nazis dargestellt, machen das Finale in der Champions League unter sich aus. Nicht einmal erfunden haben sie das Spiel und trotzdem beherrschen sie es meisterhaft, ohne einen einzigen Engländer, der ihnen zeigen müsste, wie man es richtig macht. Für wen sollen die armen Engländer jetzt johlen – im eigenen Tempel des Fußballs?

Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens im Sport die vielgerühmte, aber selten erkennbare „Britische Fairness“ den Engländern die Freude an einem hochklassigen Finale erlauben wird. So, wie die Deutschen mit Enthusiasmus das englische Königshaus und seine Ereignisse feiern, ja sogar die umstrittene Maggie Thatcher posthum ehren.

Wie dem auch sei, es bleibt das Problem: Wem schenkt man seine Gunst? Es ist ein bisschen wie im München der frühen 1970er Jahre. 1860 oder Bayern, lautete die provokative Frage. Es war egal, was man antwortete, Prügel war so oder so fällig, denn das war die Absicht hinter der Frage der Krawall-gebürsteten Hooligans, obwohl sie damals noch nicht so hießen. Heute heißen sie so und haben ihr Hauptquartier in England. Da wird höchste Zurückhaltung angesagt sein seitens der deutschen Fans, die den Weg nach London zum deutschen Fußballfest wagen.

Armes England, das schon immer nichts mehr hasste, als deutsche Dominanz in Europa. Obwohl Deutschland niemals dominieren wollte oder will, muss Europa nun erleben, dass genau diese Deutschen nicht nur wirtschaftlich dominieren, sondern auch noch im britischen Nationalsport Fußball. So sehr hatte ich auf ein spanisches Finale gehofft, damit genau das nicht passiert. Die Spanier, gebeutelt in der Krise, hätten diesen Triumph so dringend benötigt. Für einen emotionalen Schub, der auch die Wirtschaft erfassen sollte. Und die Engländer hätten ein spanisches Finale mit Gelassenheit zur Kenntnis nehmen können. Der nicht mehr wirklich existenten englischen Wirtschaft hätte nicht einmal ein rein britisches Finale helfen können.

Vielleicht hilft es ein wenig, dass auch die deutschen Spitzenvereine eigentlich keine echten deutschen Vereine sind. Die Spieler, zusammengekauft aus aller Welt, werden unter deutscher Regie und mit gewaltigem Kapitaleinsatz an die Spitze geführt. Wahrscheinlich wird aber auch dieser Gedanke wenig hilfreich sein. Lange Zeit war auch das die Domäne der Briten, mit viel Geld die besten Mannschaften aufzustellen. Vorbei! Nicht einmal mehr das Geld russischer Oligarchen kann es richten.

Ich wünsche den Mannschaften, den deutschen Fans und London ein friedliches Fußballfest. Ein Fest, dass abseits politischer Ränke und Kalküls nur die Freude am schönen Spiel feiert. Ich wünsche den Briten, dass sie sich mit den deutschen Vereinen und Fans neidlos an einer Galavorstellung erfreuen können. Dass sie die Hybris ablegen, nicht nur die Finanzmärkte dominieren zu müssen. Dass sie erkennen dürfen, dass auch ein rein deutsches Endspiel in London die Kassen zum klingeln bringt, was sie so nötig brauchen. Dass es besser ist, mit einem „Feind“ zum allseitigen Vorteil zusammen zu arbeiten, den man letztlich auch in zwei Kriegen nicht klein kriegen konnte.

Ein deutsches Endspiel in London? Es wird der ultimative Test sein, ob England bereit ist, wenigstens im Sport auch mal deutsche Triumphe zu feiern. Wenn das gelingt, könnte das der Anfang einer neuen Gemeinsamkeit für ganz Europa sein. Einer Gemeinsamkeit, die jenseits von Dominanzstreben und Angst davor erkennt, dass echter Fortschritt nur dann wachsen kann, wenn jeder nach seinen Kräften neidlos dazu beiträgt. Wenn jeder partielle Überlegenheiten nicht bekämpft, sondern daraus zu lernen und profitieren versucht für die eigene Entwicklung, ohne den anderen zu verunglimpfen. So könnte der Fußball hoffentlich zu einem weiteren Schritt echter europäischer Gemeinsamkeit beitragen, mit einem deutschen Endspiel im Londoner Wembley-Stadion.

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