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Wenn "Rechtgläubige" zürnen

Von Hubert von Brunn 04.08.2009

Eine junge Ägypterin wird von einem Russlanddeutschen, der sie zuvor als „Terroristin“ und „Schlampe“ beschimpft hatte und deswegen vor dem Richter steht, in einem deutschen Gerichtssaal erstochen. Eine verabscheuungswürdige Tat, die nicht hätte passieren dürfen und die ein weiteres trauriges Indiz für die um sich greifende Verrohung in unserer Gesellschaft liefert. Jeder Irre meint, sein übersteigertes Ego zu jeder Gelegenheit rücksichtslos austoben zu können und die Anderen, die Nichtirren (immer noch die überwiegende Mehrheit), müssen sich das gefallen lassen.

Müssen sie zum Glück nicht, denn es gibt eine unabhängige Justiz in diesem Lande, und jeder Mensch bei Verstand und mit einigermaßen Sinn für Gerechtigkeit wünscht sich, dass dieser russlanddeutsche Mörder den Rest seines Lebens hinter Gittern bzw. in einer geschlossenen Anstalt verbringt. (Inwieweit später irgendwelche Gutachter dafür sorgen, dass dem letztlich doch nicht so ist, bewegt sich derzeit im Bereich der Spekulation und wäre eine andere Geschichte.) Fest steht: der Irre wird bestraft, und das nach Lange der Dinge sicherlich nicht zu knapp.

Was mich – abgesehen von der Tat als solches – an diesem Fall anwidert, ist der kollektive Aufschrei, der danach wieder einmal durch die islamische Welt ging. Kaum hatten die Medien davon berichtet, rotteten sich in den Zentren der „Rechtgläubigen“ Heerscharen gottesfürchtiger Bartträger und zutiefst erschütterter Frauen in schwarzen Gewändern und Kopftüchern zusammen, um ihrem Schmerz und ihrer Wut über diese frevelhafte Tat in Dresden Luft zu machen. Kämpferische Parolen wurden skandiert, deutschfeindliche Transparente entrollt (das Hakenkreuz durfte dabei natürlich auch nicht fehlen), und in Karatschi im fernen Pakistan zündeten Frauen einer schiitischen Studentenorganisation die deutsche Fahne an. Um deutlich zu machen, welch ein bösartiges Komplott hinter dem Mord in Sachsen steckt, wurde die Flaggen von Israel und den USA gleich mit abgefackelt. Ganz klar: die Tat des russlanddeutschen Messerstechers ist das Ergebnis einer deutsch-israelisch-amerikanischen Verschwörung, die nur darauf ausgerichtet ist, die islamische Welt zu schwächen, Allah zu beleidigen und die religiösen Gefühle der „Rechtgläubigen“ zu verletzen.

Hätte es sich bei dem Opfer in Dresden um eine Europäerin oder Amerikanerin, eine Christin, Jüdin, Buddhistin etc. gehandelt – kein Mensch unter den frommen Jüngern des Korans hätte auch nur einen Finger gehoben. Der gewaltsame Tod einer jungen Frau, das Leid der Hinterbliebenen, die ganze menschliche Tragödie, die eine solche Bluttat bedeutet – das alles ist in jenen Ländern, in denen Tag für Tag unzählige Menschen mit Berufung auf den einen oder den anderen Propheten umgebracht werden, von eher geringem Interesse.

Um das traurige Schicksal der 32-jährigen Marwa al-Schirbini ging es hier denn auch zu aller Letzt. Ein Gedenkmarsch, bei dem die Betroffenheit und die stille Trauer um den gewaltsamen, sinnlosen Tod eines Menschen zum Ausdruck gebracht wird, wäre als Geste der inneren Anteilnahme durchaus angebracht gewesen und hätte – zweifellos auch in Deutschland – sehr viel Sympathie erfahren. Doch solcherlei unspektakulären Trauerbekundungen sind nicht wirklich das Anliegen jener Berufsempörer in Allahs Namen.

Nein, die junge Ägypterin lieferte lediglich einen willkommenen Anlass, um sich wieder einmal in jener obskuren Opfergemeinschaft zusammenzufinden – und sei es nur für die Dauer einer Demo – in der man sich in hysterischem Wehklagen über die Verkommenheit der westlichen Welt ergehen kann, einer Welt, die nicht einmal vor einem Mord im Gerichtssaal zurückschreckt. Ob man sich womöglich am nächsten Tag wieder gegenseitig massakriert, steht auf einem ganz anderen Blatt – und hat uns „Ungläubige“ nichts anzugehen.

(Unwillkürlich werden hier Erinnerungen an die Affaire um die Mohammed-Karikaturen vor vier Jahren wach. Damals brannte die Flagge der Dänen und unser Nachbar im Norden entging nur knapp einem „Heiligen Krieg“. Die überwiegende Mehrheit der Empörer, hatte nie eine dieser Karikaturen je zu Gesicht bekommen. Empört waren sie trotzdem – und wie!)

So viel Paranoia macht mich krank, der verlogene Fanatismus, der damit einhergeht, kotzt mich an. Denn wenn die Geschichte anders herum läuft, gibt es in der islamischen Welt nicht die Spur einer Reaktion. Wenige Tage nach dem Dresden-Mord berichten die Zeitungen von einem Vorfall in Istanbul: Ein Türke (Moslem) ersticht auf offener Straße einen deutschen Touristen (Nichtmoslem), weil dieser sich weigerte, ihm Geld zu geben. Eine gleichermaßen verabscheuungswürdige Tat eines Irren, die auf beiden Seiten als solche, wenn überhaupt, zur Kenntnis genommen wurde. Vermutlich haben die Medien weder in Kairo, noch in Riad, noch in Karatschi darüber berichtet. War ja nur ein Deutscher. Ein „Ungläubiger“ weniger, was soll’s?

Auf der anderen Seite ist mir nicht bekannt, dass es etwa vor der Türkischen Botschaft in Berlin antitürkische Proteste gegeben hätte, bei denen die rote Flagge mit dem Halbmond in Flammen aufging. Kein Mensch hierzulande wäre auf die Idee gekommen, die Regierung oder das Volk der Türkei für den Tod eines deutschen Urlaubers durch die Hand eines Irren verantwortlich zu machen.

Der Gipfel religiös motivierter Verlogenheit offenbart sich in einer Meldung vom selben Tag (21. Juli 2009), der zufolge ein Afghane in München unter Berufung auf seine „aus dem Koran abgeleiteten Rechte“ seine Frau erstach. Nicht irgendeine Frau. Nein, seine ihm angetraute, und zwar, weil sie angeblich etwas mit einem Cousin gehabt haben soll. Ob dieser Vorwurf gerechtfertigt ist, sei dahin gestellt, es herauszufinden ist Sache des Staatsanwalts.

Eine unbestreitbare Tatsache aber bleibt: ein Mensch wurde kaltblütig ermordet und wiederum handelte es sich bei dem Opfer um eine muslimische junge Frau. Allerdings – und das lässt diese menschliche Tragödie für rechtgläubige Gotteskriegerinnen und -krieger offensichtlich in einem ganz anderen Licht erscheinen: der Mörder war auch Muslim, noch dazu der eigene Ehemann, und als Rechtfertigung für seine Tat beruft er sich auf den Koran! Ach so, na ja, wenn das so ist? – 

Jedenfalls wurde von keinerlei öffentlicher Reaktion der schiitischen Studentinnen in Karatschi berichtet. Vielleicht waren auch gerade keine afghanischen Flaggen vorrätig, die sie hätten anzünden können.

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