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Wie die Kirche ihren Gott verlor

Von Hans-Jürgen Geese 

Die katholische Kirche in Deutschland lehnt die militärische Intervention gegen den Iran strikt ab. Kardinal Reinhard Marx und der deutsche Militärbischof Franz-Josef Overbeck kritisierten die Angriffe der USA und Israels scharf und bezeichneten den Krieg nach den Kriterien der katholischen Soziallehre als illegitim und unverantwortlich.

Weltweit gibt es etwa 1,4 Milliarden Katholiken. Die Katholische Kirche ist nicht Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der seinerseits weltweit über 580 Millionen Christinnen und Christen vertritt.

Der Generalsekretär des ÖRK, Pastor Prof. Dr. Jerry Pillay, bringt in seiner Erklärung zu dem Krieg seine tiefe Besorgnis zum Ausdruck und verurteilt die jüngsten militärischen Angriffe Israels und der USA auf den Iran sowie die Vergeltungsschläge und die Eskalation in der ganzen Region. Was geschah daraufhin?

Nichts. Bis auf den heutigen Tag hat sich niemand der führenden Politiker in Israel oder in den USA oder in Europa zu der Aufforderung der Kirchen geäußert.

Insgesamt gibt es etwa 2.3 Milliarden Christen auf der Welt. Was meinen Sie, würde sich etwas auf der Welt ändern können, wenn 2,3 Milliarden Menschen, vereint, knallhart ihre Forderungen aufstellten und es ernst damit meinten?

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das Land mit den meisten Christen: Circa 247 Millionen bei einer Bevölkerung von 349 Millionen. Was meinen Sie, würde sich etwas in den U.S.A. ändern, wenn 247 Millionen amerikanische Christen knallhart ihre Forderungen aufstellten und es ernst damit meinten?

Irgend etwas kann da doch nicht stimmen in der Welt dieser Christen, wenn das wirkliche Christen sind, wenn die sich auf die Botschaft Christi berufen und trotzdem Kriege tolerieren, obwohl sie die Macht haben, diesen Kriegen ein Ende zu bereiten. Man muss also doch wohl zwangsläufig die Frage aufwerfen ob diese Christen wirkliche Christen sind? Lassen Sie uns diese Frage überprüfen.

Die Geschichte der Christen

Die Christen berufen sich mit ihrer Lehre auf die Botschaften von Jesus Christus, die im Neuen Testament zusammengefasst sind. Ferner studieren sie die Lebensweisen der frühen Christen in den ersten 300 Jahren des Christentums, die als praktische Anwendungen der Lebensweisen von Christen gelten sollten. Wie lebten diese Christen? Sie lebten in kleinen Gemeinschaften, in sozialen Formen, in denen Gleichheit, Gerechtigkeit, Sorge um den Nächsten, Armut und Liebe herrschten. Die Botschaft von Jesus Christus stand im Mittelpunkt ihres Handelns.

Der Geist sei wichtiger als die Materie, denn der Mensch sei letztendlich nicht mehr als Geist in einem Körper, der schließlich dahinsterbe. Der Geist aber lebe in der Ewigkeit. Dieser Glaube war in dem von Reichtum und Prunk und Macht beherrschten römischen Reich eine revolutionäre Herausforderung. Eine Herausforderung für die römischen Götter und für den römischen Staat.

In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung lebten Christen daher in großer Gefahr, litten unter schwersten Verfolgungen. Das Martyrium war das Opfer vieler Christen für ihren Glauben. Die Christen waren eine winzig kleine Minderheit im riesigen römischen Reich. Und dann? Dann geschah ein Wunder.

Im Jahre 313 erklärte der römische Kaiser Konstantin den christlichen Glauben zur Staatsreligion. Die Folge davon war, dass bald nicht mehr die Christen verfolgt wurden, sondern dass die Christen Andersgläubige verfolgten.

Die Folge davon war, dass der römische Staat christliche Bischöfe ernannte, sie mit prächtigen Bauten versorgte, ihnen Wohlstand schenkte und ihnen half, die Macht, die Privilegien des Staates zu ihrem Vorteil einsetzen zu können.

Die Folge davon war, dass die Christen für all diese Zugeständnisse natürlich einen Preis zu zahlen hatten. Es ging auf einmal nicht mehr um die Botschaft Jesu Christi, sondern um die Erfordernisse einer immer größer werdenden Organisation, einer Institution, die mit immer mehr Positionen von Macht versehen ward.

Die Folge davon war, dass auf einmal die Christen sich nicht mehr weigerten, Soldaten zu sein, denn das Töten war ihnen doch bisher verboten gewesen.

Die Folge davon war, dass auf einmal die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche sogar die Voraussetzung für die Aufnahme in der römischen Armee war.

Kirche und Staat wurden eins. Und daran hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert. Die christlichen Kirchen mögen in schönen Worten und eindrucksvollen Rundschreiben den Krieg und die Armut und die Ungerechtigkeit verurteilen. Aber die meinen das nicht ernst. Das sind nichts weiter als hohle Worte.

In dieser Hinsicht kann man sogar von der Kirche als von einem Ableger des Staates sprechen. Die beiden sind verbandelt, geben aber heuchlerisch vor, unabhängig voneinander ihre eigenen Interessen zu vertreten. Haben Sie es jedoch auch nur ein einziges Mal erlebt, dass die Kirche sich gegen den Staat erhoben hat, weil der Staat die Grundlagen des christlichen Glaubens brach?

Sensus fidelium

Sensus fidelium („Sinn der Gläubigen“) ist ein theologischer Begriff der katholischen Kirche. Er bezeichnet die Fähigkeit aller getauften Gläubigen, durch den Heiligen Geist ein Gespür für die Wahrheit des Evangeliums zu entwickeln und in Glaubens- und Moralfragen intuitiv das Richtige zu erfassen. Die Menschen Gottes besitzen eine natürliche Weisheit von Gerechtigkeit, Wahrheit und Güte.

Und das geht noch weiter. Denn man muss in dem Zusammenhang auch die wichtigste Botschaft der Reformation Martin Luthers verstehen: Der Mensch brauche keinen Pfarrer oder Pastor oder Priester, um mit Gott in Kontakt zu treten. Er kann das selbst tun. Er kann selbst direkt mit Gott Kontakt aufnehmen.

Die Botschaft der frühen Christen war einfach: Ein Christ lebt in einer Welt der Spiritualität und der sozialen Gerechtigkeit. Die Gemeinschaft der Christen darf niemals diese Verbindung zwischen der Zuwendung zur Spiritualität und der Zuwendung zur Gemeinschaft, in der sie Gutes bewirken sollen, aufgeben.

Albert Schweizer

In seinem berühmten Werk „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ zieht Albert Schweitzer ein ernüchterndes Fazit über 150 Jahre Theologische Forschung: Die Theologen haben sich ein Wunschbild von Jesus Christus geschaffen, das ihren Anforderungen Genüge tut.

Jesus jedoch forderte uns auf, seine moralische und geistige Kraft zu erhalten, zu verbreiten und sein ethisches Gebot der Nächstenliebe im Hier und Jetzt zu leben. Wie? Einfach: Nicht nur über das Gute reden, sondern Gutes tun.

So wie Albert Schweitzer schließlich als Arzt nach Afrika ging und das Krankenhaus in Lambarene gründete, so kümmerten sich während der Zeit der Pest in den Jahren 165 bis 180, während der hunderttausende von Menschen starben, so kümmerten sich damals die Christen um die Kranken und um die Sterbenden.

Da die Christen den Tod nicht fürchteten, zeigten sie der Welt einen neuen Weg, erwarben sich den Respekt ihrer Mitmenschen. Nicht durch Worte. Durch Taten.

Der christliche Glaube als Zentrum einer neuen Lebensweise

In den ersten drei Jahrhunderten verstanden die Menschen allgemein das Christentum vor allem als eine neue Lebensweise, die von den Römern als revolutionär und daher als bedrohend für ihre Machthaber angesehen wurde.

Die Christen damals nahmen die Forderungen ihres Glaubens sehr ernst. „Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Die goldene Regel. Behandele andere Menschen, so wie auch du behandelt werden willst.

Ein römischer Potentat würde solch eine Aussage als völlig verrückt betrachten. Auch Donald Trump würde solch eine Aussage als völlig verrückt betrachten. Und das gleiche gilt für Friedrich Merz. Diese Männer mögen sich gar als Christen betrachten. Aber sie sind es nicht. Sie sind Heuchler. So wie auch die Potentaten unserer christlichen Organisationen nichts weiter sind als Heuchler. Sie verbreiten ihre Worte im Übermaß. Allein, sie ändern nichts. Ihre Worte weht der Wind dahin. Es bleibt nichts von Substanz von ihrem Leben. Ja, Heuchler sind sie allesamt. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Welt sich in diesem erbärmlichen Zustand befindet? Was schaffen diese Christen nur den lieben, langen Tag?

Der Fluch der Macht

Hier ist ein Vorbild für all die Bischöfe in dieser Welt: Im Jahre 397 starb der Bischof von Konstantinopel. Die Wahl für den Nachfolger fiel auf einen Priester mit Namen Johannes Chrysostomus. Als er von seiner Wahl erfuhr versteckte er sich. Er wollte mit dem Amt des Bischoffs nichts zu tun haben. Aber letzten Endes wurde er dennoch in sein Amt eingeführt.

Als Erzbischof von Konstantinopel lebte er äußerst asketisch. Er verkaufte Kirchenschätze, um Krankenhäuser und Herbergen für Pilger und Arme zu finanzieren.

Johannes Chrysostomus brandmarkte „den Wunsch, zu regieren“ als „die Mutter aller Ketzereien und Irrlehren.“ Weil er die falschen Männer an die Macht bringe.

Johannes nahm kein Blatt vor den Mund. Er kritisierte in aller Öffentlichkeit die moralische Verdorbenheit seiner Zeit, den Prunk und Lebensstil der reichen Oberschicht und des kaiserlichen Hofes. Johannes Chrysostomus starb im Jahre 407 auf dem Weg in eine abgelegene Verbannung am Schwarzen Meer.

Jedem Popen, jedem Bischof, jedem Politiker seien die Lehren von Johannes Chrysostomus empfohlen. Was für ein Mann. Dagegen: Was für Armleuchter im Vergleich dazu heutzutage in allen Kirchen.

Martin von Tours :„Du sollst nicht töten“

Bischof Martin von Tours (ca. 316-397) war einst Soldat in der römischen Armee, der sich dann der christlichen Lehre ergab. Als er seinen Dienst in der Armee quittierte sagte er: „Ich bin ein Christ. Christen ist es nicht erlaubt zu kämpfen.“ In den frühen christlichen Gemeinden galt jede Art von Tötung als Mord.

Der Bischof von Karthago, Cyprian von Karthago, sagte es für die Ewigkeit: „Die Welt ist in all dem Blutvergießen verrückt geworden. Mord in dieser Welt ist immer ein Verbrechen, wenn ein Einzelner Mord begeht. Wie kann es sein, dass Mord in eine Tugend verwandelt wird, wenn er zum Massenmord wird?“

Am 14. September im Jahre 258 wurde Cyprian durch Enthauptung hingerichtet.

Heute haben wir sogar Militärbischöfe. Die christlichen Kirchen unterstützen das Morden auf dieser Welt. Wo genau steht das im Neuen Testament geschrieben?

Warum schreien die Kirchen nicht auf?

Wenn die christlichen Kirchen wirklich wollten, wenn sie sich offen und lautstark gegen den Krieg aussprächen, wenn sie es ihren Gläubigen verböten, an Kriegen teilzunehmen, immer und immer wieder, und all die Milliarden Christen so organisierten, dass keine Macht auf Erden ohne ihre Zustimmung Krieg erklären könnte, dann würde diesem unendlichen Morden ein Ende bereitet.

Wenn die Kirchen sich endlich gegen die Exzesse von Reichtum aussprächen, die Anbetung des Geldes verdammten und in Bescheidenheit und Demut ein Vorbild lieferten, dann würden die Verkommenheit der Welt, die Ungerechtigkeit, die Korruption, die Abkehr von der Lehre Christi der Welt vorgeführt werden.

Nochmals: Die Lehre Christi stammt aus den ersten dreihundert bis fünfhundert Jahren unserer Zeitrechnung. Als dann die Kirchen zu Staatskirchen wurden, behielten sie den Namen Kirche bei, instrumentalisierten aber die Lehre Christi für andere Zwecke, wurden zu einem Machtinstrument in Zusammenarbeit mit weltlichen Organisationen, die die Ausbeutung der Menschheit vorantreiben.

Mit Gott, Gerechtigkeit, Liebe zu Deinem Nächsten und anderen ethischen Forderungen von Jesus Christus ist es bei unseren Kirchen nicht weit her. Schwätzer vor dem Herrn sind sie allesamt, die sich wohl eingerichtet haben in dieser Welt.

Zum Schluss ein paar wichtige Fragen

Zum Schluss noch ein paar wirklich wichtige Fragen: In Russland leben 67.720.000 Christen. Sind das in Russland irgendwie andere Christen als im Westen? Haben die einen anderen Christus? Das ist unwahrscheinlich. Soweit ich weiß gibt es Christus nicht im Plural. Ergo: Wie ist es möglich, dass sich die Christen im Westen nicht mit den Christen im Osten verständigen können und das Offensichtliche tun, nämlich den Frieden zwischen Ost und West herzustellen? Wie können die im Westen nicht den Krieg verdammen? Jeden Krieg!

Das scheint nicht möglich zu sein. Man muss also den Verdacht äußern, dass die Christen im Westen nichts weiter sind als Schönwetterchristen in einer Spaßgesellschaft, die völlig vom Staat vereinnahmt sind, dem Staat gehorchen, sich ihm unterwerfen und mit der Lehre von Jesus so gut wie nichts zu tun haben.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen (1. Johannes 2, 1-6). Die Laberkirche im Westen ist völlig irrelevant. Kein Wunder, dass sie ihren Gott verlor. Folglich wird sie auch ihre Gemeinde verlieren. So sehr sie sich auch verbiegt. Sie besitzt keine Glaubwürdigkeit. Die Kirche heute ist ein Machtinstrument des Staates.

Man hätte diesen Artikel daher auch betiteln können: Wie Gott seine Kirche verlor.

Die Kirche kümmert sich um ihre Pfründe und Pöstchen. Und praktiziert ansonsten nichts weiter als die Inszenierung von Frömmigkeit. Worte, Worte, Worte ohne Taten. Der Gottesdienst ist zur Unterhaltung, zum Spektakel gar verkommen. Vom Kern der Botschaft Christi keine Spur. Nicht einmal all die Christen dieser Welt können durch diese Institution Kirche zueinander finden. Nicht einmal diese sogenannten Christen unter sich. Man fasst sich an den Kopf. Wahrlich, wahrlich, wahrlich, die Kirche ist von allen guten Geistern verlassen. 

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Braucht die Welt vielleicht muslimische Geistliche, um gegen Krieg einzutreten? Der Gedanke ist es wert, betrachtet zu werden. So hat Paul Soldan in seinem Anti-Kriegs-Roman „Sheikhi“ einem Imam irgendwo im tiefen Afrika die Rolle zugeschrieben, einem jungen verführten Mann aufzuzeigen, wie unsinnig jeder Krieg ist. Dass junge Männer zu Kriegshandlungen verführt werden, die nicht aus ihrem eigenen Inneren begründet werden können. Obwohl es in Afrika spielt, sind die Erkenntnisse auf die ganze Welt anzuwenden. Denken Sie dabei auch an den Iran, der aus religiösen Motiven niemanden angegriffen hat, angreift, sondern nur auf Angriffe reagiert, sich gegen Angriffe wehrt. Kann da eine „christliche“ Regierung mithalten? Vor allem moralisch? Lesen Sie dazu „Sheikhi“ und denken sie dabei daran, dass alle christlichen Geistlichen so wie der Imam im Roman „Sheikhi“ handeln müssten. Bestellen Sie Ihr Exemplar direkt beim Verlag hier oder erwerben Sie es in Ihrem Buchhandel. Es ist ein Werk, dass alle jungen Männer gelesen haben sollten. Vielleicht handeln sie dann „christlich“. 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Ist es nicht beeindruckend, wie Hans-Jürgen Geese vom anderen Ende der Welt die Lage auch in Deutschland treffend analysiert? Da können wir Ihnen nur empfehlen, das Werk desselben Autors zu genießen. Mit dem Titel „Ausverkauf vom Traum Neuseeland“ spannt Geese den Bogen von Neuseeland zu Deutschland. Seine messerscharfen Analysen zeigen auf, wie die Bürger weltweit von den immer gleichen Akteuren mit den immer gleichen Methoden unterdrückt und ausgebeutet, ja zu Sklaven gemacht werden. Täuschen Sie sich nicht. Was Geese in Neuseeland wie unter dem Brennglas aufzeigt, findet auch in Deutschland statt. Es ist nur nicht so leicht zu erkennen. „Ausverkauf vom Traum Neuseeland“ ist erhältlich im Buchhandel oder bestellen Sie Ihr Exemplar direkt beim Verlag hier. 

Hier können Sie eine Rezension zu diesem Werk ansehen: 
https://www.anderweltonline.com/kultur/kultur-2020/ausverkauf-vom-traum-neuseeland-wie-ein-bluehendes-land-verramscht-wurde/ 

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