
.
Homo Tribalicus
Von Hans-Jürgen Geese
Am 6. Oktober im Jahre 1973 gelang es ägyptischen und syrischen Streitkräften, die Verteidigungslinien der Israelis am Suez Kanal und auf den Golan Höhen zu durchbrechen. In den Monaten vor Ausbruch des Krieges hatten Vertreter des Saudischen Königshauses den Amerikanern klar gemacht, dass, sollten die Amerikaner Israel in einem neuen Krieg unterstützen, Saudi Arabien seine Ölproduktion reduzieren würde.
Die U.S.A. unterstützten Israel trotzdem. Saudi Arabien verhängte daraufhin ein Ölembargo über die Vereinigten Staaten von Amerika.
Die dann anschließend erfolgenden Entscheidungen von Saudi Arabien und den anderen arabischen Ländern führten zu der ersten großen Ölkrise.
Als diese Ölkrise vorbei war betrug der Preis per Barrel Öl nicht mehr 3 Dollar, sondern 12. Hunderte von Milliarden Dollar flossen jetzt zusätzlich vom Westen vor allem nach Saudi Arabien.
Ein Mann erlangte während der Ölkrise große Bedeutung: Der saudische König Faisal bin Abdulaziz Al Saud, der die Solidarität unter den Arabern organisiert hatte. Er sollte dafür einen hohen Preis bezahlen.
Riad, 25. März 1975
Es war üblich, dass der saudische König öffentliche Audienzen (Majlis) abhielt, um seinen Untertanen die Gelegenheit zu geben, direkt ihr Anliegen dem König vorzutragen.
An jenem 25. März 1975 trat ein Neffe des Königs, Faisal ibn Musaid, auf den König zu, zog eine Pistole und erschoss ihn.
Erstaunlicherweise wurde bereits innerhalb von Stunden der Name des neuen Königs ausgerufen. Es gibt in Saudi Arabien keine automatische Thronfolge. Die Ältesten der Familie einigen sich auf die geeignete Person.
Was an dem 25. März 1975 wirklich geschah war ein Aufeinandertreffen von zwei Welten. König Faisal verkörperte das alte Arabien. Sein Neffe hatte Jahre in den U.S.A. gelebt, war den Verführungen der westlichen Welt verfallen, wurde ein drogensüchtiger junger Mann, der leicht zu manipulieren war.
Saudi Arabien
Einst gab es Arabien, eine Halbinsel in Vorderasien, die vor allem von Wüstenlandschaften bedeckt war. Einst gab es in Arabien keine Grenzen. Die Beduinen waren Nomaden und Halbnomaden, die zumeist mit ihren Herden durch die Wüste von Oase zu Oase zogen. Man sagt, dass die Wüste wie das Meer sei. Das Meer kennt auch keine Grenzen. Die Hoheit über einen Raum des Meeres liegt bei dem, der sich gerade mit seinem Schiff an diesem Ort befindet.
Die Aufteilung in Staaten mit Grenzziehungen auf der arabischen Halbinsel erfolgte nach Ende des Ersten Weltkrieges durch die Kolonialmächte. Mehr oder weniger willkürlich. Das heutige Königreich Saudi Arabien wurde am 19. September 1932 ausgerufen. Zuvor hatte der Begründer Abd al-Aziz bin Saud durch jahrelange Kriegszüge, mit Hilfe der Briten, sich die meisten der Stämme unterworfen.
In jenem Teil der Welt haben die Menschen ein langes Gedächtnis. Sie leben in der Gegenwart und sie leben in der Vergangenheit. Sie kennen die Geschichte ihrer Familie und die Geschichte ihres Stammes ganz genau.
Merke: In Saudi Arabien leben über 100 Stämme. Nein, die Mitglieder dieser Stämme haben nicht vergessen, was dereinst mit ihnen geschah. Sie warten nur auf ihre Stunde, um ihre Freiheit zurück zu erhalten.
Dazu kommt noch die streng puritanisch-traditionalistische Ausrichtung des sunnitischen Islams, die den Einfluss des Westens streng ablehnt. Der Begründer dieser Bewegung, Muhammad ibn al-Wahhab, schloss im 18. Jahrhundert ein Bündnis mit der Familie Saud. Ziel ist die Reinigung des Islams von allen späteren Neuerungen. Aber wie soll das denn funktionieren, bei all dem Einfluss, den der Westen mit seiner Technologie und seinem Luxus auf Saudi Arabien ausübt?
Die Spannungen in Saudi Arabien
Sie erkennen also, dass es eine Herausforderung für jeden Herrscher in Saudi Arabien ist, diese Spannungen zumindest einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Das geschieht vor allem mit Geld. Mit viel Geld.
Das Herrscherhaus Saud umfasst tausende von Mitgliedern, die alle erwarten, finanziell versorgt zu werden. Jeder will seinen Anteil der Beute, die durch den Ölboom regelmäßig ins Land kommt.
Es ist heutzutage üblich, dass Mitglieder des Herrscherhauses in den U.S.A. studieren und natürlich dort dem westlichen Lebensstil ausgesetzt sind. Die Erfahrungen ihrer Väter und Großväter, die wirklich noch in der Wüste unter sehr einfachen Umständen lebten, diese Welt ihrer Väter und Großväter ist ihnen weitgehend fremd. Sie sind zerrissen zwischen Ost und West.
Saudi Arabien wurde unter der Kontrolle und mit Unterstützung der Briten gegründet und sicherte sich dann, nach dem Erschließen der großen Ölfelder, die U.S.A. als Verbündeten. Die Amerikaner holen das Öl aus dem Boden, managen die Raffinerien und sorgten bisher für die Sicherheit von Saudi Arabien.
Was machen die Saudis selbst? Nicht viel, außer Geld zählen und Geld ausgeben.
Und natürlich sorgen sie dafür, dass ihr Clan gut lebt. Es gibt eine alte Regel unter den Beduinen: „Ich gegen meine Brüder; ich und meine Brüder gegen unsere Cousins; ich, meine Brüder und unsere Cousins gegen die Welt.“
Mehr Schein als Sein
Was wäre Saudi Arabien ohne das Öl? Wahrscheinlich nicht mehr als eine Ansammlung von über 100 Stämmen, die ihren Traditionen in einem unbedeutenden Teil der Welt nachgehen. Diese Stämme werden überleben.
Der Kunstbegriff für „Stammesmensch“ ist „Homo tribalicus“. Dieser Begriff beschreibt, dass der moderne Mensch in seinem Kern ein patriarchales, auf Gruppenbildung programmiertes Wesen geblieben ist. Der kulturelle Kontext bestimmt dann, wie der Mensch sein Dasein als Homo tribalicus auslebt.
Der Individualismus der westlichen Welt ist Völkern wie den Arabern fern. Es muss daher zu einem großen Vergessen kommen, damit ihre Verbindung zur eigenen Geschichte, zu den eigenen Traditionen, zu den eigenen Vorfahren, gebrochen werden kann. Eine Tragödie für sie selbst und für ihren Stamm.
Frage: Was wird also aus Arabien werden, wenn der Ölboom vorbei ist? Oder wenn der Ölboom zumindest für eine lange Zeit unterbrochen wird? Definiert sich ein Volk wirklich nur durch seinen Wohlstand?
Der aktuelle Herrscher in Saudi Arabien
Seit dem 23. Januar 2015 regiert in Saudi Arabien König Salman ibn al-Aziz. Der Mann ist schwer krank und hat daher die Regierungsgeschäfte an seinen Sohn Mohammed bin Salman (genannte „MBS“) abgetreten.
MBS hat nicht in den U.S.A. studiert, sondern hat lieber zuhause dafür gesorgt, dass er der nächste König werden wird. Sein Ehrgeiz und die damit verbundene Skrupellosigkeit sind legendär.
MBS vertritt die dritte Generation des Hauses Saud in der Neuzeit. Der Mann verkörpert die Bestätigung der allgemein bekannten Weisheit: „Die erste Generation baut auf, die zweite bewahrt und genießt, die dritte reißt ab.“
MBS ist kein Herrscher im klassischen Sinn. Er ist ein Geschäftsmann. Und daher passt er eigentlich perfekt in die aktuelle Welt. Denn der Trend weltweit geht eindeutig in die Richtung, dass Politik wie ein Geschäftsmodell betrieben wird.
Was die globale Ausrichtung von Politik, was den Globalismus überhaupt erst möglich macht. Denn die Politik mag sich zwar von Land zu Land ändern. Aber Business ist Business. Daher auch der umfassende Versuch, alles zu privatisieren. Sobald ein Unternehmen in privaten Händen liegt, ist es leicht zu kontrollieren. Bei Staatsbetrieben, bei Staatsorganisationen ist das schwieriger.
Kein Wunder daher, dass Donald Trump und MBS bisher gute Freunde waren und ihnen gemeinsam eigentlich eine erfolgreiche Zukunft bevorstand. Bis Donald Trump und MBS einen gigantischen Fehler begingen.
Der Iran Krieg
Saudi Arabien und der Iran sind die großen Gegenspieler in der Region. Saudi Arabien ist der Verbündete der U.S.A. Was sollte MBS also anderes tun als beim Iran Krieg mitzumachen?
In seinem Eifer hatte der junge Prinz bereits schon 2015 den Nachbarn Jemen angegriffen, da die Huthi dort Verbündete des Irans sind und da die Huthi außerdem Gebietsansprüche an Teile von Saudi Arabien stellen.
Es zeigte und zeigt sich, dass man zwar für gigantische Summen Geldes viel teures und kompliziertes Kriegsgerät in Amerika kaufen kann, aber das garantiert noch lange keinen Sieg in einem Krieg.
Die verpamperten, verweichlichten, undisziplinierten Saudis sind keine guten Soldaten. Ihre Armee besteht daher zum größten Teil aus ausländischen Söldnern, die natürlich nicht so gerne für Saudi Arabien sterben wollen. Es ist alles letztendlich was? Genau: Eine Geschäftsbeziehung. Business ist Business.
Die Huthi sehen das allerdings völlig anders. Das sind abgehärtete, wohl trainierte, gut geführte, disziplinierte Soldaten, gegen die die Saudis keine Chance haben, trotz ihrer tollen Kampfflugzuge und sonstigem Spielzeug.
Die Huthi sind zudem in der Lage, mit ihren Drohnen und Raketen jedes Ziel in Saudi Arabien zu erreichen. Inzwischen haben sie große Teile der Raffinerien dort zerstört. Und sie kontrollieren zudem den Zugang zum Roten Meer.
In der Stunde der Not rief MBS seinen allmächtigen Freund Donald Trump an, den großen Verbündeten. Trump zeigte ihm allerdings die kalte Schulter. Trump weiß aus eigener Erfahrung in 2025, dass die Huthi nicht zu schlagen sind.
Wenn die Saudis sich aber selbst nicht verteidigen können und wenn ihre Verbündeten nicht helfen wollen, was kann MBS dann noch tun?
Dem Untergang geweiht
Man kann nicht sein, was man nicht ist. Nicht langfristig.
Saudi Arabien ist kein Staat. Es ist ein Kunstprodukt, bestehend aus über 100 Stämmen, die zu dieser Vereinigung gezwungen wurden, die aber weiterhin in ihrer eigenen Geschichte leben und die nur auf den Augenblick warten bis sie sich ihre Freiheit zurückholen können. Zeit ist in ihrer Welt kein Maßstab wie im Westen. Wenn es sein muss, dann warten sie. Wenn es sein muss viele Jahre. Jetzt ist ihre Zeit gekommen.
Die Ölingenieure vor Ort, in Saudi Arabien und anderen ölfördernden Ländern, die die Schäden aus dem Krieg begutachtet haben, kommen zu der Schlussfolgerung, dass es zwischen zwei und fünf Jahre (oder mehr) brauchen wird, bis die Schäden behoben sind und die Förderung und Verarbeitung von Öl wie vor Ausbruch des Krieges wieder aufgenommen werden kann. Das ist die Realität.
Die Konsequenz ist unter den aktuellen Umständen, dass sowohl Saudi Arabien als auch der Westen dem Untergang geweiht sind. Ohne ausreichende Energie keine Zivilisation auf unserem derzeitigen Niveau. Unmöglich.
Für MBS bedeutet dies, dass er ohne die Öleinnahmen nicht mehr die Millionen unter den Mitgliedern seiner Großfamilie und anderen Verbündeten verteilen kann. Und er kann auch nicht mehr die über 100 Stämme mit Geld ruhig stellen.
Warum also sollten die Saudis diesen Tölpel, der ihnen dies alles eingebrockt hat, warum sollten sie diesen Mann unterstützen oder sogar schützen?
Kein Wunder daher, dass MBS auf der Flucht ist. Die eigene Armee kann ihn nicht schützen. Die Amerikaner können ihn nicht schützen. Der Mann ist erledigt.
Im November im Jahre 2017 lockte und zwang MBS hunderte der reichsten und einflussreichsten Männer in Saudi Arabien in das Hotel Ritz Carlton, setzte sie dort tagelang fest, ließ sie verhören und zwang ihnen hunderte von Milliarden Dollar ab. Angeblich, um die Korruption im Lande unter Kontrolle zu bekommen.
Diese Männer haben nicht vergessen, was MBS ihnen antat. Auch ihre Zeit der Rache ist jetzt gekommen.
Ja, MBS ist erledigt. Genau so wie Saudi Arabien erledigt ist.
Der Spruch: „Es wächst zusammen, was zusammengehört“ bezieht sich auf einen langfristigen, organischen Wachstumsprozess. In Saudi Arabien ist seit der Gründung des Staates nichts organisch zusammengewachsen. Erpressung und Bestechung herrschten und herrschen.
Eben so wenig ist die BRD seit der sogenannten Wiedervereinigung organisch zusammengewachsen. Das war eine eiskalte Übernahme. Nicht zum ersten Mal.
In Deutschland ist das mit dem Zusammenwachsen 1848 versucht worden, dann 1871, dann nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dann 1990. Solange die Bestechung funktioniert, kein Problem.
Aber heute: Wenn Sie in München leben, warum um alles in der Welt sollten Sie auf jemanden hören, der in dem Irrenhaus Berlin angeblich das Sagen hat? Was haben Sie mit Berlin zu tun? Können Sie in München sich nicht selbst um Ihre eigenen Belange kümmern? Vielleicht sogar noch viel besser als jemand in Berlin? Oder gar in Brüssel? Wer ist nur auf diese dämliche Idee gekommen, eine Ansammlung von Inkompetenz in Berlin zu gründen? Geschäftsleute? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich Banker. Wahrscheinlich ganz bestimmte Banker.
Der moderne Mensch ist immer noch Mensch. Der Mensch aller Zeiten und aller Kulturen ist ein flexibles Wesen und kann notfalls viele Kompromisse eingehen. Aber nicht beliebig viele. Und nicht beliebig lange.
Ein Saudi ist letzten Endes nicht mehr als ein Araber vom Stamme Saud. Diese Größenwahnsinnigen übernahmen aber den Grossteil der Halbinsel Arabien und erklärten dann alle Araber im Lande zu Saudis. Das konnte nie gut gehen. Nicht einmal als Geschäftsmodell. Genauso wenig wie das Geschäftsmodell Bundesrepublik gut gehen konnte. Ein Geschäftsmodel gegründet von wem? Von den U.S.A. Wollen die U.S.A. „blühende Landschaften“? Von wegen. Im Gegenteil.
Deswegen wird die Bundesrepublik demnächst Konkurs anmelden. Anmelden müssen. Oder etwa nicht? Es wird doch bereits abgeräumt. Der Bundesadler ist ein Pleitegeier. Ein finanzieller und moralischer und kultureller Pleitegeier.
-------------
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Ist es nicht beeindruckend, wie Hans-Jürgen Geese vom anderen Ende der Welt die Lage auch in Deutschland treffend analysiert? Da können wir Ihnen nur empfehlen, das Werk desselben Autors zu genießen. Mit dem Titel „Ausverkauf vom Traum Neuseeland“ spannt Geese den Bogen von Neuseeland zu Deutschland. Seine messerscharfen Analysen zeigen auf, wie die Bürger weltweit von den immer gleichen Akteuren mit den immer gleichen Methoden unterdrückt und ausgebeutet, ja zu Sklaven gemacht werden. Täuschen Sie sich nicht. Was Geese in Neuseeland wie unter dem Brennglas aufzeigt, findet auch in Deutschland statt. Es ist nur nicht so leicht zu erkennen. „Ausverkauf vom Traum Neuseeland“ ist erhältlich im Buchhandel oder bestellen Sie Ihr Exemplar direkt beim Verlag hier.
Hier können Sie eine Rezension zu diesem Werk ansehen:
https://www.anderweltonline.com/kultur/kultur-2020/ausverkauf-vom-traum-neuseeland-wie-ein-bluehendes-land-verramscht-wurde/





