
Der englische Illustrator John Holcroft bringt es auf den Punkt, wenn es darum geht, die Probleme der heutigen Gesellschaft in zynische Bilder zu packen. Ist es das Warten auf Godot?
Gesellschaft im Leerlauf – ist sie noch zu retten?
Von Hans-Jörg Müllenmeister
Der Leerlauf als Zustand
Es gibt Zeiten, in denen eine Gesellschaft nicht untergeht, nicht rebelliert, nicht einmal laut scheitert – sie gleitet einfach in einen Zustand, der sich am treffendsten als Leerlauf beschreiben lässt. Der Motor unserer Zeit brummt noch, die Anzeigen leuchten, und alle tun so, als sei das Ruckeln im Unterboden bloß ein charmantes Mitbringsel. Doch wer genauer hinhört, erkennt das leise Knirschen im Getriebe, das verzweifelt nach einem Gang sucht, den es längst nicht mehr gibt. Wir bewegen uns, ja – aber wohin, und warum eigentlich?
Die Symptome dieses kollektiven Stillstands sind überall sichtbar. Auf den Autobahnen etwa, wo sich monströse Staus wie eiserne Tausendfüßer über die Landschaft winden, verursacht von Baustellen, die so reglos daliegen wie antike Monumente, nur ohne deren Würde. Doch diese Staus sind nur das äußere Bild eines inneren Zustands: Wir stehen nicht nur im Verkehr, wir stehen im Leben.
Dazu die gestaute Realität in Zahlen
Im Jahr 2025 registrierte der ADAC 478.000 Staustunden. Ein durchschnittlicher Autofahrer verbringt 40 bis 60 Stunden pro Jahr im Stau. Und als wäre dieses nationale Geduldstraining nicht schon grotesk genug, gibt es da noch die Hotline-Hölle. Auch hier entstehen 50 bis 100 Stunden Leerlauf pro Jahr und Person – allerdings mit musikalischer Untermalung „Der nächste freie Mitarbeiter wird…“ heißt es, doch statt eines Mitarbeiters dröhnt nur das endlose Gedudel, unterbrochen von Produktwerbung, die man nicht einmal im Zustand milder Bewusstlosigkeit ertragen möchte. Ein Warteschleifen-Ballett, das niemand bestellt hat, aber alle tanzen müssen.
So warten wir in Hotlines, in Bewerbungsportalen, in Zukunftsprognosen.
Wir warten darauf, dass die ökonomische Unsicherheit sich verzieht.
Wir warten darauf, dass digitale Medien uns verbinden statt zerstreuen.
Wir warten darauf, dass soziale Bindungen wieder tragfähig werden.
Wir warten darauf, dass Rücksicht nicht länger als Schwäche gilt.
Und während wir warten, scrollen und daddeln wir.
Wir stoßen auf Nachrichten, die uns verunsichern, auf Meinungen, die uns spalten.
Wir scrollen, als könnten wir uns aus der Realität herauswischen.
So entsteht eine paradoxe Gesellschaft:
überinformiert und orientierungslos, laut im Ton und leer im Inhalt, beschleunigt und gelähmt zugleich, vernetzt und vereinsamt.
Der Leerlauf ist kein technischer Defekt – er ist unser kultureller Zustand. Die Frage ist nur: Warten wir weiter auf unseren eigenen Godot, oder bewegen wir uns endlich?
Individualismus – Das Solo ohne Orchester
Der Individualismus, einst als große Befreiung gefeiert, entwickelte sich zu einer Art olympischer Disziplin. Jeder soll sich selbst verwirklichen, optimieren, steigern, verbessern – am besten täglich, mit App, Tracker und persönlichem Fortschrittsdiagramm. Das klingt großartig, bis man merkt, dass eine Gesellschaft aus lauter Einzelkämpfern so harmonisch funktioniert wie ein Orchester, in dem jeder Musiker sein eigenes Solo spielt. Der Dirigent fuchtelt verzweifelt, aber niemand schaut hin – alle sind mit sich zu beschäftigt. Wer da nicht mitspielt, wird gnadenlos übertönt.
So entsteht die paradoxe Figur des "hyperindividualisierten" Menschen, der sich ständig selbst inszeniert und dabei doch immer abhängiger wird – von Likes, Trends, Algorithmen, Rankings. Ein Einzelkämpfer, der ohne Publikum nicht existieren kann.
Egoismus und Rücksichtslosigkeit – Symptome einer bröckelnden Struktur
Der moderne Egoismus hat sich in dieser Szenerie längst als Dauergast eingerichtet. Früher galt er als moralischer Fehltritt, heute wird er fast schon als Überlebensstrategie empfohlen. Man könnte meinen, er habe ein eigenes Büro eröffnet – mit Empfangsdame, Drehtür und einem Schild an der Tür: „Bitte keine Rücksichtnahme – wir arbeiten hier.“
Unter Dauerstress und Zukunftsangst schaltet das Denken in den Selbstschutzmodus. Rücksicht wirkt plötzlich wie ein Luxusartikel, Freundlichkeit wie Schwäche, altbackene Hilfsbereitschaft wie mangelnde Cleverness.
Egoismus ist ein Symptom, nicht die Ursache
Er entsteht dort, wo Menschen den Boden der Gemeinschaft verlieren. Und er verschwindet nicht durch moralische Mahnungen, sondern nur durch Strukturen, die Kooperation wieder wertvoll machen: soziale Sicherheit, Verantwortungskultur, gemeinsame Erlebnisse, glaubwürdige Vorbilder und echte Medienkompetenz.
Wer notorisch nur um sich selbst kreist, dem sei eine Safari nach Afrika empfohlen. Dort sieht er, wie Windhunde – die vielleicht solidarischsten Jäger des Kontinents – sich zu einem einzigen, präzisen Organismus fügen. Ihr Jagderfolg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis kompromissloser Verbundenheit.
Verlust gemeinsamer Werte
Eine Gesellschaft braucht ein Grundgerüst: Gemeinsinn aufgebaut aus Fairness, Verantwortung und Respekt. Durch den Schwund dieser Werte entsteht ein moralisches Vakuum. Und da setzt sich erfahrungsgemäß der Stärkere durch – nicht der Gerechte, nicht der Weise.
Ökonomische Unsicherheit und Ungleichheit
Die ökonomische Unsicherheit verstärkt diesen Trend wie ein Windstoß, der das ohnehin wacklige Kartenhaus endgültig ins Wanken bringt. Wer nicht weiß, ob er morgen noch seinen Lebensstandard halten kann, klammert sich an das, was er hat – anschmiegsam wie ein Schraubstock.
Solidarität wird zum Sonntagswort, Verantwortung zur heißen Kartoffel, die so schnell weitergereicht wird, dass man sich wundert, wie wenige Verbrennungen dabei entstehen.
Die Vermögenskonzentration unserer Zeit ist ein Sturm, der das Licht verschluckt und es nur den Wenigen zurückwirft. Heute konzentriert sich ein Großteil des Vermögens in den Händen einer winzigen Minderheit – ein Verhältnis, das sich Jahr für Jahr weiter zuspitzt. Vor ihren Toren häufen sich goldene Berge, während die Vielen im Schatten nach festem Boden suchen. Die Konzentration des Reichtums ist ein wachsender Mahlstrom, der alles an sich zieht, was glänzt – und die Hände der Vielen leer zurücklässt. Das Gefährliche ist nicht die Ungleichheit selbst, sondern die Erosion des Glaubens, dass man gemeinsam etwas gestalten kann.
Digitale Medien – Die Bühne ohne Publikum
Wer heute Aufmerksamkeit will, muss nicht klug sein, sondern laut und unermüdlich präsent. Empörung ist die neue Währung, differenziertes Denken hat die Halbwertszeit einer Seifenblase. Zwischen Katzenvideos, moralischen Schnellschüssen und Werbung, die einen anspringt wie ein übermütiger Terrier, bleibt kaum Raum für echte Begegnungen. Die Welt wird zur Bühne, und jeder spielt die Hauptrolle – nur sitzt niemand mehr im Publikum. Alle senden, keiner empfängt. Alle reden, keiner hört zu.
Soziale Bindungen – Der leise Zerfall
Familien stehen unter Druck, Nachbarschaften zerfasern, Vereine kämpfen ums Überleben. Die Familie, einst kleinste und stabilste Einheit der Gesellschaft, wirkt heute oft wie ein Miniaturstaat im permanenten Ausnahmezustand. Mitunter kommuniziert der Kühlschrank mehr als die Menschen, die sich eine Wohnung teilen. Wo Bindung fehlt, wuchert Egoismus wie Unkraut zwischen Pflastersteinen – hartnäckig, zäh, widerstandsfähig. Vielleicht ist genau das einer der Gründe für die epidemisch zunehmende Gewaltkriminalität unter Heranwachsenden.
Politik und Medien – Der Nebel aus Lärm
Die Politik trägt zu diesem Gefühl des Leerlaufs bei: viel Lärm, wenig Substanz. Schlagworte statt Lösungen. Fachkompetenz wird durch Schwadronieren ersetzt, Verantwortung durch Zuständigkeitsverwirrung. Manchmal wirkt es, als würde man ein Flugzeug steuern, während im Cockpit diskutiert wird, wer eigentlich das Steuer halten soll.
Die Medienlandschaft serviert Nachrichten wie Fast Food: schnell, fettig, ohne Nährwert. Da ist Ablenkung das neue Grundnahrungsmittel.
Fazit – Der Moment vor dem ersten Schritt
Am Ende fügt sich alles zu einem Bild, das zugleich vertraut und verstörend wirkt: eine Gesellschaft, die sich redundant bewegt, ohne voranzukommen. Ein Motor, der brummt, aber keinen Gang mehr findet.
Doch ein Leerlauf ist kein Ende. Er ist ein Zwischenzustand.
Eine Einladung, neu zu beginnen.
Eine intakte Gesellschaft lebt nicht von Geschwindigkeit, sondern von Bindung, Verantwortung, Rücksicht und Mut.
Wenn wir das Gemeinsame wieder wichtiger nehmen als das bloß Persönliche, wenn wir wieder zuhören statt nur senden, dann findet auch der Motor der Gemeinschaft seinen Gang zurück.
Am Ende bleibt die Frage, ob wir weiter im Leerlauf kreisen – oder endlich gemeinsam den Gang einlegen. Packen wir’s an, nicht weg. Werden wir wieder das, was uns stark macht: Menschen.
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