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Wenn es eng wird, kommt immer noch die KZ-Keule

Von Peter Haisenko 

Vor einigen Tagen begab es sich, dass ich beim Abendessen neben Vaclav Klaus saß. Wir kamen ins Gespräch und das wurde schnell politisch. Als dann dem ehemaligen Präsident der tschechischen Republik seine Argumente zu entgleiten drohten, wechselte er das Thema auf das KZ-Theresienstadt. Das ging daneben.

Vaclav Klaus war in Begleitung einer neben ihm sehr jung erscheinenden Dame, die zwischen uns saß. Gegenüber Herrn Klaus erwähnte ich lobend, geradezu bewundernd, dass Tschechien im Gegensatz zu Polen seine Gräueltaten an Deutschen zum Kriegsende aufarbeitet. Darüber wird in Deutschland beharrlich geschwiegen. Dazu warf die Begleiterin des Ex-Präsidenten ein, dass die Tschechen wohl jedes Recht dazu gehabt hätten, also zu den Gräueltaten, weil die Deutschen ja tschechische Städte „platt gemacht“ hätten. Ich forderte sie auf, mir eine zu nennen. Das konnte sie nicht und Herrn Klaus war das wohl etwas peinlich.

Das hielt ihn aber nicht davon ab, unvermittelt das Thema zu wechseln mit der Ansage, er werde in den nächsten Tagen zum Gedenktag an die Befreiung des KZ Theresienstadt eine Rede halten. Er hatte wohl die übliche Reaktion Deutscher erwartet, die, konfrontiert mit diesem Thema, nur noch den Kopf einziehen. Da ist er bei mir an den Falschen geraten. Ich fragte ihn nämlich direkt, ob er plane, über die ganze Wahrheit dazu zu berichten. Ob er auch daran erinnern würde, dass dieses KZ nach Kriegsende von den Tschechen weiter betrieben worden ist und dass dort weiterhin Juden einen vorzeitigen Tod gefunden haben. Daraufhin wechselte Herr Klaus wieder abrupt das Thema. 
Mehr darüber finden Sie in meinem Werk "England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert", das Sie direkt beim Verlag hier bestellen können. 

Gehen die Argumente aus, steht man auf und geht

Zur Ergänzung muss ich hier einfügen, dass ich im Gespräch schon erwähnt hatte, dass meine Großmutter aus Leitmeritz nördlich von Prag kam und meine Tante aus dem Egerland, das sie wegen der Benesch-Dekrete als Flüchtling verlassen musste. Auch dass Franz Kafka mein Großonkel war. Was ich da nicht wusste, ist, dass das Thema Benesch-Dekrete für Herrn Klaus ein Thema ist, an das er nicht erinnert werden will. Später ist mir dann eingefallen, dass es Präsident Klaus war, der die Forderung der EU abgelehnt hatte, die Benesch-Dekrete zu annullieren. Das war eigentlich eine Voraussetzung gewesen, für den Beitritt Tschechiens zur EU. Die Benesch-Dekrete sind immer noch gültig und sie besagen, dass das gesamte Gebiet der Tschechoslowakei von Deutschen zu säubern ist, diese also alle kein Heimatrecht an ihren Geburtsorten haben dürfen. Das war eine der Grundlagen für die Gräueltaten, die an ihnen begangen wurden.

So kam dann das Thema Benesch-Dekrete doch noch einmal hoch und ich meinte, er müsste doch wissen, dass diese Dekrete gar nicht in Prag geschrieben worden sind, sondern vielmehr in London. Ich wollte ihm sozusagen eine goldene Brücke bauen durch den Hinweis, dass es ja gar nicht die Tschechen waren, auf deren Mist diese schändlichen Dekrete gewachsen sind. Ich kam nicht mehr dazu, das in dieser Art auszuführen, denn er verließ unter Protest den gemeinsamen Tisch des Abendessens.

Der ganze Ablauf war von mir so nicht geplant und zumindest von meiner Seite bestand die Absicht, etwas mehr über die Politik Tschechiens aus berufener Quelle zu lernen. Auch erst als ich den Ablauf reflektierte, fiel mir auf, wie Herr Klaus mit raschen Themenwechseln den Versuch unternommen hat, die alten Totschlagargumente in ein Gespräch zu bringen, das ihm zu entgleiten drohte. Das funktioniert immer noch mit den meisten „normalen“ Deutschen, aber das bin ich nun mal nicht. Mein Vater kam aus Russland, konnte dort Stalins Todeslager entfliehen und hat dann meine Mutter, eine Deutsche, kennengelernt. Die wiederum musste die Akademie in Dresden verlassen, weil sie sich geweigert hatte, in die NSDAP einzutreten.

Gegenüber Tschechen bin ich grundsätzlich zurückhaltend

Ganz verlassen musste sie Dresden in der Nacht des 13. Februar 1945, um ihr nacktes Leben zu retten, im wahrsten Sinn des Wortes. Ihre Flucht führte sie zunächst zu ihrer Schwägerin ins Egerland, zu meiner Tante eben, von wo aus sie dann weiter flüchten musste. Das wegen der Benesch-Dekrete, die zu viele Tschechen mit äußerster Brutalität anwendeten. So darf ich mir erlauben, Positionen zu vertreten, unbelastet von jeglicher „Erbschuld“ an den NAZI-Verbrechen. Aber so weiß ich eben auch aus ersten Quellen, was sich damals in der Tschechoslowakei abgespielt hat und Herr Klaus hatte wohl nicht damit gerechnet, auf einen unbelasteten frechen Deutschen zu treffen. Was dabei bleibt, ist die Erkenntnis, dass immer noch die „NAZI-Keulen“ bemüht werden, wenn die eigenen Positionen auf qualifizierten Widerspruch treffen. Es ist traurig, dass auch das in einem vereinten Europa noch immer praktiziert wird. Selbst von einem Mann, der eigentlich durchaus beachtliche philosophische Leistungen vollbracht hat.

Ich füge an, dass ich gegenüber Tschechen grundsätzlich zurückhaltend bin, wenn ich ihnen begegne. Ich will zuerst wissen, wie sie zu den Gräueltaten stehen, die von Tschechen an Deutschen begangen worden sind. Herr Klaus und seine Begleitung konnten mich da nicht überzeugen. Warum ich diese Haltung habe, erklärt sich eben aus der Geschichte meiner Mutter und dem, was mein Vater auf dem Weg von Prag nach Westen im Frühjahr 1945 erleben musste. Damit auch der Leser einen Eindruck erhält, worum es hier geht, füge ich einen Ausschnitt aus dem Roman „Der Weg vom Don zur Isar“ Band zwei an, der die wahre Geschichte dessen wiedergibt, was mein Vater erleben musste. Es war auch diese Passage, die bewirkte, dass kein Verlag diesen Roman veröffentlichen wollte, bis ich ihn in meinem eigenen Verlag, dem AnderweltVerlag selbst aufgelegt habe. Lesen Sie selbst, was er auf seinem Weg von Prag Richtung Westen erleben musste:
Den ganzen Roman, Band eins und zwei, können Sie direkt beim Verlag hier bestellen.

Band eins
Band zwei

 

Der Weg vom Don zur Isar“ – Ausschnitt

„In der frühen Morgenstunde war die Ausfallstraße nach Pilsen menschenleer. Niemand hielt sie auf, niemand stellte Fragen. Als sie die letzten Häuser hinter sich hatten, fielen ihnen viele kleine Hügel aus frischer Erde neben der Straße auf. Auf manchem dieser Hügelchen lag obendrauf ein Stahlhelm. Deutsche Stahlhelme. Auf einem der Helme war der schwarze Doppelblitz der Waffen SS zu sehen, auf einem anderen die Buchstaben POA ( POA = kyrillische Buchstaben für "Russkaja Oswoboditeljnaja Armija", Russische Befreiungs-Armee, Wlassow-Armee ). Hier lagen nebeneinander die Gebeine der gestrigen Feinde. Namenlose Gebeine, eilig, achtlos verscharrt. Die Namenlosen hatten nicht einmal ein Kreuz, oder mindestens einen Feldstein auf ihr Grab bekommen. Die Erdhäufchen werden bald vom Regen verwaschen sein, im nächsten Frühjahr zerpflügt. Felder werden hier gesät. In zwei-drei Jahren wird niemand mehr wissen, dass hier Menschen liegen. Menschen, die ihr Leben sinnlos verloren haben.

Nach halber Stunde kam ihnen die erste Gruppe gefangener Zivildeutscher entgegen. Etwa fünfzehn alte Männer, alte und junge Frauen, Kinder, größere und kleine, umringt von einem Haufen schreiender, schimpfender tschechischer Männer, Frauen und Kinder. Zwei der Tschechen trugen Gewehre, schlugen gelegentlich mit den Gewehrkolben auf die hinteren Gefangenen ein. Die Menge hob vom Straßenrand Steine auf, warf sie auf die Gefangenen. Die Treffer wurden vom vielstimmigen Geheul freudig begrüßt.

Die zerrissenen Zivilkleider der Gefangenen hingen in Fetzen von ihren Leibern. Eine Junge Frau drückte an sich einen Säugling mit zerschlagenem Kopf, wankte dahin mit blutüberströmtem Gesicht, auf dem ihr eigenes Blut aus einer Stirnwunde sich mit dem Blut des Kindes vermischte und die Tränen helle Rinnen hinterließen. Als die Meute vorbeizog, setzte sich Wolodja am Straßenrand und übergab sich. Ein Tscheche schrie: - "Hier sind noch zwei deutsche Schweine!" Die beiden wurden im Nu von rasenden Tschechen umringt, ein Mann mit Gewehr eilte herbei. Gorew richtete sich in seiner vollen Größe auf, trat auf den Tschechen zu, sagte hochmütig und barsch in Russisch: - "Du hast wohl keine Augen im Kopf, du verdammter Tscheche, dass du uns zu beleidigen wagst! Schau, dass du weiter­kommst, bevor ich dir Beine mache!" Die Tschechen wichen scheu von ihnen ab.

Als ihnen die nächste solche Meute begegnete, stellten sich die beiden an den Straßenrand und Gorew machte laut Bemerkungen in russischer Sprache. Er sprach auch laut Russisch, wenn überhaupt jemand in ihre Nähe kam. Sie blieben unbehelligt.

Im Laufe des Tages sahen sie noch zwei weitere solche Elends­züge. Einmal trieben mehrere Tschechen einen verängstigten Greis mit höhnischen Rufen aus den Feldern auf die Straße. Daraufhin merkten sie, dass überall auf den Feldern, so weit man sehen konnte, Menschengestalten in kleinen Gruppen umherwanderten, Senken und Büsche absuchten. Es war eine regelrechte Treibjagd. Dass dieser Mob so viel widerwärtigen Hass an den Tag legte! - sprach Peter seine bitteren Gedanken laut aus. Dabei ging es den Tschechen unter deutscher Besatzung gar nicht schlecht. Besser sogar als der deutschen Bevölkerung in Deutschland. Wie er in Prag und in der letzten Zeit in den tschechischen Dörfern gesehen hatte, führten die Tschechen ein Luxusleben im Vergleich mit den Deutschen zum Beispiel in Wien oder in Leobschütz. Und von einer Unterdrückung der Tschechen durch die Deutschen hatte er auch nichts wahrgenommen.

Es ist wahr, die Tschechei war vor dem Krieg das freieste Land in Europa, wie er aus Gesprächen mit westlichen Ukrainern in Krynica wusste, die frei in der Welt gereist waren. In keinem anderen Land, ausgenommen vielleicht die Schweiz, hatte man so frei leben können, wie in der Tschechei. Deshalb waren den Tschechen logischerweise schon die geringen Beschränkungen durch die Deutschen besonders lästig. Das rechtfertigte aber nicht diese bluttrunkene, bestialische Jagd des Pöbels auf Unschuldige. Im Gegenteil, gerade bei freien Menschen ist solch tierisches Benehmen unverzeihlich. Momentan jagt der Mob die Deutschen, in einer Stunde vielleicht wird er uns beide jagen.

Es schien, dass sie nicht weit von diesem Schicksal entfernt waren. In jeder Ortschaft begegneten sie tschechischen Posten. Zuerst wurden sie achtungsvoll vorbeigelassen, sobald Tschechen ihre russische Sprache hörten. In dem nächsten Städtchen genügte das nicht mehr. Sie wurden mehrmals angehalten und mussten ausführ­liche Erklärungen geben, bevor sie weiterziehen konnten. Sie kamen deshalb, und wegen ihrer schmerzenden Füße, nur langsam vorwärts. Im Laufe des Nachmittags wurden sie von mehreren sowjetischen Armeefahrzeugen überholt. Noch vor der Abenddämmerung beschlossen sie, ein Nachtquartier zu suchen. Der Bauer, den sie darum baten, betrachtete sie misstrauisch, befragte sie ausgiebig, ob sie nicht verkappte Wlassow-Sympatisanten sind, gab ihnen herablassend ein Stück Brot und einen Krug Milch und wies ihnen im Hausflur ein Bündel Stroh auf dem Fußboden als Schlaflager zu. Der jüngere Sohn oder Schwiegersohn des Bauern verließ nach Eintritt der Dunkelheit das Haus, erklärte stolz, er gehe die Deutschen jagen, die sich in den Feldern verstecken und in der Nacht zu flüchten versuchen werden. In der Nacht hörten sie einige entfernte Schüsse.

Morgens ging Gorew ins hölzerne Aborthäuschen im Hof und warf die Armeepistole, die er immer noch unter seinen Kleidern verborgen trug, in die Kloakengrube. In zwei Stunden erreichten sie eine große Ortschaft. Im Ortszentrum wurden sie von vier Tschechen angehalten. Gorew wollte mit seinen Erklärungen anfangen, aber einer der Tschechen winkte ab. - "Bringt sie in die Kommandantur," - wies er zwei andere Tschechen an. Diese schubsten sie in ein naheliegendes größeres zweistöckiges Gebäude, die Treppe in den ersten Stock hinauf. Einer der Tschechen klopfte an eine Tür kurz an, öffnete die Tür und schob die beiden vor sich ins Zimmer. An einem Tisch im Hintergrund, auf dem eine Landkarte ausgebreitet lag, saß ein Major der Roten Armee mit zwei anderen Uniformierten, die Hauptmannsabzeichen trugen, ins Gesp­räch vertieft. Der Major hob unwillig den Kopf: - "Was wollt ihr? Wir sind beschäftigt." Gorew trat schnell vorwärts: - "Es lebe Genosse Stalin! Endlich haben wir euch erreicht.“ Er sprach sehr schnell, damit die Tschechen ihn nicht verstehen konnten. - "Wir sind aus deutscher Hand ausgerissen und wollen nach Hause. Wir sind so froh, dass wir endlich bei euch sind. Diese Tschechen haben uns geholfen, euch zu finden." Er wandte sich an die Tschechen: - "Ich danke euch, ihr könnt jetzt gehen." Unsicher blickten diese den Major an. Jener nickte mit dem Kopf: - „Ja, ja, danke." Die Tschechen verließen das Zimmer, schlossen die Tür hinter sich.

Bevor der Major etwas weiter sagen konnte, erging sich Gorew in einem Schwall von Worten, erzählte, wie sie von den Deutschen, dann von den Amerikanern flüchteten, wie ihnen die Tschechen überall geholfen hatten, und wie bald nun, bitte, bitte, werden sie nach Hause geschickt. Von der naiven Offenherzigkeit überrum­pelt unterbrach ihn schließlich der Major: -"Wir sind für euch nicht zuständig, wir sind die erste Linie, die Frontsoldaten. Für euch sorgt die zweite Linie, und die kommt morgen. Ihr müsst euch bis morgen gedulden. Sucht euch bis morgen eine Bleibe bei den Tschechen."

Draußen atmete Peter auf: - "Wir sind nochmals davongekommen!.. Komm, schmieden wir das Eisen solange es noch heiß ist." Er ging auf die tschechischen Posten auf der Straße zu, sagte autoritär zu dem Anführer: -"Der Kommandant hat gesagt, du sollst uns auf einem Fahrzeug unterbringen, das in Richtung Pilsen fahrt." Einige sowjetische Armee-Lastwagen kamen vorbei, an die sich die Tschechen nicht herantrauten. Ein deutscher LKW kam in Sicht. Die Tschechen liefen auf die Straße, hielten ihn an. Der Fahrer in französischer Uniform lehnte sich hoheitsvoll aus dem Fenster, winkte den Tschechen ungeduldig, den Weg freizumachen, begleitete seinen herrischen Wink mit einer Kanonade französischer Schimpf­worte.

Hinten tauchten unter der Wagenplane ein paar Köpfe in Baskenmützen auf, stimmten in die Beschimpfungen ein. Der Fahrer fuhr langsam auf die Tschechen, die den Weg versperrten, direkt zu. Diesen blieb nichts anderes übrig, als schleunigst zur Seite zu springen. Sie warfen verlegene Blicke in die Richtung, wo Gorew und Lerow am Straßenrand standen und gleichmütige Gesichter machten. Dann kam ein Pferdewagen, von einem betagten Tschechen gelenkt. Auf dem Wagen saßen drei Frauen in Bauernkleidern. Der Postenanführer winkte mit seinem Gewehr, ließ den Fahrer anhalten. Er war sichtlich froh, jemanden vor sich zu haben, den er komman­dieren konnte. Umständlich ließ er sich Papiere vorzeigen, stellte Fragen, zeigte dann auf Gorew und Lerow: - „Der russische Armee-Kommandant hat befohlen, diese zwei Russen mitzunehmen." Die Frauen machten bereitwillig Platz, der Postenanführer ein erleich­tertes Gesicht.

In den nächsten zwei Dörfern wurde der Pferdewagen wiederholt von Tschechen kontrolliert. Die Tschechen auf dem Wagen zeigten ihre Papiere, wiesen ehrfurchtsvoll auf die zwei Russen, die sich unnahbar nicht rührten, erklärten, einander unterbrechend: - "Die zwei Russen fahren auf Befehl der Roten Armee mit!" Die Posten salutierten, der Wagen fuhr weiter.

Am Dorfrand begegneten sie einer Gruppe von etwa zwanzig jungen Männern in deutschen Drillichanzügen, von doppelter Zahl bewaff­neter Tschechen umringt und angetrieben. Unter den Angetriebenen einige Verwundete, notdürftig verbunden. - "Wlassow-Leute,“ - er­klärte der Kutscher. Der obligate Mob beschimpfte die Gefangenen aus einiger Entfernung, kam ihnen nicht zu nahe. Einige neue Schimpfer kamen aus den Dorfhäusern, liefen auf die Gefangenen zu und bewarfen sie mit Steinen. Sofort flogen auch aus den Reihen der Gefangenen kleinere Steine, bis dahin in den Taschen bereit­gehalten, trafen empfindlich die Angreifer. Laute Rufe antworteten auf die Beschimpfungen: - "Tschechische Schweinehunde! Wortbrüchige! Judas! Hinterlistiges Pack!" Die neuangekommenen Schaulustigen hielten sich daraufhin ebenfalls in sicherem Abstand.

Noch zwei mit Franzosen besetzte deutsche Lastwagen fuhren vorbei, in Richtung Pilsen. An einem von ihnen flatterten vorne drei aus Kleidern herausgerissene Stoffstreifen in Farben der französischen Trikolore.

Zwischen zwei Dörfern zweigte ein Feldweg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher hielt an, erklärte, um Verzeihung bittend: - "Wir fahren hier lang."

Am Straßenrand sitzend, die Füße im Straßengraben, kommentierte Peter betrübt: - "Aus mit der Schlaraffia!" Dann fuhr er nachdenk­lich fort: - "Die Masche mit zwei russischen Patrioten wird nicht ein zweites mal gelingen. Weil wir in verkehrter Richtung gehen. Wir müssen eine andere Nationalität annehmen. Schau die Franzosen an, sie fahren ungehindert. Jetzt bedauere ich es schmerzlich, dass ich mein Französisch so vernachlässigt habe, dass ich kaum ein paar Brocken zustandebringe. Wir müssen eine Sprache sprechen, die garantiert niemand hier kennt." - "Wie wäre es mit Dänisch? Ich kenne ein halbes Dutzend dänische Worte," - schlug Wolodja vor. - "Nicht schlecht. Wir werden sicherlich niemanden treffen, der dänisch spricht, und müssen uns mit unbeholfenem, gebrochenem Deutsch verständlich machen. Wie heißen wir und aus welcher Stadt sind wir?" - "Wir werden unsere eigenen Namen verzerren und wir wohnen in Kobenhavn.“ Sie trampelten weiter.

Hinter einer flachen Kurve, mit Bäumen bepflanzt, tauchte vor ihnen ein stehender deutscher LKW auf. Ein paar Dutzend Franzosen saßen herum. Peter beschleunigte seine Schritte. - "Die Franzosen machen Picknick. Vielleicht können wir sie überreden, uns mitzu­nehmen!" Als sie näher waren, sahen sie, dass die Motorhaube geöffnet war. Der Fahrer mit ölbeschmierten Händen versuchte einigen tschechischen Müßiggängern verständlich zu machen, dass er einen Mechaniker braucht, mit einem Gemisch aus französischen und deutschen Worten. Mit aufkeimender Hoffnung bahnte sich Peter den Weg zu ihm durch die herumstehenden tschechischen Bauern.

Er erklärte, er sei ein Automechaniker und werde helfen, wenn er und sein Freund mitkommen dürften. - "Mais certainement!“ -rief der Franzose erfreut. Es war eine Sache von wenigen Minuten, die abgebrochene Leitung am Zündschloss zu finden und zu verbinden. Als der Motor wieder lief, halfen die erfreuten Franzosen Peter und Wolodja freundlich, in den Wagen zu steigen. Es waren alles Kriegsgefangene, die sich einen deutschen Beutewagen einfach angeeignet hatten, um nach Hause zu kommen. Als sie sahen, dass die neuen Passagiere hinter ihnen unter den zahlreichen Bündeln kauerten und sich zu verbergen versuchten, deckten sie sie ver­ständnisvoll mit einigen Decken zu und versicherten mit Verschwörermienen, sie seien bei ihnen in Sicherheit.

Wenn tschechische Straßenposten den Wagen anzuhalten versuch­ten, verlangsamte dieser nur etwas die Fahrt und eine vielstimmige Schimpfkanonade ertönte. Die Tschechen beeilten sich, die Straße freizugeben. Aber einmal blieb der Wagen doch stehen, rundherum ertönten russische Stimmen. Einige Rotarmisten blickten über die hintere Bordwand ins Wageninnere. Sie wurden mit einem Chor von Hurra-Rufen begrüßt. - "Eto opjatj franzusy!“ ( „es sind wieder Franzosen“ ) - sagte ein Rotarmist, und der Wagen fuhr weiter. Nach wenigen Minuten ertönte wieder ein Hurra-Geschrei, diesmal lauter und begeisterter, obwohl der Wagen nicht hielt. Gorew wusste nicht, wem es galt, bis einer der Franzosen ihn unter der tarnenden Decke hervorholte und ihm bedeutete, sich umzuschauen. Auf beiden Seiten der Straße standen Lastwagen in Tarnfarbe, auf deren Seiten weiße fünf zackige Sterne leuchteten. Soldaten in unbekannten Khakiuniformen wanderten gemütlich dazwischen, manche von ihnen hoben lässig die Hand in Beantwortung der Hurra-Begrüßung. Peter zerrte Wolodja unter der Decke heraus: - "Es sind Amerikaner! Wir sind durchgekommen! Wir sind noch einmal davongekommen! Es war unser Schutzengel, der die Zündleitung im rechten Moment abgebrochen hat. Wir würden sonst niemals die sowjetischen Linien überwinden." Er umarmte den neben ihm stehenden Franzosen, drückte allen anderen dankbar die Hände, mit tränenüberströmtem Gesicht. Die Franzosen klopften ihm mit­fühlend, aufmunternd auf die Schultern, boten ihm verlegen Zigaret­ten, Kekse an.

Von da an wiesen Pfeilschilder mit verschiedensprachigen Aufschriften den Weg zum Sammellager. Dieses erwies sich als eine riesige, unübersehbare Wiese, auf der da und dort Menschenhaufen wie Ameisen herumkrochen. Auf einem frisch im Wiesengras ausge­fahrenen Weg hielt der Wagen endgültig und alle stiegen aus. Pfeile mit Aufschriften zeigten in verschiedene Richtungen: "Americans“, "English", "French", "Italians", „Rumanians", "German". In einigen Richtungen waren große und kleine Zelte zu sehen. - "Zuerst bin ich ein Deutscher," - entschied Gorew, - "ich traue den Amerikanern nicht. Sie haben denselben fünfzackigen Stern wie die Sowjets, nur dass er nicht rot ist. Sag Du mir, wo ich wohne, möglichst weit im Westen. Ich werde lieber von dem Roosevelt als Deutscher nach Alaska verschickt, als dem Stalin in die Hände zu fallen." Sie beschlossen nach kurzer Beratung, dass es am sichersten ist, ins Kriegsgefangenenlager zu gehen.

Sonst würden sie womöglich einem tschechischen Mob in die Hände fallen, der sie vielleicht massakrieren wird, - "Dann müssen wir uns jetzt den Amerikanern stellen und uns ihnen ergeben,“ – sagte Waldemar. Sie gingen in die vom Pfeil "German" gewiesene Richtung, kamen an ein großes Feldzelt mit Pappschildchen "Commanding officer". Leer entledigte sich des zivilen Mantels, gab ihn Gorew, der ihn über den Arm hängte, stand nun in seiner Uniform da. Aus dem Stiefel holte er sein im Socken verborgenes Soldbuch, nahm es in die Hand, nahm stramme Haltung an und betrat das Zelt. Gorew hinter ihm. Über einem Tisch brannte sehr hell eine Lampe, trotz des durchsickernden Tageslichts. An dem Tisch saß ein uniformierter Amerikaner, ihm gegenüber ein deutscher Oberst in voller Uniform mit Abzeichen. Sie sprachen friedlich miteinander.

Der Oberst stand auf, trat den beiden Eintretenden entgegen, erwiderte matt den strammen Gruß von Leer. - "Haben Sie was vorzu­bringen? Ich fungiere als Dolmetscher für den amerikanischen Käptn." Leer meldete gehorsamst, dass er sich den Amerikanern ergibt. Über die Lippen des Oberst huschte ein müdes Lächeln, er sagte einige Worte in Englisch. Der "Käptn" starrte Leer ver­wundert an, zuckte mit den Schultern und machte eine Armbewegung in Richtung Ausgang. - "Gehen Sie zu den anderen, es sind genügend da," - übersetzte der Oberst. Gorew fasste Mut und fragte: - "Herr Oberst, könnten Sie mir sagen, was die Amerikaner mit den Russen machen, die auf deutscher Seite sind?" - "Solcher Fall ist mir noch nicht vorgekommen. Sind Sie einer? Ich muss den Käptn fragen." - "Um Gottes Willen, bitte nicht. Ich habe mich Ihnen, als deutschem Offizier anvertraut, weil ich dachte, Sie wissen es. Sagen Sie ihm, ich bin ein deutscher Zivilist und wollte wissen, was mit mir als solchem geschieht.“ - "Nun, Zivilisten und Soldaten sind alle zusammen dort im Lager. Gehen Sie am besten einfach hin. Was Ihre Frage betrifft, nehme ich an, dass alle Russen nach Russ­land geschickt werden. So, wie die Franzosen nach Frankreich, Belgier nach Belgien, Engländer nach England."

Soweit der Ausschnitt. Es folgt dann der Bericht über das Lager der Amerikaner, dem er wieder entfliehen musste, weil dort dieselben menschenverachtenden Zustände herrschten, wie sie in den Lagern auf den Rheinwiesen zu mehr als einer Million Toten geführt haben.

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