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Afghanistan: Totalversagen der Regierung ist eine Schande für Deutschland

Von Hubert von Brunn

Peinlich, beschämend, desaströs, stümperhaft, naiv, kurzsichtig – das sind nur einige Adjektive, die nötig sind, um das Totalversagen der Bundesregierung in Afghanistan zu beschreiben. In der Öffentlichkeit ducken sich die Hauptakteure Merkel, Maas, AKK, Seehofer + BND weg, hinter den Kulissen schieben sie sich gegenseitig den Schwarzen Peter für ihre katastrophale Fehleinschätzung der Lage und den sich daraus ergebenden fatalen Konsequenzen zu.

„Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“, verkündete 2002 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck, was für jeden halbwegs denkenden Menschen eine völlig hirnrissige Behauptung war und ist. Tatsache ist, dass nach den Anschlägen vom 11. September 2001 der Bündnisfall ausgerufen wurde und Deutschland als NATO-Mitglied seinen Verpflichtungen nachkommen und Soldaten an den Hindukusch schicken musste. 20 Jahre lang war die Bundeswehr hauptsächlich in Kundus und Mazar-i-Sharif präsent, um afghanische Militär- und Polizeikräfte auszubilden. Was ist von diesem Einsatz geblieben? 59 Tote Soldaten, Hunderte traumatisierte Veteranen, 12,5 Milliarden verschwendete Steuergelder und die schmerzliche Erkenntnis jener, die dort im Einsatz waren, letztlich nichts erreicht zu haben. Conrad Schetter, Konfliktforscher an der Uni Bonn und Afghanistan-Kenner kommt zu der wenig schmeichelhaften Analyse, dass die afghanische Armee „nicht professionell auf Kampfeinsätze“ vorbereitet worden sei. Zu wenig Training „im Feld“ oder „unter realen Bedingungen“, statt dessen zu viel Theorie.

Der regulären Armee hat es an Moral, Loyalität und Heimatliebe gefehlt

Das ist allerdings nur ein Aspekt, der jetzt zu der totalen Machtübernahme durch die Taliban geführt hat. Ein weiterer wesentlicher Grund dafür sind die ethnischen Spannungen innerhalb der regulären Armee. Afghanistan ist ein Land mit vielen Ethnien und Nationalitäten, darunter Patschunen, Hazara, Tadschiken und Usbeken, die sich untereinander keineswegs alle grün sind. „Eine Einheit aus Patschunen hört nicht auf einen Kommandeur aus der Gruppe der Hazara“, weiß Afghanistan-Experte Schetter. Wie soll unter solchen Voraussetzungen eine schlagkräftige Truppe geformt werden? Der letztlich entscheidende Grund für das Scheitern der regulären Armee ist, dass es einem Großteil der Soldaten offensichtlich an der nötigen Moral mangelte und an der Bereitschaft, aus Loyalität und Heimatliebe für sein Land zu kämpfen. Ihr Interesse am Militär waren Kost und Logis und der Sold. Wurde der über einen längeren Zeitraum nicht ausgezahlt – was nicht selten vorkam –, sind die „tapferen Krieger“ desertiert. Wie viele von denen dann möglicherweise zur Taliban übergelaufen sind, lässt sich nicht sagen. Aber es werden nicht wenige sein, die die Seiten gewechselt haben.

Nach dem Abzug der NATO-Streitkräfte war die demoralisierte und schlecht geführte Armee sich selbst überlassen und zerfiel binnen weniger Wochen unter den Augen der korrupten und unfähigen Zentralregierung. So kam es dann zu mehr oder weniger privaten Waffenstillstandsabkommen zwischen einzelnen Kommandeuren und Taliban-Kämpfern – so von Patschune zu Patschune beispielsweise. Und bei solchen Deals haben die Gotteskrieger gleich noch fette Kriegsbeute gemacht, ohne dafür groß kämpfen zu müssen. Kamen sie früher auf klapprigen Motorrädern mit alten Kalaschnikows daher, sind die Taliban-Kämpfer jetzt ausgerüstet wie ein moderner NATO-Staat: Flugzeuge, Hubschrauber, Raketenwerfer, Panzer, Sturm- und Maschinengewehre, Unmengen von Munition… Bestes Kriegsgerät überwiegend amerikanischer Provenienz – alles zur freien Verfügung. Andernorts einigten sich lokale Politiker, Älteste oder Stammesführer über die Köpfe der Sicherheitskräfte hinweg mit den Taliban auf eine Kapitulation. Man arrangierte sich.

Warnungen und Appelle wurden in Berlin in den Wind geschlagen

Dass es mit der Moral und dem Kampfeswillen der Soldaten nicht weit her ist, ist den Ausbildern natürlich nicht entgangen und sie haben entsprechende Rückmeldungen an die politisch Verantwortlichen gegeben. Ebenso wie Offiziere der Bundeswehr nach dem Beginn des von den USA befohlenen überstürzten Abzugs der NATO-Streitkräfte vor einer rasant vonstatten gehenden Machtübernahme der Taliban gewarnt haben. All diese Warnungen wurden von den Polit-Amateuren in Berlin in den Wind geschlagen. Noch im Juni dozierte Außenminister Maas im Deutschen Bundestag: „Dass in wenigen Wochen die Taliban das Zepter in der Hand haben, das ist nicht die Grundlage meiner Annahme.“ Hätte er es mal lieber angenommen und zumindest einen alternativen Plan B für den Ernstfall ausgearbeitet. Obwohl die Taliban für alle erkennbar von Sieg zu Sieg eilten, haben die Verantwortlichen in Berlin es versäumt, ein politisch abgestimmtes Rettungskonzept für die vielen Tausend Ortskräfte, die für die Bundeswehr gearbeitet haben, zu entwickeln. Jetzt sind viele von ihnen gemeinsam mit ihren Familien vom Tode bedroht. Das ist ein ungeheurer Skandal, den kompetente und weniger selbstgefällige Akteure in Berlin hätten verhindern können. Eine Schande für ganz Deutschland.

Auch für die schnelle Evakuierung der Botschaft gab es keinen Notfall-Rettungsplan, obwohl von dort seit Wochen auf die drohenden Gefahren für das Personal hingewiesen wurde. „Dringende Appelle der Botschaft wurden über längere Zeit ignoriert“, beklagt der deutsche Vize-Botschafter in Kabul, Hendrik van Thiel, in undiplomatischer Direktheit das eklatante Versagen des Auswärtigen Amtes. Aber nicht nur dort war man mit der Beurteilung der Situation in Afghanistan völlig auf dem Holzweg. In höchstem Maße blamabel auch die Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes. Bei einer Sitzung des AA-Krisenstabs am 13. August (!) schrieb der BND ins Protokoll: „Übernahme Kabuls durch Taliban vor 11. September eher unwahrscheinlich.“ Und: „Taliban derzeit kein Interesse an militärischer Einnahme Kabuls.“ Eine Fehlentscheidung von historischem Ausmaß und man muss sich schon fragen: Von wem bezieht diese Schnarchtruppe ihre Informationen? Haben die Leute, die dort arbeiten, keine Augen im Kopf? Oder liefert man nur Berichte ab, die den Politikern in den Kram passen?

Die Ortskräfte in der Provinz haben kaum eine Chance, das Land zu verlassen

Und was sagt die Kanzlerin zum kollektiven Versagen ihrer Regierungstruppe?: „Wir wollten ein Land aufbauen mit demokratischen Strukturen – das ist nicht gelungen.“ Und: Es gab keine Bindung der afghanischen Streitkräfte zum Volk, es hat nicht so funktioniert wie wir uns das gedacht haben.“ Ihr Eingeständnis des Scheiterns der Afghanistan-Mission gipfelte schließlich in der deprimierenden Feststellung: „Selbst die Rettung der eigenen Leute aus Kabul haben wir leider nicht mehr in der Hand.“ – Wohl wahr. Hätten sich sie und ihre inkompetenten Minister doch früher der klugen Erkenntnis eines Michael Gorbatschow erinnert: „Wer zu spät kommt,…“ Jetzt ist es für viele zu spät, insbesondere für Tausende Ortskräfte, die für die Deutschen an deren Standorten Mazar-i-Sharif und Kundus gearbeitet haben. Für sie und ihre Familien gibt es derzeit keine Hoffnung, das Land verlassen zu können, denn die jetzt angelaufenen Rückholaktionen finden nur in Kabul statt. Diese Menschen, die darauf vertraut haben, dass Deutschland ihnen Schutz gewährt und sie nicht im Stich lässt, sind jetzt verraten und verkauft. Nur ganz wenigen wird es gelingen, sich bis Kabul durchzuschlagen und in dem dort herrschenden Chaos auch noch einen Platz in einem Flugzeug zu ergattern.

Die allermeisten von ihnen blicken einer ungewissen Zukunft entgegen und müssen damit rechnen, dass sie als Verräter von den Taliban umgebracht, ihre Frauen vergewaltigt und ihre Töchter zur Zwangsheirat abgeholt werden. Ganz in der Tradition des ersten Taliban-Terrors von 1996 bis 2002 verbreiten radikale Gruppierungen der Gotteskrieger schon wieder Angst und Schrecken, vor allem auch in den Provinzstädten. Mit schwarzen Listen gehen sie von Haus zu Haus, um „Kollaborateure“ ausfindig zu machen. Wer erwischt wird, hat nichts zu lachen. Das steht in völligem Kontrast zu dem, was die bärtigen Männer mit ihren Schießprügeln in Arm bei ihrer Machtübernahme vor einer Woche versprochen haben.

Milde lächelnd verkündeten sie damals, sie werden keine Rache üben, keine Gewalt ausüben, für Sicherheit sorgen und sogar die Frauen hätten alle Rechte „im Rahmen der Scharia“. Dieser Nachsatz ist außerordentlich zynisch. Die Scharia ist ein aus dem Koran und anderen Schriften abgeleitetes Regelwerk, das die Taliban ultrakonservativ und sehr streng auslegen. Konkret heißt das, dass die Frauen überhaupt keine Rechte haben und von den Männern wie Haustiere gehalten werden. Sie dürfen nicht arbeiten, müssen die Burka tragen, dürfen nicht ohne männliche Begleitung auf die Straße, sonst gibt es Schläge. Repressalien wie diese werden mancherorts auch jetzt schon wieder ausgeübt. Die Universitäten in Mazar-i-Sharif und Herat sind für Frauen bereits geschlossen worden. Eine landesweit bekannte und bei der Bevölkerung sehr beliebte TV-Ansagerin darf ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen und hat Studio-Verbot, ein Journalist, der kritisch über die Taliban geschrieben hat, wurde erschossen.

Die Afghanen wollen und sollen ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten

Die Anzeichen mehren sich also, dass die Taliban von heute wesentliche Verhaltensmuster der Taliban von damals übernehmen und umsetzen werden, um ihre Macht zu demonstrieren und zu festigen. Natürlich bilden die Gotteskrieger keine homogene Einheit, sondern setzen sich – wie die afghanische Armee (siehe oben) – aus unterschiedlichen Ethnien und Nationalitäten zusammen. Entsprechend unterschiedlich werden die Vorgehensweisen sein, mit denen die Bevölkerung es künftig zu tun haben wird. Da gibt es sicherlich einen gemäßigten Flügel, der in den zurückliegenden 20 Jahren dazugelernt und sich weiterentwickelt hat, Leute, die tatsächlich ein friedvolles und weitgehend gewaltfreies Zusammenleben anstreben. Aber es gibt natürlich auch die Hardcore-Islamisten, die die Scharia kompromisslos auslegen und gnadenlos zur Anwendung bringen. Das wird für viel Not und Elend sorgen und vielen Menschen das Leben kosten. Welche Fraktion sich schließlich durchsetzen und die Schlüsselpositionen in einer noch zu bildenden Regierung einnehmen wird, ist derzeit nicht absehbar.

Als vorläufiges Fazit ist festzuhalten: Der vom Westen angestrebte Demokratisierungsprozess inklusive der Vermittlung von westlichen Werten ist nach 20-jährigen Bemühungen gnadenlos gescheitert. So wie die Sowjetunion gescheitert ist, nachdem sie 1979 auf Verlangen der damaligen kommunistisch orientierten Regierung in Afghanistan einmarschierte. Zehn Jahre später mussten die Sowjets unverrichteter Dinge wieder abziehen. In diesem Zeitraum haben die Amerikaner in ihrer antikommunistischen Paranoia die afghanischen Widerstandskämpfer, die Mudschaheddin, mit Waffen und Geld unterstützt und stark gemacht. Daraus ist dann Al-Kaida hervorgegangen, jene terroristische Vereinigung, die zum erklärten Feind wurde und durch den Einmarsch der NATO eliminiert werden sollte. Ergebnis sind die Taliban, die jetzt das Land beherrschen.

Die Afghanen wollten weder Kommunisten unter der Knute Moskaus, noch Demokraten unter der Knute Washingtons sein. Sie wollen keine Fremdherrschaft im Land, sondern ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten, gewissermaßen nach alter Väter Sitte. Die Voraussetzungen dafür sind jetzt gegeben. Der Westen hat am Hindukusch ein für allemal ausgespielt. Mit der arabischen Welt sind die Taliban aufgrund ihrer gemeinsamen Religion verbunden. Russland und China werden das Vakuum, das der Westen hinterlassen hat, auszufüllen wissen, wobei beide Major Player keinerlei Interesse haben, ideologisch zu missionieren oder mit erhobenem Zeigefinger Moral zu predigen. Sie interessieren sich nur für die üppig vorhandenen Bodenschätze und werden sich diesbezüglich mit den Taliban arrangieren. Wenn die Kasse stimmt, ist es auch den überfrommen Gotteskriegern egal, woher das Geld kommt. Pecunia non olet.

 

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