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Wie und warum Umfragen manipuliert werden

Von Peter Haisenko 

Der Mensch ist ein Herdentier. Er fühlt sich wohl im Schutz seiner Herde. Eine der modernen Formen der Herde sind politische Mehrheiten, ganz gleich, ob sie real oder gefühlt sind.

Warum gehen Menschen ins (Fußball-)Stadion, obwohl man zuhause im Fernsehen einen wesentlich genaueren und detaillierteren Blick auf das Spiel ins Wohnzimmer geliefert bekommt? Das Gemeinschaftserlebnis im Stadion hat für viele eine enorme Anziehungskraft. Man synchronisiert sich mit den Gesinnungsgenossen und schöpft daraus ein Erlebnis, das anderweitig nicht erreicht werden kann. Die verschiedenen Fangruppen sind getrennt, damit es im Stadion selbst keine Prügeleien gibt und vor allem, um das Gemeinschaftserlebnis nicht zu stören. Dasselbe gilt für (Pop-)Konzerte und politische Versammlungen. Unter anderem deswegen werden Parteikongresse abgehalten. Der Erfolg der Massenveranstaltungen von Hitler lag nicht zuletzt darin, dass er mit einfachsten Parolen die Massen synchronisieren konnte. Man badet sich in gemeinsamer Übereinstimmung und dem zugehörigen Wohlgefühl.

Die Ergebnisse sind wohl eher zufällig, aber kaum repräsentativ

Im Gegensatz dazu bedurfte es schon immer einer gehörigen Portion Mutes, sich außerhalb der gefühlten Mehrheit zu positionieren. War es bereits vor Jahrzehnten schon ein Wagnis, im allgemeinen Anti-Strauß-Gehabe seine Sympathien für diesen Politiker zu äußern, ist es heute nicht anders bestellt mit Persönlichkeiten wie Putin oder Trump. Zu einseitig haben die Medien hierzu negativ Stellung bezogen und man lebt im Eindruck, alle würden diese Meinung unterstützen. Zumindest für Putin gilt aber, dass man im persönlichen Austausch ganz anderes erfährt, sobald man seine Wertschätzung für diesen Jahrhundertpolitiker vorsichtig zu erkennen gibt.

Äußert man sich hingegen negativ zur Kanzlerin, stößt man schnell auf Ablehnung. Schließlich ist sie laut Umfragen immer noch Deutschlands beliebteste Politikerin und ihre Amtsführung wird mit Zustimmung bedacht. So jedenfalls suggerieren es die publizierten Umfragen. Wie wenig eigene Substanz diese Wertschätzung hat, zeigt sich schnell, wenn man ganz konkret die Frage stellt, man möge nur ein Beispiel anführen, was die Kanzlerin Positives für Deutschland geleistet hat. Da kommt dann das große „Öhhh“, da fällt mir gerade nichts ein. Das impliziert die Frage, woran es liegen mag, dass die Kanzlerin immer noch allgemein positiv gewertet wird. Ein Teil ist sicherlich, dass sie eine Frau ist. Das reicht aber als Erklärung nicht aus und so sehe ich den Grund für die Zustimmung für Frau Merkel vor allem darin, dass sie in den veröffentlichten Umfrageergebnissen stets die Beliebtheitsskala anführt. Das wirft für mich die nächste Frage auf: Wie zuverlässig sind solche Umfrageergebnisse und wie entstehen sie?

Allgemein wird eine Zahl um die Tausend angegeben, aus deren Antworten das Ergebnis ermittelt worden ist. Diese Tausend sind natürlich ausgewählt, einen repräsentativen Bevölkerungsanteil zu repräsentieren. Darf man das glauben? Ich denke nicht. Die Umfrageinstitute haben einen Fundus von vielen Tausend Kandidaten, aus dem die Umfragekandidaten ausgewählt werden können. Das müssen sie haben, denn Umfrageergebnisse müssen schnell geliefert werden und man kann nicht jeden sofort erreichen. Hier liegt ein Problem. Selbst wenn ein Zufallsgenerator die Fragekandidaten auswählte, ist keineswegs sichergestellt, dass das Ergebnis repräsentativ ist. Das Ergebnis wäre genauso zufällig, wie die Auswahl der Kandidaten.

Es stellt sich die Frage nach der Henne und dem Ei

Kann es repräsentativ sein, wenn eine gezielte Auswahl stattgefunden hat? Natürlich nicht. Nach welchen Kriterien wird hier verfahren? Die Umfrageinstitute wissen ganz genau, welcher ihrer Kandidaten in welche Richtung tendiert. So ist es eben die Auswahl der Kandidaten, die über das Ergebnis bestimmt. Oder noch genauer, der Umfrageleiter, der über die Auswahl der Kandidaten bestimmt. Welchem Zweck dienen also die Umfragen und ihre Ergebnisse, die doch sehr oft den zugehörigen Wahlergebnissen sehr nahe kommen? Da sollte man die Frage nach der Henne und dem Ei stellen: Trifft das Umfrageergebnis so gut, weil die Umfrage so gut ist, oder beeinflusst das publizierte Umfrageergebnis den Wähler so sehr, dass das Umfrageergebnis eintrifft? Weil diese Frage zumindest offiziell nicht geklärt ist, gibt es In einigen Ländern deswegen ein Verbot, Umfrageergebnisse einige Wochen lang vor einer Wahl zu veröffentlichen.

Weil der Mensch ein Herdentier ist, fühlt er sich wohl im Schutz seiner Herde oder eben heutzutage, wenn er sich als Mitglied einer Mehrheit fühlen kann; wenn er seinen Vorbetern zustimmt. Daher rühren so dämliche Verkaufsargumente wie „das wird immer wieder gern genommen; die meistverkaufte Matratze.“ Als ob es ein Qualitätsmerkmal wäre, wenn eine Mehrheit auf eine bestimmte Reklame hereinfällt. Dazu passt: „Scheiße kann nicht schlecht schmecken – Milliarden Fliegen können sich nicht irren.“ Können sie doch, aber ist es nicht ein gutes Gefühl, wenn mein Nachbar dieselbe Matratze hat wie ich auch? Wenn sie dann doch nicht wirklich gut ist, dann hat man sich wenigstens nicht allein geirrt. Das ist angewandte Massenpsychologie. Ähnliches gilt auch für den Geschmack von Billigprodukten.

Bei den „Tests“ bei „WISO“ – teuer oder billig – gewinnen in der Regel die Massenprodukte der Billigheimer. Das hat einen einfachen Grund: den „Achtzigprozentgeschmack“. 80 Prozent der Bürger sind von Kindheit an an einen bekannten Geschmack gewohnt und den mögen sie. Ganz gleich, ob es ein natürlicher Geschmack ist oder qualitativ hochwertig. Hauptsache, es schmeckt so, dass man sein Geschmacksempfinden nicht verändern muss. Weil die meisten mit Massenprodukten aufwachsen, mögen die meisten den Geschmack von Massenprodukten. Es kommt hier also darauf an, Kinder von frühester Kindheit an an die billigen Geschmacksrichtungen zu gewöhnen und das beherrschen die Lebensmittelkonzerne bis zur Perfektion. So ist es wenig hilfreich, solche Geschmackstests zu machen, denn das Ergebnis steht meist von vorn herein fest und dazu bedarf es nicht einmal einer besonderen Auswahl der Testkandidaten.

Publizierte Umfrageergebnisse entsprechen selten der Realität

In der Politik gilt Ähnliches. Es gibt kaum etwas Schmerzlicheres, als eine liebgewonnene Überzeugung revidieren zu müssen, weil es die Realitäten erforderten. Wer einmal überzeugter Sozi ist, wird lieber nicht zur Wahl gehen, als einer anderen Partei seine Stimme zu geben. Wer einmal Frau Merkel verehrt hat, wird sich schwer tun, davon abzulassen. Besonders dann nicht, wenn ihm die Umfragen suggerieren, dass er sich dabei im Schutz einer Mehrheit bewegt. Wie sonst wäre erklärlich, dass zwar nur noch etwa 30 Prozent laut Umfrage mit der Regierungsarbeit zufrieden sind, aber die Chefin, die Kanzlerin, angeblich immer noch das Vertrauen einer Mehrheit genießt? Sind es die publizierten Umfrageergebnisse, die Frau Merkel immer wieder beste Popularität bescheinigen, oder ist es die Angst vor dem Schmerz einer neuen Erkenntnis, die zu viele immer noch an das Gute in der Kanzlerin glauben lassen?

Ich denke, es ist eine Kombination von Beidem. Wird die vorgefasste Meinung durch „Umfrageergebnisse“ bestätigt, gibt es schwerlich einen Grund, die eigene und liebgewonnene Position zu überdenken. Dazu kommt, dass in „Talkrunden“ im Fernsehen die immer gleichen Gestalten mehrheitlich die Position der Regierung vertreten. Selbst diejenigen, die zum Beispiel nicht der Meinung sind, dass die Krim „annektiert“ worden ist, müssen sich zu diesem Thema zurückhalten, dürfen nicht ausführen, warum es keine Annexion war, weil sie im Vorgespräch verdonnert worden sind, dieses „Fass“ nicht aufzumachen. Halten sie sich nicht an diese zensorische Vorgabe, werden sie nicht mehr eingeladen. Andererseits werden aber keine Umfrageergebnisse veröffentlicht, wer wirklich dieser Darstellung zustimmt. Das veranlasst viele, mit ihrer persönlichen Meinung zu diesem Thema selbst im Freundeskreis zurückhaltend umzugehen.

Ich will hier nicht behaupten, dass alle Umfrageergebnisse manipuliert oder gar gefälscht sind. Ich weise nur darauf hin, welches Potential in möglicherweise manipulierten Umfrageergebnissen steckt. Allerdings sollte auch klargestellt sein, wie leicht Umfrageergebnisse manipuliert werden können. Und denkt man ganz defätistisch, dann stellt sich die Frage, ob Umfrageergebnisse vor einer Wahl so gesetzt werden, dass eine mögliche Wahlfälschung als unwahrscheinlich erscheint, weil der Wahlausgang ja den Umfragen vorab sehr nahe kommt. So bleibt nur übrig, die Frage nach der Henne und dem Ei nochmals in den Raum zu stellen: Sind Wahlergebnisse oder Beliebtheitswerte von Politikern so, weil die Umfragen so genau die Stimmung im Land abbilden, oder wird die Stimmung durch Umfrageergebnisse so manipuliert, dass der Herdentrieb dafür sorgt, dass sich viele einer projizierten „Mehrheitsmeinung“ anschließen? Darüber ist mir keine Untersuchung bekannt und so kann ich nur Churchill zitieren:
Glaube nie einer Statistik (einem Umfrageergebnis), die (das) Du nicht selbst gefälscht hast.

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