------------------------------------

-------------------------------------

---------------------------------------

Tracing-App und Impfung: Die Begeisterung der Deutschen hält sich in Grenzen

Von Hubert von Brunn

Nun geht es dem Covid-19-Virus also endgültig an den Kragen – hört man. Die lang ersehnte Tracing-App – für viele im Corona-Management Aktive das ultimative Instrument, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern – soll in Kürze einsatzbereit sein. Mehr als 70 Firmen weltweit arbeiten an einem wirksamen Impfstoff. Da kann es doch nur noch eine Frage der Zeit sein, wann irgendein Labor „Heureka“ ruft und das verheißungsvolle Serum präsentiert. Die Sache hat nur einen Haken: Beide „Wunderwaffen“ funktionieren nur, wenn möglichst Viele mitmachen. Bei den Deutschen hält sich die Begeisterung doch arg in Grenzen.

Die App soll helfen, Infizierte zu identifizieren, Nichtinfizierte zu warnen, wenn sie einem Infizierten zu nahe gekommen sind und so Infektionsketten leichter und schneller nachspüren zu können. So jedenfalls habe ich die bis jetzt dazu abgelieferten Erklärungen verstanden. An der Stelle muss ich gestehen: Mein IT-Verständnis hält sich in Grenzen. Ich kann zwar mit Laptop, Internet, E-Mail, Smartphone, WhatsApp usw. umgehen, aber wenn bestimmte Vorgänge zu kompliziert werden, schalte ich ab. Dann nervt es mich und ich mache nicht mehr mit. Genau so würde es mir mit er Tracing-App gehen, nachdem ich gesehen habe, wie sie installiert werden muss und was ich in diesem oder jenem Fall zu tun habe, um sie sinnvoll einzusetzen.

Vielleicht hätte man das auch einfacher gestalten können, aber da war wohl der Datenschutz vor. Komisch, die Leute tummeln sich stundenlang bei Google, Facebook & Co., lassen sich im Auto von ihrem Navi lenken und es stört sie offenbar überhaupt nicht, dass sie sich damit für die Anbieter der Dienste gläsern machen – aber hier wird der Persönlichkeitsschutz ganz nach vorne gestellt. Ich nutze die Dienste auch und mir ist es ehrlich gesagt egal, welche „Spuren“ ich dabei hinterlasse. Dieser Aspekt ist jedenfalls nicht relevant für meine Entscheidung, das Tracing-App nicht herunterzuladen. So kompliziert wie die ganze Geschichte aufgebaut ist, sage ich voraus: Es bringt gar nichts, weil eben nicht die erforderlichen 70 oder 80 Prozent der Bevölkerung mitmachen. Ganz abgesehen davon, dass keineswegs jeder über ein Smartphone verfügt. Gerade ältere Menschen nutzen seit vielen Jahren ihr Handy, mit dem sie nichts anderes tun, als ab und an zu telefonieren. Sie brauchen keine Apps und sie wollen keine Apps.

Seehofers spitzfindige Äußerung zum Impfzwang

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat in einem Interview für Zeitungen der Funke Mediengruppe am Sonnabend verkündet, die Corona-App „ist ein kleiner Beitrag auf freiwilliger Basis“ und fügte hinzu: „Am wichtigsten ist ein Impfstoff. (…) Und ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der Bürger geimpft werden möchte.“ Hier hat er auf die Formulierung „auf freiwilliger Basis“ verzichtet. Stattdessen sagte er: „Ich bin nicht dafür, eine Impfung vorzuschreiben“. Das ist ein feiner Unterschied (ich werde noch näher darauf eingehen) und der Horst rechnet wohl schon damit, dass er diesbezüglich mit dem CDU-Jens noch so manches verbale Scharmützel wird ausfechten müssen.

Was die Impfbereitschaft der Deutschen anlangt, ist Seehofer auf dem Holzweg. Rund jeder Vierte lehnt eine Impfung gegen Covid-19 ab. Von den G7-Ländern ist nur in Frankreich die Abneigung mit 58 Prozent „Non“ noch größer. In der repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts „Kantar“ haben nur 39 Prozent der Befragten geantwortet, sie werden sich „sicher“ impfen lassen, 28 Prozent meinten „wahrscheinlich“. Da wird es noch jede Menge „Abtrünnige geben“.

Die Impfpflicht kommt von hinten durch die Brust

Kommen wir noch einmal auf Seehofers Einlassung „Ich bin nicht dafür, eine Impfung vorzuschreiben“, zurück. Ja, ja der Horst ist schon ein alter Fuchs und lange genug im politischen Geschäft, um Formulierungen zu wählen, die vordergründig beruhigend wirken und doch Interpretationen offen lassen. Natürlich werden – wenn der Impfstoff dann einmal da ist – nicht Heerscharen von „Impfhelfern“ von Tür zu Tür gehen, klingeln und befehlen: „Ärmel hoch, jetzt wird geimpft!“ Auch Behörden, Schulen und Firmen werden das nicht zwangsweise anordnen. Das würde dem Selbstverständnis der meisten Deutschen nach Selbstbestimmung und freier Entscheidung doch sehr zuwider laufen und heftiger Widerstand wäre programmiert.

Nein, so plump wird man nicht vorgehen. Das hat Jensi ja schon mit seinem Immunitätspass versucht – und wurde zurückgepfiffen. Hier konnten die Gegner dieser Schnapsidee immerhin noch wissenschaftlich argumentieren, da es noch längst nicht nachgewiesen ist, dass ein Corona-Infizierter nach überstandener Krankheit für alle Zeiten immun gegen Covid-19 ist. Ein Immunitätspass, der einen solchen Freibrief ausstellt, bewegt sich mithin im Bereich der Urkundenfälschung.

Aber die Impfpflicht wird kommen – nicht frontal, sondern von hinten durch die Brust. Allenthalben wird man Einrichtungen installieren, wo Impfungen jederzeit möglich sind und die Kosten werden die Krankenkassen übernehmen. Dem Bürger wird man empfehlen, von diesem großzügigen Angebot Gebrauch zu machen und damit er das auch dokumentieren kann, erhält er einen Corona-Impfpass. Das ist der springende Punkt. Willst du dann verreisen oder in ein Fußballstadion gehen oder in ein Theater oder, oder, oder – dann musst du deinen Impfpass vorzeigen. Und nun trennt sich die Spreu vom Weizen.

Hast du den Pass mit entsprechendem Eintrag, dann darfst du machen, was du willst. Hast du den Impfpass nicht – dann bleibst du draußen. Die in Bezug auf Corona jetzt schon vorhandene Spaltung der Gesellschaft, wird damit institutionalisiert. Und wenn du nach einem Jahr oder noch längerer Zeit endlich mal wieder etwas unternehmen willst, das dir Spaß macht, wonach du dich seit langem sehnst – dann bleibt dir gar nichts anderes übrig, als dich impfen zu lassen. Drinnen oder draußen, das ist dann die Frage.
Jedenfalls mag sich niemand der Illusion hingeben, wir würden jemals wieder jenes Maß an Freiheit wiedererlangen, das wir vor Corona hatten. Die Domestizierung hat begonnen. – Wo sie endet, vermag derzeit niemand vorherzusagen.

Nach oben