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Bewaffnung der Kurden mit der Panzerabwehrrakete MILAN - offener Brief an die Verteidigungsminsterin von der Leyen

Von Wilfried Schuler

Frau
Ursula von der Leyen
Bundesverteidigungsministerium

Betrifft: Bewaffnung der Kurden mit der Panzerabwehrrakete MILAN

Sehr geehrte Frau von der Leyen,

mit sehr gemischten Gefühlen habe ich die diversen Waffenlieferungen an die kurdischen Aufständischen im Irak und in Syrien verfolgt. Die grundsätzliche Fragestellung, ob es sinnvoll und richtig ist, die Kurden mit Waffen deutscher Provenienz zu versorgen, will ich gar nicht weiter vertiefen. Nur so viel: Ich, Jahrgang 1949, halte das für falsch und vertrete konsequent die Haltung, dass es Aufgabe der Bundeswehr ist, unser Land zu verteidigen und sonst gar nichts.

Meine großen Bedenken, die ich hier vortragen will, beziehen sich auf die Panzerabwehrrakete MILAN. Aus den Beschreibungen dieser Waffe kann man entnehmen, dass im Zielsuchsystem 2,4 g Thorium 232 enthalten sind. Dieses Element wird über die Flugbahn der Rakete hinweg und bei der Explosion des Marschflugkörpers als feiner Staub/Rauch freigesetzt und weit in der Umwelt verteilt. Soweit mir bekannt, darf laut BW-Dienstvorschrift auf einem Gelände, auf das die MILAN abgefeuert wurde, keine Landwirtschaft mehr betrieben werden. Diese Vorschrift sollte Ihnen als Verteidigungsministerium bekannt sein.

An der Stelle erinnere ich an die Vorkommnisse auf dem Truppenübungsplatz Salto di Quirra auf Sardinien, wo die MILAN bei militärischen Übungen eingesetzt worden ist ­– mit fatalen Folgen: Weiträumige Kontamination des Bodens, kranke und sterbende Schafe und andere Tiere, weit über dem Durchschnitt liegende Krebserkrankungen bei den Hirten, die ihre Tiere auf dem Übungsplatz oder in der näheren Umgebung geweidet haben. Als Konsequenz daraus wurde eine ungewöhnliche hohe Sterberate nicht nur bei diesen Männern, sondern auch bei anderen Bewohnern der Gegend festgestellt. Bei Exhumierungen wurden nennenswerte Mengen Thorium 232 und dessen Zerfallsprodukte in den Knochen dieser Opfer gefunden. Diese furchtbaren Begleiterscheinungen des MILAN-Einsatzes sind der Bundeswehr – und damit natürlich auch dem Verteidigungsministerium – spätestens seit 1999 bekannt und können seitdem nicht mehr geleugnet werden. Die schlimmen Auswirkungen eingeatmeter alpha-Strahlen sind seit Jahrzehnten bekannt. Als Ärztin kennen sie sicher die Schneeberger Lungenkrankheit… 

Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen, damit aus dem Kampfgebiet in Kurdistan kein zweites Salto di Quirra wird? Wurden die kurdischen Streitkräfte darüber informiert, welche „Nebenwirkungen“ der Einsatz von MILAN-Raketen nach sich zieht? Hat man die Bewohner in den betroffenen Gebieten davor gewarnt? Ich fürchte, nicht. Und so werden die Menschen in den von Kurden beherrschten Regionen in Syrien und im Irak weiter ihre Schafe weiden, Obst- und Ackerbau betreiben und aus den Quellen trinken und die Kinder werden weiterhin Fußball spielen und den Staub des Sportplatzes einatmen. Ich habe die Vision, dass in 10 oder 15 Jahren viele Leute in Kurdistan mit Wehmut an den Tag denken werden, als Sie ihnen mit großer Geste und staatsmännischem Gepränge Ihre MILAN-Raketen überreichten. Sie selbst werden dann längst im Ruhestand sein und für derlei Randerscheinungen wenig Sinn haben.

Als Verteidigungsministerin tragen sie Verantwortung, wenn es dort zu ähnlichen „Kollateralschäden“ kommt wie auf Sardinien und Sie hätten diese Waffenlieferung verhindern müssen. Als Ärztin und Mutter von sieben Kindern müssten Sie sich vehement dafür einsetzen, dass dieses nachhaltig schädliche Waffensystem überhaupt in irgendein Kriegsgebiet gelangt. Das haben Sie nicht getan und dieses Versäumnis werfe ich Ihnen vor als grobe Pflichtverletzung. – Oder hatten auch bei dieser Entscheidung ihre hoch geschätzten McKinsey-Berater ihre Hände im Spiel? Kosten-Nutzen-Rechnung vs. möglicher Kollateralschäden? Kein schöner Gedanke!

Mit freundlichen Grüßen,

Wilfried Schuler

 

Dieser offene Brief wurde am 18.02.2019 an die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen per Post abgesendet. Wir werden berichten, ob sich die Ministerin dazu äußert.