------------------------------------

-------------------------------------

---------------------------------------

Merkel spricht Hoeneß hohen Respekt aus – wofür?

Von Peter Haisenko 

So sehr ich unsere Kanzlerin schätze für vieles, was sie tut, so sehr langt sie regelmäßig daneben, wenn sie aktuelle Ereignisse kommentiert. Nachdem unübersehbar geworden war, dass Hoeneß ein Steuerbetrüger ist, hat sie ihre Nähe zu ihm nur mühsam relativiert. Jetzt bekundet sie ihren hohen Respekt für die Entscheidung von Uli Hoeneß, auf eine Revision zu verzichten. Da ist allerdings alles andere als Respekt angebracht.

Hoeneß hat den Steuerzahler betrogen. Uns alle betrogen, und dafür wird er bestraft. Er „akzeptiert“ die Strafe. Wie der gesamte Vorgang mit der Selbstanzeige ist auch das nichts mehr als eiskaltes Kalkül. Die Gefahr, in einer Revision zu einer höheren Strafe verurteilt zu werden, ist hoch. Da nimmt man doch gern die dreieinhalb Jahre. Das ist überschaubar: Wahrscheinlich muss Hoeneß nur ein halbes Jahr im geschlossenen Vollzug verbringen, um dann als Freigänger „mit guter sozialer Perspektive“ wieder seine eigenen Würstel zum Mittagessen genießen zu können.

Ein halbes Jahr im geschlossenen Vollzug dürfte für Hoeneß eher wie eine Kur erscheinen. Kein Stress, geregelte Mahlzeiten und früh zu Bett. Ein paar Kilo weniger am Ranzen dürften als netter Nebeneffekt hingenommen werden. Und danach? In einer Welt ohne Moral wird Hoeneß keine gesellschaftlichen Einbußen erfahren. Schließlich bleiben ihm auch nach Begleichung seiner Steuerschuld noch genügend Millionen, um weiterhin ein begehrtes Mitglied in der Welt der Schönen und Reichen bleiben zu können.

Krankhafte Gier nach Geld und Macht

Wie weit ist unsere Gesellschaft verkommen, dass nicht nur Frau Merkel, immerhin unsere Kanzlerin, einem verurteilten Verbrecher hohen Respekt bekundet? Die Gesellschaft ist ebenso krank wie Hoeneß und sie merkt es nicht. Spielsucht ist als Krankheit anerkannt, die Sucht nach dem Götzen Geld nicht. Wie krank muss man sein, wenn der Besitz von Zig-Millionen die Gier nach Mehr so steigert, dass man nicht einmal Steuern abgeben will? Hoeneß hatte ein reguläres Salär von mindestens 10 Millionen jährlich. Allein das Einkommen eines Jahres reicht aus, 40 Jahre lang täglich etwa 700,- Euro zur Verfügung zu haben, oder 250.000,- Euro pro Jahr.

Selbst wenn Hoeneß 100 Jahre alt werden sollte, dann kann er sein Geld nicht ausgeben. Schließlich reden wir nicht über ein Jahreseinkommen, sondern über Vermögen, das 100 Millionen übersteigt. Hoeneß hätte also für den Rest seines Lebens mehr als 2 Millionen pro Jahr zur Verfügung gehabt, selbst wenn er seine Steuern anständig bezahlt hätte. Hoeneß ist reif für eine Therapie.

Geld ist Macht. Mit genügend Geld kann man fast alles kaufen. Vom Politiker bis zum Auftragsmörder. Der Fall Hoeneß zeigt wieder einmal, dass Menschen mit viel Geld glauben, außerhalb des Gesetzes zu stehen. Oder sogar über dem Gesetz. Man zahlt die rechtmäßige Steuer nicht und entscheidet selbst darüber, wer von den Brosamen seiner Spenden profitieren darf. Das ist doppeltes Unrecht, denn die Hälfte dieser „großherzigen Spenden“ zahlen wir alle. Nicht nur Hoeneß setzt seine „Spenden“ von der Steuer ab. Aber Hoeneß allein ist es, dem wegen der Aussicht auf „Spenden“ die möglichen Empfänger die Stiefel lecken.

Unsoziales Verhalten verdient keinen Respekt

Wer würde der kleinen Verkäuferin hohen Respekt zollen, die das Urteil „akzeptiert“, wegen des unbedachten Verzehrs eines Schokoriegels ihre fristlose Kündigung vom Gericht bestätigt zu bekommen? Nein, Hoeneß hat alles andere verdient als Respekt. Eine an sich respektable Lebensleistung wird vollständig relativiert, wenn gleichzeitig kriminelle Handlungen mit dieser Leistung einhergehen. Die Haftstrafe für Hoeneß war unausweichlich. Ich sehe keinen Grund jemandem Respekt zu zollen, der sich in das Unausweichliche fügt und so möglicherweise Schlimmeres für sich verhindert.

Unsere Gesellschaft bemisst den Status am Einkommen. Wer skrupellos viel Geld zusammenrafft, darf bei den Schönen und Mächtigen mitspielen. Wer beim Steuerbetrug erwischt wird, wird nicht zum gesellschaftlichen Paria erklärt. Wer wegen Betrugs erwischt wird, auch nicht. Das mag daran liegen, dass wohl die meisten mit viel Geld in halblegale Aktionen verwickelt und damit ständig selbst in Gefahr sind, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Da will man keine Standards setzen, um später wohlmöglich selbst zu den Parias der erwischten Betrüger zu gehören. Im Gegenteil: Man beglückwünscht sich gegenseitig, wieder einen neuen Dreh gefunden zu haben, seine Steuerschuld zu minimieren, auch wenn das Vorgehen zumindest moralisch bedenklich ist. Wer übertreibt und erwischt wird, dem ist die Solidarität der noch nicht Erwischten sicher. Respekt verdient keiner von ihnen. Das Handeln aller dieser ist unsozial und moralisch verwerflich. Die Gesellschaft sollte sie aus ihrer Mitte verbannen. Auch wenn ich Hoeneß nicht mit einem Mörder vergleichen will, muss man sich die Frage stellen, wie viel „hohen Respekt“ ein Mörder verdient hätte, der seine gerechte Strafe „akzeptiert“.

Nach oben