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Die lachhafte Arroganz des David Cameron

von Hubert von Brunn

Der britische Premierminister David Cameron droht mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU im Falle der bei den Europawahlen am 25. Mai 2014 als Sieger hervorgegangene Jean-Claude Juncker EU-Kommissionspräsident werden sollte. Ach was?! Kann man da nur erstaunt ausrufen und fragen: Womit will der gelackte Schnösel den Festlandseuropäern denn drohen? Welchen Schaden würde die EU erleiden, wenn die Insel im Nordatlantik zurückfiele in ihre ach so tolle „splendid isolation“? Hat der Vorzeigeboy der englischen Upperclass (Eton-Schüler und Oxford-Student) immer noch nicht begriffen, dass das glorreiche British Empire schon lange nicht mehr existiert? – An der Stelle nehme ich gerne Howard Carpendale in Anspruch: „Dann geh’ doch…!“

Der Begriff „splendid isolation“ (wunderbare Isolation) umschreibt sehr treffend die Haltung des Britische Empire gegenüber Europa und den Rest der Welt im späten 19. Jahrhundert. Die geografische Insellage ausnutzend, hielt man sich weitgehend aus der europäischen Festlandspolitik heraus und konzentrierte sich allein auf die Ausbeutung der überseeischen Kolonien und Protektorate, die man sich mit perfider Diplomatie und/oder militärischer Gewalt unter den Nagel gerissen hatte. Das hat über einen gewissen Zeitraum sehr gut funktioniert – so lange bis die ersten Neger und Heiden aufmuckten und sich den englischen Herrenmenschen nicht länger unterordnen wollten. Das Empire begann zu bröckeln, und der Regierung in London blieb nichts anderes übrig, als die ebenso bequeme wie arrogante Isolation aufzugeben und sich mit anderen starken Mächten zu verbünden, um nicht in Hunger, Elend und politischer Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die Anglo-Japanische Allianz (1902), die Entente Cordiale mit Frankreich (1904) und die Triple Entente mit Frankreich und Russland (1907) waren die Folge. Ende der „splendid isolation“.

Großbritanniens langer Weg nach Europa

Nach zwei grausamen und für alle Beteiligten verlustreichen Weltkriegen haben sich die Europäer besonnen und eingesehen, dass es viel besser ist, politisch und wirtschaftlich zusammenzuarbeiten als gegeneinander Krieg zu führen, und machten einen Anfang mit der Gründung der EWG (1957). Das Inselvolk und seine Politiker beäugten diesen Vorgang mit größter Skepsis, doch angesichts der rasanten wirtschaftlich Talfahrt des Vereinigten Königreiches sah sich der damalige Premier Harold Macmillan 1961 gezwungen, einen Aufnahmeantrag zu stellen. Bei den Beitrittsverhandlungen nervten die Briten die europäischen Partner dann allerdings mit einem immer dicker werdenden Forderungskatalog an Änderungswünschen und Sonderkonditionen derart, bis es dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle zu dumm wurde. Er legte 1963 sein Veto gegen den Beitritt der Briten ein und untermauerte seine Entscheidung mit der Aussage, dass Großbritannien „ganz und gar uneuropäisch und nicht reif für den Eintritt in die EWG“ sei.

In den folgenden Jahren ging die wirtschaftliche Entwicklung auf der Insel weiter steil nach unten, so dass sich der dann regierende Premierminister Harold Wilson genötigt sah, 1967 einen weiteren Aufnahmeantrag an die EWG zu richten. Wieder kamen die Briten mit unverschämten Forderungen daher, und wieder legte de Gaulle sein Veto ein. Für ihn war Großbritannien „ein schwarzer Fleck in der Gemeinschaft, der das Gleichgewicht zerstörte“. Zähneknirschend passten sich die Briten dann den wesentlichen Forderungen der Gemeinschaft an und schafften 1973 im dritten Anlauf schließlich die Aufnahme in der EWG.

Extrawürste und Blockadepolitik

Bis heute hat sich Großbritannien als das am wenigsten integrationsfreundliche Land in der EU erwiesen und tut sich im Kreise der 28 vor allem dadurch hervor, dass es ständig auf seinen Sonderstatus pocht und mit seiner egoistischen Enthaltungs- und Blockadepolitik immer wieder für Unstimmigkeiten sorgt. Für kein anderes Land in der EU wurden und werden derart viele Extrawürste gebraten wie für das Vereinigte Königreich. An der Stelle sei an den 1984 unter der Regentschaft von Maggie Thatcher ausgehandelten „Briten-Rabatt“ erinnert, der den Briten das Sonderrecht einräumt, 66 Prozent des Nettobetrags, den sie in den Etat der EU einzahlen, in Form von Beihilfen, Subventionen etc. zurückzufordern. “What we are asking for is a very large amount of our own money back!” hat die „Eiserne Lady“ damals ihre rigide Verhandlungsposition untermauert und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie andernfalls ihre seit Jahren betriebene Blockadepolitik in der EG fortsetzen und die so genannte Eurosklerose-Krise verschärfen werde. Das war eine glatte Erpressung. Der Luxemburger Jean-Claude Juncker war und ist ein erklärter Gegner dieses „Briten-Rabatts“. Nicht zuletzt deshalb will Cameron ihn auf gar keinen Fall auf dem Stuhl des EU-Kommissionspräsidenten sehen.

Bei der Lösung der aktuellen Probleme, mit denen die EU konfrontiert wurde und wird, sieht es nicht anders aus: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, Fiskalunion, Schuldenbremse, Rettungsschirm für verschuldete Partnerländer, Asyl- und Flüchtlingsproblematik, Bankenaufsicht – um nur einige Schlagworte zu nennen – die Briten sind immer dagegen bzw. halten sich raus. Nur wenn es etwas zu holen gibt, wenn sich die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft als vorteilhaft erweist für die Durchsetzung nationaler Interessen, dann stehen sie in der ersten Reihe und rufen am lautesten. Das Wort „Solidarität“ haben die Briten längst aus ihrem Wörterbuch gestrichen – wenn es denn je da gestanden hat.

Düsteres Szenario für Britanniens Zukunft

Und jetzt kommt Cameron als beleidigtes Leberwürstchen daher und droht der EU – trotz aller Privilegien und Sonderrechte, die das Vereinigte Königreich genießt – mit Austritt. Woher nimmt der Mann bloß seine Arroganz? Was lässt ihn glauben, die Gemeinschaft der Europäer würde ohne die Briten auseinander brechen? Diese Vorstellung ist geradezu lachhaft, denn genau das Gegenteil würde der Fall sein. Die EU wäre einen dauernden Störenfried los und könnte ohne die britische Blockadepolitik bei so mancher Entscheidung viel schneller zu einem Ergebnis kommen. Großbritannien als Absatzmarkt ist global betrachtet eher eine quantité négligeable. Also: Welchen Schaden hätte das Vereinte Europa zu erleiden, wenn die Briten sich aus dem Club verabschieden? Minimal bis gar keinen, würde ich meinen.

Für die Briten sähe es umgekehrt recht düster aus. Die Vorteile des EU-Binnenmarktes wären dahin, Zölle auf ihre Exportwaren (mehr als die Hälfte geht in Länder der EU) würden fällig, London würde seine Vormachtstellung als Finanzplatz Nr. 1 verlieren; falls es zu einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA kommt, wäre Großbritannien draußen und als vergleichsweise kleines Land mit 63 Mio. Einwohnern würde es zu einem wirtschaftlichen Leichtgewicht verkümmern, ohne Aussicht auf vorteilhafte Abkommen mit den Großen wie China, USA, Russland oder Indien. Wenn sich die Schotten dann per Referendum im September 2014 auch noch aus dem Vereinigten Königreich verabschieden, was durchaus denkbar ist, hat die Queen gleich noch einmal rund 5,5 Millionen Untertanen weniger.

Isolation? – Durchaus, aber keineswegs mehr „splendid“

Dann hat England seine Isolation wieder, die allerdings alles andere als „splendid“ sein wird. Die Auswirkungen für das Volk werden im Gegenteil ganz fürchterlich sein. Die Lebensverhältnisse werden innerhalb kürzester Zeit wieder ähnlich miserabel sein wie in den 1960er und frühen 1970er Jahren, und wenn die wirtschaftliche Talfahrt anhält, werden die Zustände auf der Insel ganz schnell so katastrophal sein wie vor 100 Jahren. Aber dann sind keine überseeischen Kolonien mehr da, die man noch ausbeuten kann, und die Machtverhältnisse auf der Welt haben sich längst dergestalt formiert und stabilisiert, dass es England selbst mit der perfidesten Diplomatie nicht mehr gelingen würde, wie vor 100 Jahren einen Krieg anzuzetteln, durch den sich das marode Land wenigsten wieder für ein paar Jahre sanieren könnte.

Ihre Drohgebärde läuft ins Leere, Mr. Cameron, und Sie täten gut daran, öfter mal Ihr Gehirn einzuschalten, ehe Sie den Mund aufreißen. 

 

Sie interessieren sich für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts? Sie möchten mehr wissen über Hintergründe und Zusammenhänge der angloamerikanischen Politik und über die "Spezialitäten" der britischen Diplomatie? – Dann empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Buches:

England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert
von Peter Haisenko

​ Die perfiden Strategien des British Empire

​ ISBN 978-3-940321-03-9

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