------------------------------------

-------------------------------------

---------------------------------------

Sprachverhunzung 3: Nur noch „Professorinnen“ an der Uni Leipzig

Von Hubert von Brunn

In den Statuten der Uni Leipzig sind künftig nur noch weibliche Bezeichnungen zu verwenden: Rektorin, Professorin, Dozentin, Wissenschaftlerin usw. – auch wenn die akademische Tätigkeit von einem Mann ausgeübt wird. Die Verhunzung der deutschen Sprache durch Gender-Mainstream-Fanatiker treibt immer absurdere Blüten. Besonders pikant: Dieses Musterbeispiel sächsischer Sprachintelligenz hat sich, wie zu lesen war, ein Mann ausgedacht! Ich erspare es mir an der Stelle, Vermutungen über den Geisteszustand dieses Herrn anzustellen und biete dem geneigten Leser stattdessen ein Kapitel aus meinem Buch „Staat der Frauen“ ­ (erschienen 1999) an. Bitte beachten: Das Buch ist Satire – die Uni Leipzig ist Realität!

Die Sprache der Siegerinnen

     Die Demontage des Adlers hatte sich als eine vergleichsweise leicht zu bewerkstelligende Angelegenheit erwiesen. Waren die Fakten, die gegen dieses Monstrum sprachen, doch eindeutig und für jede Frau nachvollzieh­bar. Ein Verbleib  dieses Ursymbols männlicher Willkür­herrschaft als Wappentier in dem neugeschaffenen, fort­schrittlichen Frauenstaat war allen Parlamentarierinnen als so fraglos unangemessen erschienen, daß eine Grundsatzdebatte hierüber nicht geführt werden mußte. Die Auseinandersetzung über das Nachfolgetier schließlich war am Ende eher ein aka­demischer Streit, bei dem weni­ger das Ergebnis von Bedeutung war als die Tatsache, ihn geführt und - aus Sicht der EWFFP - gestützt auf wissen­schaftliche Erkenntnisse gewonnen zu haben.

    Eine weitaus kompliziertere Aufgabe stellte den femi­nistischen Staatslenkerinnen die Sprache. Wie oft hatten sie in der Vergangenheit gegen Sprachchavinismen al­ler Art ankämpfen müssen, gegen realitätsverzerrende maskulinisierende Vereinfachungen, gegen frauenfeindli­che Begriffe und Redewendungen, die jeder gedankenlos in den Mund nahm, ge­gen den alltäglichen verbalen Sexismus, der die Zeitungsspalten füllte und von den Fernsehschirmen aus die Wohnzimmer über­flutete? So ausgeklügelt impertinent hat sich das männlichste aller Ordnungssysteme, die Grammatik, über Jahrtausende ent­wickelt und in den Gehirnwindungen festgefressen, daß ihr, so­lange die Männer regierten, kaum beizukommen war. Sorgsam hegten und pflegten die Herren ihre Sprache, das gewaltigste ihrer Machtinstrumente. Eifersüchtig wachten sie darüber, daß Feminisierungsbestrebungen jedweder Art schon im Keime erstickt wurden. Höchstens unbedeutende Scheinerfolge wie jene lächerli­che man/frau-Geschichte haben sie, nachdem sie sich mächtig darüber erregt hatten, irgendwann milde lä­chelnd zugelassen. Dort aber, wo es wich­tig war, herrschte immer die Sprache der Männer.

    Diesem Phänomen mußten die Frauen jetzt, da es in ih­rer Macht lag, mit Entschlossenheit begegnen. Ihre Glaubwürdigkeit, ihr Selbstverständnis als Schöpferinnen einer neuen, besseren Welt war mit der erfolgreichen Bewältigung dieser Aufgabe un­trennbar verknüpft. Kompliziertheit und Tragweite dieses Unterfangens waren vor allem den Frauen im radikalen Lager schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Machtübernahme bewußt ge­worden. Lange vor den Wahlen, die die Herrschaft der Frauen ebenso eindrucksvoll wie endgültig bestätigten, hatte sich aus den Reihen der Radikalen Klaferzen Liga ein außerparla­mentari­scher Arbeitskreis "Feministische Sprachreform" gebildet, um die Grundlagen für eine "den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Frauschaft ad­äquaten Sprache" zu erarbeiten. Ins Leben ge­rufen hatte diesen Arbeitskreis Sybille Silbenbruch, eine enga­gierte Germanistin und leidenschaftliche Parteigängerin der RKL. Um sich herum scharte sie eine Handvoll gleichgesinnter Sprachwissenschaftlerinnen, Soziologinnen und Pädago­ginnen, die sich daran machten, die Sprache auf ihre patriarchalischen, chauvinistischen und  sexi­sti­schen Aus­wüchse und Absonderlichkeiten zu untersu­chen. Mit unwiderstehlichem Arbeitseifer arbeiteten sich die Forscherinnen durch Duden, Lexika und Grammatiken. Sie fertigten endlose "schwarze Listen" von Worten und Begriffen an, deren Geschlecht sich än­dern müßte, die durch andere, freuenfreundliche ersetzt werden sollten oder die gänzlich aus dem Sprachgebrauch zu eliminieren seien. Der "AK Silbenbruch", so das interne Kürzel, leistete harte Arbeit, die Kompetenz der Leiterin stand außer Fra­ge, und so war es nur eine logische Konsequenz, daß Sy­bil­le Silbenbruch dann auch als Ministerin für das Ressort "Feministische Sprache und Kultur" nominiert wurde. 

    Auf einer eigens einberufenen Sondersitzung - einziger Tagesordnungspunkt: "Feministische Sprachreform"- erhielt die Ministerin Gelegenheit, die Ergebnisse, die sie und ihr emsiges Sprachreinigungs-Team in den vorange­gangenen Monaten erar­beitet hatten, dem Parlament vor­zulegen. Der Bedeutung und Tragweite ihrer Arbeit voll bewußt, hatte sich Sybille Silbenbruch sogfältig auf diesen Tag vorbereitet. Nicht nur für ihre persönliche Biografie sollte dieser Auftritt eine absolute Sternstunde sein. Nein, mit ihrem Werk, dessen war sie sich si­cher, würde ein neues Kapitel in der Geistesgeschichte dieses Landes, ja des gesamten Kulturkreises aufgeschlagen wer-den. Mit einem rhetorisch wie dramaturgisch ausgefeilten Rede­manuskript trat sie an das Rednerpult.

     "Parlamentarierinnen, Kämpferinnen, Frauen! Wir ha­ben die Männer in die politische Wüste geschickt, die Diktatur des Patriarchats hat ausgedient."

    Minutenlanger frenetischer Beifall im Saal.

    "Die Macht im Staate liegt endlich dort, wo sie schon immer hingehörte: in den Händen der Frauen. Wir haben dafür gesorgt, daß alle wichtigen Kommunikations-Instru­mente, die Verlage, Sendeanstalten, Werbeagenturen etc. schädlichen männlichen Einflüssen entzogen sind und un­gehindert in unserem Sinne ein­gesetzt werden können. Das allein ist eine großartige Leistung, auf die wir mit Recht stolz sein können und um die uns Millionen Frauen in der Welt beneiden."

    Erneut unterbrach tosender Applaus den Vortrag.

    "Doch seien wir vorsichtig und wachsam. Große Gefah­ren lau­ern überall. Gefahren, die um so gemeiner sind, da sie unter dem Deckmäntelchen der Normalität und Selbst­verständlichkeit daherkommen, und damit von den we­nig­sten überhaupt als Gefahren identifiziert werden. In allen Köpfen, auch in den eu­ren, die ihr über alle Zweifel erhaben auf der richtigen Seite kämpft, hat sich dieses Gefahrenpotential eingenistet und lauert dort auf seine hinterhältigen Chancen. Was ich meine, ist die de­struktive Kraft der herrschenden Sprache." 

    An dieser Stelle setzte Sybille Silbenbruch gekonnt eine rheto­rische Kunstpause. Das Auditorium war ihren Aus­füh­rungen mit konzentriertem Interesse gefolgt, so daß sich jetzt eine schier bedrückende Stille im Saal aus­brei­tete. Als die Ministerin noch immer keine Anstalten machte weiterzusprechen, hob ein ver­unsichertes Mur­meln an. Mit schneidender Stimme fuhr die Sprach­gewaltige am Rednerpult dazwischen.

    "Das ist es, wovor ich euch warnen will: eure still­schweigende, verinnerlichte Ignoranz. `Herrschende Spra­che´ habe ich gesagt. Anstatt ein Aufschrei des Entsetzens mich unterbricht, verharrt ihr im dumpfen Schweigen wiederkäuender Kühe. Herrschen! Es herrscht niemand mehr, weil es keine Herren mehr gibt! Was also soll dieses Wort? Hat es noch eine Berechtigung, auch nur von einer Frau in den Mund genommen zu werden?"

    Die jetzt mit Bedacht gesetzte rhetorische Pause nutzten die Parlamentarierinnen nun, um sich kollektiv vom Bild der wi­derkäuenden Kühe zu befreien und zollten ihrer klugen Ministerin den gebührenden Beifall. Selbst Kanz­lerin Schapunski-Klagefeld, die ihrerseits mehr als einmal ihre Meisterschaft des wohlgesetzten Wortes unter Be­-weis gestellt hatte und so leicht nicht zu beeindrucken war, fühlte sich be­müßigt, ihren Respekt durch anhaltendes Händeklatschen zu be­kunden. Siegesgewiß setzte Ministerin Silbenbruch ihre Rede fort.

    "Dieses kleine Beispiel hat hoffentlich deutlich gemacht, daß die von mir angesprochenen Gefahren nicht zu unter­schätzen sind. Sprache ist Form und Inhalt zugleich. Deshalb ist eine durchgreifende Reform unserer Sprache unumgänglich. Wir müssen dafür sorgen, daß die Sinn­gebung dessen, was wir mit Sprache transportieren wol­len, nicht konterkariert wird durch inhaltsleere Wort­hülsen und überkommene Formen einer unter­gegan­genen Epoche." Während sie den Applaus abwartete, ließ sich Sybille Silbenbruch diesen letzten Satz noch einmal im Stillen auf der Zunge zergehen. Wehe der Zeitung, der Fernsehanstalt, die die­sen Satz nicht Wort für Wort zitie­ren würde...

    "Wir müssen das Unkraut an den Wurzeln ausreißen, die Gefahrenherde im Keim ersticken. Mit anderen Worten: wir müssen eine völlig neue, ehrlich feministi­sche, das heißt vom Männlichkeitswahn gereinigte Sprache entwickeln. Und wir müssen durch eine strenge Gesetzgebung dafür sorgen, daß diese unsere Sprachrege­lungen konsequent eingehalten werden. Nur so können wir dem Staat der Frauen auf Dauer ein ideolo­gisch si­cheres Fundament geben. Nur so wird unser Sieg voll­kommen sein."

    Tief befriedigt von der Wirkung, die ihre Rede bei den Parlamentarierinnen hinterlassen hatte, ging Sybille Silbenbruch vom Rednerpult zurück auf ihren Ministe­rinnensessel. Saaldiener - die einzigen im Hohen Hause zugelassenen männli­chen Personen - machten sich inzwi­schen daran, ein mehr als hundert Seiten starkes Papier, in dem die feministischen Sprachregelungen im einzelnen festgehalten waren, auszuteilen. In dem ihr eigenen Sinn für Pragmatik hatte die Sprachministerin jede der vom Arbeitskreis erarbeiteten Analysen gleich mit dem ent­sprechenden Änderungsvorschlag versehen und so  dieses Diskussionspapier zugleich als Abstimmungsvorlage kon­zipiert. Sie wußte, daß dieses zügige Vorgehen auch im Sinne der Kanzlerin war und sie wußte ebenfalls, daß sie die EWFFP/RKL-Mehrheit bei jeder einzelnen Abstim­mung auf ihrer Seite haben würde. Und so wurden in je­ner Sondersitzung des Frauenparlaments die Regeln für eine neue, wahrhaftige den moralischen, ethischen, kul­turellen und politischen Selbstverständnis des Frau­en­staates adäquaten Sprache festgelegt.

    In der Zusammenfassung lasen sich die wesentlichen Erkennt­nisse und Veränderungen in der neuen feministi­schen Sprachlehre in fünf Grundregeln wie folgt:

1. Eigennamen, Anrede, Berufsbezeichnungen, akademische und sonstige Titel  sind ausschließlich in der weiblichen  Form, also mit der Endung "in" bzw. "innen" zu verwenden.        

 2. Alle Substantive, die Negatives ausdrücken und bisher weiblich waren, erhalten einen männlichenArtikel (z.B. der Eifersucht, der Mißgunst, der Ka­no­ne, der Lüge usw.)

3. Alle Substantive, die Positives ausdrücken und bisher männlich oder säc lich waren, erhalten einen weiblichen Artikel (z.B. die Mut, die Wille, die Sieg, die Wissen usw.)

4. Alle Substantive, deren Bedeutung nicht eindeutig dem Positiven oder Negativen zuzuordnen ist, werden zu Neutren erklärt (z.B. das Autorität, das Vergleich, das Umstand, das Geruch usw.)

5. Vollständig eliminiert werden alle Begriffe sexistischen, pornografischen und anderweitig frauenfeindlichen Inhalts. Ersatzvokabeln unterliegen nicht der tradierten Sprachästhetik. Ihre Tauglichkeit wird allein an ihrer feministischen Glaubwürdigkeit gemessen.

    Während die Verabschiedung der Regeln 1. bis 4. kei­nerlei Probleme bereitete, erforderte die Festlegung der unter Punkt 5. festzulegenden Begriffe "...anderweitig freuenfeindlichen Inhalts" doch einige Diskussionen, die mit großer Ernsthaftigkeit, mitunter leidenschaftlich ge­führt wurden. Es war ein hartes Ringen um die feministi­sche Sprachwirklichkeit der Zukunft. Nur vereinzelte und in der Konsequenz nicht ernstzunehmende Einwände gab es, als "das Fräulein" zur Eliminierung anstand. Dieses Diminutiv ist an sich schon entwürdigend, zum Neutrum degradiert kann es von der modernen Frau des 21. Jahrhunderts jedoch nur als unerträglich empfunden werden. Ausgeburt kranker Männerhirne und als solche nicht die Spur einer Existenzberechtigung in einer eman­zipierten Sprache - Miss hin, Mademoiselle her, Señorita rauf und Signorina runter. Auch eine junge Frau ist eine Frau, nicht anderes.

    Nicht ganz so einfach war die Sache mit dem "Mädchen". Natürlich mußte auch hier das Neutrum ver­schwinden - und am besten  das Wort als solches. Ein Begriff zur geschlechts-spezifischen Unterscheidung der auf weib­licher Seite dem Knaben bzw. Jungen Paroli bie­ten konnte, erschien indessen unverzichtbar. Der Rück­griff auf "die Maid" wurde verworfen, weil antiquiert und zu nahe bei der "Magd". Eine semantische Analyse ergab schließlich "eine Frau im Kindesalter". Es konnte sich also nur um ein zusammengesetzte Substantiv handeln, das beide Gedan­ken transportiert. "Kindfrau" schied aus, da dieser Begriff in anderem Kontext gebräuchlich und ein­deutig besetzt ist. Die Lösung: der Begriff "Mädchen" wurde ge­strichen und ersetzt durch den Begriff "Fraukind" - ver­sehen mit dem weiblichen (!) Artikel.

    Als nicht weniger problematisch erwies sich das Wort "Mitglied". Gäbe es in der deutschen Sprachen nicht jenen fatalen Doppelsinn, den das Wort "Glied" mit sich herum­schleppt, wäre die Sache einfacher gewesen. "Mitglied" - unzweideutig verstanden als "ein weiteres Glied in der Kette" - hätte lediglich der weiblichen Endung bedurft, um als "Mitgliedin" salonfähig zu bleiben. Da "Glied" aber nun mal auch, und womöglich im alltäglichen Sprach­gebrauch überwiegend, das männliche Geschlechtsorgan bezeichnet, war es gänzlich ausgeschlos­sen, eine Frau "Mitglied" oder "Mitgliedin" zu nenne. Aber auch die Verneinung schied aus. "Ohnegliedin" wäre zwar der bio­logischen Wahrheit nähergekommen, doch die Definition einer Frau als Verneinung eines originär männ­lichen Teils, und noch dazu eines solchen, war schlicht in­akzep­tabel. Der einzige Ausweg lag auch hier in der völli­gen Eliminierung des Wortes "Mitglied". An seine Stelle trat, wenig spektakulär, aber unverdächtig und eindeutig: "die Zugehörige".

     Kontrovers diskutiert wurde "der Mann" inklusive aller Ableitungen und zusammengesetzter Formen wie Mann­schaft, männlich, Männerheim usw. Mit aller Macht ver­suchten die RKLinnen den radikalemanzipatorischen Flügel der EWFFP für sich zu gewinnen, um "Mann" durch "Schwein" zu ersetzen. Vergeblich. Es kam zu einer Kampfabstimmung, aus der der gemäßigte Block der Regierungspartei im Zusammenspiel mit der Opposition siegreich hervorging.  Danach sind "der Mann" sowie alle Ableitungen und zusammengesetzten Formen aus dem Sprachgebrauch zu streich, wo immer es möglich ist. Dort, wo es unumgänglich ist, das Nichtweibliche explizit dar­zustellen, wird dies durch die Verwendung der beiden Buchstaben XY bewerkstelligt. Diese Lösung erschien der Mehrheit im Parlament doch als die wesentlich elegan­tere. Mit dem Rückgriff auf das Chromosomenpaar gab man sich wissenschaftlich eindeutig, sachlich und unwi­derlegbar. "Schwein" hätte nur unnötige Emotionen ausge­löst, "XY" dagegen wirkte absolut nüchtern, geradezu nichtssagend. Kanzlerin Anne-Heide Schapunski-Klagefeld war höchst zufrieden mit diesem Abstimmungserfolg. Seitenhiebe austeilen und dabei unangreifbar bleiben - das war ihre Sache. Hier zeigte sich die wahre Mei­ster­schaft einer genialen Politikerin.

    Auch "der Herr" (inklusive aller Ableitungen und zu­sammengesetzten Formen wie Herrschaft, herrlich, her­renlos, herrschen usw.) bereitete Unannehmlichkeiten. Der im herkömmlichen Sprachgebrauch übliche weibliche Gegenpart "Dame" erwies sich bei genauerem Hinsehen als untauglich. Vor allem die Vorstellung, aus "herrlich" "damlich" zu machen, erschien wenig erfreulich. "Dämlich" lag gefährlich nahe. Dieses Wort existierte aber nun mal und würde, dessen war man sich sicher, in seiner negativen Bedeutung nicht aus dem Sprachgebrauch des gemeinen Volkes zu streichen sein. Auf die Verwendung von "Dame" sollte also am besten verzichtet werden. Als einzig kon­genialer Ersatz für "Herr" konnte indessen nur "Frau" in Frage kommen: die Frau, die Frauschaft, fraulich (der Doppelsinn mußte als das kleinere Übel in Kauf genom­men werden), frauenlos, frauschen, Frauin usw.

    Es wurde am Ende eine recht lange Sitzung, ehe das ge­samte Papier zur "Feministischen Sprachreform" abgear­beitet war. In den frühen Abendstunden dieses denk­würdigen Tages konnten die Kanzlerin Anne-Heide Schapunski-Klagefeld und die Ministerin für Feministi­sche Sprache und Kultur, Sybille Silbenbruch, schließlich vor den ungeduldig wartenden Pressevertreterinnen jene Erklärung abgeben, die den Leserinnen und Lesern der  Morgenblätter im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug:

 

Die Verstand die Frauen -

 die Sieg die Vernunft

Eine weitere großartige Sieg auf die Weg in eine glückliche Zukunft unsere Staat haben die tapferen Frauen unsere Regierung errun­gen. Ihre ganze Wissen und Sorgfalt haben sie in das Waagschale ge­worfen, um unsere Sprache von deformierenden und schädlichen XY-Einflüssen zu säubern. In mühevolles Arbeit ist es unseren Politikerinnen gelungen, die Frauschaft über das Wort endgültig zu si­chern.

Alle Frauen und erst recht alle XY im Lande werden aufgefordert, die neuen Sprachregelungen umgehend zu verinnerlichen. Eine neue Gesetz, die die Einhaltung diese Regelungen überwacht, wurde verabschiedet. Derzufolge werden nach einem Übergangsfrist von drei Monaten alle Verstöße mit Geldbußen, im Wiederholungsfalle mit Haftstrafen belegt.

Das ganze Welt wird von die neuerliche Sieg unsere Frauenregierung über den XY-Größenwahn sprechen und frau wird in anderen Ländern nicht umhin kom-men, sich über diese zivilisatorische Fortschritt ernsthaft Gedanken zu machen. Dieses heutige Tag wird eingehen in das Geschichte des Menschheit. 

    "So ein Quatsch!" brach es aus Karl Grüner heraus, "so ein widerlicher, haarsträubender Schwachsinn!"

    Wütend warf er die Zeitung in die Ecke. Sprache hatte für ihn - ähnlich wie Musik - sehr viel mit Ästhetik zu tun. Virtuoser, alle stilistischen Nuancen beherrschender, in verborgene Tiefen vordringender Umgang mit Sprache stellte für ihn eine ebenso bewunderungswürdige Kunst dar wie das Klavierspiel eines Vladimir Horowitz.

    War es nicht genug, die fortgeschrittene Sprach­dekadenz einer sogenannten zivilisierten Gesellschaft tagtäglich ertragen zu müssen, sich wider­standslos von comichaft verkürzten Sprachfetzen in der Werbung, in den Medien generell bombardieren zu las­sen? - Nein, den Klaferzen genügte das offenbar nicht. Sie mußten jener Sprache, die irgendwann einmal die der Dichter und Denker gewesen sein soll, mit ihren feministi­schen Verballhornungen endgültig den Garaus machen.

    Die profunde Wut, die Charly über diesen neuerlichen Gewaltakt der Frauenregierung empfand, riß ihn für einen Moment aus der allgemeinen Lethargie, der er sich seit der Frauenwende Schritt für Schritt ergeben hatte. Entschlossen zog er die Zeitung wieder bei, suchte aus dem Impressum die Verlagsnummer heraus und drückte die entsprechenden Tasten auf seinem Telefonapparat. Die Person, die unvorsichtiger Weise am anderen Ende der Leitung den Hörer abgenommen hatte, bekam nun Charlys aktionistischen Anfall mit voller Wucht zu spüren:

    "Hören Sie, verarschen kann ich mich selber! Dafür muß ich nicht auch noch jeden Monat 30 Mark bezahlen. Für Ihre Mistpostille gebe ich in Zukunft keinen Pfennig mehr aus, ist das klar!? Also streichen Sie meinen Namen gefäl­ligst aus der Abonnentenliste! -- Was? Nicht zuständig? -- Interessiert mich einen feuchten Kehrricht. Ich lasse mir diesen Schund nicht länger bieten. -- Nein, ich will nicht mit der Vertriebsleiterin sprechen, ich denke nicht daran. -- Meinen Namen? Grüner, Karl Grüner. Grün wie Rot, nur mit e r am Schluß. --Wie? Kundennummer? Was weiß ich? Sehen Sie in ihren Computer unter Grüner nach, dann ha­ben Sie meine Kundennummer. Und dann löschen Sie alles, was mit mir zu tun hat, alles! Ich will die gequirlte Kacke in Ihrem feministischen Verdummungsorgan nicht mehr lesen, geschweige denn dafür bezahlen! Wiederhörn."

    Beinahe war Charly ein wenig stolz auf sich, auf sein forsches, bestimmtes Auftreten. Na ja, vielleicht hätte er das mit dem "feministischen Verdummungsorgan" lieber nicht sagen sollen. Das könnte Ärger geben. -- Egal, gesagt ist gesagt. In jedem Falle fühlte er sich jetzt bedeu­tend wohler.

    Und Karl Grüner war bei weitem nicht der einzige Leser, der sich über diesen von höchster Stelle verordne­ten Sprachsalat aufregte und empört sein Abo kündigte. Vielmehr führte die feministische Sprachreform zu dra­matischen Auflageneinbrüchen bei allen Zeitungen und Zeitschriften. Nicht besser erging es den elektronischen Medien. Die Einschaltquoten bei Nachrichten und Magazinsendungen (Spielfilme konnten nicht so schnell nachsynchronisiert werden) tendierten nach kürzester Zeit gegen Null, weil kein normaler Mensch das verquase Kauderwelsch der Sprecherinnen und Moderatorinnen mehr ertragen konnte.

    Zu sehr waren die Menschen draußen im Lande mit ih­rer Sprache verwurzelt, als daß sie sich diese tägliche Vergewaltigung gefallen lassen wollten. Wie aber sollte die gloreiche Frauenregierung ihr geliebtes Frauenvolk erreichen, wenn die Medien keine Beachtung mehr fanden? Im übrigen - und hierin erblickten zahlreiche Politikerinnen das noch größere Übel - zeichnete sich aus­gerechnet in der Ablehnung der "Femsprache" eine beängstigende Übereinstimmung zwi­schen Frauen und XYs ab. Ein derartiger Solida­ri­sie­rungseffekt war auf keinen Fall hinzunehmen.

    Die Frauenregierung hatte keine andere Wahl. Wenige Wochen nach Einführung der femini­sti­schen Sprach­regelung mußte eine weitere Sondersitzung zu die­sem Thema anberaumt werden. Alles Zetern und Lamentieren half nichts: die mit großem Aufwand er­ar­beitete Sprachreform war ein Schuß in den Ofen und in der beabsichtigten Weise nicht durchzusetzen. Besonders für Sybille Silbenbruch war dies eine bittere Erkenntnis, und die Häme, die sich von den Oppositionsbänken über sie ergoß ("...größter Flop der Frauenregierung", "Buchsta­bendilettantismus" etc.), tat weh. Doch die Parlamen­tarierinnen der Regierungs­ko­alition, Ministerinnen und Kanzlerin ließen ihre wackere Grammatikamazone nicht im Regen stehen. Am Ende der Beratungen wurde mit den gewohnten Mehrheiten ein salomonisches Urteil gefällt. In der an­schließenden Pres­se­verlautbarung hieß es:

    "Der Arbeitskreis Feministische Sprachreform um die Ministerin für Feministische Sprache und Kultur, Sybille Silbenbruch, hat hervorragende Arbeit geleistet. Leider müssen wir feststellen, daß die Zeit noch nicht reif ist für die von unseren weitsichtigen Wissenschaftlerinnen for­mulierte  progressiven Sprachästhetik. Das Frauenparla­ment hat deshalb mit großer Mehrheit be­schlossen, die Feministische Sprachreform stufenweise einzuführen. Demnach behalten die unter Punkt 1. und 5. getroffenen Regelungen uneingeschränkt ihre Gültigkeit. Die gesetz­li­chen Regelungen sind bei Zuwiderhandlung in vollem Umfang anzuwenden. Die Punkte 2., 3. und 4. sind vorerst aus dem Reformpaket herausgenommen und werden zu einem späteren Zeitpunkt erneut dem Parlament zur Entscheidung vorgelegt. Ein Wort allerdings muß ab sofort vor weiterem Mißbrauch geschützt werden: Es heißt nicht der Mond, sondern die Mond - ab sofort und immerdar.

    Als Grüner diese letzte Meldung zum Thema feministi­sche Sprachreform im Rundfunk hörte, mußte er herzhaft lachen. Na also, dachte er zufrieden, ganz verblödet ist das Volk ja doch noch nicht. Aus tiefstem Herzen gönnte er den Sprachvergewaltigerinnen diese Niederlage und noch mehr, daß sie gezwungen waren, sie öffentlich einzuge­stehen.

Die Sache mit "die Mond" dagegen fand er gar nicht so daneben. Auch wenn dem Volk keine gesonderte Begründung für diese interplanetarische Geschlechts­umwandlung mit auf den Weg gegeben wurde - einleuchtend war sie allemal. Stand der Erdtrabant doch von Alters her für das Yin, für das Prinzip des Weiblichen, für das Dunkle, Geheimnisvolle... Im Falle des Mondes hatte sich die deutsche Sprache in der Tat völlig wider­sinnig im Geschlecht vergriffen.

Ein kalter Schauer fuhr über Charlys Rücken als er sich im Zuge seiner lunaren Reflexionen dabei ertappte, eine Verordnung der Klaferzen-Regierung richtig gut zu fin­den.

"Mein Gott, nur das nicht", seufzte er gequält. Doch au­genblicklich erhellte sich sein Gesicht, als ein schmaler Sonnenstrahl durch das Fenster ins Zimmer fiel. Aha, da haben wir´s. Wenn sie konsequent und fair wären, dann hätten sie auch verkünden müssen, das es der Sonne hei­ßen muß, stellte er erleichtert fest. Aber es geht ihnen eben nur um ihren verdammten Opportunismus - sie wollen alles für sich vereinnahmen. - Aber nicht mit mir! Ich habe euch durchschaut, ich werde euch nicht auf den Leim gehen. Ich sage weiterhin der Mond.

 

"Staat der Frauen" können Sie bestellen für € 9,- bei Hubert von Brunn Hvonbrunn@t-online.de

Nach oben