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Sprachverhunzung 2: Was hat ein „Mantrailer“ in unserer Sprache verloren?

Von Peter Haisenko

Wieder einmal musste ich mich über die TZ-München ärgern: Da wird von einem „Mantrailer“ berichtet, der eine verschwundene Frau aufspüren soll. Gerade wurde die Straßenverkehrsordnung geschlechtsneutral vergewaltigt – und dann das! Ein „Mantrailer“ ist einfach übersetzt ein „Mann-Verfolger“. Oder doch eher ein „Wohnwagen für Menschen“? Womöglich gar eine „Mann-Kriechpflanze“? Dem gemeinen Zeitungsleser erschließt sich jedenfalls nicht, wer oder was den Mann bzw. wen oder was der Mann verfolgt. Beim guten alten deutschen „Spürhund“ wäre die Sache klar und dabei sogar noch geschlechtsneutral gewesen.

Was machen die Anglizismen mit uns und unserer Sprache? Und nicht nur das. Was macht Sprache und ihre Anwendung überhaupt mit uns? Als ein Polizist noch kein „Bulle“ war, sondern ein „Schutzmann“, offenbarte sich allein schon sprachlich das Vertrauen in die Männer, die Recht und Leben ihrer Schutzbefohlenen redlich beschützten. Die Sprache ist die Grundlage und Ausdruck unseres Denkens und damit unseres Seins.

Sobald fremdsprachliche Worte eingesetzt werden, können damit nicht mehr die allgemein verständlichen Inhalte transportiert werden, wie sie die muttersprachlichen Begriffe garantieren. Weil kaum jemand über ausreichende Kenntnisse der Sprache verfügt, der die neueingeführten Begriffe entstammen, erhalten diese im Deutschen in den meisten Fällen eine andere Bedeutung, als in ihrem originären Sprachraum. Sie werden je nach Bildungsstand unterschiedlich interpretiert, und dasselbe Wort löst verschiedene Emotionen aus. Oder man erkennt überhaupt nicht, dass manche Begriffe oftmals in der Originalsprache Vorgänge beschreiben, die für uns inakzeptabel wären, würde derselbe Vorgang auf Deutsch ausgedrückt.

Unternehmenslenker mit militärischem Rang

Besonders die Business- und Finanzwelt ist gespickt mit solchen Anglizismen, die sich dem Deutschen in ihrer ursprünglichen Bedeutung nicht erschließen. Nehmen wir den „CEO“, wie heute gern der Vorstand eines Unternehmens genannt wird. CEO heißt in Langschrift: „Chief Executive Officer“. Das Lexikon sagt dazu: „Chief“ = Haupt, Anführer, Chef, Vorgesetzter. „Executive“ = ausübend, vollziehend; aber das nächstverwandte Wort ist „Executioner“ und das heißt Henker, Scharfrichter, Vollstrecker. „Officer“ = Offizier, und zwar eindeutig im militärischen Sinn. Erst an zweiter, untergeordneter Stelle kann es auch Polizist oder Beamter sein.

Dem normalen Deutschen erschließt sich also nicht, dass im Englischen den Unternehmensführern ein Rang und eine Aufgabe von der Sprache zugeteilt wird, die mit Kriegsführung zu tun hat. Das korrespondiert dann auch mit der angelsächsischen Auffassung, dass Handel die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln ist.

Ich kann ja verstehen, dass sich einige groß hervortuen wollen, indem sie der Welt mitteilen, dass sie endlich auch ein wenig Englisch können. Bei dieser blöden Angeberei entgeht ihnen allerdings, dass sie sich auf diese Weise der eindeutigen Klarheit ihrer Sprache berauben. Mir kommt es mitunter so vor, als sollten mit der inflationären Verwendung von Anglizismen ganz bewusst Eindeutigkeit und Klarheit aus der Aussage genommen werden.

Überlegene Klarheit der deutschen Sprache

Wie wichtig Sprache für das gesamte Denken und Sein ist, mag man daran ermessen, dass es im Englischen kein Wort für „satt“ gibt. So, wie es im Deutschen kein Wort für „nicht durstig“ gibt. Vielleicht ist das der Grund für die unendliche Gier des angelsächsischen Kapitalismus? Viele Begriffe können nicht in ihrem ursprünglichen Sinn in eine andere Sprache übertragen werden, ohne sie in mehreren Sätzen zu umschreiben. Dementsprechend zweifelhaft ist ihre Verwendung durch Sprachfremde, denn man schließt sich entweder der fremdsprachlichen Denkweise an oder man ordnet dem Begriff selbst eine Bedeutung zu, die nicht mit der Bedeutung des Originals übereinstimmt.

Ich wünsche mir eine sprachlich eindeutige Welt. Ich wünsche mir „Spürhunde“ und „Schutzmänner“. Und ich wünsche mir, dass auch weichzeichnende und im Deutschen nicht existente Formulierungen wie „das macht keinen Sinn“ verschwinden. Es ist doch ein großer Unterschied, ob ich etwas schnörkellos als „sinnlos“ oder „sinnvoll“ bezeichne oder sage: „das macht keinen Sinn“. Mit dem Anglizismus „that makes no sense“ gibt man nicht seine persönliche Auffassung wieder, sondern versteckt sich hinter einer nicht-anwesenden Autorität, die eben keinen Sinn macht.

Das Englische ist gespickt von Vieldeutigkeiten und dem Deutschen an exakter Eindeutigkeit klar unterlegen. Warum wollen wir diesen Vorteil an klarem, eindeutigem Denken aufgeben, indem wir immer mehr unscharfe Anglizismen in unseren Sprachgebrauch aufnehmen?

 

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