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Russland fordert Fluggastdaten! – Und wo ist der Skandal?

Von Peter Haisenko - Flugkapitän im Ruhestand

Vor einem Jahr bereits hat Russland bekanntgegeben, dass sie dieselben zweifelhaften Rechte geltend machen werden, wie die USA: Sie wollen die Fluggastdaten von Passagieren vorab übermittelt haben, die nach und über Russland fliegen wollen. Der Stichtag ist da und die Aufregung ist groß: Die Weitergabe geschützter Daten verstößt gegen EU-Recht! Aha!

Ja, es ist ein Skandal. Wo man sich mit größter Selbstverständlichkeit dem Diktat der USA unterordnet, verstößt dasselbe Ansinnen von Russland gegen EU-Recht. Aber das ist nur ein Aspekt. Russland wird nicht ernst genommen. Seit einem Jahr ist Russlands Anordnung bekannt, und man ignoriert sie einfach. Anstatt sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, vielleicht darüber zu verhandeln, wird Russland jetzt in eine Position getrieben, Härte zu zeigen. Wenn Russland jetzt einfach einknickte, dann gäbe es seine Souveränität gegenüber dem Westen auf. Böses Russland!

Schikanen bei der USA-Einreise sind seit langem Gang und Gäbe

Wer in die USA einreisen will, wird schon immer mit unsinnigsten Vorschriften kujoniert. Er muss so überflüssige Fragen auf dem Formular zur Einreise beantworten wie: „Planen Sie einen terroristischen Anschlag in den USA?“ Oder: „Führen Sie mehr als 10.000,- US-Dollar mit sich, in bar oder ‚monetary instruments’?“ So, wie die erste Frage nur mit nein beantwortet werden kann, müsste die zweite immer mit ja beantwortet werden. Die persönliche Unterschrift auf einem Scheck ist gut für Finanztransfers in unbegrenzter Höhe, also ein ‚monetary instrument’.

Seit „9/11“ werden Fingerabdrücke von jedem genommen, der es wagt, in die USA einzureisen. Vor wenigen Wochen wurde diese Vorschrift auch auf die Ausreise ausgedehnt. Reihenweise wird beliebig Personen die Einreise verweigert, obwohl sie im Besitz eines ordentlichen Visums sind. Das kann Geschäftsleute treffen oder, wie ich es als Pilot mit meiner Crew erlebt habe, auch einen Steward der Lufthansa im Dienst, der sogar ein „D-Visum“ hatte. Dieser Steward war Deutscher, aber in Afghanistan geboren. In keinem dieser Fälle, die zweifellos gegen internationales Recht verstoßen, hat eine europäische Regierung auch nur protestiert.

Arrogant – arroganter – US-immigration

Die Vorgehensweise der US-Behörden in diesen Fällen ist äußerst arrogant. Als ich für meinen Steward zu intervenieren versuchte, für den ich als Kapitän eine Fürsorgepflicht habe, hat man auch mir mit sofortiger Abschiebehaft und Ausweisung gedroht. Dasselbe musste ich erleben, als ich die peinliche und ungerechtfertigte Untersuchung des Gepäcks einer meiner Stewardessen überwachen wollte. Ich könnte viele Beispiele aus meiner persönlichen Erfahrung aufzählen. Eines noch: Obwohl die Zerberusse von Immigration genau wissen, dass die Lufthansa-Crews an der Ostküste immer nur 24 Stunden in den USA verweilen, haben mich diese Anenzephalen (med.: Hirnlos) immer wieder mit der Frage genervt, wie lang ich in den USA bleiben wolle. Nach „9/11“ habe ich dann nur noch die Antwort geben können, die selbst hartgesottene Zöllner überrascht hat: „Nicht eine Sekunde länger, als ich muss!“

Die USA dürfen sich alles erlauben, und es wird hingenommen wie ein biblisches Gebot. Wenn Russland auch nur entfernt Ähnliches tun will, dann ist das ein Angriff auf Datenschutz und Menschenrechte. Es kotzt mich an!

Schwachsinnige Vorschriften gegen internationales Recht

Hier noch eine kurze und unvollständige Chronologie dessen, was die USA in den letzten 20 Jahren bezüglich der Luftfahrt durchgedrückt haben. Meistens gegen internationales Recht, und ohne dass europäische Politiker ernsthaft dagegen protestiert hätten.

Es fing damit an, dass ein Rauchverbot auf amerikanischen Flugzeugen verhängt worden ist. Daraufhin gingen die Buchungszahlen der amerikanischen Airlines im internationalen Verkehr drastisch zurück. Die US-Behörden reagierten und verhängten das Rauchverbot über alle Flüge, die die USA anflogen. Das widerspricht nach wie vor internationalem Recht, denn auch ein Flugzeug ist wie ein Schiff solange nationales Hoheitsgebiet, bis die Brücke in USA angelegt ist. Dennoch haben sich alle brav untergeordnet.

Dann kam „9/11“. Jetzt mussten die Cockpittüren auf die Qualität von Tresortüren aufgerüstet werden, und der Besuch von Passagieren im Cockpit wurde verboten. Anfangs galt das nur über amerikanischem (und englischem) Luftraum. Es war so pervers, dass ich, wenn ich meine Frau im Cockpit mitgenommen hätte, was damals noch möglich war, ich diese während des Überflugs von englischem Luftraum des Cockpits hätte verweisen müssen. Zu bemerken dazu ist, dass die Vorschrift der verschlossenen Cockpittür in den USA bereits vor „9/11“ in Kraft war. Was es genutzt hat, ist bekannt.

Die Durchführung dieser US-Vorschrift wurde von den außeramerikanischen Airlines sofort konsequent erfüllt, während die amerikanischen Airlines nur einen billigen Alu-Riegel an ihre Türen geschraubt haben. Ähnliches war mit der Vorschrift zu beobachten, dass sichergestellt werden muss, dass nur Gepäck an Bord ist, wenn der zugehörige Passagier auch an Bord ist. Dieses Verfahren wird zum Beispiel von der Lufthansa seit mehr als zwei Jahrzehnten angewendet, aber die US-Airlines bringen das bis heute nicht zustande.

Notlandung wegen Harndrang

Anlässlich des ersten Jahrestags von „9/11“ gab es eine besonders nette Anweisung: 30 Minuten nach Start und vor der Landung müssen alle Passagiere angeschnallt auf den Sitzen sein, und eine Stewardess muss im Cockpit sitzen. Pinkeln ist nicht. Es gab doch tatsächlich restlos verblödete US-Kapitäne, die ein Notlandung durchgeführt haben, weil ein Passagier ein dringendes menschliches Bedürfnis hatte.

An jenem 11. September 2002 flog ich nach New York und bereits über Boston, eine Flugstunde vor New York, bekam ich die Anweisung, einen Vollkreis zu fliegen. Das kostet etwa zehn Minuten Zeit und entsprechend Sprit. Meine Frage an den Kontroller, ob das eine Verzögerungsmaßnahme wegen hohen Verkehrsaufkommens über New York sei, wurde verneint. Es handelte sich um eine Maßnahme zur Erhöhung der „Security“, und selbst der Kontroller ließ durchblicken, dass auch er den Sinn dieser Aktion nicht erkennen konnte. Vor allem war es so, dass ausschließlich nicht-amerikanische Airlines die Anweisung für diesen Unfug erhalten hatten. Wie war das? Waren es nicht Flugzeuge amerikanischer Airlines, die in die Türme geflogen sind?

Die Nagelfeile als „Mordinstrument“

Nach „9/11“ durfte ich als Kapitän bei der Ausreise aus den USA keine Nagelfeile oder Nagelschere mehr in meinem Handgepäck mitführen. Das wurde peinlichst kontrolliert. Was dieser Unsinn sollte, entzieht sich bis heute meinem Verstand. Sobald ich an Bord war, hatte ich Verfügungsgewalt über das Bordwerkzeug, das nun wirklich Gegenstände enthält, die tödlich angewendet werden können, wie zum Beispiel auch die Notaxt. Nicht zu reden über das besonders scharfe Zitronenmesser in der First-Class-Galley. Und natürlich die Wein- und Bierflaschen, die mit einem einfachen Schlag in extrem gefährliche Waffen verwandelt werden können. Heute ist es noch verrückter geworden. Selbst im Koffer dürfen Crew-Mitglieder keine Nagelscheren oder Feilen mitführen. Man könnte ja auf dem Vorfeld Zugriff darauf haben.

Alle diese restlos unsinnigen Vorschriften wurden von den Amis erfunden und dem Rest der Welt aufgezwungen. Man hat es klaglos akzeptiert. Jetzt versteht man vielleicht meinen Zorn, wenn auf Russland eingeschlagen wird, weil dieses Land bezüglich Ein- und Überflug ähnliche, aber nicht einmal so weitreichende Vorschriften anwenden will wie diejenigen, die von den USA seit Jahren einfach diktiert werden.

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