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Rente mit 70? – Eine abwegige Diskussion der Verunsicherung

Von Peter Haisenko 

Wie sinnvoll oder dringend kann es sein, jetzt über das Renteneintrittsalter zu diskutieren, wie es in 14 Jahren sein könnte? Ist es nicht eher der nächste Versuch, der privaten Versicherungswirtschaft Geschenke zu machen? Oder will Schäuble mit seinem Vorstoß von drängenderen Themen ablenken? In jedem Fall führt er die alte Kampagne weiter, die gesetzliche Rente gegenüber den privaten Lebensversicherungen schlecht zu reden.

Die Niedrigzinspolitik hat es verdeutlicht: Private Lebensversicherungen sind alles andere als zuverlässig. „Riester“ ist gescheitert. All das ist nicht neu. Die aktuell beschlossene Rentenerhöhung von durchschnittlich etwa fünf Prozent stärkt das Vertrauen in die Rente. Die Versicherungswirtschaft beklagt das Ausbleiben neuer Vertragsabschlüsse und steuert auf eine prekäre Lage zu. Da muss unsere Regierung – gesteuert von der Hochfinanz – gegen halten.

Die Jungen profitieren von der Produktivitätssteigerung durch die Alten

Seit den 1950-er Jahren werden fortlaufend Kampagnen gefahren, die den Bürgern einimpfen sollen, dass private Vorsorge besser sei, als die staatliche Rente. Dass das noch niemals so war, zeige ich an einem Beispiel. Etwa 1955 hat mein Vater eine „befreiende Lebensversicherung“ abgeschlossen in Höhe von 20.000,- DM und durfte so seine Zahlungen für die staatliche Rente einstellen. Mit dieser Summe konnte man damals ein Haus mit Garten in der Nähe von München kaufen. Es zeigte sich schnell, dass sowohl die Lebenshaltungskosten als auch die Immobilienpreise eine Entwicklung nahmen, dass diese Summe fortlaufend aufgestockt werden musste und damit natürlich die Prämien anwuchsen. 1975 bekam er dann die Lebensversicherung ausgezahlt, in Höhe von 63.500,- DM. Damit konnte er nicht einmal mehr ein halbes Haus im tiefsten Niederbayern erwerben. Hätte er nicht eine Betriebsrente von Siemens gehabt, hätte er den Rest seines Lebens in Armut verbringen müssen. Wäre er bei der Rente geblieben, wäre es ihm deutlich besser ergangen.

Machen wir eine einfache Rechnung. Wer 45 Jahre gearbeitet hat, ist durchschnittlich 65 Jahre alt. Bei einer Lebenserwartung von aktuell 81 Jahren, muss er folglich knapp 18 Prozent seines Lebenseinkommens in irgendeiner Form zurücklegen, um für die verbleibenden 16 Jahre die Hälfte seines durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung zu haben. Damit sind wir ziemlich genau beim aktuellen Rentenabgabesatz. Ganz so einfach ist aber nicht, denn der demographische Faktor darf nicht übersehen werden. Allerdings muss er relativiert werden, denn er ist keineswegs so dramatisch, da die Produktivität vorangeschritten ist. Diese Produktivitätssteigerung ist der Lebensleistung derjenigen zu verdanken, die jetzt Rente beziehen wollen. Diese Produktivitätssteigerung ist es aber auch, die der jungen Generation das Leben in dem „Luxus“ gestattet, der für ihre Eltern noch nicht möglich war. Wenn also die Alterspyramide am unteren Ende noch schlanker wird, ist es der jüngeren Generation durchaus zumutbar, einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens für den Unterhalt der Rentner abzugeben. Eben analog zu dem Maß, in dem die Produktivität gestiegen ist. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass auch die Lohnentwicklung analog zur Produktivitätssteigerung verläuft. Das ist nicht der Fall und hier liegt die Wurzel des Problems.

Schäuble führt weiter, was „Flinten-Uschi“ angerichtet hat

Realistisch betrachtet ist Schäubles Vorstoß vollkommen realitätsfremd. Über 50-Jährige werden aus dem Arbeitsprozess aussortiert und haben kaum Chancen, eine angemessene Beschäftigung zu finden. Wer erst einmal „draußen“ ist, kommt nicht wieder „rein“ – es sei denn, als Politiker oder Manager mit Super-Bonus. Einen 70-jährigen Dachdecker noch aufs Dach zu schicken, könnte fast als Maßnahme gesehen werden, Arbeiter vor Renteneintritt ganz zu entsorgen, um nur ein Beispiel zu nennen. So gesehen, ist Schäubles Vorstoß als weiterer Baustein zu sehen, das allgemeine Rentenniveau noch weiter abzusenken und damit der privaten Versicherungswirtschaft zuzuarbeiten. Er führt hier das weiter, was „Flinten-Uschi“ angerichtet hat, bevor sie „Flinten-Uschi“ geworden ist. (mehr dazu hier)

Die staatliche Rente ist ein Umlagesystem. Was rein geht, wird sofort an die Bezieher weitergereicht. Das Rentensystem ist folglich auf steten Zufluss angewiesen und damit unterscheidet es sich nicht von den privaten Lebensversicherungen. Der gravierende Unterschied ist allerdings, dass der Zufluss bei den Privaten nicht gesichert ist und ein erheblicher Anteil des Zuflusses für exorbitante Vorstandsgehälter und Protzbauten abgezweigt wird. Man könnte also die private Altersvorsorge in den Händen der Versicherungen auch als „Schneeballsystem“ bezeichnen, denn es muss zusammenbrechen, wenn die Neuabschlüsse ausbleiben oder eben die Zinspolitik das Modell zum Scheitern bringt. Das weiß Schäuble offensichtlich und eilt der Versicherungswirtschaft mit seinem absurden Vorschlag zur Hilfe.

Das System ist krank und muss von Grund auf erneuert werden

Während das Rentensystem weitgehend unabhängig ist von Inflation, ist diese ein wesentlicher Faktor für die Privaten. Die Zinserträge müssen mindestens die Inflation ausgleichen und das ist aktuell nicht mehr gegeben. Wieder ein Vorteil für die „Gesetzliche“. Gäbe es aber ein System, das gänzlich ohne Inflation auskommt, dann wäre alles viel einfacher. Alles wäre zuverlässig planbar und jeder könnte seine Rücklagen fürs Alter einfach auf dem Sparbuch ansammeln. Realistisch betrachtet geschieht bei den privaten Lebensversicherungen nichts anderes, allerdings zu drastisch schlechteren Konditionen. Vom „Angesparten“ muss der Sparer einen erheblichen Anteil an die Beschäftigten der Versicherungen abgeben mit dem Risiko des Totalverlustes, wenn die Versicherungsmanager ihre Pflichten nicht erfüllen.

Anstatt zyklisch über Erhöhungen des Rentenalters zu schwadronieren, wäre es wesentlich sinnvoller, über das ganze System zu diskutieren. Über das System des „geliehenen Geldes“ und die Notwendigkeit von Inflation, über Zins und Zinseszins genauso wie über die irrsinnige Doktrin ewigen Wachstums. Man muss generell darüber nachdenken, ob unser System der Wertaufbewahrung in Form von Geld alternativlos ist. Darüber gibt es bereits eine Fülle an Diskussionsbeiträgen, aber die haben ausnahmslos denselben Fehler. Man versucht innerhalb des bestehenden Grundsystems Details zu verändern, anstatt von Grund auf neu zu denken. Mit der Vorstellung der Humanen Marktwirtschaft nach Haisenko/von Brunn hat sich das geändert.

Die Alternative ist schon vorgedacht: Die Humane Marktwirtschaft

Die Grundlage dieses revolutionären Systems in seiner einmaligen Vollständigkeit ist eine völlig neue Art der Wertaufbewahrung, die dem Umlauf kein Geld entziehen kann. So braucht es keine Inflation, denn die Geldmenge kann konstant bleiben. In der Humanen Marktwirtschaft nach Haisenko/von Brunn kann jeder selbst darüber bestimmen, wann er in Rente gehen will und in welcher Höhe er die Rücklagen für sein Alter ansammeln will. Weil es in diesem System keine Lohnsteuer mehr geben wird und ein gesichertes Grundeinkommen realisierbar ist, wird es den Menschen Freiheit und Wohlstand schenken in einem Ausmaß, das bislang undenkbar erschien.

Bevor also wieder ein hirnloser „Schlaumeier“ die nächste Sau zum Renteneintrittsalter über den Hof treibt, schlage ich vor, über die Humane Marktwirtschaft nach Haisenko/von Brunn zu diskutieren. Wer das zugehörige Buch gelesen hat, wird erkennen, dass nichts alternativlos ist, und schon gar nicht die Regeln für Finanzsysteme, die keinerlei Naturgesetzen geschuldet sind, sondern ausschließlich von gierigen Profiteuren zu ihrem Vorteil bestimmt worden sind. Die Welt kann eine bessere sein, wenn man den Mut und die Freiheit aufbringt, von Grund auf neu zu denken. In jedem Fall gilt: Schlechter als es ist, ungerechter und zyklisch scheiternd, kann es nicht werden. Wenn aber nichts Neues diskutiert, ausprobiert wird, kann es auch nicht (nachhaltig) besser werden.

Mehr zur Rentenpolitik der Ursula von der Leyen: Lebensleistungsrente – die Bankrotterklärung der sozialen Marktwirtschaft

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