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Deutschland kann und muss den Euro retten

Von Peter Haisenko im Sommer 2012

Die Welt in Schieflage - Alles, was im Ungleichgewicht ist, wird irgendwann einmal umfallen. Das gilt für die Physik genauso wie für die Wirtschaft. Ungleichgewichte müssen ausgeglichen werden, um stabile Verhältnisse wiedererlangen zu können. Das geht auf zweierlei Weise.

Nehmen wir eine einfache Balkenwaage. Man kann auf einer Seite so viel hinzulegen oder wegnehmen, bis das Gleichgewicht hergestellt ist. Man kann aber auch das, was auf einer Seite weggenommen worden ist, auf der anderen Seite dazulegen – oder umgekehrt. Der Vorteil des letzteren Verfahrens ist, dass nur die Hälfte der Masse bewegt werden muss und das ganze System sein Gewicht behalten kann. Das gilt analog für wirtschaftliche Ungleichgewichte.

Die Probleme des Euro-Raums sind reduzierbar auf die Ungleichgewichte unter den Euro-Staaten bezüglich Produktivität und Konsum. Das eine Land konsumiert mehr als es produziert und umgekehrt. Das muss ausgeglichen werden. Der bis heute beschrittene Weg des Ausgleichs berücksichtigt nur eine Seite der Waage: Die Defizitländer – Griechenland etc. - werden gezwungen in geradezu selbstzerstörerischer Weise ihren Konsum zu reduzieren.

Dem Bild der Balkenwaage folgend wird schnell ersichtlich, dass auf diese Weise das Gesamtgewicht der Waage verändert wird. Das bedeutet auch, dass zum Beispiel das wirtschaftliche Schwergewicht Deutschland leichter werden müsste. Damit verliert das gesamte System mehr, als eigentlich notwendig für den Ausgleich ist. Wenn also das Gesamtgewicht, die Gesamtleistung des Systems erhalten bleiben soll, muss das, was zum Beispiel den Griechen genommen wird, den Deutschen gegeben werden. Mit der Agenda 2010 ist aber genau das Gegenteil erreicht worden.

Bereits vor der Agenda 2010 war Deutschland mit weitem Abstand leistungsfähiger – konkurrenzfähiger, produktiver – als Griechenland. Das Absenken des unteren Lohnsektors in Deutschland hat dieses Ungleichgewicht in einem Maße vergrößert, das Griechenland jetzt überhaupt keine Chance mehr lässt, gegen deutsche Produktivität anzutreten. Die Lösung? Deutsche Produkte müssen teurer werden. Gleichzeitig muss die griechische Produktivität gesteigert werden. Oder besser: Griechenland muss überhaupt wieder in die Lage versetzt werden, irgendetwas zu produzieren, was im Rest Europas verkauft werden kann.

Nehmen wir nochmals das Bild der Balkenwaage. Auf der griechischen Seite ist bereits mehr weggenommen worden, als in einem solidarischen Europa erträglich sein kann. Dennoch steht die Waage nach wie vor noch nicht im Gleichgewicht. Noch mehr kann den Griechen nicht genommen werden. Folglich kann ab sofort nur noch an der anderen Seite der Waage korrigiert werden. Deutschland. Wenn ich hier nur Griechenland sage, dann gilt dasselbe natürlich analog für alle Länder, die mit einem Außenhandelsdefizit zu kämpfen haben – Portugal, Spanien.

Dazwischen die Staaten mit ausgeglichener Außenhandelsbilanz: Frankreich, Italien, Polen. Auch diese Staaten müssten ihre Exporte reduzieren, solange nur an einer Seite der Waage korrigiert wird und kämen so in unverschuldete Schieflage. Wird aber ausgleichend korrigiert, können diese gesunden Länder ihren Standard halten.

Mehr Leistung, mehr Lohn

Griechenland wird in Zukunft drastisch weniger deutsche Produkte kaufen können. So, oder so. Solange nur an der griechischen Schraube gedreht wird, bedeutet das, dass die deutsche Produktion analog zurückgefahren werden muss. Wie schon gesagt, wird dadurch das gesamte System rezessiv. Der Ausgleich für den wegbrechenden Konsum Griechenlands muss also erste Priorität haben, damit das gesamte System in seiner Leistungsfähigkeit erhalten bleiben kann. Die andere Seite der Waage ist dran. Deutschland.

In Deutschland muss das Lohnniveau solange angehoben werden, bis die dadurch höheren Preise deutscher Produkte und der entsprechende Nachfragerückgang eine ausgeglichene Handelsbilanz für Deutschland ergeben haben. Das gilt sowohl für die Euro-Zone als auch weltweit.

Gäbe es auch nur ansatzweise eine funktionierende Marktwirtschaft, ohne die betrügerischen Manipulationen des Weltfinanzsystems, dann hätte sich dieser Zustand von selbst einreguliert.

Weil es aber ein exponentiell wachsendes System von Kredit, Zinsen, Transfers und Re-Transfers ermöglicht, anhaltende Außenhandelsdefizite über Jahrzehnte aufrecht zu erhalten, sind die Regelkräfte der Marktwirtschaft zumindest in dieser Hinsicht außer Kraft gesetzt. Der Zustand ist jetzt, dass zum Beispiel Deutschland den Defizitländern Geld leihen – schenken? - muss, damit diese Länder überhaupt noch deutsche Produkte importieren können.

Wenig Lohn – viele Schulden

Ja, die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt. Genauso haben aber die Deutschen unter ihren Verhältnissen gelebt. Das, was von jetzt an nicht mehr in Griechenland konsumiert werden kann, müssen also die Deutschen selbst konsumieren. Geht nicht, weil wir ja auch so viele Schulden haben? Ein weitverbreiteter Irrtum. Die Schulden hat Deutschland unter anderem deswegen, weil die Löhne und damit der Konsum in Deutschland zu niedrig sind. Deutschland hat ein akkumuliertes Guthaben aus Exportüberschüssen, das in etwa dem Schuldenstand Deutschlands entspricht. Dieses Guthaben kann aber weder vom Staat noch von einzelnen Bürgern realisiert werden. Warum? Siehe hier.

Die Löhne der unteren Einkommensgruppen müssen um mindestens 30 Prozent angehoben werden. Wohlgemerkt, nur die unteren Einkommen. In diesen Einkommensgruppen funktioniert die Marktwirtschaft nämlich noch. Eine spürbare Steigerung hier wird sofort gesteigerten Konsum bewirken. Wer 6.000 € oder mehr bekommt, ist weitgehend gesättigt und eine Konsumsteigerung durch Lohnerhöhung ist kaum zu erwarten.

Jetzt höre ich schon den Protest der „Fachleute“: Dann bricht der Export zusammen. Das gibt Inflation. Wer soll das bezahlen? Nun, der Export soll ja zu Gunsten des internen Konsums zurückgehen. Inflation? Eher nicht. Die Grundvorraussetzung für Inflation ist permanenter Mangel. Den gibt es aber nicht und die Waren sind sowieso da, weil sie produziert werden und jetzt nur von jemand anderem verbraucht werden sollen. Zudem lässt jedes Prozent Inflation den Wert der Schulden analog sinken. Auch das wäre positiv.

Der dritte Protest geht vollends daneben. Der Endpreis der meisten deutschen Produkte besteht nur zu etwa 10 Prozent aus dem Lohnanteil. Wenn also die Löhne um 30 Prozent gesteigert werden, wird der Endpreis nur um 3 Prozent ansteigen. Mit allen Nebeneffekten vielleicht um 5 bis 6 Prozent. Wo also ist das Problem? Die Währungsschwankungen und Unsicherheiten liegen deutlich höher und beeinflussen den deutschen Export nur marginal. Mehr darüber unter: 10 Prozent von 10 Prozent

Eine Steigerung der unteren Lohngruppen um 30 Prozent oder sogar noch mehr wird schlagartig nahezu alle Probleme in Deutschland in Nichts auflösen. Der Staatshaushalt: Drastische Steigerung der Steuereinnahmen bei gleichzeitigem Wegfall der Ausgaben für Lohnzuzahlungen aus Steuermitteln. Echter Schuldenabbau wird beginnen können.

Das Rentensystem: Die Renten können wegen der Mehreinnahmen fast analog steigen und die Zukunftsperspektive für alle wird wieder positiv. Das Rentensystem muss nicht mehr aus Steuermitteln bezuschusst werden.

Die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft nimmt drastisch ab, weil der Binnenmarkt analog an Dynamik gewinnt. Die Öffnung der sozialen Schere, verursacht durch Inflation und prozentuale Lohnerhöhungen, schließt sich wieder etwas. Auch die unteren Einkommensgruppen spüren, dass sich Leistung wieder lohnt. Die Wirtschaft wird an Dynamik gewinnen. Arbeitsplätze im sozialen (Luxus-)Bereich, die bereits wegen Geldmangels wegrationalisiert worden sind, können revitalisiert werden. Ich denke hier an Schwimmbäder etc.. Die Liste ist endlos.

Es ist sogar zu erwarten, dass die Kriminalität zurückgehen wird. Vor allem die Jugendkriminalität, denn die jungen Leute haben wieder eine Perspektive – europaweit!

Bleiben also eigentlich nur zwei Fragen: Warum tun wir das nicht einfach und wird es Verlierer geben? Frage eins ist kompliziert. Darauf komme ich noch zurück. Verlierer wird es nicht geben. Die Länder mit Exportdefiziten müssen ihren Konsum so oder so reduzieren. Für sie ist es gleichgültig, was in anderen Ländern konsumiert werden kann. Im Gegenteil wird es sogar so sein, dass ein reicher Staat Deutschland, ein reiches Volk viel eher geneigt sein wird, von seinem Überfluss abzugeben.

Ein reiches Deutschland mit einem leistungsmäßig angemessenen Konsum ist auch in der Lage, freiwillig Hilfe zu leisten und Stufe zwei der notwendigen Entwicklungen in Defizitländern anzugreifen: Die Revitalisierung der produzierenden Industrie. Damit das allerdings auch nur den Hauch einer Chance hat, müssen einige Rahmenbedingungen komplett neu gesetzt werden. Und zwar gesetzt, im Sinn von Gesetzen.

Europa braucht zur Gesundung Schutzzölle

Griechenland – wieder beispielhaft angeführt – hatte einmal eine leistungsfähige Textilindustrie. Die gibt es nicht mehr. Aber, die Fachkräfte leben noch. Sie dürfen nur nicht mehr arbeiten. Sie dürfen nicht mehr arbeiten, weil sie mit chinesischen Wanderarbeitern und indischen Kindern in Konkurrenz gestellt worden sind.

Es kann nicht funktionieren, wenn ein europäischer Familienvater in Lohnkonkurrenz treten muss mit Menschen, die unter gänzlich anderen, für europäische Verhältnisse restlos unannehmbaren Umständen arbeiten. Sicher, internationaler Warenaustausch bringt vielfältige Vorteile. Aber der vollkommen unregulierte Warenaustausch kann nur zu einem Wettbewerb nach unten führen, wie wir erleben müssen.

Wenn Europa seinen Wohlstand bewahren will, dann darf Europa nur dann unregulierten Wettbewerb zulassen, wenn die Produktionsbedingungen vergleichbar sind. Auf der anderen Seite muss Europa aber auch bereit sein, für Importprodukte angemessene Preise zu bezahlen. Ich denke hier zum Beispiel an Kaffee. Preise von weniger als fünf Euro für ein Pfund können niemals dem Arbeitsaufwand für die Produktion gerecht werden.

Jetzt höre ich schon: Aber mehr kann sich der „kleine Mann“ nicht leisten! Kann er eben doch. Er bekommt ja jetzt 30 Prozent mehr Lohn. Man sieht also an diesem kleinen Beispiel, dass drastische Lohnerhöhungen in Deutschland Auswirkungen bis in die sogenannte Dritte Welt haben werden. Für die ärmeren Regionen Europas wird Kaffee allerdings wieder zu dem werden, was er ist: Ein Luxusprodukt, ebenso wie alle anderen Waren, die importiert werden müssen.

Aber das wird nur ein vorübergehender Zustand sein. Nachdem – wieder zum Beispiel – in Griechenland eine Textilindustrie aufgebaut worden ist, die Produkte in ganz Europa verkauft werden, wegen der Schutzzölle, wird der Wohlstand in Griechenland rapid ansteigen. Dann wird auch in Griechenland Kaffee wieder erschwinglich sein.

Jetzt höre ich die „Fachleute“ schon wieder unken. Wenn die Chinesen ihre T-Shirts nicht mehr nach Europa liefern können, dann kaufen sie auch keine deutschen Textilmaschinen mehr. Das sollen sie auch gar nicht, denn die werden jetzt nach Griechenland geliefert. Hier ist der Punkt. Ein reiches Deutschland wird mit dieser Perspektive nur allzu gern solche Produkte aus Deutschland auf Kredit nach Griechenland liefern. Das sind sinnvolle Kredite, die wirklich den Menschen in Europa und uns selbst helfen.

Der nächste Aufschrei: Textilien werden teurer werden! Ja, aber siehe oben, wo ist das Problem? Abgesehen davon, dass gerade in diesem Bereich zu oft nur deswegen eingekauft wird, weil es wieder einmal ein besonderes Schnäppchen ist, das dann zu oft in den Tiefen überfüllter Kleiderschränke landet, ohne ein einziges Mal angezogen worden zu sein. Dasselbe gilt für eine Vielzahl anderer Produkte. Zum Beispiel ersticken die heutigen Kinder geradezu in der Masse ihres billigen Spielzeugs. Lesen Sie dazu: Kinderarbeit ist ein Luxusproblem

Arbeitslosenquoten von 30 und mehr Prozent in europäischen Ländern, besonders bei jungen Menschen, sind die Folge unregulierten Handels. Man bedenke: Auch Arbeitslose müssen essen, trinken, wohnen... Das trägt die Gesellschaft sowieso. Das gesamte Wohlstandsniveau in Europa kann nur gewinnen, wenn diese Menschen Arbeit verrichten, die dann nicht mehr aus fernen Ländern importiert wird – wegen der Schutzzölle.

Des Weiteren die Ökologie. Wie viele Megatonnen Brennstoff werden eingespart, wenn einfache Produkte nicht mehr um die halbe Welt transportiert werden? Ganz abgesehen davon, dass diese Transportdienstleistung Arbeitskraft bindet und vollkommen unproduktiv ist.

Das vereinigte Europa ist ein riesiger Wirtschaftsraum. Mit etwa 500 Millionen Menschen, die in günstigen Klimazonen leben, kann Europa nahezu autark existieren. Wenn Europa jetzt noch klug genug ist, Russland mit seinen Bodenschätzen und die anderen Länder der Ex-Sowjetunion in enger Kooperation und Freundschaft an sich zu binden, kann uns der Rest der Welt eigentlich vollkommen gleichgültig sein.

Persien und der gesamte Nahe und Mittlere Osten werden sich diesem leistungsfähigen Verbund anschließen wollen. Herzlich willkommen! Auch mit diesen Ländern wird eine ausgeglichene Handelsbilanz auf lange Sicht zu erwarten sein.

Warum haben wir es nicht schon lange getan?

Ein vereintes Europa muss als Wirtschafts- und Zollunion auftreten und in dieser Hinsicht nur und ausschließlich gesamteuropäische Interessen vertreten und verfolgen. Dazu bedarf es keiner, ich betone, keiner politischen Gleichschaltung. Ein vereintes Europa muss seine Allianzen mit denjenigen Staaten schließen und pflegen, die im realen Warenaustausch eine ausgeglichene Handelsbilanz garantieren können. Allem voran, mit seinen Nachbarn. Eben Russland, Türkei, Iran.

Auf diese Weise wird ein vereinigter Wirtschaftsraum entstehen, in dem jeder erdenkliche Reichtum herzustellen ist. Halt! Genau das habe ich schon mal so gelesen und es ist 100 Jahre alt. Und hier bin ich bei der Frage und der Antwort darauf: Warum tun wir es nicht einfach?

Zunächst werde ich den englischen Militärhistoriker Professor Laffan zitieren:

„Deutschlands ... Grundidee war, eine Kette von verbündeten Staaten unter deutscher Vorherrschaft zu errichten, die sich von der Nordsee bis zum Golf von Persien erstreckt... Würde die Bahn Berlin-Bagdad fertiggestellt, wäre eine riesige Landmasse unter deutscher Herrschaft vereinigt worden, in der jeder erdenkliche wirtschaftliche Reichtum hergestellt werden könnte, die aber für eine Seemacht unangreifbar wäre. … „Ein Blick auf die Weltkarte zeigt, aus welchen Gliedern sich die Kette der Staaten zusammensetzt, die zwischen Berlin und Bagdad liegen: das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei. Nur ein kleiner Gebietsstreifen verhinderte, dass die beiden Enden der Kette miteinander verbunden werden konnten. Dieser kleine Streifen ist Serbien. Serbien war in der Tat die erste Verteidigungslinie für unsere Besitzungen im Osten. ...“

Professor Laffan hat so vor britischen Offizieren begründet, was die Aufgabe der Armeen des British Empire in Serbien war. Und nicht nur in Serbien, wie das folgende Zitat aus der London TIMES im Jahr 1919 belegt:

Wenn Deutschland in den nächsten 50 Jahren wieder Handel zu treiben beginnt, ist dieser Krieg umsonst geführt worden“

Und der Nachschlag des SUNDAY CORRESPONDENT, vom 16. September 1989:

Wir sind 1939 nicht in den Krieg eingetreten, um Deutschland vor Hitler oder die Juden vor Auschwitz zu retten. Wie 1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den Krieg eingetreten, dass wir die deutsche Vormachtstellung in Europa nicht akzeptieren können.“

Hier liegt das große Problem. Auch nach zwei verlorenen Weltkriegen ist Deutschland immer noch oder schon wieder zu groß und zu leistungsfähig. Ein vereintes Europa wird immer auf Deutschland zentriert sein müssen. Geographisch sowieso. Die größte Sprachgruppe spricht Deutsch. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist im deutschsprachigen Raum am höchsten und fällt Richtung Rand-Europa kontinuierlich ab.

Wenn also Deutschland die Frechheit wagen sollte, seinen Bürgern den Wohlstand zu gestatten, der diesen entsprechend ihrer Leistung zusteht, wird der allgemeine Wohlstand in Deutschland den aller anderen Länder der Welt mit weitem Abstand übertreffen. Nun, als Deutscher könnte ich fragen: Wo ist das Problem? Aber genau hier liegt es.

Deutschland wird vorgeworfen, eine Neidgesellschaft zu sein. Das mag Deutschland-intern zutreffend sein. International gesehen ist es aber ganz anders. Schon das British Empire hatte den Anspruch, „the worlds leading nation“ zu sein – die führende Nation der Welt. Das waren die Briten auch einmal gewesen und betrachten diesen Anspruch seither geradezu als Gott-gegeben. Schlimm genug, dass sie heute diesen Anspruch mit den USA teilen müssen.

Machtanspruch im Gegensatz zu Wirtschaftsleistung

Allerdings ist dieser Anspruch schon seit über hundert Jahren nur noch eine leere Hülse, die mit der realen Leistung nichts mehr zu tun hat. Schon vor hundert Jahren hatte Deutschland mit Österreich-Ungarn zusammen das British Empire rein wirtschaftlich weit hinter sich gelassen. Wie das Zitat aus der London TIMES von 1919 belegt, diente der Erste Weltkrieg dem Ziel, die wirtschaftliche Dominanz des Deutschen Reichs nachhaltig zu zerstören.

Es ist heute wie damals die gleiche fatale Vorgehensweise. Anstatt Machtdünkel aufzugeben und die Wirtschaft von der Konzentration auf militärische Produktion umzustellen auf zivile Ziele, hat das Militär des angelsächsischen Raums nach wie vor oberste Priorität. Das Außenhandelsdefizit der USA und Großbritanniens entspricht ziemlich genau den Militärausgaben dieser Länder – seit Jahrzehnten. Mit anderen Worten, finanziert der Rest der Welt den USA und Großbritannien das Militär, mit dem die Welt dominiert wird.

Man danke Gott, dass sich die Situation in Europa gegenüber 1900 verändert hat. Realer Krieg in Europa ist unwahrscheinlich. Dennoch findet ein Krieg statt, und zwar diesmal gegen das gesamte Kerneuropa und hier speziell gegen die Euro-Zone. Dieser Krieg wird mit der Finanzwaffe geführt und es ist ein Wirtschaftskrieg, was er dann auch mit den letzten großen Kriegen in Europa gemeinsam hat.

Die wichtigste Aufgabe der deutschen Politik muss also der untrennbar enge Schulterschluss mit Frankreich und Italien sein. Es darf nie wieder passieren, dass das wirtschaftlich dominante Deutschland wegen seiner Wirtschaftskraft politisch isoliert wird – wie es vor hundert Jahren geschehen ist. Der neugewählte französische Präsident Hollande hat das offensichtlich verstanden. Er hat noch am Tag seines Amtsantritts mit seinem Besuch Deutschlands ein eindeutiges Zeichen gesetzt.

Die Angriffe der angelsächsischen Finanzgewaltigen, der Hedgefonds und Ratingagenturen, dienen nur einem Zweck, und der steht immer noch zu lesen auf der englischen Flagge: Divide et impera - Teile und herrsche. Europa und hier vor allem der Euro soll daran gehindert werden, in Einigkeit sein ganzes Potential zu entfalten. Ein Potential, das dem Dollarraum so gnadenlos überlegen ist. Der unbedacht angedachte Austritt Griechenlands aus dem Euro wäre der erste Schritt zum Auseinanderdividieren des Euro, bis er auf Deutschland reduziert werden kann.

Gesundes Europa – krankes Amerika

Europa in seiner Gesamtheit ist wirtschaftlich gesund. Europa zusammen hat eine ordentliche Außenhandelsbilanz. Wie ich schon sagte, genügt sich Europa eigentlich selbst. Das steht im Gegensatz zum Dollar- und Pfund-Raum. Hier gilt, dass etwa 40 Prozent des Konsums nicht einer Leistung entstammen, die im eigenen Land ihren Ursprung hat. Diese Zahl setzt sich zusammen aus den Außenhandelsdefiziten und dem Anteil am BIP, der nur durch Finanztransaktionen generiert wird, also keinerlei wertschöpfende Arbeit als Basis hat. Dieser beträgt mindestens 28 Prozent des BIP in England – USA analog.

Sobald die Flickschustereien am Weltfinanzsystem versagen – und das ist nur eine Frage der Zeit – wird die Stunde der Wahrheit kommen. Im Gegensatz zu Europa unternimmt der angelsächsische Raum nämlich nichts, seine Wirtschaft und den Konsum zu sanieren. Wenn das Finanzsystem zusammengebrochen ist, wird die Welt reale Güter für ihre Lieferungen dorthin verlangen, anstatt sich wie bisher mit endlos generierten Dollar ohne jegliche Deckung abspeisen zu lassen.

Der Lebensstandard in USA und England wird dramatisch einbrechen. Um 40 Prozent eben. Wer in der letzten Zeit dort war, oder Filme von dort genau betrachtet, kann sich vorstellen, was das für diese Länder bedeuten wird. Occupy Wall-Street war nur ein kleiner Vorgeschmack. Es werden bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Und auf der anderen Seite ein wohlhabendes Europa mit Deutschland an der Spitze.

Realer Krieg gegen Europa?

Die Frage drängt sich auf, was die stärkste Militärmacht in diesem Fall machen wird. Der militärische Kampf ums Öl läuft jedenfalls schon seit geraumer Zeit und wer von Dollarabrechnung auf Euro umstellen wollte, lebt nicht mehr. Saddam, Gaddafi... Auch dieser Gedankengang sollte Europa dazu anregen, sich sowohl politisch als auch wirtschaftlich sehr eng mit Russland zusammen zu schließen. Dieser Partner ist der einzige, der dem angelsächsischen Militär einigermassen Paroli bieten kann.

Hierin muss dann auch die Ursache für die Kampagne gesehen werden, Russland als undemokratisch und diktatorisch zu verunglimpfen. Wie vor hundert Jahren will das angelsächsische Kapital mit aller Macht verhindern, dass sich Europa mit Russland zusammenschließt. Schon damals wurde gesagt: Wenn sich Russland und Deutschland zusammenschließen, zittert die Welt. Lesen Sie dazu: Chodorkowsky - die "Langzeitwaffe" gegen Putin

Daran hat sich nichts geändert, außer dass niemand zittern muss. Weder Russland, noch Deutschland oder Europa haben einen Machtanspruch, der über die eigenen Grenzen hinausgeht. Das wird offensichtlich an der Ausrichtung der Armeen dieser Länder. Es sind Verteidigungsarmeen und stehen so im krassen Gegensatz zu den Armeen der USA und Englands.

Diese sind es, die ausschließlich für Einsätze außerhalb der eigenen Grenzen ausgelegt sind. Wofür sonst sollten sie gut sein? Wer wollte die verrückte Idee auch nur in Betracht ziehen, dass irgendjemand die USA oder die britische Insel angreifen wollte? Mit einer Invasion vielleicht? Hätte der angelsächsische Raum nicht den realen Anspruch auf Weltherrschaft, würde eine minimale Heimatschutztruppe vollkommen ausreichen.

Das soziale Europa bedroht den Bestand des Kapitalismus

Ein starkes vereintes Europa ist eine Bedrohung für den angelsächsischen Hegemonialanspruch. Noch schlimmer ist allerdings für die USA und England das „schlechte Beispiel“. Mit seinen sozialen Strukturen, der deutschen Sozialen Marktwirtschaft allen voran, beweist Europa, wie das Leben für alle lebenswert gestaltet werden kann. Dass es eben nicht der reine (Turbo-)Kapitalismus ist, der den Menschen Glück und Frieden bringt.

Wie vor hundert Jahren, als der deutsche Humanismus als Alternative zum Kapitalismus eine ernste Bedrohung für diesen geworden war, wird heute jede Bewegung in diese „gefährliche“ Richtung vom angelsächsischen Kapital mit allen unfairen Mitteln bekämpft mit dem Ziel der Zerstörung. Der Kapitalismus leidet unter demselben Problem, wie der Kommunismus: Er kann in seiner Unzulänglichkeit nur existieren, wenn die gesamte Welt unter seinem Joch und seinen Regeln gefangen ist. Das Wohl der Menschheit? Wen interessiert denn das, wenn er sich einen Lenz auf Kosten anderer machen kann. Weiterführend zum Thema: Kapitalismus oder Sozialismus? Falsche Frage!

Damit komme ich zurück zur Frage: Warum machen wir es nicht einfach? Es darf wohl davon ausgegangen werden, dass unsere Regierung sehr wohl um all das weiß, was ich oben beschrieben habe. Kanzlerin Merkel ist von mir schon für dies und das gescholten worden. Wenn ich mir aber ihre Vorgehensweise in der Finanz- und Euro-Krise betrachte, dann will ich nicht ausschließen, dass sie äußerst klug und bedacht das Beste für Deutschland zu erreichen sucht.

Das Thema heißt: Zeit gewinnen. Zeit, um die innereuropäischen Ungleichgewichte auszugleichen. Zeit, um den Weg für einen einigermassen sanften Übergang aus der Krise in eine bessere Zeit zu finden. Deutschland wird noch einige Zeit lang anderen Ländern unter die Arme greifen müssen. Aber diese müssen auch ihren Teil dazu leisten.

Europa ist auf dem richtigen Weg

Wenn ich von Europa spreche, dann meine ich Kontinentaleuropa, ohne die englische Insel. Das gilt für meine gesamten Ausführungen, denn Groß-Britannien steht in jeder Hinsicht weit außerhalb jeglicher europäischer Solidarität.

Das beginnt mit der finanziellen Lage. Griechenland soll pleite sein? Lächerlich. Die individuelle Schuldenlast der Griechen beträgt statistisch etwa 30.000 Euro. Dem stehen Guthaben der Reichen gegenüber in doppelter Höhe. Griechenland hat Geld genug, es ist nur falsch verteilt. Das gilt analog für Deutschland, mit dem Unterschied, dass die deutschen Vermögen die Schulden um etwa das Vierfache übertreffen. Wieder: Wo ist das Problem?

Jetzt Groß-Britannien: Statistisch gesehen lasten etwa 200.000 Euro Schulden auf jedem Engländer und es gibt die Vermögen nicht, die das ausgleichen könnten. Dasselbe gilt analog für die USA. Beide genießen ein AAA-Rating der amerikanischen Ratingagenturen. Wer bezweifelt einen Finanzkrieg gegen den Euro? Der Unterschied zu Griechenland ist allerdings, dass die armen Griechen nicht einfach Dollar oder Pfund drucken können.

Die USA und England können ihren Status nur solange aufrechterhalten, wie der Rest der Welt und vor allem Europa den Wahnsinn weiter mitmacht. Weiterhin reale Waren für grün bedrucktes Papier liefert und Außenhandelsüberschüsse ansammelt, die niemals ausgeglichen werden können.

Die schwachen Länder Europas versuchen ernsthaft, ihre Bürger auf einen leistungskonformen Konsum zu reduzieren. Nichts desgleichen passiert auch nur ansatzweise in den USA. Gut, England hat einige Schritte getan, was auch schon zu sozialen Unruhen und Gewaltausbrüchen geführt hat. Aber das eigentliche Problem wird in diesen Ländern überhaupt nicht angegangen.

Auch die USA brauchen Schutzzölle

Analog zu Griechenland müssen die USA und England wieder beginnen, einfache Waren im eigenen Land zu produzieren. Bitte auch „high-tech“, nur bitte eben keine Waffen. Aber auch dort wird das nur möglich sein, wenn die Produktion im eigenen Land vor Billigkonkurrenz mit Schutzzöllen geschützt wird. Wie ich schon ausführte, kann es für eine Volkswirtschaft als Gesamtes niemals förderlich sein, Arbeitslose durchzufüttern und deren nichtgeleistete Arbeit aus anderen Ländern zu importieren.

Die Einzigen, die davon allerdings massive Vorteile haben, ist die winzig kleine Anzahl von Kaufleuten und Bankstern. Sie werden mit allen Mitteln verhindern wollen, dass ihre Pfründe des Ultraluxus versiegen. Man kann sie zwar moralisch verurteilen für ihr Handeln, rechtlich jedoch nicht. Es war die Politik, die die Rahmenumstände so gesetzt hat, dass die Bankster und Kaufleute ihr schädliches Treiben rechtlich unangreifbar zelebrieren dürfen.

Auch im Fall des Schuldenschnitts für Griechenland wurde „freiwilliger Verzicht“ angemahnt. Lächerlich. Nicht einmal die Regeln des Strassenverkehrs würden ohne Strafandrohung eingehalten. Wie naiv muss man sein, annehmen zu wollen, dass ausgerechnet da, wo Milliardengewinne möglich sind, irgendjemand auf diese freiwillig verzichten wollte?

Das Primat der Politik über die Märkte ist Pflicht

Die Politik muss sich vom Diktat der Finanzmärkte lösen. Einer muss vorangehen und das kann nur Deutschland sein, zusammen mit dem solidarischen Gesamteuropa. Alle Rezepte und Versuche die Krise auch nur annähernd nachhaltig zu lösen, sind jämmerlich gescheitert. Wie Albert Einstein schon erkannt hat, können Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind. Es ist also höchste Zeit, etwas Neues zu probieren.

Dem einen oder anderen erscheint meine Forderung nach drastischer Lohnsteigerung in Deutschland vielleicht als utopisch oder unrealistisch. Wissen Sie etwas Besseres? Etwas, was wirklich zu einer nachhaltigen Lösung führen könnte? Einen Versuch ist es immer wert, denn schlechter als alles, was bisher herumgewurstelt worden ist, kann es nicht sein.

So, oder so, die weltweiten Außenhandelsdifferenzen werden nicht auf einen Schlag glattgestellt werden können. Die Überschussländer werden noch einige Zeit die Defizitländer alimentieren müssen. Für den Weltfrieden. Allerdings müssen die politischen Machtverhältnisse den wirtschaftlichen Realitäten angepasst werden. Hier ist zu allererst Deutschland in der Pflicht.

Drei Generationen nach dem verlorenen Krieg muss Deutschland endlich sein duckmäuserisches Verhalten gegenüber dem angelsächsischen Kapital ablegen. Deutschland muss selbstbewusst, aber mit großem Fingerspitzengefühl, Europa aus der Krise führen. Im Schulterschluss mit den großen europäischen Nationen.

Eine drastische Lohnsteigerung im eigenen Land wäre der erste Schritt. 30 Prozent. Wieso 30 Prozent? Ganz einfach: 2011 ist der deutsche Außenhandelsüberschuss auf sagenhafte 174 Milliarden Euro angewachsen. Das ist der Wert der Waren, die zwar in Deutschland hergestellt worden sind, die der deutsche Arbeitnehmer aber wegen seines zu geringen Lohns nicht verbrauchen durfte. Umgerechnet hat der durchschnittliche deutsche Arbeiter jeden Monat Arbeit für 365 Euro verrichtet, deren Früchte er nicht genießen kann. Hier sind sie, die 30 Prozent. Sie müssen nur sozial gerecht und klug verteilt werden. 

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