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Die Neue Weltordnung 3.0 – Die Zukunft des Nahmittelostens

Von Peter Orzechowski

Wird die neue US-Administration Bodentruppen nach Syrien verlegen? Wird sie – endlich – den IS wirksam bekämpfen? An der Antwort auf diese beiden Fragen wird in den nächsten Wochen sichtbar werden, ob Präsident Trump tatsächlich die US-Nahostpolitik neu ausrichtet, oder ob er die begonnene Umgestaltung der Region weiter treibt.

Im Nahmittelosten wurde die Umstrukturierung mit dem US/NATO-Krieg gegen Afghanistan und dem US-Krieg gegen den Irak begonnen. Seit Oktober 2001, beziehungsweise seit März 2003 herrscht in beiden Ländern Chaos, obwohl dort immer noch US-Truppen stationiert sind. Der nächste Schritt in der Zerstörung der alten Ordnung der nahmittelöstlichen Nationalstaaten wurde im Dezember 2010 getan. Von Tunesien aus verbreitete sich die Arabellion – propagandistisch meist als „Arabischer Frühling“ in falscher Anlehnung an den „Prager Frühling“ von 1968 bezeichnet – über die muslimischen Nachbarstaaten im Osten: Libyen, Ägypten, Syrien. In vielen anderen Ländern flammte die Rebellion auf, wurde aber von den dortigen Machthabern wieder erstickt. Immerhin ist die Zerschlagung von Libyen, Irak und wohl auch Syrien faktisch vollzogen.

Ganz so, wie es George Friedman in seinem 2009 erschienenen Buch „Die nächsten hundert Jahre. Die Weltordnung der Zukunft“ über den Krieg der USA mit der islamischen Welt beschrieben hat: „Das Ziel war kein militärischer Sieg. Das Ziel war lediglich, die islamische Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen, sie zu spalten und auf diese Weise die Entstehung eines islamischen Reichs zu verhindern. Die Vereinigten Staaten müssen keine Kriege gewinnen. Es reicht aus, wenn sie die andere Seite aus dem Gleichgewicht bringen…“ („Die nächsten hundert Jahre“, S. 15)

Der Kampf um Syrien

Betrachten wir zunächst die Lage in Syrien: Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob das Ziel, das die USA nach Aussage von Robert F. Kennedy Jr. seit 1949 verfolgen, nämlich eine Pipeline zu bauen, die die Ölfelder Saudi Arabiens (und später auch die Gasfelder Katars mit türkischen Häfen) über Syrien mit dem Libanon verbindet, nicht mehr zu erreichen ist. Denn der Weg zu diesem Ziel, Assad zu stürzen, Syrien aufzuteilen und einen Teil davon in ein „Dschihadistan“ zu verwandeln, scheint durch das Eingreifen Russlands in den Krieg um Syrien verbaut zu sein.

Doch der Schein trügt: USA/NATO können immer noch durch den Einsatz von Bodentruppen in Syrien die Nachschublinien des IS wiederherstellen und das syrische Militär an der Kontrolle der Grenze hindern. Der zweite Plan ist noch einfacher: eine Flugverbotszone über ganz Syrien zu schaffen.

USA/NATO könnten erklären, in Syrien geschähe eine humanitäre Katastrophe oder gar ein Genozid und es sei dort eine „Verantwortung, zu beschützen“ (responsibility to protect, R2P). Es bräuchte keinen UN-Sicherheitsrat, um eine solch eindeutig „humanitäre“ Aktion durchzuführen. Sarajevo und Kosovo sind zwei Beispiele für diese Strategie.

Die Webseite Konjunktion.info schreibt in einem Beitrag am 8. September 2015: „Die Türkei hat zwei Millionen Flüchtlinge in ihr Land gelassen, um sie in Lagern aufzunehmen, die mit bis zu sechs Milliarden US-Dollar finanziert wurden – nicht aus Altruismus, sondern um die Flüchtlinge gemeinsam mit den USA, der NATO und der EU als geopolitische Waffe zu (be)nutzen. Die NATO hat dies als Teil einer langjährigen Strategie getan, um die Schaffung von „safe havens“ (sicheren Häfen) im nördlichen Syrien zu rechtfertigen – im Wesentlichen, um die Besetzung von syrischem Gebiet sowie den Schutz ihrer Terror-Verbündeten innerhalb der Grenzen Syriens zu gewährleisten, so dass sie tiefer ins Land Richtung Damaskus einfallen und schlussendlich die Regierung von Präsident Bashar Al-Assad stürzen kann.“

Perfide Strategie der „sicheren Häfen“

Die US-Pläne einen „sicheren Hafen“ oder eine „Pufferzone“ im nördlichen Syrien zu errichten, reichen bis ins Jahr 2012 zurück – bevor eine echte Krise überhaupt existierte. In Memo Nr. 21 des Saban Center am Brookings Institut Middle East“ mit dem vielsagenden Titel Assessing Options for Regime Change“ (Prüfung von Optionen für einen Regimewechsel) wurde ausdrücklich darauf hingewiesen. Im Memo heißt es:

„Eine Alternative zu den diplomatischen Bemühungen ist, sich zunächst darauf zu fokussieren, wie man die Gewalt beendet und wie man humanitären Zugang erhält. Dies kann zur Schaffung von sicheren Häfen und humanitären Korridoren führen, die durch begrenzte militärische Stärke gesichert werden müssten. Von diesem Ausgangspunkt ist es möglich, dass eine breite Koalition mit dem entsprechenden internationalen Mandat weitere Zwangsmaßnahmen zu ihren Bemühungen hinzufügen könnte.“

Brookings arbeitet diese kriminelle Verschwörung in ihrem Bericht mit dem Titel „Deconstructing Syria: Towards a regionalized strategy for a confederal country (Dekonstruktion Syriens: Auf dem Weg zu einer regionalisierten Strategie für ein konföderales Land)“ sorgfältig aus. Dort heißt es: „Die Idee wäre es, moderaten Elementen dabei zu helfen, glaubwürdige sichere Zonen in Syrien zu errichten, sobald sie in der Lage dazu wären. Amerikanische sowie saudische und türkische und britische und jordanische und andere arabische Kräfte würden zur Unterstützung beitragen, nicht nur aus der Luft, sondern eventuell auch auf dem Boden mit der Präsenz von Spezialeinheiten. Der Ansatz würde von Syriens offenem Wüstengebiet profitieren, das die Schaffung und Überwachung von Pufferzonen ermöglichen könnte, die auf mögliche Anzeichen eines feindlichen Angriffs durch eine Kombination von Technologie, Patrouillen und anderen Methoden, die mit Hilfe von ausländischen Spezialkräften durch syrische lokale Kämpfer aufgebaut werden könnten.“

Zeitbombe Saudi-Arabien

Die geheime Agenda hinter dem Kampf um Syrien dürfte jedoch die Zukunft Saudi-Arabiens sein. Die US-Regierung hat im März 2016 ein milliardenschweres Rüstungsgeschäft mit Saudi-Arabien gebilligt. Die islamistische Monarchie wird für ihre Luftwaffe mehr als 19 000 Bomben im Wert von 1,29 Milliarden Dollar (1,19 Milliarden Euro) kaufen, teilte das Außenministerium in Washington mit.

Auf einen interessanten Aspekt hat Thierry Meyssan, Präsident und Gründer des „Réseau Voltaire“ und der Konferenz „Axis for Peace“, auf der Webseite voltairenet hingewiesen: Saudi-Arabien soll über Atomwaffen verfügen. Das wahabitische Königreich habe die Atombombe vor zwei Jahren von Pakistan gekauft, schreibt der international gut vernetzte Meyssan und beruft sich auf den saudischen Analysten Dahham Al-’Anzi, einen Vertrauten von Prinz Mohammed bin Salman. Al-’Anzi habe dies am 15. Februar 2016 auf Russia Today in Arabisch gesagt. Meyssan schreibt: „Die Erklärungen auf Russia Today – sofort durch den israelischen Dienstleister Memri übersetzt und verbreitet – haben in der arabischen Welt ein beträchtliches Echo ausgelöst. Trotzdem hat sie kein internationaler politischer Funktionsträger – auch kein saudischer – kommentiert. Und Russia Today hat sie von seiner Internetseite zurückgezogen.“

Iran, der große Gegenspieler und Konkurrent um die regionale Hegemonie mit Macht, ist das Ziel der saudischen Aufrüstung. Die Saudis stehen schon mitten im Krieg mit den Mullahs: In Syrien kämpfen sunnitische Milizen mit saudischem Geld und saudischen Waffen gegen iranische Revolutionsgarden und schiitische Hisbollah-Miliz. In Jemen, sozusagen der weiche Unterleib des Königreichs, hat Saudi-Arabien getan, was es sonst nie tut: Es hat direkt interveniert. Jetzt führt die saudische Armee dort einen blutigen Bomben-Krieg gegen von Teheran unterstützte schiitische Houthis.

Eine direkte militärische Konfrontation zwischen Iran und Saudi-Arabien würde den Ölpreis über Nacht auf 250 Dollar pro Fass treiben, prognostiziert Oilprice: „Wenn sie gegenseitig ihre Öl-Terminals angreifen, dann erreicht der Ölpreis Spitzen von 500 Dollar pro Fass und wird dort eine Weile bleiben, bis man über das Ausmaß der Schäden Bescheid weiß.“

Aber schon die Drohung mit Krieg würde den Ölpreis steigen lassen. Schiitischer Aufruhr in Saudi-Arabiens östlicher Öl-Provinz hätte die gleiche Wirkung. Die Mullahs könnten ihre Schiiten-Waffe in Saudi-Arabiens Ostprovinz einsetzen, um Unruhe zu stiften und Riads Ölförderung und Ölverladung zu treffen.

In jedem Fall würde Saudi-Arabien wieder das tun müssen, wofür es seine westlichen Verbündeten sosehr lieben: Es würde noch mehr und noch teurere Waffen bestellen.

Der islamische Bruderzwist

Der Trumpf im Ärmel von USA/NATO ist der Kampf der Sunniten gegen die Schiiten. Seit 2015 liefern sich Saudi-Arabien und Iran, die Führungsmächte dieser beiden muslimischen Glaubensrichtungen, brandheiße Stellvertreterkriege in Jemen, Irak und vor allem in Syrien. Kippen diese Stellvertreterkriege in die direkte Konfrontation zwischen der sunnitischen und der schiitischen Vormacht?
„Beide Länder werden alles tun, um ihre Stellvertreter und deren Aktivitäten zu stärken, was nur noch mehr Konflikt bringen wird“, zitiert die New York Times einen amerikanischen Regionalexperten. „Das ist eine beunruhigende Eskalation“, bestätigt der Londoner Nahost-Spezialist Michael Stephens vom Royal United Services Institute (RUSI): „Sie hat enorme Konsequenzen für die Menschen der Region, und die Spannungen zwischen den beiden Seiten bedeuten, dass sich die Instabilität in der ganzen Region fortsetzen wird.“

Wie rasch sich der islamische Bruderzwist einem brandheißen Krieg nähert, zeigt auch eine Verlautbarung vom Dezember 2015. Da verkündete Saudi-Arabien eine Militärallianz mit Dutzenden muslimischen Staaten. Insgesamt würden dem Bündnis 34 Nationen angehören, teilte das saudische Königreich in einer über die staatliche Nachrichtenagentur SPA verbreiteten Erklärung mit. Das sunnitische Saudi-Arabien werde die Führung der Allianz übernehmen. In der saudischen Hauptstadt Riad soll ein gemeinsames Zentrum zur Koordinierung und Unterstützung von Militäreinsätzen eingerichtet werden.

Wie weitgehend diese islamische Militär-Allianz tätig werden will, sagte der Vize-Kronprinz und Verteidigungsminister des Landes, Mohammed bin Salman auf einer Pressekonferenz: Das neue Bündnis solle nicht nur gegen die Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) vorgehen, sondern mit „jeder terroristischen Organisation, mit der wir konfrontiert werden.“ Aktionen vor allem in Syrien und im Irak würden international abgestimmt.

Die Neuordnung des Nahen Ostens

Ein Blick auf die Teilnehmerländer der Allianz zeigt, worum es dem Militärbündnis in Wirklichkeit geht: Da ist der IS-Unterstützer Türkei. Ankara erhofft sich Gebietsgewinne im Irak und in Syrien. Dann sind dabei Saudi-Arabien und seine benachbarten Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie wollen mit der Allianz ihren größten Rivalen, den schiitisch geprägten Iran, mit seinen Verbündeten Irak und Syrien endlich in die Knie zwingen – was ihnen in den bisherigen Stellvertreterkriegen in Syrien und im Jemen nicht gelungen ist.

Ebenfalls Teil des Bundes ist das westafrikanische Mali, in dem NATO- Truppen – unter anderen die Bundeswehr – operieren. Auch die Krisenstaaten Tschad, Somalia und Nigeria sind dabei. Oder Libyen, das sich gerade zur neuen IS-Kommandozentrale entwickelt. Auch der Jemen, in dem die Saudis Krieg führen. Besonders alarmierend: Die hochgerüstete Atommacht Pakistan gehört ebenfalls dem Bündnis an.

Es ist hinreichend belegt, dass Saudi-Arabien, die Türkei und einzelne Emirate in den vergangenen Jahren verschiedene Terror-Gruppen umfangreich finanziert haben. Darum ist auch klar, dass es dem Bündnis keinesfalls – wie angekündigt – um den Kampf gegen den Terror geht. Wenn man die Entwicklungen seit Herbst 2015 betrachtet, dann sieht man, dass die neue Allianz vielmehr gegen das sehr erfolgreiche Bündnis Russlands mit Syrien, dem Irak und dem Iran gerichtet ist.

Genau hierin liegt die Bedeutung dieses Bündnisses: Aus dem regionalen Krieg um Syrien und den Irak und dem angeblichen Kampf gegen den IS soll ein umfassender Krieg zweier Blöcke werden. Und Deutschland ist durch seine – angeblich aus Bündnistreue zu Frankreich – verkündete Kriegsteilnahme auf Seiten der neuen Allianz, ebenso wie etliche andere NATO-Mitglieder.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen, dass in einem derart ausgeweiteten Krieg die von bestimmten Kreisen in den USA seit langem geplante Konfrontation der NATO mit Russland ausgelöst werden kann – vielleicht sogar via Pakistan/Saudi Arabien mit Atomwaffen. Das Geplänkel wäre vorbei. Nahost würde in einem großen Krieg explodieren.

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