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Die Neue Weltordnung 3.0 – Chaos als Ordnungsprinzip

Von Peter Orzechowski 

Das Einfachste, um natürliche Ressourcen eines Landes über einen langen Zeitraum zu plündern, ist nicht, es zu besetzen, sondern den Staat zu zerstören. Ohne Staat keine Armee. Ohne feindliche Armee kein Risiko für eine Niederlage. Deshalb war das strategische Ziel der US-Armee und der von ihr geleiteten Allianz, der NATO, in den letzten Jahren, Staaten zu zerstören. Was aus der betroffenen Bevölkerung wird, war nicht Washingtons Problem. Wird der neue US-Präsident Donald Trump diese Strategie ändern? 

Unbeachtet von der Öffentlichkeit gibt es bisher eine Militärdoktrin der USA, die dem entspricht, was der frühere Forschungsminister Andreas von Bülow als „deep politics“ , also als „geheime Agenda“, bezeichnete: Die „Chaostheorie“ von Leo Strauss (1899 – 1973). Strauss wurde am 20. September 1899 in Kirchhain, einem kleinen Städtchen in Hessen mit damals etwa 2.400 Einwohnern, geboren. Als junger Mann wanderte er in die USA aus, studierte Philosophie und versammelte als Professor eine kleine Gruppe von Studenten um sich, von denen die meisten später für das Verteidigungsministerium arbeiteten. Sie bildeten eine Art Sekte und inspirierten die Pentagon-Strategie. 

Irak: Die Chaos-Theorie wird gnadenlos umgesetzt

Eine der Strauss-Adepten war die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice. Im Jahr 2006 sprach sie davon, in der Region ein „kreatives Chaos“ zu säen, aus dem ein „Neuer Naher Osten“ hervorgehen solle – natürlich unter dem Deckmantel der Verbreitung der Demokratie. Das berichtete die New York Times am 29. September 2013. Mit der Invasion des Irak zehn Jahre zuvor hatte die US-Regierung einen entscheidenden Beitrag für das „kreative Chaos“ geleistet, aus dem heraus die Region neu zu ordnen ist.

Professor Gary Leupp hat am 30. Oktober 2016 auf der Internet-Seite Strategic Culture sieben „Erfolge“ der im Irak angewandten Chaos-Theorie aufgelistet, die ich hier kurz nennen möchte:

1. Der erste Erfolg des Krieges und der Besetzung des Iraks war die dramatische Ausweitung des al-Kaida Netzwerks, welches schlussendlich zum „Islamischen Staat“ (IS) avancierte. Bis heute stellen einige Kader der ehemaligen irakischen Armee Saddam Husseins auch die Kader des IS.

2. Der zweite Erfolg war das Versprechen an die Kurden, in Nordirak eine eigene Autonomieregion zu erhalten. Damit wurden auch die Kurden in der Türkei, in Syrien und im Iran aufgestachelt, sich gegen ihre bisherigen Herren zu erheben.

3. Die Invasion zerstörte den irakischen Staat und ließ ihn faktisch in drei Teile zerbrechen: den kurdischen Norden, die sunnitische Zone im Westen und die schiitisch dominierten Gebiete von Bagdad bis ans Meer.

4. Durch den Sturz Saddam Husseins wurden die schiitischen Eliten ermuntert, das mehrheitlich (ca. 60 Prozent) schiitische Land in einen Gottesstaat umzubauen. Damit verschiebt sich das Machtgefüge in der Region deutlich zugunsten des Irans, was wiederum den Saudis nicht passt.

5. Die Änderung der politischen Machtverhältnisse im Irak von der sunnitischen Minderheit hin zur schiitischen Mehrheit lassen die interislamischen Spannungen zwischen beiden Gruppen deutlich anwachsen – unter anderem in Syrien, im Irak selbst, in Saudi-Arabien (wo die Schiiten eine unterdrückte Minderheit darstellen), in Bahrain und vor allem auch im Jemen.

6. Die Invasion führte auch zu massiven Problemen zwischen den USA und dem wichtigen NATO-Mitglied Türkei, welches selbst regionalpolitische Interessen hat. Denn einerseits unterstützt Washington die kurdischen Milizen in Syrien und im Irak, andererseits will Ankara unbedingt einen Kurdenstaat an seiner Grenze verhindern.

7. Insgesamt vier Millionen Iraker flohen infolge der seit der Invasion bedrohlich instabilen Lage aus dem Land. Darunter vor allem Angehörige der ethnischen Minderheiten und viele sunnitische Muslime, die sich vor den schiitischen Milizen fürchten. Hunderttausende von ihnen flohen nach Europa, wo man nun mit der Migrations- und Flüchtlingswelle aus Syrien und dem Irak (sowie aus dem von den USA und deren Verbündeten ebenfalls destabilisierten Afghanistan) konfrontiert ist, was die politische Landschaft dort wiederum nachhaltig verändern wird und sogar den Zerfall der Europäischen Union begünstigt.

Libyen, Nordafrika und die Ukraine: Gewolltes Chaos

Ein weiteres Beispiel für die Umsetzung der Chaos-Theorie ist die Operation „Vereinigte Beschützer“ in Libyen. Das Chaos dort hat sich nicht gebildet, weil es den „libyschen Revolutionären“ nicht gelungen ist, nach dem „Sturz“ von Muammar el-Gaddafi untereinander eine Vereinbarung zu treffen – genau das war das strategische Ziel der Vereinigten Staaten. Und sie waren erfolgreich. Es hatte niemals eine „demokratische Revolution" in Libyen gegeben, sondern eine Abspaltung der Kyrenaika. Es hatte niemals eine Durchführung des Mandats der Vereinten Nationen zum „Schutz die Bevölkerung“ gegeben, sondern das Massaker an 160 000 Libyern – drei Viertel davon Zivilbevölkerung – durch die Bomben der NATO (Zahlen vom Internationalen Roten Kreuz).

Weitere Beispiele:  Die Flüchtlinge aus Syrien, vom Horn von Afrika, Nigeria und Mali entfliehen nicht den Diktaturen, sondern dem Chaos, in das ihr Land absichtlich gestürzt wurde. 

Oder nehmen wir als weiteres Beispiel den organisierten „Regimewechsel“ in der Ukraine. Die große Angst von Washington seit der Rede von Wladimir Putin in 2007 auf der Münchner Sicherheitskonferenz war, dass Deutschland und Russland eine Partnerschaft eingehen könnten. Der Hauptkanal der Verständigung zwischen der EU und der Russischen Föderation wurde von den Vereinigten Staaten durch die schrittweise Zerstörung des ukrainischen Staates abgeschnitten. Ihr einziges Ziel war, dieses Gebiet in eine gefährliche Zone zu verwandeln.

Ein anderes Instrument derselben Strategie sind die „Nicht-Regierungs-Organisationen“ (NGO) die – ausgestattet mit enormen Mitteln von CIA, US-Außenministerium und privaten Sponsoren wie etwa dem Multimilliardär George Soros – für Aktionen der inneren Destabilisierung, im Namen der „Verteidigung der Menschenrechte“ benutzt werden. 

Auch Europa soll ins Chaos gestürzt werden

Bisher hat diese Politik des bewusst herbeigeführten Chaos hervorragend funktioniert – nicht nur in Libyen, Syrien, Afghanistan, Irak, in der Ukraine und in weiten Teilen Nord- und Zentralafrikas, sondern auch in Europa. Der Süden Europas und zunehmend auch die reicheren Nordstaaten sind wirtschaftlich gestört. Armut greift immer weiter um sich. Die Zahl der Obdachlosen steigt dramatisch – allein in Deutschland sind es wohl bereits mehr als eine halbe Million Menschen, viele davon Kinder.

Und es wird noch schlimmer, denn es werden noch Millionen von Migranten kommen und Europa wird sie nicht aufnehmen können. So, wie die Migrationswelle derzeit in Europa gehandhabt wird, sind Chaos und Bürgerkrieg programmiert – auch deshalb, weil jene Hunderttausende von Wirtschaftsflüchtlingen, die sich unter die wirklich Notleidenden mischen, trotz Ablehnung ihres Asylantrages nicht abgeschoben werden. Sie bleiben einfach illegal in Europa und werden mangels Arbeitserlaubnis und Unterstützung quasi zur Kriminalität gezwungen. Die Behörden und die politisch Verantwortlichen wissen das, aber sie sehen einfach tatenlos zu.

Die ’islamistischen’ Attentate, die auf Europa einbrechen, sind keine Erweiterung der Kriege im ’erweiterten Nahost’, sondern werden von denjenigen gesponsert, die auch das Chaos in dieser Region gesponsert haben.

Wir sind hier also mit zwei Problemen konfrontiert, die sehr schnell wachsen: die „islamistischen“ Attentate und die Auswanderungen. 

Die bewusst herbeigeführte Pleite Griechenlands hat uns einen Vorgeschmack davon gegeben, was mit dem Rest Europas passieren wird: Das Staatsvermögen (Häfen, Flughäfen, Straßennetze, Energieunternehmen und die Trinkwasserversorgung) wird einigen wenigen internationalen Großkonzernen überlassen. Die Staatsschulden steigen wegen der horrenden Verzinsung dennoch weiter. Ungeachtet dessen kommen immer mehr Flüchtlinge ins Land. Die innere Ordnung bricht zusammen.

Genau das ist der Weg zur Weltherrschaft. Am Ende werden die Nationalstaaten abgeschafft sein und mit ihnen nationale Identität, Grenzen, Freiheit und Eigenständigkeit.

In einem Beitrag für Kopp Online schreibt Michael Morris: „Das Prinzip lautet: Würfle alle Völker, Ethnien, Religionen und Kulturen durcheinander, zerstöre alle gemeinschaftlichen Strukturen, wenn nötig auch mit Gewalt, so lange bis am Ende keiner mehr weiß, wo er herkommt, wer er ist und wo er hingehört. Zwing die Menschen in die Knie, dann werden sie allem zustimmen, was Du von ihnen verlangst!“

Trumps Nagelprobe

Seit dem 20. Januar 2017 ist diese Strategie des gewollten Chaos in Frage gestellt. Donald Trump will – nach eigenen Aussagen – die bisherige Politik des Regime-Wechsels und der Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Nationalstaaten nicht fortsetzen. Die Entlassungswelle in den US-Botschaften weltweit sowie im US-Außenministerium deutet darauf hin, dass er dieses Versprechen halten will. Die bange Frage lautet freilich, ob und wie sich die bisher bestimmenden Kreise gegen diese Neuausrichtung der US-Strategie auflehnen werden.

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